Sonntag, 22. November 2015

Neumodische Eltern

Ich bin Großtante geworden. Ein Sonntagskind, wie ich.

Nicht, dass ich das Baby gesehen habe. Die jungen Eltern verbitten sich störende Einflüsse von außen, die ersten drei Wochen. Das ist modern und nennt man Baby-Flitterwochen. Gut für die Bindung zwischen Mutter, Vater und Kind.

Fotos machen sie auch nicht und wenn doch, verschicken sie sie nicht. Ich bin frustriert. Die ganze Familie ist frustriert. Einzig meine Schwester, die frischgebackene Oma, ist nicht frustriert, denn sie durfte schon zweimal hin. 

Sie hat ein Foto geschickt, auf dem man nichts erkennt. Man kann Fotos von Babys machen, auf denen man nichts erkennt, das geht. Sie hat's bewiesen. Es soll aber sehr hübsch sein. Und so lieb und entspannt. Wie schön für sie.

Die Graue Eminenz hat angerufen, wann man das Baby sehen kann. No chance, sage ich, in drei Jahren vielleicht. Er ist frustriert. Dabei hat er mir zugeraunt, kurz vor der Geburt, sag mir Bescheid, wenn es los geht, nicht erst, wenn das Baby da ist, wenn es losgeht, hörst du? Willst du hin, frage ich ihn. Logisch.

Zwei Tage, nachdem das Baby da ist, erfahre ich überhaupt davon. Erfahren wir alle davon. Per sms. What else. Außer meiner Schwester, die sich an das Schweigegelübde gehalten hat. Die wusste Bescheid. Ist tagelang nicht ans Telefon gegangen, um nichts zu verraten. Natürlich. Sie wird mir unsympathisch. Meine Nichte auch. Sogar das Baby, so frustriert bin ich, weil ich es nicht mit Liebe überschütten darf, wenigstens für eine halbe Stunde. Der Kindsvater bleibt sympathisch, weil er der einzige ist, der auf sms antwortet. Fotos schickt er aber auch keine, so nett ist er auch wieder nicht.

Freunde fragen, wann es denn mal ein Foto gibt. Ich weiß es nicht. Vielleicht zum Abitur? Meine Mutter fragt täglich, ob ich denn schon ein Foto habe und falls ja, weshalb ich es ihr noch nicht weitergeschickt habe, zu was hat sie denn nun ein Smartphone?

In zwei Wochen kommt die ganze Mischpoke zu mir nach Berlin, zum Adventsbacken. Die Tochter meiner anderen Schwester bringt das ganze Arsenal an Dingen mit, die sie für das Baby seit Monaten angefertigt hat (sie ist mit ihren 10 Jahren die Näherin vor dem Herrn - wir haben alle gefütterte Handytaschen mit Druckknopf), und hat angedroht, alles wieder mit nach Hause zu nehmen, wenn sie das Baby nicht zu sehen bekommt. Die Familie ist kurz vor dem auseinanderbrechen.

Die Eminenz schnaubt, seinerzeit hat er die ganze Welt informiert, da war die Nabelschnur noch nicht abgetrennt. Und dann hat er sich mit seinen Kumpels besoffen, das ging, weil die Kindsmutter noch ein paar Tage im Krankenhaus blieb, um sich zu erholen. Kaum war sie zuhause, gaben sich die Freunde die Klinke in die Hand, um dem Baby zu huldigen, was die Kindsmutter zugegebenermaßen an den Rand ihrer Kräfte brachte, aber hinterher werden das die schönsten Erinnerungen, das weiß man doch. 

Heute packen die eine Viertelstunde nach der Geburt das Kind ein und fahren nach Hause. Und dann verriegeln und verrammeln sie die Bude und lassen niemanden rein. 

Ich glaub, ich ruf das Jugendamt an. Vielleicht können die uns weiterhelfen. 

Kommentare:

  1. Ganz ehrlich? Ich verstehe beide Seiten. Was hätte ich darum gegeben, von Babytourismus verschont zu bleiben ... besonders vom großen Clan des Kindsvaters! Allerdings sollte, wer diesen "Honeymoon" plant, rücksichtsvollerweise wenigstens ein Foto und einen netten Text an die Familie verschicken, idealerweise mit einem angekündigten Sammeltermin in einigen Wochen. Da haben Nichte und Mann ein Kommunikationsdefizit. Aber ansonsten ... ja .. ich finde Baby-Honeymoon prima!

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    1. Ich mach mich doch nur lustig über die kollektive innerfamiliäre Hysterie, die von uns Besitz ergriffen hat ;)

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    2. Bei mir hats geklappt, ich habe mich amüsiert heute Morgen :) Wird also auch auf diese Weise eine Anekdote in 10, 15 Jahren - oder zum Abi-Ball :)

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  2. *gnihihi* Habe damals (die Omas jeweils einen kurzen Blick drauf werfen lassen ausgenommen) auch niemanden in die Wohnung gelassen. Nun ja. Die Bindung zwischen Vater, Mutter und Sohn ist tatsächlich gut. Dafür hat die Oma mütterlicherseits anschließend nie wieder so richtig Interesse am Enkel gezeigt, sie ist aber auch ein sehr nachtragender und nicht sooo kinderlieber Typ. *g* Sollte man möglicherweise unter "Nebenwirkungen der Baby-Flitterwochen" aufführen, also abhängig vom jeweiligen Oma-Typ. ;)

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    1. Wie die frischgebackene Uroma das wegstecken wird, weiß man nicht. Sie ist nicht nachtragend, aber das Herz wird ihr schon gerade gebrochen.

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  3. Tatsächlich, das macht man so? Ich hätte Menschen von der Strasse reingeholt um mir das Kind beim baden abzunehmen. Ich fand Besuch entspannend - für mich. Irgendwer wollte gerne das Kind baden (meine Mutter, die Hebamme..., füttern...spazieren gehen....) Herrlich. Aber mir fehlt sicherlich das Mega-Über-Mutti-Gen ....gggrrrrr

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    1. Ich finde, das sind die besten Mütter... Entspannt loslassen. Genau richtig.

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    2. Das ist doch schon beinahe sowas wie Kindesentführung. Würde mich wundern das Jugendamt griffe da nicht ein, wenn man ihm Bescheid gibt. Außerdem erfüllt das Ganze den Sachverhalt des groben Undankes, was die Oma und Uroma unbedingt im Testament festhalten sollten. Können die mal sehen, was sie davon haben.
      Alles in allem scheint mir eine systemische Familientherapie meht als angezeigt. Ich drücke die Daumen, dass da noch was zu retten ist. Viel Hoffnung allerdings habe ich nicht. Mein Beileid, liebe Annika.

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    3. Meine Mutter (also die Uroma) fährt jetzt schärfere Geschütze auf. Sie droht mit baldigem Ableben. Damit ist zwar auf natürlichem Weg nicht zu rechnen, aber "Und was ist, wenn ich jetzt bei Glatteis ausrutsche und mit dem Kopf aufknalle? Dann bin ich tot und das Kind wird mich nie kennenlernen. Aber leg mir dann das Smartphone mit ins Grab und schick Bilder, falls du doch noch welche kriegst."

      Ich habe heute einen letzten Versuch gemacht und den Kindsvater per sms angefleht, ein Bild zu schicken, wenigstens der Uroma. Keine Antwort. Keine Ahnung, ob die noch nebenbei ein paar Atome spalten und deshalb zu nix kommen.

      Ja, liebe Tikerscherk, eine Familienaufstellung wird uns nicht erspart bleiben.

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    4. Wie grausam kann man sein! Das tut mir alles sehr sehr leid.
      Wenn ihr jemanden braucht, der bei der Aufstellung das Baby spielt, stehe ich gerne zur Verfügung.

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