Mittwoch, 23. November 2016

Von wegen Winterpause

"Winterpause? Wie kommst du denn da drauf?" fragt die Reitlehrerin. Es gibt einen beleuchteten, überdachten Roundpen, da kann man den ganzen Winter über reiten.

Ja, aber die ganzen Gefahren hat sie wieder nicht im Auge. Dass es nämlich draußen dunkel ist und dass es knackt und windig ist und dass sich das Pferd dann erst recht erschreckt, weil es nicht sieht, woher die Gefahr kommt und dann kann es nicht ausreichend flüchten und ich fall runter und hau mir an der Bande den Kopf ein und kann meine Beine nicht mehr bewegen, das ist erst vor zwei Wochen einem Mädchen passiert, genau hier.

Das sage ich natürlich nicht, aber sie kann meine Gedanken lesen und rollt mit den Augen.

Eigentlich hielt ich mich schon für eine gewiefte Reiterin, mehrmals habe ich das Pferd, ein unerschütterliches Kaltblut mit wenig Bewegungsdrang, mehrmals schon habe ich es zum traben gebracht, ganz allein. Ich machte mir keine allzu großen Sorgen, als sie sagte, im Roundpen würde sie mich an die Longe nehmen, damit ich endlich traben lerne. Ich müsse mich dann nicht ums treiben kümmern, sondern nur ums oben bleiben. 

Ich war ein bisschen beleidigt, denn ich habe ja wohl in den vergangenen Monaten bewiesen, dass ich oben bleibe. 

Na ja. 

Ich bin halt noch nie im Sattel getrabt, wenn sie in der Mitte steht und die Gerte in Richtung Pferdepo hebt. Das Pferd hat plötzlich Schub. Und ich keine Körperspannung. Ich war mir ganz sicher, dass es galoppiert, so schnell war es. Angeblich war es aber nur Arbeitstrab. Sofort rutschte ich aus den Steigbügeln, krallte mich in den Sattel und rief ängstlich "Aufhören, aufhören, anhalten, bitte anhalten!" wie ein grenzdebiler Kartoffelsack. Alles, was ich gelernt hatte, war wie weggeblasen, ich war des Todes.

Ich keuchte, als sie das Pferd endlich anhielt. "Du hast wirklich überhaupt keine Kondition!" schimpfte sie. Kondition, Kondition, jeder atmet schwer, wenn er Panik hat. Das ist eine Voraussetzung für Panik, ganz schlimmes Atmen. Okay, Kondition habe ich auch nicht, aber das tut hier wirklich nichts zur Sache.

"Und gleich noch mal, stell dich tief in die Steigbügel, lehn dich nach hinten, mach dich schwer, sitz es erst mal aus und auf der rechten Vorderhand kommst du dann ins leichttraben. Und mach nicht den Fehler und fall nach vorn."

Und wieder hob sie die Gerte, das Pferd holte sich (wie immer) den nötigen Schwung mit wildem Kopfschlagen und von null auf hundert hetzte es im Kreis. Meine Organe sortierten sich neu, mein Hirn setzte aus, Panik lässt sich also noch steigern. Ich rief "Anhalten!" An leichtraben war nicht zu denken. 

Die Besitzerin kam nun auch in das Roundpen, um die Perdeäppel aufzusammeln, weil Perde immer nach den ersten Schritten äppeln, Bewegung ist halt gut für den Darm. Da bückte sie sich mitten im Weg und ich war schon wieder mit einem Affenzahn unterwegs. Da das Pferd eine engere Beziehung zu seiner Besitzerin als zu mir hat und irgendwie begriff, dass diese Gefahr lief, von der Longe umgerissen zu werden, machte es einen großen Satz nach oben und nach vorn und brachte sie damit aus der Gefahrenzone. Im Grunde vorbildlich.

Ich schrie "Aaaaanhalten, aaaanhalten!", aber die Trainerin hatte die Faxen dicke mit mir und hielt das Pferd nicht an. Mir kamen die Tränen, ich wimmerte "Bitte, bitte, bitte anhalten." 

"Was ist denn los mit dir?"
"Na, es ist doch eben gesprungen und angaloppiert, ich kann das nicht."
"Gesprungen und angaloppiert? So ein Quatsch, es hat nur eine Ausweichbewegung gemacht."
"Wohl ist es gesprungen. Ich will runter. Es reicht für heute."
"Nix da. Du steigst jetzt wieder in die Bügel, bleibst tief sitzen, die Beine fest an den Sattel, aber nicht quetschen, nur fest an den Sattel, hier die Adduktoren im Oberschenkel, die müssen die Arbeit machen, und dann versuch den Rücken anzuspannen, dann kannst du das besser austarieren."

Hallo? Ich habe Adduktoren? Hätte man mir das nicht früher sagen können? Nach all der Zeit werden die gebraucht, sehr dringend sogar, aber das kommt natürlich alles ein bisschen plötzlich.

Sie quälte motivierte mich weiter, "Gib nicht so schnell auf!" und hielt das Pferd einfach nicht an, wenn ich es wollte, einmal sogar zwei Runden lang nicht, ich verlor mein Grundvertrauen, mit dem ich ohnehin nicht üppig ausgestattet bin, das war zuviel für mich und meine Adduktoren. Mein Herz klopfte wie wild, aber ich sah nicht etwa ein weißes Licht, das mich hätte beruhigen können, wie man immer wieder hört; eine gottverdammte Nahtoderfahrung ohne weißes Licht,wer braucht denn sowas?

Ich also immer weiter im angeblich "gemütlichen" Trab und zwar solange, bis ich den Hauch eines Erfolgserlebnisses hatte, was aber nur ein Trick von mir war: eine Runde ohne dieses alberne "Aufhören" zu rufen. Ich hatte nämlich rausgefunden, dass ich so keinen Schritt weiterkomme mit ihr. Ich biss die Zähne zusammen und verkniff mir jeden Laut. Ich geb's nicht gerne zu, aber als ich meine Hysterie tief in meinem Herzen verschloss, ging's tatsächlich besser. 

"So, das machen wir jetzt den ganzen Winter und im Frühling trabst du perfekt." Ich sah auf sie runter und war gottfroh, dass es endlich vorbei war. Da machte es auf einmal draußen ein Geräusch, irgendein Tor fiel zu und das Pferd zuckte am ganzen Körper zusammen, naja, wahrscheinlich war es nur wieder eine Ausweichbewegung. 

Sie weiß noch nicht, dass ich nie wieder komme.

Kommentare:

  1. Ich bin ja pädagogisch eine Vollnull ... aber irgendwie habe ich im Gedächtnis, dass es weiland, als mein Vater mich zum ersten Mal allein auf den Zossen schickte, ähnlich traumatisch gewesen ist.
    Anscheinend ist es Einstellungsvoraussetzung für Reitpädagogen, die Mentalität eines Bluthundes zu haben.
    Bei mir gings zum Glück recht schnell vorbei - aber Kinder vergessen schreckliche Dinge ja auch viel leichter als Erwachsene.

    Fragt sich, ob es nicht besser wäre, Dir zuerst Leichttraben beizubringen. Aussitzen ist um Längen schwerer!

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    1. Sie möchte, dass ich nur die ersten Schritte aussitze und dann, wenn ich mich berappelt habe, ins leichttraben komme. Kein Gedanke dran! Ich hab's nicht gebacken bekommen. Anfangs, wenn es angetrabt ist, bin ich beinah hinten runtergekullert. Sie hat sich gefreut, weil das Pferd vorbildlich die Kraft aus der Hinterhand gezogen hat, daher der Schub wie eine Boing 727.
      Außerdem hat er SIE als Chefin identifiziert und hatte ein Tempo drauf, das mich zu Tode erschrocken hat. Ich war mir sicher, das lerne ich nie. Also mit dieser scheißangst fertig zu werden.

      Aussitzen mit dem voltigiergurt mit den haltegriffen fand ich sehr leicht übrigens.

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  2. Soweit kommt das noch, daß ich einen Pfeeehrdewiehaaablog in meine Blogroll aufnehme! Nix da! Hiergeblieben! Psychogramm einer Mittwochsreiterin.

    »Sie weiß noch nicht, dass ich nie wieder komme.«

    Ich würde ja niemals einer verlobten Frau widersprechen, aber: Wenn man mal vom Motorrad gefallen ist, hilft nur die Karre wieder aufzurichten (man darf sich dabei durchaus helfen lassen – das Blut muß man sich nicht zwingend selber abwischen!), wieder aufzusteigen und weiterzufahren. So einfach ist das. Macht man es nicht, wird einem nicht nur das Motorradfahren verleidet, sondern auch alles andere, bei dem man auf die Schnauze fallen kann.
    Das ist nicht gut.
    Das ist bei Pfeeerden nicht anders als bei dem viel eleganteren, schöneren und schnelleren Motorrad.

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    1. Gemach, Gemach, lieber Pantoufle, dafür habe ich doch vorgesorgt. Das Ponyblog ist in meiner Blogroll drin. Niemand muss sich zum Klops machen.

      Ich steig schon wieder drauf, keine Sorge. Aber nicht in finsterer Nacht.

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