Samstag, 7. November 2015

Geschenke

Bernstein ist ein fossiles Harz aus organischem Material und bildete sich im Erdzeitalter des Tertiär, also vor 25-35 Millionen Jahren. Damals entstand auch die Braunkohle. Das Harz tropfte von riesigen Nadelbäumen. Wenn man das kleine Herz gegen das Licht hält und mit einer Lupe betrachtet, lässt sich ein Insekt erkennen, das in diesem Harztropfen - vielleicht von einem Mammutbaum - eingeschlossen wurde und versteinerte. 

Dieser kleine Brief lag einem kleinen Bernstein-Herz an einer Kette - einem Geburtstagsgeschenk für die Tochter einer Freundin - bei. Sie wurde 13 und kicherte sich mit ihren Freundinnen halb tot. Die Geschenke unseres stets laut mit sich selbst redenen Nachbern, dem emeritierten Professor L., sind auf ihre Art so liebevoll wie aus der Zeit gefallen. Ich schätze es, wenn Menschen derlei wissen, ohne es googlen zu müssen.

Der Professor lebt seit über 40 Jahren in seinem kleinen Bungalow, ohne jeden Komfort, mit einer maroden Heizung, die im Winter höchstens eine Raumtemperatur von 18 Grad schafft, mutterseelenallein und unterhält sich mit jedem Schnitzel, das er brät. Er hat in einem anderen Teil Berlins ein riesiges Haus, in dem niemand lebt und das er ab und an besucht, wahrscheinlich um die neuen Staubflusen zu begrüßen. 

Wir wissen nicht, weshalb er an seinem papierdünnen Bungalow festhält und vermuten eine unerwiderte Liebe zu seiner Vermieterin, aber die lebt nun auch schon seit vier Jahren im Altersheim, dement, aber munter - ihr Haus, in dessen Garten sein Bungalow steht, ist verwaist. Nur der Gärtner kommt und pflegt den englischen Rasen.

Nachdem wir ihn daran gewöhnt hatten, dass er begrüßt wurde, was ihn anfangs zu Tode erschreckte, fasste er eine Zuneigung zur Tochter meiner Freundin. Seine Zuneigung erweiterte sich auf ihre im Garten gehaltenen Kaninchen, aber auch er schaffte es nicht, dass die sich wie normale Kaninchen benehmen, obwohl er wirklich viel mit ihnen sprach. Das eine war ein gewalttätiges Borderline-Kaninchen, das andere dessen zerrupftes Mobbingopfer.
 
Als er anfing, dem Kind Geburtstagsgeschenke zu überreichen, bat ihn meine Freundin an den Kaffeetisch. Daraus wurde jedoch keine Tradition, denn er dozierte ohne Punkt und Komma und sprengte die Familientafel, die dazu verdonnert war, ihm stundenlang zuzuhören; erschwerend kam hinzu, dass er jeden Blickkontakt meidet. 
 
Er hat dem Kind nicht nur die Bernstein-Kette geschenkt, sondern alle Werbegeschenke, die er im Laufe des letzten Jahres gesammelt hat, unter anderem einen Notizblock, den er augenscheinlich schon zur Hälfte aufgebraucht hat, sowie diverse Firmen-Kugelschreiber und Kästners Kinderbuch 'Als ich ein kleiner Junge war' - was von allen Erwachsenen, die auf sich hielten, goutiert wurde. 
 
Natürlich, alle behaupteten, Kästner gelesen zu haben, aber ich habe außer dem 'Doppelten Lottchen' nur Hanni & Nanni gelesen und träumte mich meine ganze Kindheit in ein Internat, nachdem ich den Traum aufgegeben hatte, dass es irgendwo eine Zwillingsschwester von mir gibt, die nur gefunden werden musste. Ich hatte Grund zu dieser Annahme, denn ich bin die einzige Blonde in meiner Familie und wenn immer meine Mutter mit uns einkaufen ging, fragten alle, ob ich das Nachbarkind sei.  
Ich trottete dann immer traurig neben meiner Mutter und meinen Schwestern nach Hause, denn das war ja nicht meine richtige Familie. Je öfter ich angesprochen wurde, desto klarer wurde mir, dass ich adoptiert bin; es war nur eine Frage der Zeit, dass sie mir das endlich sagen würden, wo es doch schon alle Menschen auf der Straße wussten. "Das doppelte Lottchen" befeuerte meinen Verdacht und heute bin ich ganz froh, dass ich niemals "Als ich ein kleiner Junge war" gechenkt bekam, wer weiß, was ich mir dann eingebildet hätte.
 
Ich hoffe, das Buch richtet keinen Schaden bei der nunmehr Dreizehnjährigen an, aber wir müssen die Augen offen halten. Bei einer Ballettaufführung vor drei Jahren war sie in einer orientalisch anmutenden Szene untergebracht. Ich suchte angestrengt nach ihrem Gesicht in der Gruppe Mädchen, die wie die "Bezaubernde Jeannie" gekleidet waren. Was anderes kam für mich nicht in Frage, denn sie ist ein bildhübsches Kind, das fleischgewordene Schneewittchen. "Wo ist sie denn?" - "Sie ist die Grüne." - "Nicht möglich!" 
 
Die Grüne war der Grüne und zwar der Palmwedler. Sie wedelte mit einem großen Palmenblatt über dem Sultan und machte ab und an einen Ausfallschritt. Für ihre Mutter ein Moment der Wahrheit. Sechs Jahre Ballett hatten aus ihrer Tochter das Kind gemacht, für das eine Bühnenrolle gefunden werden musste, in der es nicht allzuviel Schaden anrichten konnte. 
 
Insofern: Kästner ist durchaus mit Vorsicht zu genießen. Aber das konnte der Professor nicht ahnen.

Kommentare:

  1. Ich hätte den Text ja Stolz und Vorurteil genannt, war aber trotzdem schön.

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    1. Wie kommst du denn auf Jane Austen?

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    2. Den Stolz leitete ich vom Mamastolz ab, der dann leider damit enttäuscht wurde, dass sechs Jahre Ballett nur für den Palmwedler reichen. Und das Vorurteil, weil ich Geschenken, die zu nichts nütze sind, auch etwas abgewinnen kann, es ehrlich gesagt sogar ziemlich blöd finde, wenn das Geschenk, noch dazu ein Buch, was man vielleicht selbst als Kind gelesen hat, eine irgendwie geartete Bürde auf das Kind überträgt, dieses nun auch lesen zu müssen. Mit Jane Austen hatte das weniger zu tun, wobei die ja auch verschenkt werden könnte, um sie dann lesen zu müssen.

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    3. Ist eigentlich auch Quatsch. Wenn eine Überschrift eine so lange Erklärung braucht, taugt sie nicht. Eigentlich wollte ich nur schreiben, dass ich den Text schön fand, neige aber zum Schwatz manchmal.

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    4. Macht nüscht :)
      Die Hälfte der Zeit geht übrigens drauf, die passende Überschrift zu finden. Der Text geht schnell und dann fange ich an zu grübeln...

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  2. Ein schöner Text. Der einsame Professor in seinem papierdünnen Bungalow und das Schneewittchen-Mädchen, dass Palmwedler wird.

    Mir ist es übrigens ähnlich ergangen. ich nahm Ballettunterricht und endete als Sonnenblume bei Peter und der Wolf.
    Und auch ich träumte nach der Lektüre von Kästner von einer Zwillingsschwester, und das obwohl ich Vater und Mutter "wie aus dem Gesicht geschnitten" bin.

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    1. Ein Lob von dir bedeutet mir was :)

      Ich hatte nie Ballett, deshalb war ich bei Peter und der Wolf der dritte Baum von links.

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