Sonntag, 18. September 2016

Realitätscheck: Als Wahlhelferin unterwegs

Hab ich noch nie gemacht, dachte, kann ich mal machen, ist bestimmt interessant.

Als ich den Brief mit meiner Einteilung bekam, freute ich mich, dass ich die Briefwahlunterlagen auszählen soll, denn das bedeutete, dass ich erst um 14 Uhr antanzen musste. 

Anfängerfehler. 

1300 Briefe, mit 1300 Briefen inside. Acht Leute öffnen händisch 2600 Briefumschläge - die aus Papier gemacht sind, das sich nur unwesentlich von Klopapier unterscheidet, also kaum zu öffnen sind, ohne sie und den Inhalt gleich mit zu zerrupfen - in denen je drei Wahlzettel drin sind, die erst nach Farbe, dann nach Parteien sortiert werden müssen. 3.900 Stimmen müssen gezählt und gegengezählt werden; wenn es zu Ungereimtheiten kommt, muss eben noch mal gezählt werden. Wir haben achteinhalb Stunden gebraucht. 

Ich danke mir selbst auf Knien, dass ich für morgen vorausschauend Urlaub genommen habe. 

Es waren drei Jugendliche dabei, zwei davon zusammen mit ihren Müttern. Ich hab sie gefragt, weshalb sie dabei sind. Ich vermutete, dass sie politisch interessiert sind. 

Wie naiv ich doch bin. 

Ich wurde sehr still, als die eine Mutter sagte, dass ihr Sohn demnächst auf Klassenfahrt geht und dass das "Erfrischungsgeld" von 35 € sein Taschengeld sei; ihren Anteil würde sie ihm auch dazu geben. Für 70 € sitzen Mutter und Sohn den ganzen Tag und öffnen Briefe und zählen Stimmen; wie groß muss die Not sein?

Der andere meinte lakonisch, er könne das Geld gut gebrauchen, 35 € für einen Tag sei doch nicht schlecht. Umgerechnet macht das einen Stundenlohn von 4,11€ - aber auch ihm war es das wert. Eine Frau meinte, das sei doch ein Ehrenamt, das würde man als "Bürger" doch gerne machen, so dürfe man nicht rechnen. 

Doch, so rechne ich, wenn das Menschen machen müssen und nicht wie sie und ich, die sich Altruismus locker leisten können. Ich bin vorher gar nicht auf die Idee gekommen, dass das ernsthaft jemand wegen dieser paar Kröten macht. Ich habe auch nicht mit Jugendlichen und alleinerziehenden Müttern gerechnet, sondern mit einer gutsituierten Ehrenamts-Fraktion.

Die Schule, in der wir waren, hat mich ebenfalls entsetzt. Ich habe schon lange keine mehr von innen gesehen. Verranzt, vergammelt, verdreckt. War ich in Rumänien? Nee, in einem Gymnasium in einem reichen Bezirk. Wie mag es erst anderswo aussehen? Auf dem Mädchenklo war nur im Vorraum Licht, ansonsten musste man im stockdustern zurande kommen. Was soll der Scheiß? Es werden Milliarden u.a. im BER versenkt, gutes Geld wird pausenlos schlechtem nachgeworfen und Schüler müssen in verrotteten Zimmern hausen und im Finstern pinkeln?

Und wir? Mussten am Ende Tonnen von Papier zurück ins Rathaus bringen, denn ein Abholdienst oder wenigstens Behältnisse für den Plunder wurden auch nicht gestellt. Wir schleppten das Zeug durch die Nacht zum Auto des Wahlvorstehers, der zudem als alter Hase für unsere Verpflegung gesorgt hatte, inklusive Getränke und Käsekuchen - was mich beschämte, denn ich kam mit meiner Stulle plus Apfelscheiben und hatte nicht vor, zu teilen. 

Dieser Ehrenamtsgedanke... so schön er auch ist... wenn nicht mal Geld für Verpflegung mit Wasser rausgerückt wird und zeitgleich in ganz Berlin Wahlparties für eine unglaubliche Kohle veranstaltet werden (hab vor fünf Jahren selber eine organisiert), auf denen sich weitaus weniger Bedürftige umsonst durchfressen und -saufen, also, da krieg ich einen Hals bis nach Paris. 

LEIDENSGENOSSEN:
Ossiblock
Frau Ruth 

Kommentare:

  1. Als ich noch Hartz IV-Empfänger in Berlin war, habe ich mir die Sache als Wahlhelfer auch ernsthaft überlegt, weil ich schräg gegenüber des Wahllokals gewohnt habe. 35 Euro sind bei Aldi Lebensmittel für eine Woche.

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    1. Die beiden hatten so darauf gehofft, dass sie den Ganztagsjob bekommen, der hätte je 50€ gebracht. War aber schon alles vergeben.

      Eine ist aus dem Wedding angereist, weil in ganz Berlin keine Wahlhelfer mehr gebraucht wurden.

      Zum heulen das alles.

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  2. 35,00 EUR Aufwandsentschädigung für Wahlscheine öffnen. Nun gut, letztlich zwingt einen ja niemand dazu. Und wenn man wirklich Geld brauchen kann, dann sind 35 EUR nicht schlecht. Ich glaube, einmal würde ich das auch mitmachen wollen, nur um zu sehen, wie so etwas abläuft. Aus Interesse. Wie kommt man an eine solche Aufgabe?

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    1. In Berlin stand's in der Zeitung, direkt mit einer Telefonnummer einer Senatsverwaltung, die sogar besetzt war - ein einmaliges Erlebnis! Ich dachte, ich träume.

      Wie es in anderen Städten läuft, weiß ich nicht. Aber einfach bei der Stadtverwaltung anrufen, die sind bestimmt froh.

      Mein Tipp: auf keinen Fall Briefwahl, lieber den ganzen Tag abhaken, ist entspannter, wie mir gesagt wurde.

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    2. Interessant. Danke, ich mache mich mal schlau.

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    3. Noch schlauer ist es, wenn man sich als Team Koordinator meldet. Dann sitzt man im Flur herum und isst Nudelsalat den ganzen Tag.

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  3. Hier in Belgien kann man vom Staat einfach zu dieser Aufgabe verdonnert werden. Doll oder? Und wenn man nicht erscheint: Bußgeld. So herrscht ja auch Wahlplicht, und wer nicht wählen kommt: ebenfalls Bußgeld. Aufwandsentschädigung ist glaube ich auch nicht vorgesehen, aber da müsste ich mich mal erkundigen.

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    1. Und vom Bußgeld bezahlen sie wahrscheinlich die Aufwandsentschädigung ;)
      Grüße nach Belgien.

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  4. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  5. Ich kann deine Eindrücke verstehen und bestätigen. Ich war als Wahlvorsteher eines Briefwahlbezirks im Rathaus Neukölln eingesetzt; wir hatten zwar funktionierende Toiletten, dafür fand die Auszählung der fast 1000 Stimmen in ganz normalen Büros im RH statt, also u.A. in Räumen, in denen kein großer, zentraler Tisch gegeben war. Und: Respekt -- 8,5 Stunden für 1300 Stimmen ist beeindruckend. Wir haben für die fast 1000 schon fast 8 gebraucht.

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    1. Im Nebenraum waren welche, die nur 800 Briefe hatten, also tausend Briefe weniger zu öffnen und zählen hatten als wir. Was wären wir sauer, weil die schon irre früh fertig waren...

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  6. Es gibt in diesem Deutschland mittlerweile sehr viel zum Überdenken, sehr viel zum Schämen.

    Das die Verfaserin ins Grübeln kam, als sie erfuhr das 2 Schüler 35€ gut gebrauchen konnten und dafür auch in Kauf nahmen für €4, nochwas /Std. sich zu verdingen, ehrt sie sehr.

    Es erscheint mir, das diese Einstellung zum Nachdenken, ins-Grübeln-kommen, mehrheitlich abgelehnt wird. Deshalb so viel zum Nachdenken ensteht....

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    1. Noch mehr zum nachdenken hat mich die Mutter gebracht, die sich das Taschengeld für und zusammen mit ihren Sohn erarbeitete. Als das Geld ausgezahlt wurde, nahm sie den Anteil ihres Sohnes gleich in ihre Hände; der Sohn guckte ganz sehnsüchtig. Aber es war ja für die Klassenfahrt gedacht.

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  7. Auch interessant - jeder macht so seine Erfahrungen.
    Einiges deckt sich mit den meinigen...

    http://wp.me/p45fuU-3mb

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    1. Briefwahlauszählung scheint wirklich die verschärfte Version zu sein...

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  8. Nur mal so aus der Erfahrung geplauscht, wenn tiefenentspanntes wahlhelfen gewünscht ist, dann Europawahl. Öde und Leere im Wahllokal. Man brachte abends noch die Briefwahlstimmen vorbei, nach 15 Minuten war auch das erledigt.
    Es war so wenig los, dass die Vorstellung, es könnte sich bei der Europawahl um einen demokratischen Akt gehandelt haben, extrem viel Fantasie erforderte.

    Beliebt war das wahlhelfen bei Beamten, die damals zum Ausgleich für ihre demokratischen bemühungen am Sonntag einen zusätzlichen (bezahlten!) Urlaubstag erhielten, dann aber meckerten, weil ihre Aufwandsentschädigung unwesentlich niedriger war als die der Nichtbeamten.
    Teams von Wahlhelfern, die das ganze als Party durchorganisieren mit Kuchen, Schnittchen und Getränken für alle Beteiligten sind auch möglich. Da ist dann Stimmung in der Bude und ich würde mal gerne wissen, ob sich das auch in der Wahlbeteiligung niederschlägt...

    :o) Exwahlhelferin

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