Sonntag, 11. Oktober 2015

Those were the days my friend

Den ganzen Freitag hieperte ich auf den Abend hin. Das erste Mal konnte ich meine beste Freundin nicht in Tegel abholen, die zweimal im Jahr aus den USA nach Berlin kommt, um Freundschaften zu pflegen. Jedes Mal hole ich sie ab und wir fallen uns in die Arme und lassen uns eine ganze Weile nicht mehr los. 

Diesmal Treffen in einer Kneipe. Ich komme rein und da sitzt direkt am Eingang eine frühere Kollegin, die ich bestimmt 13, 14 Jahre nicht mehr gesehen habe. Ihr Lebensgefährte, ebenfalls im selben Laden tätig, saß neben ihr, gezeichnet vom Leben und vom Krebs. Sie kroschen beide los, als sie mich sahen und ich guckte perplex. Sie umhalste mich schneller als die Polizei erlaubt, klarer Fall von Vergangenheitsidealisierung.

Genauer gesagt war sie mal meine Chefin und zwar eine von der schlimmen Sorte. Wir nannten sie SS-Sabine. Der ganze Laden fürchtete sich vor ihr. Ich war eine ganze Weile ihr Augenstern, aber als sie mich einfach nicht dazu kriegen konnte, mich an den täglichen Besäufnissen zu beteiligen (damals wurde ganztägig gequalmt und gesoffen, das musste so), konnte sie mich nicht länger akzeptieren, weil jeder Alki eifrige Mittrinker braucht, damit die eigene Sauferei nicht allzusehr in den Fokus gerät. 

Ich wurde endgültig zur Persona non grata, als eine andere junge Kollegin, die ihren Animierversuchen nichts entgegen zu setzen hatte und über die Jahre zur Vollblutalkoholikerin heranwuchs, einen Krampfanfall im Büro bekam. Ich begleitete sie ins Krankenhaus und kam am nächsten Tag mit der Nachricht zurück, dass das ein Delirium Tremens war und sie einen Entzug machen muss. Das empörte SS-Sabine, so ein hanebüchener Quatsch könne auch nur mir einfallen und es solle mal niemand den Blödsinn glauben, den ich zum Besten gebe. Fortan wurde ich mit totaler Missachtung gestraft. Das nannte man damals noch nicht Mobbing, aber sie hat's definitiv erfunden.

Ein paar Jahre später hatte ihr Lebensgefährte eine Affaire mit einer sehr viel jüngeren Mitarbeiterin. Bei jeder Begegnung schupste und rempelte SS-Sabine die "Schlampe" an und als diese sich beim Betriebsrat beschwerte, sprach der Vorsitzende die weisen Worte "Du fickst ihren Mann, sei froh, dass sie nur rempelt." 

SS-Sabine ließ nichts aus, um den Abspenstigen zur Raison zu bringen, rannte zum Chef, auf dass er die Affaire "unterbinde", und bot ihm an, all seine beruflichen Verfehlungen zu offenbaren. Als Ehrenmann lehnte er dankend ab, woraufhin sie auch ihn zur Unperson deklarierte, niemand durfte mit ihm reden, wenn sie dabei war. Sie machte nur noch so abfällig wie möglich "Pffh", wenn er in ihre Nähe kam. Wir vermuteten gemeinsame Leichen im Keller, weil er sich das bieten ließ. Aber wahrscheinlich war es viel einfacher: es braucht nur einen, der sich über alle Grenzen hinwegsetzt, in aller Öffentlichkeit beleidigt und schon zucken alle zusammen und sind froh, wenn es einen anderen erwischt.

Nach ein paar stürmischen Monaten kehrte der Ungetreue zurück zu SS-Sabine, was keiner verstehen konnte und heiratete sie, um Abbitte zu leisten. Und jetzt saßen die zwei vor mir,  alt geworden, aber immer noch mit denselben Frisuren und freuten sich so scheckig, mich zu sehen, dass mir klar war, dass sie offenbar auch den letzten Freund in die Flucht geschlagen hatten.

Meine beste Freundin kam zur Tür rein (auch sie war in dem Laden tätig, halb Berlin war in dem Laden tätig). Ich legte nebenbei den Arm um sie und meinte, schau mal, wer hier sitzt. Wieder "Neeeiiiin, ich glaub's nicht" und Umhalsung. Komisch, da gehen ein paar Jahre ins Land, dann sieht man eine Quartalsirre wieder und dann tut die, als sei man gemeinsam über Blumenwiesen getanzt.

Später meinte die Beste, es sei ja immer so, als hätten wir uns das letzte Mal vorgestern gesehen, aber diesmal, als seien gerade 10 Minuten vergangen, so nebensächlich wie wir uns begrüßt haben. Kein Wunder bei dem Spektakel. 

Wir erinnerten uns an die andere Bekloppte im Laden. Nach Maueröffnung heuerte sie bei uns an und wurde die Chefsekretärin. Sie drückte sich hauptsächlich am Kopierer herum und raunte jedem Kollegen zu "Und, irgendwelche Probleme zuhause?". Sie konnte halt nicht so schnell umdenken. Wir nannten sie "IM-Kopierer". Die Implementierung einer Mini-Stasi-Zelle am Ernst-Reuter-Platz scheiterte letztlich an der stets belustigten und größtenteils besoffenen Belegschaft. Pfffh.

1 Kommentar: