Freitag, 18. November 2016

Improvisieren für Fortgeschrittene

Heute habe ich das Wochenende besonders früh begonnen. Morgens um 3 Uhr war ich wach. Das traf sich gut, denn ich musste um 6.30 Uhr im Büro sein. Dann wollte ich früh gehen, blieb aber doch 11 Stunden, obwohl das gegen Menschenrechtskonventionen verstößt. 

Aber ich wusste, der Abend ist frei und mehr als auf dem Sofa rumliegen, würde ich nicht mehr zu bewältigen haben. Wie ich so 10 Minuten lag, bekam ich eine sms von meiner Schwester. "Wir fangen morgen mit dem backen um 11 Uhr an." 

Wie soll denn eine vernunftbegabte Frau in den frühen Morgenstunden sonstwo sein, bis dahin einige Teige vorbereitet und den Wochenendeinkauf erledigt haben, eine Frau noch dazu, die ein schlimmes Erschöpfungssyndrom hat? 

Ich taumelte gähnend in die Küche und beglückwünschte mich selbst für meine Weitsicht, schon vor einigen Wochen alle Utensilien besorgt zu haben, unter anderem gemahlene Haselnüsse, denn seit letztem Jahr gehören die zum Goldstandard. Ich kaufte alle vorhandenen 200-Gramm-Packungen zu 1,99 €, was sehr klug war. 

Weniger klug war, dass ich keine Batterie für die Küchenwaage erwarb, was mich zum improvisieren zwang, dabei backe ich nach Dr. Oetker "mit Gelinggarantie", aber dazu muss man halt grammgenau abwiegen, wie ich damals gelernt hatte, als ich noch für den Verlag arbeitete, in der Testküche in Bielefeld. 

Die gibt es wirklich, lauter Frauen in spät-mittleren Jahren mit gütigen Gesichtern, gekleidet in gestärkte weiße Schürzen, probieren den ganzen Tag Rezepte aus und alles sieht so aus, als sei man direkt in einer Dallmayr Prodomo Werbung wiedergeboren. 

Jedenfalls erinnere ich das so, vielleicht idealisiere ich auch nur meine frühere berufliche Tätigkeit, in der es natürlich auch schlimme Zeiten gab, wie zum Beispiel der Standdienst auf der Leipziger Buchmesse, zu dem ich abgehetzt und von oben bis unten eingesaut erschien, weil meine dämliche Ex-Chefin kein Taxi vom Bahnhof zum Hotel springen lassen wollte, und wir unsere Koffer durch tiefen Schnee zerrten, meine Güte, ich war blind vor Hass und fand Leipzig* voll Scheiße. 

Vom Hotel dann zur Messe mit der S-Bahn, zu der wir erneut durch Matsch latschen mussten und am Stand lauter junge, perfekt frisierte Frauen und ich sah aus wie Hulda in klammen Stiefeln und strähnigen Haaren. 

Oder als ich mal auf einer Dienstreise mit wahnsinnigen Zahnschmerzen von Rügen rüber auf den Darß gefahren bin und in Ribnitz-Damgarten der Zahnarzt gerade geschlossen hatte und ich dann halb irre vor Schmerz nach Berlin fuhr, direkt in die Zahnklinik und im Wartezimmer ein Sozialpädagoge ungefragt aus seinem Leben berichtete, beziehungsweise von seinem schlimmsten Patienten, der sich ein Loch in die Wange gebissen hatte und ich mit weit aufgerissenen Augen grunzte und mich verzweifelt in eine zerfledderte BUNTE zu vertiefen suchte. Nein, jetzt, wo ich drüber nachdenke, es war nicht immer alles perfekt....

Anyway, zurück in die Küche, ich improvisierte, mein gutes räumliches Denken war bestimmt eine Hilfe, bilde ich mir ein, beim einparken ist es ja auch von Vorteil, aber ich schweife schon wieder ab. Die fertigen Teige rollte ich in Zellophan ein, machte ein Foto und schickte es meiner Schwester, um sie harmonisch zu stimmen: "Keine Sorge, das sind keine Mett-Igel. Aber bitte rechnet nicht vor 13 Uhr mit mir."

Weihnachten kann kommen.  

*Apropos Leipzig. Toller Blog. 

Kommentare:

  1. »Frauen in spät-mittleren Jahren mit gütigen Gesichtern«. Und ich dachte immer, daß sind die alt gewordenen Kinder von Tante Tilly.
    Aber wenn’s die wirklich gibt: Wer isst denn die ganzen Garantien? Irgend jemand muß doch überprüfen, ob das wirklich essbar ist? Natürlich kann man einfach schreiben: »Essbar, garantiert!«, aber in der Werbung kommt das etwas anders rüber. Die Verdauung des Homo Sapiens läßt sich bekanntlich leicht überlisten. McDonalds, Karusselfleisch, vegane LKW-Plane…
    Oder setzen die sich nach Abschluß der Arbeit an der garantierten Leckermahlzeit zusammen mit den Aufsehern hin und fressen das auf? Berufe gips! Aber immer noch besser als Koffer durch den Leipziger Schnee schleppen.
    Vorkoster bei Erasko. Schade, daß der Kiezschreiber seinen Urlaub – wenn’s denn einer ist – noch nicht beendet hat. Ich beginne ihn zu vermissen, seine leicht angesoffenen Kommentare gegen Mitternacht.

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    1. Die verfüttern das an Gäste und wahrscheinlich in der Kantine. Die laden auch interessierte Hausfrauen ein, die backen dann den ganzen Tag zusammen. Und alle baden ihre Hände in Palmolive :-)

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