Samstag, 23. Januar 2016

Loslassen

Im August 2014 schrieb ich anderswo:

"Komm wir nutzen den letzten Sommerabend." So geht das seit Tagen in unserem vorbildlichen Projekt "Altersgerechtes Wohnen ab Ende Vierzig". Ich komm nach Hause geradelt und werde schon erwartet von den Damen Thüringen und Niedersachsen, die sich Kaltgetränke einverleiben. Sie sind immer viel früher als ich zuhause, weshalb über die Jahre der Eindruck wächst, ich sei die Einzige, die wirklich arbeitet. 
 
Als die Damen vor einigen Jahren zwei freistehende Häuser auf einem Grundstück kauften, nachdem sie ihre Männer überzeugt hatten, dass ein eigenes Haus im Grünen unwiderlegbare Vorteile hat ("Und wenn mein Kamerad dann seinen Apoplex bekommt, schieb ich ihn in den Garten und abends hole ich ihn wieder rein. Das habe ich ihm in die Hand versprochen. Aber wenn er inkontinent wird, kommt er ins Heim.") dachte der Rest "Ob das wohl gut geht? Wenn die sich mal zertreiten."  
 
Zwei Jahre nach Einzug wurde auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Wohnung frei, die mir angeboten wurde und bei der Besichtigung zischte mir Frau Thüringen schon im Flur zu "Wenn du die nicht nimmst, sind wir geschiedene Leute." Ja, es war Liebe auf den ersten Blick, aber auch ich stellte mir ängstlich die Frage "Ob das wohl gut geht? Wenn wir uns mal zertreiten."  
 
Auch für die Vierte im Bunde, die Gute Miene, fanden Frau Thüringen und MvFT (= Mann von Frau Thüringen) ein Objekt mit Garten,ein bissel entfernt zwar, aber auch sie fragte sich damals "Ob das wohl gut geht? Was ist, wenn ich meinen Ausblick aus dem dritten Stock vermisse?", denn leider war nur ein herkömmlicher Garten zu ebener Erde vakant. 

Wir haben eine klare Vorstellung von unserem Alter: wir teilen uns eine Krankenschwester, die uns den Hintern abwischt und fragen sie, ob ihr auch schon aufgefallen ist, dass Frau Niedersachsen langsam zu riechen anfängt. Und wir bestellen einmal Essen auf Rädern. Wer zuerst an der Tür ist, kriegt es. Survival of the fittest. 

Frau Niedersachen fährt mit MvFT auf Kreuzfahrt. Sollte Frau Thüringen früher als erwartet das Zeitliche segnen, darf MvFt sein spätes Glück mit ihr finden. Da sei er in guten Händen. 

Ich werde mir von dem Geld meines Millionärs ein Pony kaufen und mit ihm spazieren gehen. Damit erhoffen wir uns eine freundliche Gesinnung von Frau Niedersachsens pferdebegeisterter Tochter, die für uns alle die Vormundschaft übernimmt, während die Gute Miene nie die Freuden der Rente erleben wird, denn sie muss uns osteopathisch behandeln, bis wir eines Tages ganz gesund sterben.
 
Durch widrige Umstände ist MvFT unser Quotenmann und wir hegen und pflegen ihn nach Kräften. Noch einen Verlust können wir uns nicht leisten. Die Gute Miene hat eine Fernbeziehung, der zählt also nicht. Und mein Ex-Hesse zählt schon gar nicht. 
 
"Der letzte Sommerabend" wird immer im Garten von Frau Thüringen genossen, sie hat am längsten Sonne auf dem Grundstück. MvFT verbirgt seine Empfindungen sehr gut, wenn er unser angesichtig wird. Ich nehme an, er freut sich. Ich hoffe es zumindest, denn wir wollen ihn ja, wie gesagt, auf dem Grundstück halten. Die Jahreszeit spielt ihm in die Hände, um 20 Uhr wird es dunkel und wir verschwinden. "Keine Verkühlung riskieren" warnt Frau Thüringen. Bis jetzt ist alles gut gegangen.  
...........

Ich bin ein großer Feund vom loslassen. Theoretisch. Ich bin eine begabte Ratgeberin für Menschen, die sich in Trennungen befinden. Ich erkläre ihnen, weshalb es so wichtig ist, loszulassen. Der Vorteil, der sich für einem selbst daraus ergibt, sich in sein Schicksal zu finden. Zu kapitulieren, wenn man nicht mehr gewünscht ist. Sich nicht zu wehren, denn dann dauert es noch länger, bis man sich wieder erholt. Dass man nicht an Dingen festhalten sollte, die vergangen sind, dass es sinnlos ist, zu sagen "Aber er hat doch erst neulich gesagt..." Ich bin mal verlassen worden, zehn Minuten nachdem mir gesagt wurde, ich sei das Allerliebste auf der ganzen Welt. Das sind nur Worte. 

Aber wenn der/die andere nicht mehr will, dann erspart man sich eine Menge, wenn man das akzeptiert. Die Gründe sind am Ende irrelevant, der eigene Wunsch nach Klärung oder gütlicher Einigung ebenso. Man steht vor einem Stopp Schild und das ist eine klare Ansage, auch wenn es das einzige ist, was klar ist. Mit dem Rest muss man allein fertig werden, oder bespricht es mit anderen, in der Regel aber nicht mehr mit dem, der die Tür ab jetzt verschlossen hält.

Da ich nicht nur bestimmte Männer von ganzem Herzen liebe, sondern auch bestimmte Frauen, ist eine Trennung von ihnen ebenso schmerzhaft. So gesehen befinde ich mich mittendrin im beschissenen Prozess des Loslassens.

Unser Bullerbü gibt es nicht mehr. Eine von uns hat den Faden zu den drei anderen gekappt. Uns allen war die Freundschaft soviel wert, dass wir bei einem Profi waren. Wir sind dort unglücklicher wieder raus gegangen, als wir es vorher waren. Der Profi war 'ne Nulpe. 

Drei Tage später erhielten wir alle einen Brief. Schluss, aus, vorbei. 
Jetzt ist es doch schief gegangen.

2 Kommentare:

  1. Wahrscheinlich ist das kein Trost, aber wenigstens seid ihr noch zu Dritt und vielleicht ist das Kind ja auch noch dabei?

    Nein, das ist kein Trost und loslassen funktioniert nur in der Theorie mit frischem Verstand und offenem Herzen.
    In Wahrheit ist es eine tiefe, blutende Wunde, die nur ganz langsam heilt.
    Ach, Mensch...

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    1. Man sollte meinen, es ist ein Trost. Aber ohne die Vierte... ist es nicht mehr dasselbe.

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