Dienstag, 23. Juni 2020

Voll auf die Zwölf

Binnen drei Tagen geriet ich zweimal in Gefahr.

Einmal hat der Leihhund beinahe meine linke Hand amputiert, weil, wann immer er mich erblickt, dreht er vollkommen durch und leider dreht er sich dabei auch wirklich und ich hatte den Fehler gemacht, ihm mit beruhigenden Gesten von seinem Trip holen zu wollen. Schwups drehte er meinen Arm in seine Hundeleine und wie ein Schraubstock wurde es immer enger und leider musste ich auch laut aufschreien, weil das so schweineweh tat und die Auftragsmörderin das erst gar nicht begriff - naja, was soll ich sagen, der Arm tut immer noch weh und den Hund mochte ich auch ein paar Stunden nicht mehr. 

Fazit: ist unser aller eigener Fehler. Er muss erzogen werden und darf diesen Veitstanz nicht aufführen, wenn er mich und andere Menschen trifft, die ihm sympathisch sind. Bei mir zuhause liegt er immerhin nur noch auf der Decke und stalkt mich nicht mehr durch die Wohnung. Meine Erziehungsversuche sind geglückt.

Aber gestern wurde es dann richtig brenzlig: radelte vom Büro heim, wegen des Windes hatte ich mir ein Tuch um den Hals drapiert. Wie ich da schön einen Berg runter fuhr, flog mir was gegen den Hals und wegen des Tuchs prallte das Insekt nicht gleich wieder ab, sondern stach in Panik zu. Eine blöde Wespe. Ich schrie schon wieder laut auf, machte eine Vollbremsung und achtete darauf, jetzt nicht zu hyperventilieren, denn das hilft ja auch nix. Ich versuchte mit dem Handy meinen Hals zu fotografieren - und wirklich: mittiger hat kein Insekt je in einen Hals gestochen. 

Tat echt weh, aber hier drohte ja nun der anaphylaktische Schock auf offener Straße (weit besser, als in geschlossenen Räumen, by the way). Ich fuhr die restliche Strecke heim und eilte sofort zu meiner Freundin von gegenüber, zur Diagnose und Beratung. Sie guckte ernst, murmelte "Mit dem Hals ist nicht zu spaßen". 

Mir wurde eine Zwiebel in die Hand gedrückt, zwecks Auflegung und mit dieser saß ich den restlichen Abend auf dem Balkon, mitten in so einem Mittagessenduft (was ich so alles mit Zwiebeln verbinde, wusste ich bis gestern gar nicht) - kein Schock, kein gar nichts, nur ein zugegeben ätzender Schmerz, wie eine ganz schlimme Prellung.

Wieder was gelernt: scheine nicht gegen Wespen allergisch zu sein. Ist doch alles immer zu irgendwas gut...

Donnerstag, 18. Juni 2020

Nach dem Lockdown

Bei mir hier geht alles zurück auf Anfang: wir sollen jetzt wieder ins Büro kommen. Das passt mir auch wieder nicht. Habe so ein Gefühl, das dicke Ende kommt erst noch. Derzeit scheint's, als gäbe es nur die Wahl zwischen Pest & Cholera: entweder allein im Home Office oder in Gefahr unter Kollegen. 

Alles ändert sich. Keine Sicherheiten mehr. Übernächsten Freitag soll schon wieder in ganz Deutschland 40 Grad heiß sein. Ein dritter Sommer so wie die letzten zwei und dann war's das mit unserem Wald.

Wie schnell alles aus der Balance kommt! Der Mensch an sich geht schnell k.o., und Flora & Fauna ebenso. Las neulich, wir betrauern den Verlust des Sicherheitsgefühl, das wir all die Jahre hatten: 
  • Wir leben hier in einem gemäßigten Klima, nur für Äthiopien muss bei "Wetten dass" gesammelt werden
  • Alle großen Seuchen der Menschheit sind ausgerottet ("Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam")
  • Verrückte Dikatoren gibt es nur im nahen und fernen Osten
  • Unser Gesundheitssystem ist spitze
  • Die Rente ist sicher
Ich ergehe mich in Fatalismus und lese atemlos Jonathan Franzen: Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen? Wegen meiner überlebe ich überhaupt nur deshalb, weil ich mir nach wie vor etwas vormache (sonst würde ich aus dem betrauern überhaupt nicht mehr rauskommen), den Kopf tief in den Sand stecke und den Großteil meiner Freizeit damit verbringe, zu verdrängen, was mich unausweichlich erwarten wird. 

Ich halte mich nicht für eine Pessimistin, sondern für eine nüchterne Realistin, leider gepaart mit Hypochondrie und dem Hang zu dramatischern Formulierungen, weshalb Leser dieses Blogs meinen könnten, hier sei eine im wahren Leben quietschige Hysterikerin am Werke, die alle Leute zu Tode nervt - aber das trifft nur für wenige Tage im Jahr zu. Die meiste Zeit bin ich zufrieden, wenn ich still in den Himmel schauen kann und mit niemandem reden muss. 

Aber wie lange werde ich (wir alle) noch Gelegenheit dazu haben? 

Ich werde mal noch'n büschen im Home Office bleiben. Sicher ist sicher. Hoffe ich. Man weiß es nicht.

Mittwoch, 13. Mai 2020

Männerwelten

...darf hier nicht fehlen:

Männerwelten

Edit 14.5.: Wie mir eben mitgeteilt wird, ist das Video schon gesperrt. Das ging aber schnell.

Edit 19.5. Nun doch wieder sichtbar: Männerwelten

und noch etwas Sekundärliteratur. Artikel von Margarete Stokowski

Freitag, 8. Mai 2020

Zielgröße Null

BuMi Giffey möchte auch für Vorstände eine 30% Frauenquote, aber lt. Altmaier greife das "tief in die unternehmerische Freiheit ein" uhuund es drohe die Gefahr, dass eine nicht quotenkonforme Vorstandsbesetzung nichtig wäre und dahaan wären auch alle Beschlüsse aktienrechtlich nichtig - womöglich sogar der Jahresabschluss des Unternehmens. Daher: für "derart heikle" Gesetze sei "jetzt ganz sicher nicht die rechte Zeit". 

Wenn ich bedenke, wieviel Gesetze im Handstreich in und außer Kraft gesetzt wurden, mit weitaus heikleren Konsequenzen für uns alle - aber wenn wir etwas gelernt haben, dann doch, dass ruckzuck alles möglich ist, sobald es nur für nötig erachtet wird. 

Dabei mahnte Altmaier noch 2018: "Deutschland wird vor dem Hintergrund des fortschreitenden demografischen Wandels zunehmend darauf angewiesen sein, dass alle klugen Köpfe, ob männlich oder weiblich, ihr Potenzial entfalten können." 

Das sagte er 2018, nachdem er den Allbright Bericht gelesen hatte, in dem u.a. stand: 

"Die 160 börsennotierten Unternehmen sind gesetzlich verpflichtet, feste Zielgrößen für die Steigerung des Frauenanteils in ihren Vorständen zu veröffentlichen. Es ist allerdings möglich, hierbei die „Zielgröße Null“ anzugeben, also null Frauen im Vorstand anzustreben. 75 der Unternehmen, die noch keine Frauen im Vorstand haben, planen laut Veröffentlichung nicht, daran etwas zu ändern. 58 Aufsichtsräte formulieren ausdrücklich das Ziel „Null Frauen“.

Und weiter: "103 von 160 Unternehmen, die in DAX, MDAX und SDAX notiert sind, hatten am 1. September 2019 keine einzige Frau im Vorstand. Das sind 64 Prozent der deutschen Börsenunternehmen." 

2020 muss nun Corona herhalten, um die Zielgrößen und Einstellung von Frauen in Aufsichtsräte und Vorstandsposten als unzumutbaren Belastungsfaktor zu bezeichnen. 

Für die Frauen, die während Corona den Laden am Laufen halten, man könnte auch sagen: im operativen Geschäft arbeiten, wurden folgende Goodies geplant:
  1. Lidl, Aldi, Rewe & Co: Personalkauf-Gutscheine zwischen 100 - 250 € (einmalig)
  2. Berliner Landesbedienstete Pflegekräfte: 1.000 € (einmalig) 
Ohne Worte.

Dienstag, 5. Mai 2020

Endlich vereint: Frau Lavendel und Annika

Ihr kennt sicher alle die wunderbare "Frau Lavendel und ihre Kinder" - leider hat sie ihren Laden vor einiger Zeit dicht gemacht. Und ich schreibe ja auch nur noch in homöopathischen Dosen.

Aber ab heute gibt es unser gemeinsames Blog, hier geht's entlang

Dort wird auch erklärt, warum, wieso, weshalb. 
Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen.


Sonntag, 3. Mai 2020

Home sweet Home

Shoppen ist mir ein Greuel, ist es immer gewesen. Tja. Jetzt bin ich kaufsüchtig. Seit letzten Donnerstag. Da hat nämlich ein Laden wiederaufgemacht, für den ich einen Gutschein geschenkt bekommen habe. Ich war recht froh, dass ich den noch einlösen konnte, denn das ist ja gar nicht sicher, dass es die Läden noch gibt, wenn sie wieder aufmachen dürfen.

Jedenfalls bin ich da gleich hin und das hatte dann so eine Kaskadenwirkung, ich konnte nicht mehr aufhören, einzukaufen. Sogar riesige REAL-Märkte sind nicht vor mir sicher, weil es da auch alles mögliche gibt, was ich brauche. Wasserfilter. Mülleimer. Nicer Dicer. Einzig dieses Maskentragen bringt mich öfter an den Rand einer Ohnmacht; aber das ist auch gut so. Sonst wäre ich noch länger dort und käme noch auf den Gedanken, mich nachts heimlich einschließen zu lassen.

Apropos Nicer Dicer. Ich seh an den Fingerkuppen jetzt aus wie eine sich ritzende Borderlinerin. Diese ganzen Schneidedinger sind so affenartig scharf und das Handling ist dann doch nicht so einfach - ich blutete erstmal gleich den Salat voll, den ich schnippelte. Auf jeden Fall eine Investition, die ich mir hätte schenken können. 

Andererseits habe ich derart viel Geld gespart in den letzten zwei Monaten, dass ich mir vorkomme, wie eine sehr wohlhabende Frau. Und das tanken ist auch so billig geworden. Neulich für 1.01 € getankt - was wäre das jetzt preiswert, durch die Lande zu karriolen; allein, man darf ja nicht. 

Ich tu's trotzdem. Aber nur im Speckgürtel von Berlin; im Brandenburgischen. Ich habe immer einen Schwung Masken dabei, die ich im Falle einer Polizeikontrolle als Reisegrund angeben würde. Das habe ich noch nicht erwähnt: ich bin Masken-Zwischenhändlerin geworden - selbtsredend, ohne einen Penny daran zu verdienen. Das ist die Mutter Beimer in mir. 

Ich habe da so zwei Schülerinnen an der Hand, denen die Babysitterjobs weggebrochen sind und die nun sehr kunstfertig Masken nähen, hübsche noch dazu. Ich bin eine Großabnehmerin und versorge Freunde, Verwandte, Kollegen. Ich liefere die auch gerne persönlich aus und wenn's sein muss eben auch ins Umland. Besonders gern ins Umland, wegen all der Gärten und Seegrundstücke, an denen man mit großem Abstand beieinander sein kann.

Das sind mehr als willkommene Abwechslungen, denn nach circa sechswöchiger klaglos abgesessener Kontaktsperre gerate ich doch ein wenig an meine Grenzen. Eine gewisse Verlotterungstendenz und allzu große Fixierung auf Nahrungsaufnahme in Korrelation mit Friseur-Abstinenz... was soll ich sagen: ich sah auch schon mal besser aus. Bei all den Videocalls bleibt meine Kamera aus, außer ich rede mit Freundinnen. Die dürfen mich so sehen. Die lieben mich trotzdem. Hoffe ich. Schwierig ist nur, dass ich mich dann auch sehe. Es wird zunehmend schwer mit der Selbstliebe.

Meine Idee, dass doch jetzt eine gute Zeit wäre, sich einen eigenen Hund zuzulegen, ist von Fucking Corona kassiert worden: ein Freund, der das momentan versucht, erzählt, dass es derzeit keine Hunde beim Züchter gäbe, weil alle Welt auf diese Idee gekommen ist. Und die Hunde, die es gibt, kosten ein Schweinegeld. Zahlte man früher beispielsweise 1.200 € für einen Welpen, sind heuer 2.500 € fällig. 

Eine in jeder Hinsicht dumme Sache. Ich hoffe immer noch, dass ich gleich aufwache und sage "Was für ein verrückter Traum!" Tja. Stattdessen werde ich bis auf weiteres im Schlafanzug vor meinem Rechner sitzen und an Videocalls teilnehmen. 

Hier eins, das sich unbedingt anzusehen lohnt: https://youtu.be/xiVxSuyocfo

Dann eben ein Netflix Tipp: The Last Dance. Michael Jordan und die Chicago Bulls.

Montag, 27. April 2020

In der siebten Woche

Inzwischen habe ich mich an mein ungeschminktes Gesicht so gewöhnt, dass ich es draußen ganz ungeniert zur Schau trage. Nicht im Sinne: "Is ja ooch allet egal" sondern auf die selbstliebende Art und Weise "So schlimm isses doch ga nich". Als eine meiner besseren Entscheidungen hat sich erwiesen, dass ich bei meinen gestrengen asiatischen Nagelkünstlerinnen nicht mal mehr "vonne wei" habe auftragen lassen, sondern schon seit Monaten auf Klarlack umgestiegen bin. Bei den Abstandsregeln sehe nur ich, dass die Nägel nur noch zu zweidrittel mit durchsichtigem Gel bedeckt sind. Das weißhaarige Großmütterlein allerdings, das schon in mir lauert, u.a. in Form von grauen Haaren, darf noch nicht raus. 

Nachdem ich heute in der FAZ gelesen habe "Und wie aus dem Nichts ein Schlaganfall" - einen Artikel über alles, was Corona in unseren Körpern anrichtet, wenn es sich für einen schweren Verlauf entschieden hat, ist mir kotzschlecht vor Angst geworden und da sind natürlich die oben beschriebenen äußeren Begleiterscheinungen des lockdowns ein Witz und nicht der Rede wert; wenn nicht sträflich gar, sie überhaupt zu erwähnen. 

Ich schlafe viel, ich esse viel, vor allem Flips. Der ADHS-Leihhund sorgt zwar für ausreichend Bewegung, aber als ich am Wochenende heimlich aufs Land gefahren bin, habe ich einen anstrengenden Spaziergang durch die Märkische Schweiz schon nicht mehr ganz so leichtfüßig hingelegt wie noch im letzten Jahr

Um ehrlich zu sein, habe ich mir die Hundeleine um den Bauch gebunden und habe mich vom Hund ziehen lassen. Das ist zwar eigentlich eine schlimme Unart von ihm, aber in diesem Fall war es meine Rettung. Denn meine Begleitung, von der ich mir eine "leichte" Wanderung ohne Berge gewünscht hatte, meinte "Hier gibt es doch gar keine Berge" und dass ich mich nicht so haben soll. Ich schnaufte zwei Stunden bergauf, bergab, habe aber letztlich überlebt. 

Bleibt alle schön gesund, da draußen.







Dienstag, 14. April 2020

Nachrichten aus dem Home Office

Zuerst dachte ich, ich lass das mal alles auf mich wirken.




Wie zum Beispiel jede Menge verrückte Frauen sichtbar wurden. Alte Frauen, die mich (mit Maske) auf der Straße anschrien, im Vorbeigehen, "Es gibt keinen Virus!", soso, dachte ich, hoffentlich hast du Recht. Verwirrte Frauen, die in der Bank (übermäßig dramatisch geschminkt, junge-Mädchen-Frisuren tragend) nicht in der Lage waren, eine Überweisung auszufüllen, jeden und jede ansprachen "Können SIE mir helfen?", gefährlich nah und ohne jede Rücksicht alles kontaminierten, was es halt in einer Bank anzufassen gibt - diese ältlichen Frauen also mit weit auf gerissenen Augen, verpeilt durch die Straßen schwankend - die gab es plötzlich zuhauf. Wo kommen die nur alle her, frage ich mich. 

Dann gab es plötzlich in meinem kleinen Wäldchen Völkerwanderungen, gibt es bis heute. Verstehe ich, ich rette mich ja auch täglich in die grün explodierende Zwitscherbude. Habe mir den Leihhund geholt, für eine ganze Woche war er bei mir, bei jedem Videocall lag er neben mir auf dem Boden, eine Weile, um dann den Versuch zu starten, irgendwie auf meinen Schoß zu kommen, dabei ist er viel zu groß und schwer und ich bin dafür wenig zu haben, wie ich feststellen musste. Nach 4 Tagen nannte ich ihn nicht mehr Leihhund, sondern Stalker und das meine ich nicht mal scherzhaft. Stalker mit ADHS Syndrom, denn er kommt nie zur Ruhe, außer er darf neben mir auf dem Sofa liegen.

Wie gerne wäre ich mit Martin Rüther befreundet, den hätte ich gerne mal gefragt, was es damit auf sich hat und wahrscheinlich hätte er mir klar gemacht, dass es ganz allein an mir liegt weil ich irgendetwas grundfalsch mache - wenn ich nur wüsste, was? 




Ich überlege seitdem nur noch halbherzig, dass jetzt eine günstige Zeit wäre, mir selber einen kleinen Welpen zuzulegen; nie wieder hätte man die Gelegenheit, in aller Ruhe einen kleinen Hund stubenrein zu bekommen, erste Erziehungsversche zu starten und ihn langsam daran zu gewöhnen, auch mal allein zuhaus zu bleiben. Aber wenn das dann auch so ein ADHS-Stalker wird, hätte ich den immer an der Backe.

Nach Corona werde ich sowieso viel öfter im Home Office bleiben - nicht weil ich das so schätze, sondern vor allem, weil das die Arbeitgeber zu schätzen gelernt haben werden. Ich selber finde HO inzwischen richtig doof und an manchen Tagen schleiche ich mich in meine Firma, die einem Geisterhaus ähnelt und erfreue mich an meinen beiden riesigen Bildschirmen und dem rückenschonenden Bürostuhl - die reinsten Glücksmomente sind das.Wer hatte das vor sechs Wochen geahnt? Da habe ich mir einen HO-Tag immer als Geschenk an mich gegönnt.

Was noch? Ich kann keine Nachrichten mehr ertragen. Ich bin mit Verdrängen beschäftigt und lese lieber gefühlige Abhandlungen zum Thema in ZEIT, SZ und FAS. Alles, was mit Zahlen, Fakten, Krankheitsverläüfen, etc. zu tun hat, wird ignoriert, denn all dieses Wissen setzt sich auf meiner ansonsten schon löcherigen Festplatte bombensicher fest und sollte ich dann doch erkranken, wüsste ich in einer Hundertstelsekunde alles, was mich nun erwarten könnte und in meiner kleinen hypochondrischen Welt wäre sofort ausgemachte Sache, dass ich sowohl spätestens als auch mindestens an der Intubation krepieren werde. Nein, Gedankenstopp, nichts ausmalen, die Energie folgt der Aufmerksamkeit. 

Was ich nun nie vergessen werde, ist dieses gleißend helle Licht, das seit dem Lock down jeden Tag scheint. Ich nenne das "Dallas-Himmel", weil mir schon damals beim Dallas-gucken bei Außenaufnahmen immer dieser grellblaue, wolkenlose Himmel aufgefallen ist mit extrem kalten Sonnenlicht und so ist das seit Mitte März auch über Berlin. Schon schön, diese Helligkeit, ich will mich nicht beschweren, es könnte für meinen Geschmack nur etwas weniger gleißend sein. Trifft man draußen jemanden, sieht man auch aus 2 Metern Mindestabstand jede Pore und Schlimmeres; es ist ein erbarmungsloses Licht.

Da ich keine Nachrichten mehr sehe, schaue ich Netflix. Netflix ist gar nicht so toll. Es ist selten mal wirklich Gutes dabei. Zwei Wochen habe ich alle Folgen von Mad Men noch mal geschaut, aus lauter Alternativlosigjkeit. Modisch bin ich seit jeher in die 60er Jahre verliebt; Anfang 70er geht auch noch. Bis auf Joan Harris, die Godmother aller Sekretärinnen, ist das Personal doch eher kotzbrockig angelegt, also musste ich mich auf die Kleider konzentrieren. 

Ja, und ich koche natürlich jeden Tag. Überhaupt esse ich sehr viel. Und ich muss viel putzen und aufräumen. Man schmutzt und flust die Wohnung ganz schön voll, wenn man 24/7 daheim ist. Meine Wohnung weiß gar nicht, wie ihr geschieht. Endlich wohne ich mal meine Miete richtig ab. Meinem Vermieter schrob ich einen freundlichen Brief, ob ich wohl während der Ausgangssperre wieder in den Garten darf, aber er antwortete, das sei "leider" nicht möglich und ich muss gestehen, da habe ich ihn verflucht. Ich möchte hier nicht in Einzelheiten gehen, aber eine Welle von ungeheurem Hass schwappte so über mich, dass ich nicht anders konnte. 

Eine zweite Hasswelle schwemmte mich beinah auf den Ozean, als ich hörte, wie ReWe, Aldi und Lidl ihre Kassiererinnen für die Mehrbelastung zu entlohnen gedenken: zwischen 100-250 Euro Essensgutscheine, also die Möglichkeit, für 100 -250 €uro im eigenen Laden einkaufen zu dürfen. Da wollte ich eine Weltrevolution vom Zaune brechen und jeder Kassiererin zurufen: Bleibt zuhause, lasst euch krankschreiben, dann können eure Bosse die sagenhaften Gewinne zur Abwechslung mal selber erwirtschaften! Ich war schon lange nicht mehr so sauer.

Ostern habe ich das Kontaktverbot gebrochen. Zu dritt auf einer großen Terasse bei 23 Grad - es war Verheißung und Erinnerung zugleich. Früher war das ganz normal und heute wissen wir nicht, wann wir jemals wieder diese Unbeschwertheit haben werden. 

Hier was Saugutes von Sybille Berg: Bankrotterklärung

Zum Schluss noch ein Hinweis auf diese Website
Mehr darüber zu lesen drüben bei Frau Nessy


Montag, 23. März 2020

Whats up, Corona?

Und wo gibt es das Beste zu lesen über Corona und den ganzen Rest? 

Natürlich hier - bei the one and only Glumm

Dieser Mann scheint eben doch ein Zwilling von mir zu sein: immer schreibt er alles haargenau so, wie ich es denke. Das ist auch gar nicht ausgeschlossen. Wir haben schon mal festgestellt, dass wir in unserer Kindheit mal zur selben Zeit an der Mosel waren - ich hoffe, ich durfte das verraten. Da gab es bestimmt einen Geschwistertausch; geplant oder versehentlich, man wird es nie erfahren.

P.S. Und sobald ich mal etwas weniger am Rechner sitzen muss als derzeit (und im Home Office sitze ich den ganzen Tag gebeugt vor meinem winzigen Laptop auf einem 10 Jahre alten Bürostuhl von IKEA - ich bin ein Wrack!) und ich die Kraft habe, etwas Geistvolles zu Papier zu bringen über den derzeitigen weltweiten Abenteuertrip, an dem wir alle gezwungen sind, teilzunehmen - dann mach ich das, so schnell ich kann. 

Im Moment verausgabe ich mich beim whatsappen - wobei ich immer öfter kurz davor bin, mein Handy im Schlachtensee zu entsorgen, so sehr hasse ich diese Flut an Nachrichten.

Vorläufiger Höhepunkt: Foto einer Kerze, Text dazu: Tausche dein Profilbild 24 Stunden lang durch die Kerze der Hoffnung aus. Die Kerze ist für alle an Covid 19 erkrankten. Sende sie an deine Freunde und dann sehen wir, wieviel Kerzen wir entzündet haben. 
 

Ich kotz im Strahl, dabei habe ich von Natur aus ein weiches, mitfühlendes Gemüt. Aber nachdem ich gestern schon um 21 Uhr aus dem Fenster gucken und klatschen sollte, hier im totenstillen, von Wäldlein umgebenen "Grab im Grünen" - die hätten gleich den Krankenwagen für mich geholt und niemand wäre auf die Idee gekommen, dass ich aus Solidarität applaudiere. Ich hab nix gegen Verbrüderung in schlechten Zeiten, aber ich bin strikt gegen Rosamunde-Pilcherisierung.


Bleibt hübsch gesund und fallt beim Fensterputzen nicht raus.

Das ganze Leben ist ein Witz (Corona Favourites)





Montag, 16. März 2020

In allerletzter Minute...

Mein liebes Mütterlein musste knapp 80 werden und eine Pandemie direkt vor der Tür stehen haben, bis sie sich endlich bereit erklärte, sich als Notfallpatientin auf die Gustloff zu begebenden OP-Tisch  zu legen, um sich einen Gallenstein herausoperieren zu lassen.
Seit mindestens 20 Jahren reden wir auf sie ein, sie möge sich doch bitte endlich die Galle entfernen lassen. No Chance. Nach jeder Kolik fand sie zu neuer Zuversicht zurück und schränkte ihre Essgewohnheiten noch weiter ein, um ihre Galle bei Laune zu halten. Letzte Woche nun das finale grande: nun aber wirklich unerträgliche Schmerzen, die sie tapfer eine Woche ertrug, um mir dann am Donnerstagabend mitzuteilen, dass sie ihren Krankenhauskoffer schon mal gepackt habe, ‚für alle Fälle‘. Nun, das waren alarmierende Töne – ich hatte so eine ungefähre Ahnung, dass es ihn nun saudreckig gehen muss.
Ich bat sie, mich sofort zu informieren, wenn sie beschließe, 112 zu wählen, sms reiche.
Aber nun ist es mit ihr schon immer so, dass sie die klassische Krisenkommunikation der totalen Geheimhaltung bevorzugt, die zum einen daraus besteht, keine Nachricht zu schicken und zum anderen, das Handy ganz auszuschalten. Also maximale Nichterreichbarkeit herzustellen. 
Ich wache also Freitag früh auf, gegen 6 Uhr, schreibe eine sms, ‚Wie war die Nacht?‘ – keine Antwort, kein blaues Häkchen, nichtmalzwei grauen Häkchen. Warte bis 7 Uhr, rufe auf dem Festnetz an. Keine Antwort. Ich warte bis 7:30 Uhr, rufe bei den Nachbarn an, die haben einen Schlüssel. Die irren durchs Haus, finden meine Mutter nicht. 
Ich rufe alle Krankenhäuser an, ‚Ach, ich hab sie schon, seit heute Nacht ist sie hier, auf Station 7, Moment, verbinde.‘
Werde verbunden, ‚Sie sind die Tochter? Kann Sie trotzdem nicht verbinden, ich sage ihrer Mutter Bescheid, dass sie Sie zurückruft. Nein, Auskünfte kann ich nicht erteilen.‘
Gegen 9 Uhr Anruf meiner Mutter, sie habe mir um 6 Uhr morgens eine sms geschickt, aber die sei nicht durchgegangen, im Krankenhaus sei das Internet wohl kaputt. Nun sei sie schon im OP-Hemd, gleich sei sie dran.
To be continued

23.3. Edit: es geht ihr bombig. 

Dienstag, 10. März 2020

Moribunde bei REWE

Mein guter alter Freund Bodo, seineszeichen Medizingerätetechniker und unbestechlicher Kritiker der gewinnorientierten Krankenhauspolitik und den damit einhergehenden unnützen Operationen, mit denen harmlose Menschen gequält werden, sagte mir entnervt: „Solange du nicht multimorbid und über 80 bist, hast du kaum eine Chance, an Corona zu versterben“. Einerseits beruhigend, andererseits steht da das Wort „kaum“. Tja. ‚Kaum‘ heißt nicht ‚ausgeschlossen‘. 

Ich komme gerade von einem weiteren Hamsterkauf zurück. Ich habe schon eine XXL Packung Klopapier, 3 Beutel Reis, 5 Beutel Nudeln und 2 Tiefkühl Pizzen – das ist weit über das hinaus, was ich üblicherweise im Hause habe. Ich bin eher so auf effizienten Verbrauch aus – Clean-Desk-Prinzip in der Küche – nicht auf’s horten. Im Moment lerne ich das aber ein bißchen. Ich habe auch 20 Eier jetzt. 

Einzig Wasserflaschen in rauen Mengen in meine Wohnung zu schleppen konnte ich mich bisher nicht motivieren. Ich hoffe, dass die Krise nicht so schlimm wird, dass die Techniker bei den Berliner Wasserwerken nicht mehr in der Lage sein werden, meinen Wasserhahn zu befüllen. 

Wir haben jetzt einen Corona Fall in der Firma, aber unsere Corona Task Force (hat jetzt fast jeder) findet nicht, dass wir deshalb alle ins Home Office gehen sollen. Ist ja verständlich: bisher waren pro Tag vielleicht 10 Leute im Home Office. Auf 500 Leute ist die IT-Struktur gar nicht vorbereitet. Und das würde nix anderes bedeuten als Netflixen auf Firmenkosten. Da schreckt die Task Force noch vor zurück.

Seitdem ich davon gehört habe; also von dem Corona Fall, geht es mir stündlich schlechter, aus Solidarität, glaube ich. Seit einigen Stunden habe ich Halsschmerzen und hoffe, dass ich nicht vielleicht doch multimorbid bin. Über 80 kann ich schonmal mit Sicherheit ausschließen; immerhin.
Eine Sorge weniger.

Sonntag, 1. März 2020

Corona und Menopausen-Demenz

Wer hier schon länger mitliest, weiß, dass ich auf höchster Alarmstufe bin. Aber eben nicht lange genug. Ich habe keine FFP3-Masken mehr ergattert, sondern nur diese grünen, nutzlosen Dinger, die höchstens bewirken, dass ich mich in meinen eigenen vier Wänden keinen unnötigen Gefahren aussetze, falls mal draußen ein Briefträger vorbeifährt oder so. 

Bin also recht spät auf den Zug aufgesprungen, wobei - wie mir eine Apothekerin erzählte - die Masken in "ganz Deutschland" von "Chinesen ausgekauft" wurden und direkt weiter nach China geschickt wurden. Ich hatte im Grunde keine Chance.

Nun ja, dachte ich, kauf' ich wenigstens genügend Futter ein, falls ich mich ins Home Office zurückziehen muss. Dann will ich gewappnet sein und nicht hungern müssen. Und nun kommt meine Demenz ins Spiel: Mensch, denke ich, Olivenenöl, das nimmste mit, wer weiß, vielleicht musste sogar kochen in Quarantäne. Komm' nach Hause und schau an: denselben Gedanken hatte ich beim letzten Einkauf auch schon. Toilettenpapier habe ich in ungeheuren Mengen. Also, da kann ich ganz viel Duchfall kriegen, das macht nix, ich bin gewappnet. 

Getränke widerum hatte ich keine Lust zu schleppen. Das Wasser kommt aus der Leitung, ich hoffe, das bleibt auch so und um das aufzupeppen, werde ich mir literweise Früchtetee kochen - ich trink doch so gerne rote Sachen. 

Meine beste Freundin kommt demnächst nach Berlin und ich habe sie heute gefragt, ob sie sich das vielleicht noch mal überlegen will. Zu spät, meinte sie, ich habe die Tickets schon bezahlt. Eine amerikanische Kollegin warnte sie auch schon eindringlich vor einer Reise nach Deutschland, weil das Gerücht umgehe, die USA werden in absehbarer Zeit keine Deutschen (und wahrscheinlich auch sonst niemanden) mehr einreisen lassen.  

Am Freitag übrigens blieb ich daheim, weil mich Glieder-und Halsschmerzen (O o) plagten und beschloss, mich umgehend gesundzuschlafen, was mir tatsächlich auch gelang. Schon Samstagmittag tätigte ich weitere Hamsterkäufe (grünes Pesto hatte ich schon und Butter auch) und holte mir entschlossen den Leihhund, weil der mich Anfang letzten Jahres schon vom Bandscheibenvorfall heilte, innert drei Tagen und exzessiven spazierengehens mit dem Hund war ich vollständig genesen. Also wird das bei Corona Schnupfen auch helfen, und was soll ich sagen? Das Tier weckt meine Selbstheilungskräfte. 

Fazit: ich kaufe jetzt besser nichts mehr ein. Beim Lidl waren die Regale sowieso schon leer. Noch mehr Teelichter brauche ich wirklich nicht.

Sonntag, 16. Februar 2020

Augen auf beim Autokauf

Neulich wollte ich mir ein neues Auto kaufen. Das alte 15 Jahre alt, mit zunehmenden Zipperlein evtl. nicht mehr ohne größere Invesition durch den TÜV zu bekommen.

Nun gibt es vier drei Dinge, die in meinem Leben immer klappen: Parkplatz vor der Tür, Autos, Jobs und Wohnungen. Also sah ich mir zwei Autos an, die alles hatten, was ich wollte. Beim Besichtigungstermin stellte sich heraus, dass TÜV nicht nur nicht neu ist, sondern gar nicht vorhanden, jedoch für 130 € zu erwerben sei. Die Sitzheizung gibt es doch nicht und Gewährleistung nur, wenn ich 1.000 € mehr bezahle. Bei dem anderen war "das Radio" kaputt - in diesem Fall der komplette Bordcomputer mit Navigationssystem. Invesition: 700-1000 €. 

Frustriert schaute ich im Internet nach anderen Autos. Früher, da bekam man beispielsweise Opel Corsas hinterhergeschmissen. Oder so lütsche Japaner. Tja, nix bekommt man mehr hinterhergeschmissen. Beim Autokauf herrscht auch Gentrifizierung. Ich gab meinen Plan, ein Auto zu kaufen, wieder auf.

Meine olle Möhre stand aber schon am Straßenrand, mit einem Verkaufsschild ausgestattet und am selben Abend bekam ich einen Anruf von einer Dame. Sie sei die Frau, von der ich vor fünf Jahren mein Auto gekauft habe. Nein, sage ich, das habe ich von einem Mann gekauft. Ich weiß, sagte sie, der hat es von mir gekauft und hatte es zwei Tage später für 500 € mehr wieder an die Straße gestellt (Mir hatte er damals erzählt, er hätte es von seiner Omma).

Ihr Gatte habe im vorbeifahren zufällig gesehen, dass ihr altes Auto wieder zum Verkauf angeboten werde und da wollte sie mich fragen, ob ich zufällig ein Neues brauche, denn sie wolle nun wieder ihr Auto verkaufen und da wäre es doch "sehr witzig", wenn ich es wieder kaufen würde, oder?

Ja, sage ich, schon witzig, was soll er denn kosten? Sie nannte einen Preis, der mein Budget überschritt. Bedauernd beendeten wir das Telefonat, denn dieser Wagen hatte wirklich alles, was ich wollte.

Dann dachte ich an die zwei Schlawiner, die mich übers Ohr hauen wollten. Der nicht mehr vorhandene Markt für preiswerte Kleinwagen. Meine womöglich vollkommen überholte Einschätzung, was "preiswert" heutzutage bedeutet. Mein Bedauern, dass sich die ganze Welt Neu- oder Jahreswagen leisten kann, nur ich nicht.

Abends rief ich die Dame noch mal an. Sie war hocherfreut und meinte gleich, sie habe mit ihrem Mann gesprochen, sie sei bereit, 1.000 € mit dem Preis runterzugehen. Das war zwar immer noch über meinem Budget, aber ich hatte unterdessen nachgeschaut, was ihr Wagen im Netz kosten würde. Immerhin nur 15.000 km runter und erst 6 Jahre alt; sowas ist in meiner Welt ein Neuwagen. Das Netz sieht das ausnahmsweise ähnlich: sowas von außerhalb meines Budgets! Da verzichtet sie auf eine Menge Geld, weil sie es witzig findet, dass ich erneut ihren Wagen kaufe - aber des Menschen Wille ist sein Himmelreich.

Beglückt sagte ich nun zu, verkaufte meinen alten an einen Herrn, der zwar bei der Probefahrt mein Herz brach, weil er das Auto im ersten Gang bis kurz vor'n Motorschaden und auch den zweiten Gang bis Anschlag trat und erst dann mit 45 kmH durch die Straßen juckelte - sich also als der typische unfähige Autofahrer erwies, der mangelndes Fahrvermögen durch äußerst ruppiges Anfahren wettzumachen versucht - aber es ist nicht mehr meine Sorge, dass er es auf diese Weise nicht mal mehr bis zum TÜV schaffen wird. 

Gestern war der Tag gekommen. Ich fuhr zu der Dame, machte eine Probefahrt, ich begeistert an der Grenze zur Schnappatmung. Dann bat sie mich nach oben in ihre Wohnung, um den Vertrag zu unterschreiben. Ihr Gatte ebenso freundlich wie sie. Eine Stunde saß ich bei den beiden, angeregt plaudernd, uns gegenseitig Sympathie versichernd und ganz ehrlich: die beiden sind wirklich richtig sympathisch.

Wir bleiben in Kontakt. Denn wenn sie in fünf Jahren ihren wieder verkauft, wäre es doch schön, wenn ich ihn wieder kaufen würde, meint sie.

Die beiden hat mir der Himmel geschickt.

Donnerstag, 6. Februar 2020

Thüringen. Setzen, sechs.

Dunnerlüttchen, da haben sich FDP und CDU aber komplett zerlegt und das an nur einem Tag. 

Mir immer wieder rätselhaft, wie instinktlos Menschen agieren. Ohne gesunden Menschenverstand, ohne Scham und ohne jedes Anzeichen von Weitsicht, dass sie just in dieser Minute gesellschaftlichen Selbstmord begehen bzw. sich jeder Ehre berauben, auf alle Zeiten. Und nicht nur sich selbst: zwei Parteien gleich den Genickbruch mitgeliefert - weil seit heute jeder weiß, wes Geistes Kinder die Diäten einstreichen.

Hoffe, die FDP ist ein für allemal erledigt. Wurde auch Zeit. Kubicki gratuliert, Lindner auch - wem so ins Hirn geschissen wurde, soll sich ein anderes Hobby suchen. AKK und Mohring ebenso. Dass die unsereiner für so doof halten, nicht 1 und 1 zusammenzählen zu können,  das ist fast das Schlimmste. 

Und ihren Familien machen sie auch den Garaus. Wie ich lese, mussten Kemmerichs Kinder heute mit Begleitschutz in die Schule. 

Nun, andere werden zum Thema weitaus Schlaueres schreiben. Haben sie schon.


Freitag, 31. Januar 2020

Irgendwas mit Sex...

...im Titel und schon bekommt man Klicks ohne Ende. Sorry, musste ich gleich nochmal versuchen. 

Natürlich bekommt man hier nüschte geliefert, was irgendwie mit Sex zu tun hat (ausgenommen skurrile Begegnungen mit notgeilen Waschmaschinenverkäufern), sondern höchstens was mit Ellenbogen - meine allerneueste Malaise, seitdem ich kurz vor Silvester etwas Schweres heben wollte. Nach fast vier Wochen bin ich dann doch zum Arzt, der mir eine Schulter-Orthese verschrieb (Gips gibt's heutzutage nicht mehr), in der Hoffnung, dass Ruhigstellung hülfe. Natürlich schnalle ich das Dingens ab, wann immer ich den rechten Arm brauche, also kann von einer Heilung kaum Rede sein. Mal sehen, wie sich das entwickelt. 

Seit einiger Zeit übrigens mache ich eine einjährige Ausbildung zur Mediatorin und seitdem habe ich haufenweise Konflikte und die dazugehörigen Konfliktgespräche - eine erstaunliche Koinzidenz, wie ich finde. Nur unser Trüppchen Zertifizierungswütiger zukünftiger Mediator*innen ist sich in schönster Harmonie einig, dass der Tag noch fern ist (und vielleicht nie kommen wird), an dem man uns auf die Menschheit loslassen sollte. 

Unsere Trainerin ist auch ausgebildete Schauspielerin, also Darstellerin aller Arten durchgeknallter Kunden (=Medianten) und dann sitzen wir staunend vor ihr und sollen sie mit 'aktiven Zuhören' wieder einfangen ("Ich höre, Sie sind wütend" - wenn mir jmd so einen Satz sagen würde, wenn ich gerade sauer bin, spielte der im Prinzip mit seinem Leben. Wird nur noch getoppt von "Lass alles raus", wenn mir mal nach heulen zumute ist. Nichts stoppt Tränenfluss wirksamer als übereifriges Zurschaustellen von Empathie). 

Anyway, die sieben Tage an der Ostsee über Silvester haben mich wieder zur Leseratte gemacht und nachdem ich alle vier Bücher von Joachim Meyerhoff (ausnahmslos empfehlenswert) gelesen habe, bin ich jetzt zu den Mitford Sisters zurückgekehrt. Es gibt sowohl himmlische Romane von Nancy Mitford, als auch haufenweise Sekundärliteratur über jede einzelne Schwester. Im Moment habe ich Unity Mitford am Wickel, die wohl die Verrückteste von allen war, aber lest selbst:

Michaela Karl: "Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an."

In dem Kaff, aus dem ich komme, hatten meine zwei Schwestern und ich übrigens auch einen gewissen Ruf, aufgrund unserer damaligen extremen Niedlichkeit und als wir alt genug waren, in der Szene aufzutauchen, war das zwar kein Debütantinnenball in London, aber doch auch aufsehenerregend und tatsächlich wurden relativ zeitgleich auftauchende Schwestern nach ihren Nachnamen tituliert und dann hatte man es als Mädchen quasi in den kleinstädtischen Olymp geschafft. "Die Haas-Schwestern" oder "die Pompe-Schwestern" - ein Ruf wie Donnerhall. Meiner mittleren Schwester war das übrigens schnuppe; sie ging und geht zeitlebens früh ins Bett, während ich die Nächte durchtanzte. 

So, nun ist der Januar auch schon wieder rum. 


Freitag, 17. Januar 2020

Der sexbesessene Kühlschrankfachverkäufer



Wenn ich gewusst hätte, was mich erwartet beim Kühlschrankkauf, hätte ich mir schon mal vorab einen Twitteraccount zugelegt, # Age doesn't matter: me too

Seit Tagen frequentiere ich einschlägige Geschäfte auf der Suche nach einem neuen Kühlschrank und gestern landete ich in einem riesigen Möbelhaus, sehr erfreut über die große Auswahl, die gähnende Leere und den gut sichtbaren Verkäufer, der still an seinem Platz saß.


Ich schlendere also an den Kombigeräten vorbei, inzwischen fachlich versiert, mit einer gewissen Anerkennung für easy-slide-Einlegeböden, Fresh-Zones und No-Frost-Gefahr. Ja, man kann sagen, mir macht keiner mehr was vor.




Der etwas zu klein geratene Verkäufer sprang behende auf und fing an, mich fachmännisch zu beraten, auf eine gerade noch angenehm eifrige Art. Ich schöpfte keinen Verdacht und hielt ihn für einen ganz arglosen Menschen; so wie ich im Prinzip auch einer bin sein könnte. 

Irgendwann stand ich vor einem Retro-Gerät, das das Gefrierfach leider oben statt unten hatte und ich murmele: "Ach nee, ich möchte es beim Einräumen lieber komfortabel haben."

Das scheint eine Initialzündung für den Verkäufer zu sein, er wendet sich mir vertaulich zu:

"Aber wenn Sie sich bücken und nicht mehr hoch kommen und Ihr Mann steht hinter Ihnen, dem läuft ja dann schon richtig der Sabber aus dem Mund. Das hat auch seine Vorteile."

Ich tu mal so, als ob ich das nicht gehört habe und gehe weiter zum nächsten Gerät. Er folgt mir eifrig.

"Neulich, da war so ein altes Ehepaar hier, bestimmt schon 70 und dem Mann habe ich das auch gesagt, dass er kein Viagra mehr braucht, wenn seine Frau sich vor dem Kühlschrank bückt. Da kann er dann mal so richtig zupacken."

Irritiert gehe ich weiter, er nun in Fahrt und nicht mehr zu stoppen. 

"Ich hatte mal eine ältere Frau hier, bestimmt 75, die meinte zu mir, dass ich ihr doch den Kühlschrank persönlich bringen soll. Hab ihr geantwortet: 'Wissense, Sex könn'wa auch gleich hier haben.' Jetzt kommt die immer einmal die Woche und jammert, wann ich denn endlich mal zu ihr komme. Aber wissen Sie, bei dem Alter ist das nicht so interessant für mich. Also, wenn jemand wie Sie mir so ein Angebot machen würde, ja daaaa wäre ich aber ganz schnell dabei!"

Nun gibt es ja drei Möglichkeiten für eine Frau, das richtig einzuordnen:

  1. Der Verkäufer lebt in einem Paralleluniversum und glaubt, dass Frauen in einem gewissen meinem Alter sich über jede Anmache derart freuen, dass er das für ein verkaufsförderndes Argument hält.
  2. Der Verkäufer ist von dem Gedanken besessen, dass er unter den Kühlschrankfachverkäufern Berlins eine Art Sexbombe ist und keine Frau ihm widerstehen kann.
  3. Der Verkäufer ist ein entflohener Insasse und darf im Grunde gar keine Kühlschränke verkaufen. 

Daher bin auch nicht vom Donner gerührt über den schwachköpfigen Inhalt seiner Ausführungen, sondern darüber, dass der Mann überhaupt auf die Idee kommt, derlei - zumal auch noch im beruflichen Kontext - abzusondern. Ich wüsste gar nicht, was ich für Drogen nehmen müsste, um zu glauben, dass das ein kundenbindender Flirt wären. 

Natürlich mache ich bei so einem Wicht keinen Aufstand; das würde auch zu nichts führen, außer dass sein Rollenprofil in Sekundenschnelle vom servilen Schleimer zur beleidigenden Leberwurst wechseln würde.

Als ich den Laden verlasse, wende ich mich kurz an den Info Counter und sage:
"Ihr Kühlschrankfachverkäufer ist freundlich, versteht sein Metier, ist aber leider sehr anzüglich." Die Dame fängt an zu lachen "Ach, der Herr Müller, so kennen wir ihn!" Ich ziehe nur meine linke Augenbraue hoch. Sie hört auf zu lachen. "Ich rede mal mit ihm." Ich nicke langsam und beuge mich ein wenig vor "Tun Sie das. Käme keine Minute zu früh." Drehe mich um und gehe, ohne Kühlschrank.


Montag, 6. Januar 2020

In Stettin

Ein Haus, gewappnet für die bevorstehende Heißzeit
  
Wenn man schon mal am Stettiner Haff ist, kann man ja gleich nach Stettin fahren. Die Stadt soll ja so schön sein, wird geraunt. Als wir ankommen, machen wir uns sogleich auf die Suche nach der Altstadt, was in unserem Vorstellung bedeutet: schöne alte Gemäuer kombiniert mit einer pittoresken Shopping-Fress-Meile auf einer Länge von einem Kilometer alles hübsch beisammen. 

Wir suchten uns einen Wolf, kamen an mächtigen Kirchen vorbei, die leider durchgehend geschlossen waren. Hin und wieder stand auch ein altes, mächtiges Gebäude des Weges, jedoch eng von hässlichen Plattenbauten eingerahmt. Architektonisch ist diese Stadt ein weitestgehend geschmackloses Konglomerat. Einkaufsstraßen fanden sich gleich gar nicht, was zunächst mal kein Fehler sein muss, dafür aber andere umherirrende deutsche Silvester-Touristen, die die Altstadt auch nicht fanden. 

Bis auf die sehr sexy junge Bedienung (darf ich das so sagen? Unsere mitreisenden Zausel jedenfalls belebten sich), die uns sehr freundlich ziemlich tolles Essen servierte, war der einheimische Menschenschlag noch mürrischer als vor 10 Jahren der Mecklenburger. Fast meinte ich offene Verachtung zu spüren, was mich irritierte, das muss ich zugeben.  

Eins ist in Stettin aber wirklich toll: die haben eine rote Linie auf sieben Kilometern Bürgersteig gemalt und wenn man der folgt und dabei den dazugehörigen Stadtplan in der Hand hält, sieht man alle Sehenswürdigkeiten und kann sich zudem nicht verlaufen. Leider ist uns das erst aufgefallen, als wir schon 90 Minuten im Blindflug umhergeirrt waren; denn wir sind noch nicht in dem Alter, in dem wir uns auf einen halbtägigen Städtetrip "vorbereiten". Ganz schön blöd. 

Wenn es Sommer gewesen wäre, hätten wir uns glücklich am Hafen niedergelassen und das Treiben beobachtet. So latschten wir fünf Stunden über Stock und Stein, mussten aber im Parkhaus nur 11 Sloty zahlen (= 2,75 €). Alles andere ist aber genau so teuer wie bei uns.

Stettin war (ist?) eine Hansestadt - der Kutter beweist es


Es hat auch hübsche Torbögen am Hafen

Vielversprechende Kirchen, aber...

... alle waren geschlossen.

Mittwoch, 1. Januar 2020

Emilie, wo bist du?


Gestern frönte ich meiner Liebe zu Spaziergängen über Friedhöfe und auch in dem winzigen Kaff in Mecklenburg Vorpommern gibt es einen.

Dieser Grabstein hier lässt manch Frage offen:

1. Lebt Emilie etwa immer noch und haben wir es somit mit einer gänzlich unbekannten, störrisch am Leben hängenden 127jährigen Mecklenburgerin zu tun, die ich zufällig entdeckt habe?
2. Oder hat Emilie in den frühen 60igern, kurz nach Wilhelms Dahinscheiden, noch mal ein neues Glück gefunden und liegt nun begraben in einem anderen Dorf oder womöglich gar in Übersee?
3. Gab es gar ein postmortales Zerwürfnis der beiden Eheleute - bspw eine Geliebte von Wilhelm, die sich zu erkennen gab und Emilie zum Entschluss brachte, Wilhelm allein in seinem kühlen Grab versauern zu lassen?
Noch irgendwelche Vorschläge?

Wie ging es nach dem Spaziergang weiter. Hm, wir mussten uns verkleiden, denn zum geplanten Gelage hatten wir uns für ein Krimidinner bereit erklärt. Das haben wir schon mal vor drei Jahren gemacht, als wir ein einsam gelegenes Försterhaus im Harz gemietet hatten. Damals allerdings war die Spielleiterin eine vom Spiel Besessene und daher kundige Frau, die uns sicher durch den Abend führte. Es gab viel Gelächter, als wir den Mörder identifizierten: Jose, ein zunächst als Don Juan agierender Schwerenöter, der sich zum Ende hin als ein vom Leben frustrierter Gynäkologe erwies, der praktisch zum Mörder werden musste.

In diesem Jahr bekam der genervte Spielverweigerer die Aufgabe, das Spiel zu leiten. Ein Fehler, wie sich rasch herausstellen sollte. Wir saßen in unseren dämlichen Kostümen (ich war die Häuptlingsschwester Hantaywee) am Tisch, lasen in unseren Anleitungen und das meist genutzte Wort des Abends war „Hää?“ Der Spielleiter vergaß stets, uns Anweisungen zu geben, wofür er einiges an Beschimpfungen zu erdulden hatte, die seine ohnehin gereizte Stimmung nicht eben hob. Ich nehme an, in ein, zwei Jahren wird er drüber lachen können.

Euch allen roaring twenties