Donnerstag, 22. September 2016

Inner Filmbrangsche 2

Hat man eine Freundin, die Bekanntschaften aus Film und Fernsehen hat, und wird von ihr mitgeschleppt, erlebt man Dinge, die kein Mensch ich noch nie zuvor gesehen hatte. 

Oktoberfest in der Fischerhütte.

Mit dem Oktoberfest hatte ich nur einmal am Rande zu tun, als meine Nachbarn in Dirndl und Lederhose verkleidet, nachts volltrunken bei mir klingelten, weil sie ihren Schlüssel verloren hatten. Ich habe sie beinahe nicht erkannt. Ansonsten ziehe ich meine Informationen aus einschlägigen Fachmagazinen beim Friseur. Uschi Glas (77 J., 23 Kilo) im Dirndl. Ann-Kathrin Bauknecht (85 J., 14 Kilo) im Dirndl. Regine Sixt (112 J., 58 Kilo) im Dirndl. 

Ein Fest, das offenbar sehr ernst genommen wird in Hinsicht darauf, dass sich amüsiert werden muss, was wohl am besten vonstatten geht, wenn man besessen säuft und schunkelt und alle Lieder der Live-Band mitgrölt.

Ich kam anderthalb Stunden zu spät, was daran lag, dass ich nicht wusste, was ich anziehen sollte. Ein Dirndl habe ich nicht und bleibt auch so. Da ich wusste, dass auch die Auftragsmörderin keins besitzt, obwohl sie Münchnerin ist, überlegte ich noch ein bisschen, ob ich mir wenigstens ein Dekolleté einrichte, aber dann blieb ich doch, wie ich bin. Ich hatte ohnehin keine Lust wegen der ungefähren Vorstellung, was mich erwarten würde. 

Wir hatten einen Tisch für 10 Leute, all in. Kostenlos essen und trinken. Keinen Schimmer, weshalb das von wem auch immer bezahlt wurde, jedenfalls saß ich inmitten einer Truppe, die mich stark an "Mainz, wie es singt und lacht" erinnerte. 

Nachdem Gang 1 & 2 verfüttert war (das Essen war außergewöhnlich gut, der Service unfassbar freundlich), wurde der Live-Band und seiner Sängerin Heidi im Strass-Dirndl - sie sah aus, wie die elektrische Reiterin - verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt. Denn nach dem Essen schalteten alle wie auf Knopfdruck auf besinnungslose Hemmungslosigkeit um. 

Komisch, so betrunken waren sie noch gar nicht, es war ja auch erst 20 Uhr, aber sie gaben alles, den Anschein zu erwecken, in glückseliger Hingabe dem Sound von Electric-Heidi zu lauschen und von ihrer Sangeskunst in nullkommnix derart berauscht zu sein, dass Exstase auf den Fuß folgte. 

Am Nachbartisch bemühten sich die Menschen schon beim zweiten Lied auf die Tische und Bänke, das ist wohl oberste Bürgerpflicht und lauthals wurden alle Lieder mitgesungen. Auch an meinem Tisch dasselbe Bild, außer, dass sie sitzen blieben. Das hätte mir auch gerade noch gefehlt. 

Es wurde praktisch im sitzen getanzt, gesungen und ich armer Tropf saß underdressed dazwischen und wusste, dass ich unangenehm auffalle, wenn ich nicht wenigstens so tun würde, als hätte ich den Spaß meines Lebens. Ich lächelte schief und manchmal sang ich mit und einmal hob ich auf Heidis Befehl auch meine Arme hoch und klatschte. Sie lachten sich alle wie irr an, obwohl es nun gar nicht soviel zu lachen gab, eigentlich gar nichts, aber auch das ist wohl Pflicht. Die blödesten Gassenhauer wurden frenetisch beklatscht und zwischendurch rief Heidi immer wieder "Zicke Zacke, Zicke Zacke!" und das Publikum antwortete unisono "Heu, Heu, Heu!"

Manchmal wünschte ich schon, dass ich nicht dieses japanische Gen hätte, das dafür sorgt, dass ich nach sechs Mon Cheri hackedicht bin, aber auf eine ungute Art, mit beängstigenden Kreislaufbeschwerden, weshalb ich eben nie etwas trinke. 

Die Auftragsmörderin flüsterte mir freundlich ins Ohr "Du hast nur eine Chance. Du musst dich reinfallen lassen." und da beschloss ich, dass das Freundlichste ist, was ich tun kann, so schnell wie möglich zu verschwinden. Denn als Münchnerin hatte sie keine Schwierigkeiten, ihr Oktoberfest-Gen zu reaktivieren, auch ganz ohne Dirndl. 

Einer war am Tisch, der hatte genau so wenig Spaß wie ich, das sah ich sofort, aber er konnte keine wissenden Blicke mit mir austauschen, denn er musste seine Frau observieren, die mit einem anderen Mann, einem reichlich gut aussehenden Schauspieler, derart harmonierte in Gesang und Bewegung, dass eine Kindszeugung unmittelbar bevorzustehen schien. Er hatte seine liebe Not, denn seine Attraktivität hielt sich in engen Grenzen, außer man hat ein Faible für Pumuckel. 

Als der Rivale seine schöne Frau zum tanzen aufforderte, lief er rasch hinterher auf die Tanzfläche und schnell folgten alle - bis auf die Auftragsmörderin - seinem Beispiel. Ich flüsterte ihr freundlich ins Ohr "Geh tanzen, sofort" und verließ so rasch wie ich gekommen bin diese Stätte des koordinierten Frohsinns. 

Inner Filmbrangsche 1

Kommentare:

  1. Besinnungslose Hemmungslosigkeit ist ein wunderschöner Ausdruck (oder wahlweise ein mittelguter Bandname)!

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  2. Danke, danke, danke!!! Ich hatte schon befürchtet, ganz allein zu sein. Das, was Sie erlebt haben, musste ich vor 3 Jahren erleben. Ich habe mich auch zügig nach Hause empfohlen. Man will ja keine Spaßbremse sein;) LG und danke für Ihre amüsanten Geschichten, Antje

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    1. Genau, man muss wissen, wann man zu gehen hat.

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    2. P.S: Und danke für das freundliche Feedback :)

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  3. Oh mein Gott, du hast den dritten Kreis der Hölle betreten, in dem schon Dante auf die Seelen der Gefräßigen und Trunkenen traf, die im eisigen Regen auf dem Boden lagen.

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  4. Schon beim Lesen ist mir ganz blümerant geworden... Mir wird dieses Gruppenverhalten auf ewig ein Rätsel bleiben. Wie gut, dass Du Dich wohl rechtzeitig in Sicherheit bringen konntest ;-)

    Liebe Grüsse
    Clara

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    1. Konnte ich.
      Mir ist das nicht so sehr Rätsel, was sie daran finden, nur ist es halt nicht meins.

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  5. Hab ich dir schonmal gesagt, dass ich mich bei Deinen Texten manchmal laut auflache und mein schlafender Hund jedes Mal erstaunt den Kopf hebt.
    Du hast eine absolut unnachahmliche lakonische Komik.

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  6. "Uschi Glas (77 J., 23 Kilo) im Dirndl. Ann-Kathrin Bauknecht (85 J., 14 Kilo) im Dirndl. Regine Sixt (112 J., 58 Kilo) im Dirndl" - genauso sehen die verhungerten Damen aus, wie knorrige, uralte Faltenvögelchen. Danke für diesen staubtrockenen Bericht, ich amüsiere mich königlich, auch über die "elektrische Reiterin" - und ich wäre auch eiligst geflüchtet.

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  7. Gott jetzt wird es anscheinend peinlich, für mich. Ich war nämlich mit meinen Mädelz auf das Oktoberfest in irgendein Zelt mit Platz und so eingeladen. Und mit Mann. Allein, widrige Umstände (=Geld) verhindern letztendlich, dass wir mitfahren. Dirndl hätte ich auch keins angezogen, aber wir wären schon gerne gefahren, denn tatächlich ist uns in der Gruppe keine Peinlichkeit fremd. Allerdings hatte ich schon änglich nachgeschaut, wo der nächsten Essenstand für MICH gewesen wäre........Nun gut, wir fahren morgen nicht. Und werden es gut überleben. Hätten wir mehr Geld gehabt, hätte es drei Tage Gruppenschunkeln gegeben, das ist selbst für mich hart an der Grenze ;o))))

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