Montag, 8. Juni 2015

Geld gibt es in allen guten Banken. Nicht.

Meine Bank ist geschlossen, obwohl noch nicht 18 Uhr ist. Durch die Glastür sehe ich Mitarbeiter ratlos an der Kasse stehen. Ich steh im Vorraum und der Automat spuckt kein Geld raus. Mir wird durch die Glastür bedeutet, es sei alles kaputt, ich solle mal zur Dingsbank gehen, vielleicht klappt es dort.

Draußen vor der Tür steht ein hundertjähriges Mütterlein, sie schließt ihr Rad an, ich sage ihr, hat keinen Zweck, drinnen gibt es kein Geld, aber bei der Dingsbank soll es noch was geben.

Ich geh 100 Meter weiter, in die andere Bank, da gibt es auch kein Geld. Alles weg von Fremdkunden wie mir. Geh zurück zum Auto, kommt mir das Mütterlein entgegen.

"Tut mir leid, da gibt es auch kein Geld mehr."
"Das ist ja alles sehr undurchsichtig. Da stimmt doch was nicht. Ich habe ja keine Ahnung von Banken, aber ich habe Banker in der Familie, und die erzählen so einiges, ich sage Ihnen, da gehen undurchsichtige Sachen vor."

Ich betrachte sie, sie ist sicher über neunzig, gebeugt, mit einem fusseligen Oberlippenbart, Sie hat ihre Haare zu einem Dutt gezwirbelt und entspricht damit praktisch dem Hipster Look. Sie hat eine karierte, hochgeschlossene Bluse an, die in einem langen Rock steckt, wiegt höchstens 48 Kilo, wirkt insgesamt schon reichlich fahl. Aus sehr alten Menschen weicht alle Farbe. Ich frage mich, wie sie noch unfallfrei aufs Rad kommt, ein altes 26er Mädchenrad schiebt sie, sie ist eine Greisin, wie sie im Buche steht. Eine sehr freundliche, sehr sanfte Oma. Deshalb nehme ich mir ein bisschen Zeit.

"Meines Wissens streiken die Sicherheitsfirmen, die das Geld abholen, jetzt ist keins mehr da."
"Ach, das ist doch alles eine sehr undurchsichtige Sache. Naja, ich habe noch 20 Mark, da kann ich mir.. wissen Sie, ich esse so gerne... Pellkartoffeln."
"Esse ich auch gerne."
"Wirklich? Sie auch? Manchmal mache ich mir noch abends um halb zehn welche, aber dann ärgere ich mich."
"Warum das denn?"
"Ja, weil das doch nicht die rechte Beschäftigung ist für die Nacht. Da kann man seine Zeit ja auch sinnvoller nutzen."

Ich frage mich, was mit über neunzig noch sinnvoller sein könnte, als sich zu später Stunde sein Lieblingsessen zu kochen.

"Aber essen ist doch toll und wenn Sie Hunger haben, ist doch okay."
"Die Nächte sind dann aber nicht mehr so gut, wenn man so spät noch in der Küche steht, aber man muss sich auch mal was gönnen, nicht?"
"Unbedingt."

Herrje, was für eine Generation. Ich bin gerührt über soviel Bescheidenheit. So ein langes Leben und am Ende steht man in der Küche, kocht sich Pellkartoffeln und hält das für eine Orgie. 

Alles hat seine Zeit.

Kommentare:

  1. Früher, ja, ... da hatten wir Pellkartoffeln mit Quark!

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    1. Oder mit Leberwurst. Lecker, lecker.

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  2. Bei uns gabs die nur mit gut gekühlter Butter und Salz, so mag ich sie bis heute am liebsten. Ich werde dankbar sein, wenn ich mit 90+ noch in meiner Küche stehen darf, um den kleinen Hunger zu killen!

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    1. Ich hab ihr gleich noch mein Lieblingskartoffelrezept aufgequatscht: Kartoffeln roh vierteln, aufs Backblech, Salz und Thymian drüber, 30 Min. bei 180 Grad, bis sie knusprig sind, in eine Schüssel, Öl drüber, fertig.

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