Freitag, 16. September 2016

@ Sommer: gut gemacht!

Um aus dem letzten heißen Tag herauszuholen, was geht, habe ich mich für Rad und  S-Bahn entschieden, weil ich in eine Senatsverwaltung und ins Büro und von dort nach Hause muss. Will sagen: jede Menge Sonne tagsüber.

Erstmal ging's bergab. 

An der S-Bahn Station ist die Tür zum Fahrstuhl mit Brettern zugenagelt. Hä? E-Bike die Treppen hochschleppen? No way. Ich fahre zur nächsten Station. Die Bahn fährt ein, aber gleich verpasse ich sie, weil ich noch mit dem Fahrkartenautomaten kämpfe. Um sich ein Ticket AB plus Radticket zu ziehen, braucht's ein humanwissenschaftliches Studium. 

In der S-Bahn setzt sich eine telefonierende Mutter neben mich. Sie hat eine enervierende Kleinkindstimme, auf ganz lieb und hoch getrimmt. Ich frag mich ja immer, was das für Männer sind, die sich diesen Typus Frauen für die Familienplanung aussuchen.

"Ja, du, der Felix liebt total Musik im Moment. Der singt voll schön und schlägt auf der Trommel. Und der Julius bastelt wie verrückt. Er liebt immer noch Tiere. Er bastelt den ganzen Tag Elefanten und die pflegt er dann, voll niedlich. Mit der Eisenbahn... du, da hat er eigentlich schon alles. Lass mal überlegen, was er noch brauchen könnte."

"Können Sie auch ein bisschen leiser überlegen?" frage ich entnervt, denn je länger sie über ihre singenden und pflegenden Kinder spricht, desto lauter wird sie.

"Du, ich wurde gebeten, leiser zu überlegen, kein Problem, ich rufe dich später zurück, Tschüss du", piepst sie ins Telefon. Sie macht keinen Mucks mehr, versenkt sich in ihr Smartphone. Schön, wenn der Schmerz nachlässt.

Ich steige Potsdamer Platz aus und fahre die restlichen 4 Kilometer mit dem Rad. Die Leipziger Straße verlangt Beherzt- und Angstfreiheit. Angekommen suche ich das Zimmer, in dem ich mich einzufinden habe. Es ist ausgeschildert, deshalb ist es nicht so schlimm, dass mir das Gebäude ein Rätsel bleibt. 

Leider sind die Schilder weg, als ich das erste Mal an die frische Luft will. Ich irre umher, suche den Ausgang. Plötzlich stehe ich auf einem Innenhof und öffne eine Tür, die vermutlich zur Straße führt, es fängt an zu piepen, das mobile Einsatzkommando ist schon auf dem Weg, ich spür das. Ich drücke auf eine Klingel, habe den schlechtgelaunten Pförtner dran, der in den Lautsprecher bellt, dass ich die Tür nicht öffnen darf, sondern wieder zurück ins Gebäude muss. Dort solle ich mich weiter durchfragen. 

Ich treffe eine Putzkraft, die mich in die völlig falsche Richtung schickt, später eine Frau, die sich auch verlaufen hat. Nach mehrmaligem passieren eines Saals, von dem in Kreuzgangmanier zig Flure abgehen, erreichen wir den Ausgang. 

Das alles wiederholt sich mehrmals, denn im Zimmer ist es so heiß und stickig, dass ich öfter die Flucht ergreife. Draußen steht ein Polizist unter einem billigen Sonnenschirm und hält Wache, er sagt "Hi" und hebt seine feminin gezupften Augenbrauen, als wir an ihm vorbeigehen. Immerhin, Henkel schützt seine Gesetzeshüter vor Hautkrebs und Hitzschlag, schickt sie obendrein zur Kosmetik. Sicherheit fängt im Kleinen an. 

@ Männer: zupft euch nicht die Augenbrauen. Echt mal, lasst das sein.

Um die Mittagszeit radel ich ins Büro, jetzt Unter den Linden lang, was ebenfalls Kaltblütigkeit erfordert. Linden gibt's auch nicht mehr. Gleich nach dem Brandenburger Tor ab in den Tiergarten; was soll ich sagen, das hätte stundenlang so weitergehen können. 

Der Tiergarten scheint indessen in russischer Hand zu sein, denn eine torkelnde und keifende, wildgestikulierende Jungrussin schreit ihren Begleiter in Schutt und Asche, ein anderer übt sich in der Beziehungsanbahnung, in dem er - kein Scheiß - "Brrr" ruft, als sei ich ein Pferd (Hallo?) und dann noch "Du biist aber chiibsch, chalte doch mal aan!" hinterherruft, mit seinem Rad wendet und mir hinterherfährt. Da war ich dann doch sehr froh, dass ich das E-Bike genommen habe, denn er scheint mir nicht die Erfüllung meiner Träume. Ich schalte die Stromzufuhr an und eile mühelos aus der Gefahrenzone. 

Am späten Nachmittag radel ich nach Hause, die Sonne steht tief, wärmt aber noch kraftvoll. Ich pausiere an einer Eisdiele, setze mich entgegen meiner sonstigen Gepflogenheiten in die Sonne, scheiß drauf, dass mir viel zu warm wird, wer weiß, wieviele Monate ins Land gehen, bis mir mal wieder zu warm ist, jeder Sonnenstrahl muss ausgekostet werden. 


Dann trödel ich den Rest des Weges; ich wünschte, er würde nie enden.

BRUDER IM GEIST
Herr Buddenbohm

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