Sonntag, 27. November 2016

When we were young


"Ich bin in Berlin, hast du Zeit?"

Wir treffen uns in einer Kneipe in der Nähe ihres Hotels.

Zwei Frauen, die sich seit einer Ewigkeit kennen und mit ihrem Erzeuger ins Klo gegriffen haben. Nicht nur das verbindet uns, auch wenn unsere Lebenswege völlig konträr verlaufen sind. 

Frauen, die einen doofen Vater und nur jüngere Geschwister haben, haben's nicht leicht. Die jüngeren Geschwister ramponieren fleißig das heilige Familienbild, machen auf einer höheren Ebene jeden darauf aufmerksam, dass eine Leiche im Keller liegt,  während die Ältesten patent, kontrolliert und verantwortungsbewusst beim leisesten Hauch einer Unwilligkeit enterbt werden. Das ist unser Schicksal.

Ihre jüngere Schwester war die erste Magersüchtige im Kaff, verschwand eines Tages spurlos und meldete sich ein paar Jahre später aus England, ihre Kinder hatte sie alle zur Adoption freigegeben. Bei uns lief das weitaus glimpflicher ab, ich bekam zwar unheilbare Flugangst und das Küken wechselte über Gebühr häufig die Gemächer, hinterließ aber immer ihre Adresse und Adoptionen gab es auch nicht. 

Beeindruckt hatte mich, dass ihre Eltern keinen Fernseher hatten (mein Vater war vom Fernsehen besessen, jedoch nicht von Raumschiff Enterprise). Es gab auch keine Couch, sondern acht Sessel, die im Kreis standen. Auf denen wurde allabendlich debattiert, schätze ich. Wahrscheinlich das Periodensystem rauf und runter oder Primzahlen, ihr Vater war ein gefürchteter Drill Instructor Mathe- und Chemielehrer. Einer der schlimmsten Sorte, leider auch in seiner Freizeit.

Letztes Jahr ein Anruf, es sieht nicht gut aus, ihr Mann... Ich fuhr sofort ins Kaff, umarmte ihn, Mensch, mach doch nicht so'n Scheiß. Die Kinder kamen nach Hause, versammelten sich um den Vater, schützten und behüteten ihn und sich selbst. Das hat sie wirklich richtig gemacht, einen tollen Vater für ihre Kinder ausgesucht. Ihr eigener Vater hasst seinen Schwiegersohn und das ist die beste Auszeichnung überhaupt.

Wie geht's ihm, frage ich sie. Ganz gut, für's erste ist es überstanden. Ich freu mich über jedes Jahr, dass wir noch haben. Ich drücke ihre Hand. 

Ihrem Sohn sagte ich mal, dass seine Mutter die Kerle früher mit der Kalaschnikow von der Tür wegschießen musste. Er sah mich zweifelnd an, eine Mutter hat kein Vorleben, und schon gar keins von der Sorte, klar. 

Wenn uns heute jemand in der Kneipe sieht, was sieht er dann? Zwei mittelalte Frauen. Vielleicht einigermaßen hübsch gealtert, aber nicht die beiden Mädchen, die wir mal waren. Ich schau gerne in ihr heutiges Gesicht. Sie hat immer noch die Grübchen, wegen derer sie mal die Weltherrschaft hatte. Ihren Kindern hat sie die vererbt, sie ist der Boris Becker unter den Müttern, sie hat sich komplett durchgemendelt mit diesen Grübchen. 

Ach ja, sagt sie, ich soll dir von meiner Tochter sagen, dein Plan ist aufgegangen.
Welcher Plan?
Du hast ihr, als sie sechs war, eine Tasche von den "Lila Lakrizzen" geschenkt und dazu gesagt 'die schenke ich dir, damit du immer weißt, wer ich bin'. Ich soll dir sagen, sie weiß, wer du bist. 

Wenigstens ein Plan, der aufgegangen ist.

Kommentare:

  1. ¡Las doñas de verdad!

    Berührender Text. Und sowas denke ich nicht oft.

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  2. Wie schön Du das beschreibst. Danke!

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  3. Unglaublich guter Post. Und brunnentief berührend.

    Ausdrucken sollte man ihn.

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    1. Danke.
      Dein letzter Post hat mich auch angefasst.

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