Dienstag, 14. Juni 2016

Ein Chef geht seinen Weg

"Druck mir das mal aus" 

Mal schreibt er mir das, mal brüllt er über alle Flure, mal ruft er an, oder noch schlimmer, kommt in mein Büro und sagt's mir persönlich. Manchmal schreibt er mir das lange nach Feierabend, ich solle das hier morgen ausgedruckt auf seinen Tisch legen, oder ich schicke ihm etwas, was er braucht und postwendend kommt die Antwort, bitte ausdrucken, in Farbe. Höhepunkt: eine Mail gegen 21 Uhr, im beleidigten Tonfall "Das hier musste ich mir eben selber ausdrucken", die Leberwurst stört mich beim Doppelkopf mit seinen Pamphleten, ein Diensthandy verfolgt dich überall. 

Ich schwöre, wenn ich noch einmal was ausdrucken soll, kann ich für nichts mehr garantieren. Dann schließe ich mich der Achse des Bösen an. Dann ist kein halten mehr. Polen offen. 

Die Herrlichkeit sitzt in seinem Zimmer direkt neben seinem eigenen Drucker, er braucht nur den Arm auszustrecken. Den eigenen Drucker hatte er sich gewünscht und bekommen. So wie das Flipchart. Den Beamer. Das Smartboard. Nur die Nespresso nicht. Ich hingegen brauche kein Lauftraining mehr, weil ich durch Flure und Räume rasen muss, damit er das Gefühl hat, er sei auch weiterhin der große Entscheider.

Ich bin die einzige, der er noch was zu sagen hat. Das Spiel ist aus, ein paar Wochen noch, vielleicht ein paar Monate, bis der designierte Neue kommt. Sie haben ihn komplett abgeschaltet, oder, wie ich es treffender finde: enteiert. Seitdem hat sich der Papierverbrauch in unserer Abteilung drastisch gesteigert, obwohl er nichts ausdrücken müsste, PdFs kann man auch hübsch auf dem Ipad lesen, aber darum geht's ja nunmal nicht. 

Hier kämpft ein Mann um seine Reputation, er muss sich und aller Welt beweisen, dass er führen kann und führen muss und wenn's irgendwie geht, auch weiterhin führen wird. Und wenn niemand mehr zum führen da ist, wird die Tippse geführt bis der Arzt kommt. Solange es eben möglich ist. 

Ich selbst habe viel zu tun. Ich muss mich konzentrieren. Während also im Chefzimmer unter lautem Gelächter und jugendlichem Gegröhle das Feierabendbier genossen wird, was eigentlich gar kein Feierabendbier ist, sondern ein Kernarbeitszeit-Bier, sitze ich in meinem Zimmer und saufe ab in Arbeit, was ich prinzipiell nicht schlimm finde. Nur werde ich nicht gern gestört dabei. 

Jedes Mal, wenn ein weiterer Druckbefehl an mich geschickt wird, steigt mein Hass ins Unermessliche, weil ich zig mal herausgerissen werde aus komplizierten Exceltabellen oder Ablaufplänen, die ich erstelle. Während ich den Fotografen buche und dem Moderator ein Briefing schreibe, kommen neue Mails, der Einfachheit halber ohne Anrede, das ewig gleiche "Druck das mal aus". 

Neuerdings beweist er seine Kernkompetenz auch in anderen Dingen. Ein paar Jahre zu spät zwar. Aber erst wenn man etwas verloren hat, wird einem klar, wieviel es einem bedeutet. Das geht so einem Manager auch nicht anders. Also sitzt er plötzlich mit in Besprechungen und schwadroniert sinnbefreit über Inhalte meiner Arbeit, von der er in Jahren nichts begriffen hat. Ich sitze daneben und rolle hinter geschlossenen Lidern mit den Augen, ich habe es zu einer gewissen Perfektion gebracht damit. 

Er versucht den Eindruck eines großen Leaders zu hinterlassen. Aufgrund völligen Fehlens ir-gend-ein-es substanziellen Wissens erntet er staunende bis ungläubige Blicke, in die er blitzschnell sprachlose Bewunderung hineininterpretiert. Er schwafelt hanebüchenen Unsinn und ist ganz mit sich im Reinen.

Aber ich, ich stehe kurz vor der Einweisung. Wenn ich clever wäre, könnte ich von ihm lernen.

Mehr gefällig? Hier entlang.

Kommentare:

  1. Danke, erlebe ich auch gerade
    Ich muss nur nix ausdrucken :-)

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  2. Ich leide schon beim Lesen mit.. hoffen wir der Neue bringt es! Sich und andere beschäftigt halten, auch wenns nur pro forma ist, kommt mir als Führungsstil bekannt vor .. Druck machen ist gut. Und Ausdrucken lassen scheinbar auch ;)

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  3. Mein Chef schreibt inzwischen nur noch "auda" - ausdrucken und digitale Ablage :)
    Siehs gelassen - bald isser weg. Das Ziel ist nah!

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  4. Mir ist das erst gestern bei einer Diskussion zum gleichen Thema eingefallen:
    HP Kerkeling hat mal in der Reihe "Darüber lacht die Welt", Ausgestrahlt von 1998-2000, einen Fußballtrainer gespielt.
    Klaus Augenthaler, Weltmeister 90, war gerade Trainer beim Grazer AK ( Österreich) und hat sich für den Spaß hergegeben.
    Der Vorstand des Vereins auch, also wurde der Augenthaler pro Forma entlassen, was ja im Fußball schnell gehen kann, und HP als neuer Trainer vorgestellt.
    Der, natürlich mal wieder super geschminkt und maskiert, spielte einen osteuropäischen Trainer mit riesen Schnauzbart und Kuchelbömisch ( also so mit Ostslang ).
    Das Training begann, schon nach einer 1/2 Stunde murrten die Profis, und als die Spieler dann auch noch Purzelbäume machen sollten haben die einfach den Trainingsplatz verlassen.
    Geschlossen.
    Man konnte Ihnen nix vormachen, HP war eben kein Trainer, keine Kompetenz, und das haben die Profis nach einer Stunde bemerkt und auch gleich die Konsequenz gezogen.
    Sprich die Arbeit eingestellt.
    So etwas passiert eigentlich auch tausendfach in der Industrie, nur daß nie einer sagt so, und jetzt könnt Ihr mich mal, für so eine inkompetenten Lusche arbeite ich nicht, ruft mich an wenn Ihr wieder einen Chef für mich habt, der es blickt.
    So sieht's aus !!!!!!!!!!!
    Sind Wir nicht ein erbarmungswürdiger Haufen ?
    Weil ich mach's ja genau so ! Sprich ich bleibe da.

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    1. "nur daß nie einer sagt so, und jetzt könnt Ihr mich mal, für so eine inkompetenten Lusche arbeite ich nicht, ruft mich an wenn Ihr wieder einen Chef für mich habt, der es blickt."

      Den Mut hätte ich gerne. Aber wie alle, die arbeiten, arbeite auch ich: wegen Armut :(

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  5. Nächstes Problem:
    Muss gerade bei einer anderen Abteilung aushelfen.
    Kein Problem.
    Jetzt habe ich einen Fehler aufgedeckt, der eigentlich schon bald 15 Jahre durchgezogen wird.
    (Einfache Mathematik und Beherrschung der handwerklichen Grundfähigkeiten und Formeln. F = m x a z.B. )
    Blöd jetzt, was tun ?
    Ich werde die Fresse halten, damit ich keine Probleme bekomme.
    Weil die ganzen Leute vor den Kopf stoßen, seht her, Ihr baut schon seit 15 Jahren Scheiße........
    Nee....keine wird sagen boah ey, danke, das ist mir noch gar nicht aufgefallen, ne, das wird keiner sagen.
    Also Fresse halten, die Karre läuft auch so.
    So ein kleiner Wurm wird man unter diesen Verhältnissen.
    Entweder kündigen oder mitspielen.
    Ausgebrannt, Cyborg oder Zyniker, um den Kiezneurotiker zu zitieren.

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