Mittwoch, 17. Juni 2015

Ein Brief (Gastbeitrag)

"Liebe Annika,
in dieser Woche steckt der Wurm.

Am Montag mit dem Rad zur Arbeit. Nach 3 km bricht mir ein Stück der Gangschaltung ab. 32 Jahre alt. Ersatzteile gibt es nicht mal mehr auf dem Flohmarkt. Der Fahrradhändler meines Vertrauens hat mich immer vor diesem Tag gewarnt!

2 km weiter - komische Geräusche am Hinterrad. Mein treuer Gefährte war erst vor 2 Wochen in der Werkstatt. Neuer Ständer, neue Schutzbleche. Super Rad, sagte der Händler. 500 m weiter ein metallisches Scheppern. Ich halte. Speiche gebrochen. Ich wusste nicht mal, dass das geht!

Mit dem Augenaufschlag einer 50jährigen brachte ich den Typen an der Tanke dazu, mir die Speiche mit dem Seitenschneider raus zu knipsen. Fahre weiter, um dann kurz drauf in den  Gebläsestaub der BSR zu geraten, die gerade alte Bäume hexelte.

Ich beschloss, das mit dem Rad zukünftig zu lassen.

Von meinem angespannten Chef zu schreiben, würde Seiten füllen. Das lass ich mal. Nur so viel, er füllte meinen Dienstag, da war der Tag gelaufen.

Heute nun, es ging voran. Sogar die Azubine hatte mal eine Drei. Ich war froh!
Um 18 Uhr schob ich den Bleistift in die Schublade und fuhr – mit dem Auto - zum Sport. 

Nun stand mir nach diesem entspannten Tag nicht gleich der Sinn nach dem schweißigen  quälen der eigenen Muskulatur. Es sollte vorher noch ein Erfolgserlebnis her. Hätte ich es mal gelassen.

Da meine Muckibude ja mitten in der Schlossstraße liegt, meinen Einkaufsparadies schlechthin, war der Weg zu Karstadt nicht weit. Aufgrund des anstehenden Urlaubs und der Weitsicht bzgl. meines Kontostands, sollte es diszipliniertes shoppen sein. Etwas, was ich brauche.

Die Strumpfhose, die ich heute trug, war kaum zu spüren, man sah sie auch kaum. Und sie hielt schon so lange. Da sollte noch eine zweite her.

Ich also in die Feinstrumpfabteilung. Mein Blick schweifte durch die Gassen. Niemand zu sehen. Dann, der Personalgang öffnete sich. 3 Frauen in Freizeitklamotte und Tasche unterm Arm stürmten an mir vorbei. Sichtlich bemüht, mir nicht in die Augen zu blicken. Das roch nach Feierabend.

Wo war Nr. 4? So ein Riesenladen würde doch nicht so eine beratungsintensive Abteilung um 18:30 Uhr verweist zurück lassen. 

Ich um die Ecke gekuckt. Düfte und Diverses. Ein gutaussehender, netter Mann blickt mich von unten an. 1 Kopf kleiner. Er schaute verstört mit mir in der Abteilung herum. Wir blickten auf das einzige weibliche Wesen - hinter der Kasse stehend. Ein kurzer Schlagabtausch zwischen ihm und ihr und es war klar, da kommt nichts mehr.

Sie, hinter der Kasse gefangen, konnte mir nicht helfen. Und das, obwohl ich mitten im Laden den Reißverschluss vom Rock aufriss um ihr das Bündchen meiner Strumpfhose zu zeigen. 

Da muss ich die Firma kennen, meinte sie. 

Na, wenn ich die Firma kennen würde, bräuchte ich ja keine Verkäuferin, dachte ich im Stillen.

Die kompetenten Damen kämen erst am nächsten Tag um 10 oder 11 Uhr. So genau wisse man das nicht. Die Beschwerdeabteilung lag im dritten Stock und da war sicher auch kein Mensch mehr da. Ich verließ den Laden mit geschontem Geldbeutel, jedoch leicht frustriert.  Mein Hunger nach Abwechslung war also noch nicht gestillt. 

Nach kurzem überlegen fiel die Wahl auf Augencreme. Meine war fast alle und die Reservetube im Schrank war im Oktober 2013 abgelaufen, wie ich heute Morgen feststellen durfte. Passt ja zur Woche!

Ich also auf zu DM, der Drogerie meines Vertrauens. 

Da stand ich nun vor 1.000 Tuben, wieder allein gelassen und ohne Beratung. Hier mit Soja (bin Birkenallergiker), da mit Farbe, mal zum abschwellen, mal zum entpigmentieren. Ich war überfordert und wollte nicht schon wieder die Hausmarke kaufen. Wenn schon nur was vernünftiges, dann was Gutes.

Ich schwankte zwischen einem Notkauf von Nivea für reife Haut (7,95 €) und Balea mit Farbe (3,95 €). Hatte kurz den Gedanken, beide zu kaufen. Fand das zu teuer und ging.

Mein Weg sollte mich zu Douglas führen.

Ich also rein und schau mich um. Blondie hinter der Kasse lächelt mich an. 

Kann ich helfen?
Haben Sie Gesichtspflege?
Selbstverständlich.
Augencreme?
Was benötigen Sie?

Ich, ratlos wie bei DM, zeige ihr meine Augenfältchen und meine:

Was für meine Augenpartie?

Sie schaut verwirrt an und mir dämmert: „Die kennt sich nicht aus.“
Sie lächelt wieder und ich weiß, sie blickt es: „Die kennt sich nicht aus!“

Sie parkt mich freundlich vor einem Regal mit hübschen, grünen Päckchen und kassiert schnell noch eine Kundin ab. Bei Douglas kann man also auch bedienen und kassieren.

Die Päckchen haben keine Preise. Ich überlege, ob ich mich davon schleiche, da steht sie schon neben mir. 

Sie preist die Augencreme an. Das Zeug hat viele tolle Inhaltstoffe, voll vegan, was mir als Fleischfresser voll am Ärmel vorbei geht, und sieht komisch aus. Kostet 23,90 €. Es arbeitet fieberhaft in mir, wie ich aus der Nummer wieder raus komme. Da, ein Gedanke! 

Können Sie mir noch eine andere Alternative zeigen?
Selbstverständlich, z. B. von Clinique

Das Regal liegt weiter hinten im Laden, was mich zu der Hoffnung bewegt, es könnten Ladenhüter sein. Du siehst, ich kaufe nie bei Douglas.

Wir stehen also traut beisammen und sie reicht mir Verpackung über Verpackung. Die mit Kamille wiegle ich ab => Allergie. 

Dann gehen mir die Argumente aus. Ich sehe bei vollem Bewusstsein zu, wie es mir nicht gelingt, dieser kleinen blonden Frau, die nicht mal meinen Hauttyp bestimmen kann, eine Augencreme auszuschlagen. Ich, die je nach Notwendigkeit grimmig, streng und milde auf Mitmenschen jedweder Couleur blickt und souverän, offen, verschlagen oder salomonisch argumentieren kann. Ich scheitere bei Douglas.

Sie begleitet das Schaf zur Kasse, kassiert 39,95 € und gibt mir noch eine Probe Augencreme mit, die es mit DM aufnehmen kann. Ich habe bei Nichteintreffen des Erfolgs 30 Tage Rückgabegarantie. Ein schwacher Trost.

Ich schleiche geduckt durch die Passage, geißele mich ordentlich beim Sport und weiß: 

Das darf ich keinem erzählen!

Ich hoffe deine Woche hat es nicht auch so in sich wie meine. Ich genehmige mir jetzt noch ein Gläschen Rotwein und schaue mir eine Schnulze an. Wahrscheinlich ist nichts auf der Festplatte.

Ganz liebe Grüße von
K."

Zur Veröffentlichung freigegeben.

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