Montag, 5. September 2016

Der Bo-Frost-Mann

Dienstag

Klingelt's an der Tür, steht ein Mann vor mir. Er ist groß, er sieht gut aus, er ist präsent. 

"Darf ich Ihnen mal einen Prospekt in die Hand geben? Bin gerade bei Ihrer Nachbarin gewesen, vielleicht haben Sie auch Interesse. Darf ich Sie in ein paar Tagen mal anrufen und fragen, ob ich Sie beliefern darf? Sind alles Endpreise, kommt nichts mehr dazu. Lieferung kostet nichts extra."

Willenlos schreibe ich ihm meine Nummer auf. Seitdem ich ein Diensthandy habe, bin ich freigebig mit der Nummernverteilung. Wer die schon alles hat, ach Gott, da kommt es auf den Bo-Frost-Mann auch nicht mehr an. 

"Wann darf ich anrufen?"
"Nächsten Montag, ich bin ein paar Tage nicht da", lüge ich geistesgegenwärtig. Wer weiß, wann ich dazu komme, den Prospekt durchzulesen. Aber ich will ihm auch nicht gleich alle Hoffnung rauben.

"Okay. Bis Montag."

Freitag

Telefon klingelt. Es ist der Bo-Frost-Mann. Ob ich denn schon eine Entscheidung getroffen hätte. 
"Nein, ist doch erst Freitag, ich bin gar nicht in Berlin." lüge ich ihm in die Tasche.
"Ach ja, ich sollte Montag anrufen."
"So ist es."

Sonntag

Ring, ring, der Bo-Frost-Mann. Hat der denn nie Feierabend?
"Und? Was möchten Sie bestellen?" fragt er gutgelaunt.
"Ist doch erst Sonntag. Bin gerade zurück nach Berlin gekommen, hatte noch keine Zeit."
"Ich versuch's morgen noch mal."
"Genau. Morgen. Montag."

Ich nehm mir den Prospekt. In Windeseile wird klar: ich werde niemals was von Bo-Frost bestellen. Das kann doch kein Mensch essen.

Montag

Ring, ring. "Jetzt aber, ist Montag. Was darf ich bringen?"
"Nichts."
"Nichts? Wieso nicht?"
"Nichts dabei, was ich essen möchte."
"Woran liegt's?"

Ja, woran liegt es nur? Wer lässt sich schon freiwillig paniertes Formfleisch bringen?

"Tja, ist einfach nichts dabei für mich."
"Gehen Sie auf unsere Internetseite, da sind über 500 Gerichte, viel mehr als im Prospekt." befiehlt er mir. 
"Ich habe auch gar keine Mikrowelle." 
"Also wirklich, Sie haben den Prospekt gar nicht gelesen. Sie brauchen keine Mikrowelle. Das kann man alles im Ofen aufwärmen."

Verdammt. Das muss ein Ende haben.

"Hören Sie, da ist wirklich nichts für mich dabei."
"Aber warum denn nicht?"

Ich verlasse meinen Körper und seh ein weißes Licht. Nie wieder kriegt ein Bo-Frost-Mann meine Nummer, beim Leben meiner Mutter. 

"Weil-da-ein-fach-nichts-für-mich-da-bei-ist." antworte ich geschwächt aber akzentuiert. 

"Das gibt's doch nicht. So eine..." Klack.

Kommentare:

  1. Du bist zu freundlich. Das muss aufhören.

    AntwortenLöschen
  2. Bofrost erinnert mich an eine Sekte. Vor ein paar Jahren habe ich mir mal was von Bofrost kommen lassen und danach beschlossen - brauche ich nicht. Es hat ganze drei Jahre gedauert, bis die kapiert haben, dass ich sie nicht brauche, ihre Produkte nicht will und trotzdem nicht in der Hölle landen werde. Wobei ich diverse Bofrost-Menschen während dessen wirklich anschnauzen musste, damit sie es kapieren.

    Also Diensthandy hin oder her - den wirst Du nie wieder los, es sei denn, Du änderst die Nummer :)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich bin guter Dinge, dass mir das erspart bleibt ;)

      Löschen
  3. Statt sich also von dem ebenso stattlichen wie energischen Bofroster endlich mal richtig auftauen … bzw. kostenlos beliefern zu lassen, verleugnet die Protagonistin hier wieder einmal ihre wahren Bedürfnisse mit fadenscheinigen Ausreden (keine Mikrowelle, Angst vor Formfleisch). "Weil da einfach nichts für mich dabei ist" wird als Aussage somit zum eindrucksvollen Gleichnis ihrer Beziehungsängste. Wofür der vom zeugungswilligen Prospektverteiler genannte Ofen steht, brauche ich an dieser Stelle wohl nicht mehr zu erwähnen.

    Und immer wieder: *Patientenakte-zuklapp* ;-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich möchte sofort zu dir auf die Couch :-))

      Löschen
    2. Da liegst du doch schon längst. Und mit dir die gesamte neurotische Bloggeria. Überall nur Bekloppte! Ist aber gut für's Geschäft ;-)

      Löschen
    3. Siehste, und genau deswegen.... Naja, egal.

      Löschen
  4. mein vater hat sich von bofrost jahrelang apfelkuchen bringen lassen, der war köstlich. immer, wenn ich irgendwo einen bofrost-wagen sehe, hab ich meinen alten dad vor augen, und es riecht lecker nach zimt und apfelkuchen, im backofen aufgewärmt. einer von uns kocht pulverkaffee und wir gehen auf den balkon.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das ist ja mal eine schöne Bo-Frost-Geschichte. Aber mit deinem Vater hätte es sicher auch schöne IKEA- und OTTO-Katalog-Geschichten gegeben, schätze ich. Die hast du bestimmt nur noch nicht erzählt :)

      Löschen
  5. Bofrost… vor Jahren, da hatte ich auch mal was! Ich hatte damals eine Lösung gefunden. Vielleicht ist ja jemand daran interessiert:
    https://edelfeda.wordpress.com/2014/04/23/tischgesprache/

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Da tun sich Abgründe auf! Aber meiner ruft nicht mehr an. Ganz sicher. Bestimmt. Vielleicht.

      Löschen
  6. wir hatten einen als wir Kinder waren. Da hatten alle einen. Sozusagen eine Nachbarschafts "Must-have"wie die Avon- und die Tupperberaterin. Der Bofrostmann brachte uns, neben vielen uninteressanten Dingen, Eis am Stiel. Abeba. Unvergessen. Aber bestimmt haben sie die Rezeptur geändert. Das tun sie ja immer.

    Und neulich, sahen wir das Bo-Mobil wieder, Erinnerungen tauchten auf. Wir ließen uns den Prospekt geben und waren willig. Willig und in Versuchung. Bo-Frost als Alternative zu Essen auf Rädern zur Rundumbeglückung der Angehörigen. So ein schöner Plan. Aber: Es war nichts dabei.


    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Noch eine schöne bofrost Erinnerung. Ein nachbarschafts-Must-have, wie heute der Weber Grill. Oder wie dieser Trumm heißt. Oder der rasen-Roboter.

      Löschen