Sonntag, 21. August 2016

Kollegen sind auch komische Männer

Geh doch schon vor, sage ich, setz dich in die Kneipe, ich komm hinterher.
Nein, antwortet er, ich warte vor der Tür auf dich.

Immer erwartet er mich vor der Tür. Nie geht er schon rein, als sei das was ganz Schreckliches, etwas Unerträgliches. Bin ich vor ihm da und sitze schon drin, bleibt er ebenfalls vor der Tür stehen, bis ich ihn bemerke, nach draußen gehe und sage, weshalb kommst du denn nicht rein? "Weil wir draußen vor der Tür verabredet waren." 

Er hat eine merkwürdige Art, auf mich zu warten. Entweder steht er leicht abseits, nie direkt vor der Eingangstür, wie eine Statue, die sich erst belebt, wenn ich kurz vor ihm stehe. Oder er sitzt am Boden auf einer kleinen Stufe, hat riesige Kopfhörer auf, seine Tasche vor dem Bauch und starrt auf sein Smartphone. Ein riesiges konzentriertes Kind, das seine Umwelt wegbeamt. 

Sich vor aller Augen wie eine Mischung aus Linus und Schroeder zu gebaren bereitet ihm weniger Probleme, als sich in eine Kneipe zu setzen und auf seine Mittagspausen-Verabredung zu warten. 

Mir bereitet das schon Probleme. Widerwillen. Ich geh die paar Schritte auf ihn zu, tippe ihn kurz an und gehe rasch weiter, ohne darauf zu warten, dass er sich umständlich erhebt.

Wie immer ist die erste halbe Stunde ein Feuerwerk an trockenem Witz, das kann er wie nur wenige. Er ist schnell im denken und im reden. Er greift jede Regung auf, wie ein hochempfindliches Radarsystem und bringt mich zum lachen. Dann... plötzlich geht das Licht aus, ein Schalter legt sich um und er schaut, nein: stiert vor sich hin, sein Gesicht wirkt erloschen. Er wirkt gelangweilt. Trostlos.

Dann referiert er, dass er am liebsten allein ist, es nichts schöneres gibt, als auf der Couch zu liegen und mit niemandem sprechen zu müssen. Er brauche niemanden. Ein Einsiedler, der Namensschild und Klingel abmontiert hat, damit ihn bloß niemand stört. Ich bin mir fast sicher, dass ohnehin niemand klingelt.

"Aber dich müssen wir an den Mann bringen. Ich bin von der Agentur Herzensangelegenheiten und dir ist schon jetzt das Glück sicher.", er belebt sich und preist mir wie ein Staubsaugervertreter seine Dienste an. Ich winke belustigt ab. 

Er nennt meinen Namen (mit einem 'chen' hinten dran) an jedem Satzanfang und am Ende gleich noch mal, wie ein Mantra, oder eine Manie; vielleicht will er mich hypnotisieren oder sich selbst. Er hat's mit meinem Namen, er gurrt ihn, lockend, verzärtelt, werbend, dabei ist völlig klar, das zwischen uns nie was laufen wird - aber dieses 'als-ob'-Geschnurre scheint ein verdrängtes Bedürfnis nach Vertrautheit zu befriedigen. 

Als wir aufstehen und zurück ins Büro gehen, er wie immer vor mir her, sehe ich, dass seine Hose am Allerwertesten gerissen ist; meine Güte, es wird wirklich Zeit, dass er sich von der Couch erhebt, die Kopfhörer abnimmt und eine Frau in sein Leben lässt, die dort auch sein will, deren Namen er alle zwei Minuten aussprechen kann, mit einem 'chen' hintendran. 

Später schreibt er mir, ob ich mit auf eine Singleparty am Samstag komme, eher friert die Hölle zu, antworte ich, aber er bequatscht mich und ich sage zu. Samstag vormittag schreibe ich ihm, dass mir die Vorstellung, auf so ein Ringelpiez-mit-anfassen unter der Schirmherrschaft eines hiesigen, Ohrenkrebs verursachenden Radiosenders Tränen in die Augen treibt und ich daher lieber auf dem Sofa bleibe.

Und da wäre ich auch am liebsten geblieben (so, wie ich schon in meiner frühen Jugend Phasen hatte, in denen es nichts, wirklich nichts Schöneres gab, als mich wunschlos glücklich in ein Buch zu versenken), wenn nicht die Freundin von gegenüber gekommen wäre, und wir bei rauschendem Sommerregen bis tief in die Nacht auf meinem Balkon gesessen hätten. 

Fürchte, er und ich, wir sind uns ähnlicher, als mir lieb ist.

Kommentare:

  1. Deine Freundin hat dich gerettet. Single-Partys stelle ich mir grauenhaft vor, nur noch getoppt von Single-Reisen, wo du dann eine Woche mit dem Strandgut der Beziehungswelt in einen Bus gepfercht bist.

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    1. Nee, in diesem Fall fühlte ich mich nicht gerettet (das hatte ich ja schon selbst getan mit der Absage), ich wollte eigentlich allein sein und Nancy Mitford lesen; das schien mir wie das höchste Glück am Samstag.

      Ich war mal in meinen Dreißigern auf einer Fisch-sucht-Fahrrad-Party und fand es grauenvoll. Singlereisen stelle ich mir Hölle vor, aber schon gibt es eine Steigerung. Jüngst las ich von Kuschelparties, da legen sich Wildfremde auf die Matten und umhalsen sich. Ist das nicht gruselig?

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    2. Ich verbessere mich: nicht gruselig ist das, sondern traurig.

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    3. Das will ich mir gar nicht vorstellen. Sollte man sich in diesem Falle nicht lieber einen Hund anschaffen?

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  2. Dein Kollege ist mit 99,9 prozentiger Wahrscheinlichkeit homosexuell. Ein von den neurotischen Selbstverleugnern. Das eine Prozent halte ich mir sicherheitshalber noch offen (als Vorbild dienen mir hier Desinfektions-Produkten, die laut Eigenwerbung auch immer nur 99,9 Prozent aller Bakterien abtöten ...)

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    1. Ich glaube eher, er ist der Typ, der aus Angst vor dem Tot Selbstmord begeht. Metaphorisch gesehen.

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    2. Das widerspricht ja meiner These nicht. Dieses "An den Mann bringen" wollen einer befreundeten Frau ist doch eine typische Delegierung der eigenen unterdrückten Bedürfnisse. *Patientenakte-zuklapp* ;-)

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    3. Es kann natürlich sein, dass er schwul ist. Mit Sicherheit ist er aber stark introvertiert, dafür spricht das Bedürfnis, sich gegen die Außenwelt abzukanzeln. Das In-Sich-Kehren nach einer halben Stunde ist keine Langeweile, sondern Überforderung/Reizüberflutung.

      Der wäre auf der Singleparty auch nach ner halben Stunde abgehauen.

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    4. Wahrscheinlich hast du den Nagel auf den Kopf getroffen.

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  3. Männer können nicht immer gut mit der Situation umgehen, mit einer Frau "nur" befreundet zu sein. Entweder sie sind interessiert, oder sie sind irritiert. Er versucht wohl krampfhaft, die richtige Schublade zu finden :-)

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