Donnerstag, 29. Oktober 2015

Hit & Shit

Heute früh bin ich extra aufgetakelt ins Büro gefahren, weil ich abends auf eine Gala eingeladen bin. Nicht, dass ich jemals auf einer Gala gewesen wäre oder dergleichen zu meiner Freizeitgestaltung gehört. Ich werde seit vier Jahren eingeladen und habe es kein einziges Mal geschafft, hinzugehen.

Weil, gegen 17 Uhr will ich eigentlich nur noch nach Hause, manchmal oft schon um 14 Uhr. Ehrlich gesagt, überlege ich jeden Morgen, ob ich überhaupt losfahre. Außerdem ist es nicht mehr ganz leicht, die morgendliche Blüte über den Tag zu retten und bis in die Abendstunden zu konservieren. Aber diesmal bin ich fest verabredet mit einer Kollegin, die verrückt nach Galas ist. Ich werde wohl nicht rauskommen aus der Nummer.

Da ich tagsüber einen längeren Außentermin habe, das sogenannte Hit & Shit Treffen mit einem externen Partner einer großen Veranstaltung, war ich guter Dinge, den Tag leicht zu überstehen, denn Außentermine ordne ich eher unter Vergnügen ein.

Ich hatte jedoch außer acht gelassen, dass Cheffe dabei sein wird. Wir sind zu dritt und werden in den Besprechungsraum geführt. Cheffe stürzt sich umgehend auf das kleine Buffet, das aufgebaut ist. Unsere Gastgeber sind noch nicht im Raum, da ist die Hälfte weggefressen. Ich schau angewidert aus dem Fenster. 

Dann kommen unsere Gastgeber, setzen sich uns gegenüber, wir beugen uns über die Papiere, sprechen über das, was gut und schlecht gelaufen ist. Cheffe daddelt weit zurückgelehnt und mit ausgestreckten Beinen auf seinem Handy. Er ist nun satt und muss verdauen. 

Wir versuchen, einen Termin für das nächste Jahr zu finden. Allzu große Zeitfenster haben wir nicht. Cheffe meldet sich zu Wort, er will einen ganz anderen Tag, einen, den die Externen nicht möglich machen können. Er besteht darauf, alle gucken ratlos. Außerdem will er ein anderes Konzept. "Was stellst du dir vor?" fragt sein Äquivalent von der gegenüberliegenden Tischseite. "Keine Ahnung, ist auch nicht mein Job, mir was auszudenken." Ach nein, wessen Job ist es wohl dann? 

Sein Gegenüber lässt nicht locker, irgendeine Vorstellung muss er doch haben. Nein, hat er nicht, er wird sauer und daddelt weiter. Als ihm langweilig wird, täuscht er ein Telefonat vor, verlässt den Raum, kommt wieder rein, sagt "Wir müssen gehen." - wir sind mittendrin in der Planung, scheiß drauf, der gnädige Herr hat genug. So sinnlos seine Anwesenheit ist, so sinnlos sein Aufbruch.

Zwei zähe Stunden und ich weiß, ich will auf keine Gala mehr. Wir fahren zurück, er beschwert sich über die idiotischen Partner, die nichts drauf haben, keine Ideen, keine Flexibilität, keinen Mumm haben und außerdem stinkfaul sind.

Im Büro ruft meine Kollegin an, Hexenschuss, sie kann leider doch nicht - ich atme auf. Gottseidank habe ich mein Handy zuhause vergessen, sonst hätte ich mich verpflichtet gefühlt, nach Ersatz zu fahnden. Ich mache noch ein paar Versuche, die zwei Karten an Kollegen zu verschenken, gehe zu einem Abteilungsleiter, der ein ähnlich guter Esser wie Cheffe ist, nur viel sympathischer. Er ruft hocherfreut seine Frau an, ich gehe ins Nachbarbüro auf einen Schwatz. Nach ein paar Minuten kommt er rüber und sagt, seine Frau hat keine Lust oder Zeit, aber "Wir zwei könnten ja gehen!" Gott bewahre! Auf Galas gehe ich nicht als Subalterne mit einem Vorgesetzten, da kann er noch so nett sein. 

Der letzte Versuch stürzt mich in Nöte: ich rufe einen Kollegen an, den ich für einigermaßen vergnügungssüchtig halte und der eine bildschöne, galataugliche Ehefrau hat und habe den am Hörer, für den ich eine Schwäche habe und der denkt, dass ich eine Begleitung suche "Ich kann leider nicht." Ich altere um 20 Jahre, so peinlich ist mir das (jetzt bin ich also schon seine Großmutter). Nein, erkläre ich, versteh mich nicht falsch, ich will beide Karten verschenken.  

Das glaubt der mir doch nie, Hölle, tu dich auf, der kennt mich doch gar nicht und weiß nicht, dass ich ums Verrecken und in tausend Jahren nicht schwachsinnig genug sein werde -  jeden anderen Mann auf dieser Welt würde ich fragen, aber niemals ihn, selbst mit Alzheimer Vollbild nicht.

Erschöpft fahre ich aufgetakelt nach Hause, langsam, ich habe keine Eile mehr, halte nur kurz an der Tankstelle für Zigaretten. Der Tankwart schaut mich ein bisschen erstaunt an und wünscht mir extra herzlich einen schönen Abend. Ich verschwinde in den nebligen Abend und denke, wenn ich was drauf hätte, Ideen, Flexibilität oder nur etwas Mumm, dann wäre ich allein auf die Gala gegangen.

Kommentare:

  1. ".. Erschöpft fahre ich aufgetakelt nach Hause .."

    Annika lesen ist, als würde ich nach dem Bad mein Lieblingshandtuch hervorholen und erfreut feststellen, dass es frisch gewaschen ist. Jetzt kann nichts mehr schiefgehen. Mhh, riecht das lecker.. Der Tag ist gerettet.

    (Das war mein letztes Lob. Langsam werd ich mir selbst lästig.)

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    1. Lieber Glumm, aus verschiedenen Gründen muss ich jetzt weinen.

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