Donnerstag, 9. Juni 2016

Einmal Bitch, immer Bitch

Im Fährhaus Caputh. Alle finden das toll, mehr aus Tradition denn aus objektiven Gründen (Essen lala, die Fähre verpestet die Luft mit Dieselgestank), ergo findet man keine freien Tische. 

Wir uns also zu zwei hornalten Damen gesellt. Wenn einem eine hornalte Dame sogleich mitteilt, dass sie schon 85 ist, erwartet sie, dass man ungläubig ausruft, dass man ihr das gar nicht ansieht. Mein Begleiter tat ihr milde den Gefallen. 
 
Die andere, weitaus schicker, mit Klunkern behangen und in einen Wonderbra(!) gezwängt - ist ein Biest, wie sich schnell rausstellt. Sie sei kürzlich in Berlin gewesen "Unter den Linden ist auch nicht mehr das, was es mal war. Alle Straßen aufgerissen, die machen alles kaputt.  Früher war das so schön dort. Ach, und der Palast der Republik, der war erst schön." 

Und dann, mit maliziösem Lächeln: "Ich war häufig dort."
 
Die andere empört: "Da ist man doch gar nicht reingekommen. Ich bin ja auch schon 85."  

"Ach Du! Ich war oft dort." 
 
Dann wieder zu uns: "Ihr habt den ja nur den Lampenladen genannt, aber das stimmt gar nicht. Der war so modern und schön." Dann kam eine längere Litanei, dass "wir" immer nur alles kaputt machen und hochverschuldet sind. 

Die andere ergänzt: "Deshalb wollten wir auch damals nicht die Fusion und heute wollen wir die immer noch nicht. Dann geht nur alles wieder nach Berlin und für uns bleibt nichts übrig. Ich bin ja auch schon 85."
 
Als es ans bezahlen ging, schob das Biest die Rechnung herablassend an die andere weiter, mit lasziv halbgeschlossenen Augen zu uns: "Ich werd immer eingeladen." 

Das glaubten wir nur zu gerne. Die andere stolz:

"Ja, ich bezahle immer. Ich bin ja auch schon 85 und habe eine sehr gute Rente. Handwerk hat goldenen Boden, wenn Sie verstehen, was ich meine."  

Sie sah in der Tat handwerklich begabt aus. Im Ganzen kastenförmig, selbst ihre Frisur hat damals bei den Schweißarbeiten im Kombinat sicher nie gestört. 

Zum Abschied warf die andere noch einen verstörenden betörenden Blick in Richtung Begleiter.

 
Als wir den Tisch für uns hatten, wäre ich auch zufrieden gewesen, wenn es bald zurück nach Berlin gegangen wäre, aber er wollte mir noch was Schönes zeigen. Das Strandbad Caputh. 

Und da, ENDLICH, war ich, wo ich sein wollte. Direkt am Wasser, auf zwei Holzliegen liegend, in den Sonnenuntergang schauend, quackelte er mich in den Schlaf. Ich murmelte nur ab und zu "Warum hast du mich denn nicht gleich hierher gebracht?", was er undankbar fand, denn immerhin wäre ich doch jetzt hier. Stimmte auch wieder. 

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