Sonntag, 15. November 2015

Martinsgans

Martinsgansessen in der Scheune mit Bling Bling, meiner von oben bis unten juwelenbehangenen Kollegin.

Mischung aus Kollegen, dem Schwiegermonster und einem Studienfreund von Bling Bling, offenkundig schwul, aber von Studentenzeiten bis heute hat er das nie eingestanden. Die beiden umschiffen das Thema und unterhalten sich immer nur über Ballett. Er lässt junge "Bekannte" bei sich wohnen, die Balletttänzer sind und aus Russland kommen. Manchmal verschwinden sie über Nacht, dann ist er traurig, weil sie keine Adresse hinterlassen und er wieder allein ist. 

Ich gehe jede Wette ein, dass da nie was läuft. Er ist nur wenig älter als ich, hat aber einen Hals wie ein Truthahn und dieselben Hautprobleme wie Charles Bukowski (eigentlich wollte ich Westerwelle schreiben, aber das fand ich zu pietätlos). Neuerdings färbt er sich die Haare blond und kämmt sie sich ins Gesicht; ein vor der Zeit gealterter, schwuler Justin Bieber, der, als seine Mutter noch nicht dement im Pflegeheim lebte, seine Urlaube mit ihr auf Kreuzfahrtschiffen verbrachte. Das waren noch schöne Zeiten, sagt er. Er ist sehr freundlich und mäkelt am Essen und am Wein herum, weil er kultiviert wirken will. 

Der Ehemann von Bling Bling sitzt neben mir und erzählt mir Szenen aus Monty Python Filmen nach. Nun gibt es für mich nichts grausameres, als Filme nacherzählt zu bekommen, also nutze ich die erstbeste Gesprächspause und sage, dass ich mal nach draußen gehe, um zu rauchen. "Ich komme mit", sagt er, Bling Bling guckt irritiert. Ich möchte mit dem Kopf auf den Tisch knallen, flüchte ich doch vor allem vor seinem Sprechdurchfall. Draußen zückt er sein Handy und hält es mir vor die Nase, hier, sagt er, das ist die Szene, Der lustigste Witz.

Enervierende fünf Minuten scheppert es aus seinem Handy, die anderen Raucher fühlen sich belästigt, ich mich auch, er hat es auf volle Lautstärke gestellt, sein Arm muss ihm eigentlich abfallen, denn ich nehme sein Handy nicht in meine Hände, sondern schaue mir das Filmchen aus größtmöglichen Abstand an. Ich könnte schreien, womit habe ich das verdient, erst muss ich mir das anhören, jetzt auch noch ansehen, dabei muss mich niemand von Monty Python überzeugen, jeder, der bei Verstand ist, findet die gut. Er sucht immer wieder meinen Blick und lacht dann, gut, oder?

Ich rauche extra langsam, damit er bloß vor mir wieder reingeht, ich will ein paar Minuten allein sein. 

Später tauscht er den Platz mit seiner Mutter, so sitze ich neben der 96 jährigen Frau, die jetzt höflich Konversation mit mir treibt. Sie lehnt das Dessert ab, lieber sei ihr ein Stück Konfekt und ein Wodka dazu, was sie dann wieder sympathisch macht. Sie nuschelt so stark und redet so leise, dass ich praktisch kein Wort verstehe, aber als über einen nicht anwesenden Freund gesprochen wurde, wird sie energisch, der war ja schon immer komisch, schon als junger Mann und erzählt, wie sie im Fernsehen das Attentat auf Reagan sah und die Nachricht wichtig genug fand, ihren Sohn zu informieren. Sie ging in sein Zimmer, um Bericht zu erstatten. Der Komische war zu Besuch und sagte nur "Na und?" Da hatte er natürlich verschissen. 

Als wir aufbrechen, nimmt mich Justin Bieber zur Seite und fragt, ob ich nicht mal Lust hätte dabeizusein, wenn er für Bling Bling und ihren Gatten Raclette macht. Aha, eine Alibi Frau muss her, der Ärmste tut wirklich alles, um sein Schwulsein zu verbergen, dabei wissen es doch sowieso alle. Ich sage freundlich 'Aber gerne' und möchte zur Kompensation und Seelenreinigung einen der Teelichtbehälter klauen, mach es aber nicht wegen Schwiegermonster. Sie ist kein Typ, mit dem man Pferde stehlen kann.

Kommentare:

  1. Du liebe Güte...

    Solltest DU mal eine Alibifrau brauchen - do not hesitate to contact me.
    Mit Dir würd ich gerne mal ausgehen, bei den schrägen Sachen, die Du erlebst.

    AntwortenLöschen