Dienstag, 8. Dezember 2015

Mama 4.0

Seit meine Mutter mein altes Smartphone bekommen hat, hat sich die Frequenz unserer Kontaktaufnahmen vom wöchentlichen Telefonat zu fast täglichen kurzen Nachrichten gesteigert. Man kann sagen, sie lässt mich an ihrem Leben teilhaben. Das war ja auch so gedacht. 

Sie schreibt Emails, verziert mit Smileys und Blümchen, als ob sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht hat. Einzig die Leerzeichen-Taste hat sie noch nicht gefunden - eine völlig neue Definition von Fließtext, aber Rom ist auch nicht an einem Tag erbaut worden.

Als sie erwähnte, dass diese Mini-Tastatur doch ein bißchen anstrengend ist, war sie reif für die nächste Stufe. Ich kaufte ihr ein Tablet. Und natürlich musste ich es ihr vor Weihnachten schenken, damit sie es auch bedienen kann - dieses Jahr feiert sie in Niedersachsen und ich in Berlin.

Als sie zur Huldigung des Babys eintraf, überreichte ich ihr das Geschenk. Sie protestierte traditionsbewusst, es sei noch nicht Weihnachten. Ich so: "Widerstand ist zwecklos." Sie packte es aus und fing an zu jammern, sie habe sich doch gerade an das Smartphone gewöhnt, was das jetzt wieder soll, sie wolle das nicht. "Das Smartphone wolltest du auch nicht und jetzt kannst du gar nicht mehr ohne, oder?"

Ich erklärte ihr die Funktionen, sie saß seufzend neben mir, angespannt und unwillig und ich bekam schon langsam Angst, dass ich sie diesmal nicht überzeugt bekomme. Erst als ich ihr Sudoku und Kreuzworträtsel runterlud, war das Eis gebrochen. Sie fing sofort an zu spielen und als wir später einen Film sahen und ich in der Werbepause auf dem Balkon rauchte, sah ich gerührt, dass sie sich auf Sudoku konzentrierte.

Am nächsten Morgen bat sie mich, ihr zu zeigen, wie sie auf die Website "mit der Baumpflanzung" kommt (vor einigen Jahren hat sie mit alten Mitschülern auf dem Schulhof feierlich einen Baum gepflanzt und damit hat sie es sogar in die Zeitung geschafft - wie das so ist in einem Kaff, da bekommt früher oder später jeder seine 15 Minuten Ruhm). 

Als ich ihr das Tablet rüberreichte mit den Fotos der Baumpflanzung, rief sie begeistert aus:
"Das ist ja toll. Dann kann ich jetzt auch prüfen, ob Opa in der Waffen SS war!"
"Mama???"
"Ja, ich hab einen Waffenschein gefunden in seinen alten Unterlagen."
"Waffen SS?"
"Ich weiß auch nicht, ob das was zu bedeuten hat, aber das werde ich prüfen."
"Waffen SS?"
"Reg dich nicht auf, ich werde das prüfen."

Opa Berlin, der mir zwar nie ein goldenes Kleid geschickt hat, aber doch von vornehmer Noblesse umweht war, der soll in der Waffen SS... Familiengeheimnisse, die die Welt nicht braucht. Bisher wusste ich von ihm nur, dass er der Chef meiner Oma war und meine Mutter demzufolge ein "Kind der Liebe" ist, was zwei Scheidungen nach sich zog. Er wollte meine Oma dann heiraten, sie stattdessen lieber einen anderen Mann, von dem sie sich dann auch wieder scheiden ließ und fortan mit ihrem Liebhaber, Onkel Heinz, zusammenlebte, der ein Faible für Laubsägearbeiten hatte. 

Ein Kennenlernen von Vater und Tochter fand erst statt, als meine Mutter schon über dreißg war. Wenige Jahre später starb er auch schon, er war sehr viel älter als das Luder die femme fatale meine Oma. Aus meiner Sicht hatte sie so gar nichts von einer männermordenden Circe, ehrlich gesagt, hatte sie eine starke Ähnlichkeit mit Hans-Dietrich Genscher. Sie ließ sich von uns Kindern geduldig die Haare 'frisieren', bis sie kreisrunden Haarausfall bekam und flößte uns Eierlikör ein, wenn wir bei ihr schliefen. Bis heute das einzige Gesöff, zu dem ich mich ab und zu hinreißen lasse. Ich schulde ihr noch 10 Mark, die hatte sie mir geliehen und winkte mir hinterher, eine Woche später war sie tot, plötzlich und unerwartet.

Zurück zum Thema: Schon auf der Rückfahrt ins Kaff bekam ich mehrere Wasserstandsmeldungen meiner Mutter und seitdem weitere 30 Mails. Ich denke, sie hat sich schon angefreundet und wird sich jetzt in die düstere Vergangenheit der Republik in Bezug auf meine Herkunftsfamilie vertiefen. Bin gespannt, was sie herausfindet.

Kommentare:

  1. Ich muss meinen Vater anrufen, wenn ich in Bezug auf Internet, Rechner, Netzdingsbums irgend etwas wissen will. Er weiß es bestimmt, ich weiß nix.

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    1. Wie alt ist dein Vater? 35? :-)

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    2. Wird 60. Und ich werde in der Beziehung wohl 90 nächstes Jahr^^

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  2. Mach Dir nix draus.
    Ich habe viele Freunde ( Jahrgang 6x ), bin selber 1961,
    deren Väter ( Jahrgang 27/28 ) zur Waffen SS sind.
    Um nicht zu sagen einige, meiner ja auch.
    Mein alter Herr war noch nicht mal 16, als er sich meldete.
    Das war damals so !
    Das waren die coolen, in Ihren schwarzen Uniformen.
    Da wollte man dazu gehören.
    Was werden die Leute in 60 Jahren über Uns sagen ?
    Hätte Ihr mal mehr gegen TTIP gemacht, Ihr Pfeifen.
    Total Indoktriniert durch die Medien.
    Keinen eigenen Kopf. Alle total lasch.
    Dem Teufel Mamon gefolgt.
    Nur noch in'n Smartphone gestarrt und die Welt um Euch rum ging vor die Hunde.
    Na ? Ist das besser ?
    Wir bringen keine Juden mehr um, dafür lassen Wir zu, daß andere Völker zu Hunderttausenden verrecken.
    So what ???????????????????????????????????????????

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    1. Ganz ehrlich? Ich bin der festen Überzeugung, dass auch schon damals Leute Grips hatten. Und die welchen hatten, haben sich nicht zur Waffen SS empfohlen.

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    2. Völlig richtig.
      Ein Dieter Hildebrand, Jahrgang 1927, hatte laut eigener Aussage schon damals seine eigene Meinung.
      Ein Günter Grass, auch Jahrgang 1927, bestimmt kein Depp, Waffen SS und so........
      Die Leute waren 1944 gerade mal 17 !
      Wenn ich mir überlege, was für einen Scheiß ich in dem Alter alleine gedacht habe, ganz zu schweigen von dem, was dann tatsächlich zur Tat wurde.
      Ich möchte nicht richten, aber auch niemanden von seiner Verantwortung freisprechen. Klar.
      Schauen Wir lieber auf das, was Wir jetzt tun und vor allen nicht tun !.
      Themen gibt es genug.

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    3. Lassen wir mal Kinder von 17 Jahren außen vor. Die wurden zum Schluss verheizt. Aber in den Jahren davor, da haben sich Erwachsene angeschlossen, und ich bleibe dabei: Die hatten keinen Grips. Wer denkt, er sei cool dank Zugehörigkeit zu einer militärisch-martialisch verkleideten Peer Group, ist ein besonders armes Würstchen. Deshalb ist er ja auch so froh, endlich selber Angst und Schrecken verbreiten zu dürfen. Das war damals so und ist heute nicht anders.

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  3. Mein Vater schafft es inzwischen auch mir emails und sms zu schicken. Heute kam ein handschriftlicher Brief, mit ein bisschen privaterem Inhalt, weil die "NSA mitliest".

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    1. Womit er ja nicht ganz unrecht hat :-)
      Ein Fuchs...

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  4. Hach, was wären meine einsamen Tage hier im Büro ohne deine Einträge....You made my day! Wieder einmal!

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