Montag, 28. September 2015

Nichts bleibt wie es ist

Schon wieder in der Heimat. Diesmal aber ganz schlau: meine Gartenliege eingepackt, weil ich auf den Puppenstubensofas meiner Mutter Rücken kriege. Ich wär öfter dort, wenn's was zum rumlümmeln gäbe. So greine ich seit Jahr und Tag, vor allen an Weihnachten, wenn sich die heilige Familie zusammenfindet, eng gedrängt und geduckt, denn sie schafft es auch immer noch, eine kapitale Nordmanntanne in die Ecke zu quetschen. 

In der kleinsten Hütte ist Raum, wenn man nur gut packen kann. Ich hab den Trumm von Liege tatsächlich in mein lüttes Auto bekommen und die 5. Staffel von Downton Abbey noch dazu. Mir war klar, dass ich Abends Erholung brauchen werde, denn die Gründe für meinen Besuch waren trauriger Natur. Mehrere Freundinnen trafen sich bei der einen, die im Kaff geblieben ist. 

Ich habe ja schon ab und an erwähnt, dass ich vom sterben nichts halte. Ich prangere das an. Als ich klein war, gab es mal eine Raumschiff Enterprise Folge, die mich entrüstet hat: Besuch auf einem Planeten, auf dem niemand älter als 25 Jahre werden durfte. Wenn es soweit war, wurden die irgendwo hingeführt und dann mussten sie unter dubiosen Umständen sterben. Ich fand das eine Sauerei. 

Bis mir klar wurde: auf meinem Heimatplaneten sieht die Sache nicht viel besser aus (Mal ganz abgesehen von dem göttlichen Kniff, dass man blind wird, wenn man direkt in den Stern guckt, der uns überhaupt am Leben hält). Nur weiß man hier nicht, wann es soweit ist. Ich halte es bis heute für eine der größten Grausamkeiten, zu wissen, wann und wie es geschehen wird. Dank Google und Freunden im Medizinbereich kann man sich eine umfassende Halbbildung anschaffen. Wir wissen einfach zu viel.

Jedenfalls schlenderten wir durch's Dorf bis zu einem lauschigem Garten Café. Dort berieten wir uns. Dass die Einschläge näher kommen. Und dass Altwerden wirklich beschissen ist. Das der Eltern und das eigene sowieso. Dass wir jetzt Zipperlein haben, bestenfalls. Dass es nicht mehr besser wird, allem Anschein nach. Dass da jetzt jemand zuhause sitzt und um sein Leben kämpft, obwohl er doch gerade noch mit 200 Sachen auf seinem Motorrad durch den Harz gekachelt ist. Und seine bekümmerte Frau, mit der war ich doch gestern noch im Steinbruch, um künstlerisch wertvolle Fotos in zweifelhaften Posen zu knipsen. Ich seh uns immer noch am See liegen und murmeln "Er guckt schon wieder rüber." 

Und jetzt? Jetzt geht die andere mit der Mutter zum Arzt, weil sie im Hotel stundenlang umhergeirrt ist auf dem Weg vom Zimmer zum Speisesaal. Sie erkennt mich gerade noch mit Ach und Krach, klein und durchsichtig ist sie jetzt, dabei hat sie doch erst neulich auf der Hochzeit ihrer Tochter getanzt, in ihrem Leopardenjäckchen. 

Auf der Rückfahrt nach Berlin hörte ich die Hörbar Rust, weil ich grundsätzlich nur Radio 1 höre und da wurde ein Lied von Tom Waits gespielt und dann musste ich ein bißchen weinen. Weil nichts bleibt wie es ist.

Dienstag, 22. September 2015

Der tollste Mann der Welt

Alles fing damit an, dass ich einen Schönheitstag einlegte

Ich stand im Bad und legte mir eine Maske auf, die mich binnen kurzem in einen früheren Zustand wiederherstellen sollte. Ich sah aber nur ungefähr eine halbe Stunde jünger aus. Ich salbte mich, setzte dieses und jenes instand - was man so tut, wenn man im Selbstfürsorgemodus ist.

Am nächsten Tag wachte ich auf und fühlte mich komisch. Mein Gesicht fühlte sich komisch. Es juckte. Am Hals, am Kinn, an den Augen, hm. Nicht schön. Ich fuhr ins Büro, wichtiger Termin. Hatte schon so ein blödes Gefühl. Irgendwas würde schief gehen, das spürte ich genau. Als ich ankam, war noch nichts aufgebaut. Die "musikalische Begleitung" war eine halbe Stunde vor Beginn noch nicht da. Der Festredner kam erst 5 Minuten vor Beginn. Ein wichtiges Untensil fehlte, es musste mit dem Taxi herbeigeschafft werden. Wenn das nicht geklappt hätte, könnte ich jetzt mit viel Freizeit um mich werfen.

Am Ende lief es doch gut. Entspanntes ausklingen lassen, was trinken, was essen. Ich unauffällig die Hand am Hals, sanftes drüberstreichen, es juckte wie verrückt und ich fühlte mich fiebrig. 

 Plötzlich brach die Hölle los

Cheffe bekam aus dem Nichts einen Hassanfall auf mich. Brüllte mich an vor all den Leuten. Zunächst dachten wir alle, er macht Scherze. Dann merkten wir, der meint das ernst. Ich erstarrte zur Salzsäule. Einer machte "Hey, hey!" und trat einen Schritt zurück. Der andere schwieg peinlich berührt. Eine Frau verwickelte mich in ein idiotisches Gespräch, um weitestgehend Normalität herzustellen. 

Ich fuhr nach Hause und legte mich um 20 Uhr ins Bett. Mein Gesicht drehte vollends durch. Legte mir feuchte Tücher auf. Wachte am nächsten Morgen auf, inzwischen zu einem roten Ballon aufgequollen, die Augen bekam ich kaum auf. Juckreiz unerträglich. Ich brach mit meiner Tradition, nie zum Arzt zu gehen und begab mich umgehend in eine Praxis, weil ich mir einbildete, meine Zunge würde anschwellen. Kurz vorm ersticken geh selbst ich zum Arzt. Cortison Tablette eingeworfen, nach 20 Minuten setzte die Wirkung ein. Zu 70% geheilt, der Rest ist auszuhalten.

Im Büro die Tür geschlossen gehalten, bis Cheffe kam und fragte, wie es mir geht. Ich gab knapp Auskunft, beschloss aber, den Vorfall nicht anzusprechen. Er beschloss dasselbe. Hat eh kein Zweck, dann entschuldigt er sich halbherzig, versucht mir eine Mitschuld unterzujubeln und ein paar Wochen später kühlt er wieder sein Mütchen an mir.  

Dann passierte ein Wunder 

Ich bekam einen Anruf. Von dem Mann, der "Hey, hey" gesagt hatte. Ein ziemlich hohes Tier. Weitaus wichtiger als Cheffe. Ich habe keine Ahnung, wie der überhaupt an meine Nummer gekommen ist. Beziehungsweise, dass er meinen Namen kennt (mit dem kommt man dann schon an meine Nummer). 

Er wolle mir etwas sagen, und zwar, dass er sich Cheffe noch zur Brust genommen hat, nachdem ich weg war. Was denn "diese miese Nummer" sein sollte, und ob er schon mal etwas von "gutem Führungsstil" gehört habe. Weshalb er nicht aufgehört habe, "nachzutreten". Dass das ein ganz schlechtes Licht auf ihn werfe, vor allem, weil es keinen Anlass gegeben hätte, der so einen Ausbruch gerechtfertigt hätte. 

Ich war sprachlos. Vor Glück und Dankbarkeit. Sämtliche Kindheitstraumata wurden auf einen Schlag geheilt. Ich machte ihm einen Heiratsantrag. Ich dankte ihm. Das sei "nicht nötig", vielmehr eine "Selbstverständlichkeit", dass er sich noch mal bei mir melde, man hätte mir angemerkt, wie sehr ich um Fassung gerungen hätte. Ich machte ihm noch einen Heiratsantrag.

Ist das nicht einfach sensationell?

Freitag, 18. September 2015

Nichtrauchen - ein Selbstversuch

Seit 13 Tagen bin ich Nichtraucherin. Im Grunde. Doch. Ja. Nein. Irgendwie schon. Ich bin auf einem guten Weg. 

Eine Chronik

Irgendwann Mitte August: Die Auftragsmörderin teilt mit, dass sie Mitte September aufhört zu rauchen. "Ich mach mit! 15.9. ist Deadline." proklamiere ich ekstatisch. Wir sind stolz auf uns und wissen, diesmal werden wir es schaffen. 

6.9. Ich beschließe vorzeitig, Nichtraucherin zu werden. Eine Stunde später werde ich krank. Ich nehme das als Zeichen. Eigentlich ist es ein Lattenzaun direkt vor meine Birne, was mir meine geplagte Lunge beschert.

7.9. Ich rauche nicht und geh zum Arzt, der schreibt mich krank. Ich leg mich hin und schlafe für eine ganze Weile ein.

8.9. Als ich mal kurz wach werde, informiere ich die Auftragsmörderin, dass ich schon früher aufgehört habe. Sie teilt mir mit, dass sie auch schon aufgehört habe. Wir sind sehr stolz auf uns. Planerfüllung vor der Zeit. 

9.9. Ich rauche nicht. Herr Capitano wünscht mir guten Appetit. Damit spricht er ein heikles Thema an. Ich kann überhaupt nicht aufhören zu essen.

10.9. Immer noch rauchfrei. Ich fühle mich fantastisch. Herr Glumm kommentiert, dass der 15.9. ein einschneidendes Datum für ihn sei und dass der 15.9. vielleicht ja auch für mich ein wichtiges Datum wird. Er selbst habe an einem 31.12. das Rauchen aufgegeben. Der Druck wird größer. Wie kann ich das ignorieren? Mit Herrn Glumm am selben Tag ein einschneidendes Datum zu haben? Ich fange spontan an, wieder zu rauchen und am 15.9. den Sack endgültig zu zu machen. 

11.9. Ich habe einiges nachzuholen und rauche wie verrückt. Verrückt vor allem, weil ich schlimmen Husten und Schnupfen habe. Aber daran ist nur Herr Glumm schuld. Ich bin auch nur eine Frau. Nennt mir eine, die dieser Verlockung hätte widerstehen können. Ein gemeinsames einschneidendes Datum, hallo?

12.9. Exzessives rauchen den ganzen Tag bis in die Nacht. Ich habe natürlich auch viel Zeit, weil ich nicht ins Büro muss. Man sollte nicht aufhören zu rauchen, wenn man keiner sinnvollen Beschäftigung nachgeht. Das war eine wirklich bekloppte Idee. Das Scheitern war im Grunde vorprogrammiert.

13.9. Nachricht an die Auftragsmörderin, dass ich eingeknickt bin. Sie antwortet, dass sie heute schon den ganzen Tag nicht geraucht hat, bis auf eben. Wir einigen uns wieder auf den ursprünglichen Termin. Ich rauche Kette. Noch zwei Tage Karenzzeit.

14.9. Endlich wieder ins Büro. Abends hole ich mir schnell noch eine Schachtel und beschließe, dass ich sie aufrauchen muss, damit morgen, am 15.9. nichts mehr im Haus ist. Ich gebe alles, aber ich schaffe es nicht. 5 bleiben übrig.

15.9. Der große Tag. Ich beschließe, dass es der letzte Tag ist, an dem ich noch rauchen kann. Die Auftragsmörderin und ich haben das nie so genau definiert. Ist es der erste Tag ohne Zigaretten oder der letzte Tag mit Zigaretten? Ich rauche die 5 Zigaretten und hole mir abends noch eine Schachtel, denn heute ist der letzte Tag, an dem ich noch rauchen darf. 

16.9. Ich habe wieder ein paar übrig. Ich kann sie nicht wegschmeißen. Beschließe, dass sie beruhigende Wirkung haben. Für den Fall, ist es gut, was im Haus zu haben. Wenn gar nichts da ist, ist es schlimmer. Besser ist, zu wissen, ich könnte, wenn ich wollte. Am Abend rauche ich die Beruhigungszigaretten. Immerhin sind es die einzigen 4 an diesem Tag, was in meinem Fall dem Nichtrauchen sehr nahe kommt. Bin schon ganz schön stolz. Auch wenn es mit dem Glummschen einschneidenden Datum jetzt nichts geworden ist, aber der 31.12. ginge ja auch noch.

17.9. Ich wache auf, nichts im Haus. Ich fahre gleichmütig ins Büro. Denke, wie toll wäre es, wenn ich jeden Tag nur fünf Zigaretten rauchen würde. Wenn ich wieder zu einer Genussraucherin werden könnte. Nur dann rauche, wenn ich wirklich will. Nicht nebenbei, nicht nebenher, nicht ohne Grund. Und nicht vor 18 Uhr. Auf dem Nachhauseweg beschließe ich, dass ich es für den Anfang als Genussraucherin versuche. Dafür brauche ich natürlich Zigaretten. Ich kaufe eine Schachtel und rauche mit Genuss 11 Stück.

18.9. Ich rauche mit Genuss die restlichen 9 Zigaretten, über den Tag und Abend verteilt ist das ja so gut wie nichts. Im Schnitt alle zwei Stunden eine. Wenn ich sie über den Tag verteilt geraucht hätte. Ich will ja ehrlich sein. Selbstbetrug sieht mir gar nicht ähnlich. Ab 17 Uhr. Anderthalb pro Stunde. Das ist doch... immer noch ein guter Schnitt. Jetzt sind wieder keine da. Und ich habe mir keine neuen besorgt. Was vielleicht daran liegen mag, dass hier nicht mal mehr eine Tanke offen ist. 

Ich finde, das hört sich doch alles recht vielversprechend an.

Mittwoch, 16. September 2015

Aus der Hölle direkt vor mein Büro

Das Schlimmste an Cheffe - und es gibt viel Schlimmes an ihm - ist sein Denunzianten-Gen. Er lässt keine Gelegenheit aus, andere in maximal schlechtem Licht dastehen zu lassen und in aller Öffentlichkeit ans Knie zu pissen. Dabei ist ihm egal, ob er sich inner- oder außerhalb seiner Gehaltsgruppe bewegt. Er tritt nach oben wie nach unten.

Es wäre so schön, wenn ich mich emotional nicht so herausgefordert fühlen würde. Verachtung ist ein starkes Gefühl, vor allem, wenn man es unterdrücken muss. Das ist anstrengend und wird von meinem Gehalt nicht abgedeckt.

Letzte Woche ist was schief gegangen, klar, wer der Schuldige ist. Cheffe wittert sofort eine Chance, jemand ganz anderen dafür bluten zu lassen. Er erzählt mir, was er vor hat, ganz berauscht ist er von sich. Ich seh ihn mit undurchdringlicher Miene an und wenn er mich auch nur ein bisschen kennen würde, wüsste er, das ist ein Alarmzeichen. Normalerweise habe ich eine bewegliche Mimik und schau freundlich in die Welt.

Mittlerweile bin ich mir sicher, dass er sehr wohl weiß, dass ich ihm an die Gurgel will, aber zu irgendwas müssen Abhängigkeitsverhältnisse eben gut sein: er weiß, was ich denke und auch, dass ich nichts sagen werde (können, wegen Armut). Weil so verrückt kann niemand sein, zu denken, in mir eine loyale Gesprächspartnerin zu haben, die darauf wartet, irgendwelche Drecksstrategien vorgetragen zu bekommen. Oder doch? Geht Verrücktheit so weit?

Jeden Tag bringt er mich mindestens dreimal so weit, alles überzuschreien oder noch schlimmer, zu Obercheffe zu gehen und selber zur Denunziantin zu werden. Das engste Umfeld wünscht sich das  seit Monaten von mir. Allein, ich bin nicht doof: der Verrat wird geliebt, aber nicht der Verräter. Selbst wenn es mir gelänge.... wären von da an auch meine Tage gezählt. Aber ich phantasiere oft, wie ich auspacke. 

Heute erzählt er mir stolz, wie gut sein Plan geklappt hat. Er wirkt ausgeglichen.
Mal eben so jemanden abgeschossen, without reason, just for fun.

Samstag, 12. September 2015

Föhnen gefährdet die Gesundheit

Nachdem ich eine Woche lang auf dem Sofa gelegen habe und jetzt endlich eine Bindung aufbauen konnte, also zu dem Sofa, das hier seit Mai unbenutzt herumsteht, und mir die Augen viereckig gekuckt habe, weil ich mir bei Grippe immer staffelweise Serien reinziehe (diesmal "Shameless"), war ich doch recht froh, heute das Haus verlassen zu können; endlich mal wieder normale Sachen machen, andere Leute als die Gallaghers sehen, etc. 

Jedenfalls kurz vor Verlassen meiner Wohnung machte ich eine harmlose Bewegung beim Haareföhnen - da machte es wieder zong im unteren Lendenwirbelbereich und ich war noch hilfloser als neulich über dem Mülleimer. Ich saß nämlich auf der Kloschüssel, der geschlossenen wohlgemerkt. 



Und wer will das schon? Aber das nur nebenbei. Jedenfalls im sitzen einen Hexenschuss zu bekommen ist noch schlimmer als im stehen. Weil das sitzen den Schmerz in Sekundenschnelle in elliptische Höhen treibt. Es wird immer schlimmer, aber man kommt nicht hoch. Man kann nicht mal mehr den Föhn halten, der dann auch auf die Fliesen krachte, war mir aber egal. 

Ich sah bereits ein weißes Licht, aber kurz vor dem Exitus schaffte ich es, irgendwie aufzustehen. Ich fummelte ein ABC Pflaster aus der Hülle und freute mich auf den Ablenkungsschmerz. Leider hatte ich mich versehentlich mit der sensitiven Variante bevorratet. Aus Erfahrung wusste ich, dass ich mich bewegen muss, damit es besser wird und außerdem wollte ich heute sowieso zurück ins Leben. 

Eine weitere Staffel von Shameless würde ich nicht mehr ertragen, wegen meiner niederschwelligen Ekelgrenze und weil ich nach einer Woche mit William Macy kurz davor bin, rauchen für eine sinnvolle Gesundheitsmaßnahme zu halten.

Der Tag wurde dann doch noch ganz schön, als Ablenkung habe ich Sonnenbrand, wenn nicht sogar einen Hitzschlag. Ich futterte und trank mich durch halb Steglitz, Termine über Termine, erwähnte ich ja. Bloß nicht husten oder lachen. Tut echt weh. 

Mittwoch, 9. September 2015

Mein wunderbares Liebesleben

Auch ich bin seit sechs Wochen in einem beruflichen Netzwerk angemeldet, wie stets allen Trends 10 Jahre hinterher. Ganz ohne Netiquette habe ich mal jeden ohne weitere Ansprache "hinzugefügt", den ich kenne und mag. Einige bestätigen nicht nur kommentarlos, sondern schreiben sehr nette Zeilen zurück, da wird mir klar, so hau ruck macht man das wohl nicht. Zu spät. 

Einen habe ich nicht hinzugefügt. Für den habe ich eine Schwäche. Da traue ich mich nicht. Will nicht aufdringlich sein. Das hat neben meiner üblichen Strategie, den zu ignorieren, den ich gut finde, noch einen anderen handfesten Grund: ich könnte praktisch seine Mutter sein. Da will ich mich nun überhaupt nicht verdächtig machen. Ich muss mich auf meine alten Tage nicht noch lächerlich machen. So eine kleine Schwäche tut keinem weh, solange niemand davon weiß. Und das wird niemand erfahren.

Naja, ein paar Tage vergehen, es werden immer mehr Kontakte, ich werde nun auch von anderen hinzugefügt, ich find das ganz nett, wenn auch sinnlos: nun wissen meine Kollegen und entfernteren beruflichen Kontakte, was ich so mache, aber das wussten die vorher auch schon. Anyway, ihn füge ich dann doch hinzu. 

Tja, keine Bestätigung. Hm. Nun ja. Jetzt denkt der, ich stalke ihn. Wie peinlich. Wochen vergehen, ich vergesse meine Schmach.

Letzte Woche Betriebsausflug. Ich tanze bis spät in die Nacht, sogar mit Cheffe, amüsiere mich bestens, flirte mit allen, die mir wurscht sind, ihn ignoriere ich wie üblich. Er bemerkt nicht mal, dass ich da bin. Wozu auch, eine Mutter hat er ja schon. Hat alles seine Richtigkeit. Als das Licht angeht, verschwinde ich schnell; wenn's am schönsten ist, soll man gehen.  

Als ich am nächsten Morgen aufwache, sehe ich, dass er meine Anfrage um 4.31 Uhr bestätigt hat.

Mein persönliches Highlight in 2015.

Dienstag, 8. September 2015

Nichtraucherin. Hungrig.

Am Sonntag gegen 13 Uhr nehme ich die letzte Zigarette aus der Schachtel, muss dringend Nachschub besorgen. Ich habe vor, am 15.9. mit dem rauchen aufzuhören. Zusammen mit einer Freundin. Dabei weiß ich, dass dieses komm, wir hören zusammen auf, nehmen zusammen ab, laufen zusammen durch den Wald in meiner Welt nicht funktioniert. So bin ich nicht konstruiert.

Also denke ich, während ich die Zigarette nachdenklich zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her rolle, sie aus der Nähe betrachte, dass es mir am 15.9. genau so schwer fallen wird wie an jedem anderen Tag, warum also nicht gleich, sofort, unverzüglich aufhören? Jetzt, wo ich noch die Wahl habe. Und nicht wie ein Kollege, 'Lungenkrebs, inoperabel, noch zwei Monate'. Der hat keine Wahl mehr. Und die Wahl haben ist immer das ultimative Symptom von Gesundheit, nur dass man sich dessen nie bewusst ist und erst kapiert, dass man eine hatte, wenn es zu spät ist. 

Ich kaufe spontan keinen Nachschub.

Eine Stunde später werde ich krank. Aus dem Nichts. Dabei bin ich jetzt Nichtraucherin. Von Null auf Hundert. Bronchitis. Husten ist das nicht. Das wäre eine unzulässige Untertreibung. Jeder Atemzug ist eine Qual, husten geht gar nicht ohne Vollnarkose. Whow, denke ich, mein Körper unterstützt mich in meinem Kampf gegen das Rauchen. Ich muss mich wohl bei ihm bedanken. 

Ab 15 Uhr bin ich eine hilflose Person mit 38 Grad Fieber. Ich schlafe ganz viel und ganz tief. Tag und Nacht. Finde ich sehr gut. Nach jedem meiner Schläfchen wache ich langhingestreckt auf dem Rücken auf, tiefenentspannt, klappe die Augen auf, habe weder Kopf- noch Rückenschmerzen von der vielen Liegerei, nein, es ist genau das, was mein Körper jetzt will und bekommt. Eine ganz selbstgenügsame Phase ist das jedes Mal, Tag 2 und 3 einer Grippe. Wenn mein Leben doch nur immer so sein könnte. Also diese Grundstimmung der Bedürfnislosigkeit AUßER nach Tiefschlaf - selig, selig.

Aber ich bin jetzt wach und sitze am Rechner und schreibe das hier, die Schlafphase ist wohl vorbei. Oder wird abgelöst vom Nikotin Entzug. Ich entwickle für eine Fiebernde nämlich ungewöhnlich großen Appetit. Das kommt von der Nichtraucherei. Zweieinhalb Tage schon. Ich bin eine Heldin. Was ich jetzt schon allein an Geld gespart habe. 

to be continued

Donnerstag, 3. September 2015

Spinnen Content, die Zweite

Bei mir stinkt's. So'n leicht muffiger Geruch empfängt mich, wenn ich die Wohnungstür aufschließe. Das liegt daran, dass ich keine Fenster mehr öffne und auch nicht die Balkontür, wegen meiner posttraumatischen Belastungsstörung. Das ist schwer für mich, denn ich bin sehr für Frischluft. Aber Sicherheit geht vor. Denn es ist schon wieder passiert. 


Das nimmt überhand. Jetzt haben die auch schon Muster. Und sind echte Überlebenskünstler. Nach zwei Tagen unter dem Glas war die immer noch puppenmunter. Jeden Morgen rannte ich panisch zum Glas und war froh, dass sie es nicht geschafft hatte, sich zu befreien. Das war mir zu belastend. Ich trug sie deshalb doch nach draußen, 100 Meter weit weg, damit sie bloß nicht den Weg zurück findet. 

Eigentlich sollte sie bei mir sterben, damit sie nicht noch Babies bekommt. Aber mir ist nur die passive Sterbehilfe gegeben und noch eine Nacht länger mit ihr unter einem Dach hätte ich nicht verkraftet. Ich erhole mich nur langsam.

Mittwoch, 2. September 2015

Mama liest mit

Hab neulich ein Diensthandy bekommen und zwang meiner Mutter mein altes Smartphone auf. Der Vertrag läuft noch über ein Jahr und als älteste und dominanteste Tochter bin ich immer darauf bedacht, dass meine Mutter nicht vor der Zeit einrostet. 73 Jahre ist definitv jung genug, sich der heutigen Technik zu stellen. Sie lebt sicher noch dreißig Jahre und da kann es nicht angehen, dass sie für alle Zeiten auf ihrem alten Nokia herumtippt.

Wobei... Das hat sie eigentlich nie getan, ja, wir mussten sie jahrelang ermutigen, das Ding überhaupt anzulassen. Unvergessen der eisige Winter, als sie sich mit dem Fernbus zu Weihnachten nach Berlin aufmachte. Wir beschworen sie, das Handy nicht auszuschalten, weil wir uns so auf dem Laufenden halten konnten, in welchem Bundesland sie sich gerade befindet. Meine Schwester wollte ihr an der Haltestelle in ihrer Stadt noch ein paar Geschenke  für uns mitgeben. 

Eine Stunde nach offizieller Abfahrt rief ich sie an, Handy ausgeschaltet. Verdammt, dachte ich, wir haben ihr doch eingebleut, es auf keinen Fall... Eine weitere Stunde später rief meine Schwester an, die mittlerweile mit Erfrierungen an den Extremitäten auf den Bus wartete. Alle Anrufe bei meiner Mutter zwecklos, konsequent blieb das Handy ausgeschaltet. Sie stand also seit zwei Stunden an der Straße und wartete auf den Bus, vermutlich eher drei Stunden, denn sie ist immer lieber etwas früher da, soweit war uns das klar. 

Nach drei Stunden wurde meine Schwester erlöst, die gleich nach Übergabe der Geschenke ins Krankenhaus fuhr, um sich die Beine amputieren zu lassen und sich anschließend zur Adoption anzubieten. Praktisch hatte meine Mutter zu dem Zeitpunkt gerade mal 30 Kilometer des Weges zurückgelegt. Gleich nach dem Bericht meiner Schwester rief ich meiner Mutter wieder an, um ihr zu sagen, dass sie kurz vor Berlin anrufen soll, damit ich weiß, wann ich losfahren muss. Ich wollte nicht dasselbe Schicksal wie meine Schwester erleiden und wochenlang am ZOB ausharren. 

Ich wählte ihre Nummer: Handy ausgeschaltet. Ich bekam einen Schreikrampf. Und rief die nächsten Wochen alle Viertelstunden bei ihr an. Das Handy blieb stumm. Nach drei Jahren rief sie mich zurück. Sie flüsterte "Der Busfahrer hat gesagt, wir müssen die Handys ausschalten, weil er sich bei dem Geklingel nicht aufs Fahren konzentrieren kann.", ihr gehe es gut, nur ein bißchen durchgefroren, es dauere noch ca. zwei Stunden. "Mama, scheiß auf den Busfahrer, das Handy bleibt jetzt an, versprich mir das." - "Nein, das geht nicht, hat der Busfahrer verboten. Ich muss jetzt aufhören." Klack aufgelegt. Ich machte einen Probeanruf. Ausgeschaltet. 

Meine Mutter hat einfach zuviel Respekt vor Respektspersonen. Und eine sehr weitgefasste Meinung, wer  als Respektsperson einzuschätzen ist. Praktisch jeder erfüllt ihr geheimes Raster. 

Nach fünf Jahren kam sie in Berlin an, ohne ein weiteres Mal angerufen zu haben. Ich wartete auf sie am ZOB, mit einer Lungenentzündung und unter Verlust mehrerer Gliedmaßen, die ich mir von einer Fachkraft direkt an Gleis 10 abnehmen ließ. Ins Krankenhaus fuhr ich nicht, sonst hätte ich meine Mutter verpasst. 

Jedenfalls erkärte ich ihr bei meinem letzten Besuch, wie das Smartphone funktioniert. Wie sie Mails schreiben, Fotos machen, schicken und empfangen und wie sie googeln kann. Sie holte unauffällig die Papiere hervor, um mich (oder sich) ins Heim einzuweisen.Sie tippte auf dem alten Nokia "Helfen Sie mir, meine herrische Tochter zwingt mich...". Ich blieb unbeirrt, erklärte, dass sie ganz umsonst damit telefonieren kann, uns auch auf dem Handy anrufen kann und dass das überhaupt nichts kostet. Soweit ist sie jedoch noch nicht. Sie telefoniert mit dem Nokia. Aber sie schickt jetzt Selfies. An alle Töchter und Nichten. Wir sind begeistert. Sie hat's jetzt drauf.

Heute der Knaller. Ein Anruf auf meinem AB. "Ich hab dein Blog gelesen. Kind, ist dir immer noch schwindelig? Naja, wahrscheinlich nicht, bist ja nicht zuhause. Melde dich mal." Ich fass es nicht. Sie hat die Favoriten gefunden. Auf ihre Art ein Crack.

Montag, 31. August 2015

31. August, 36 Grad


Auf der Straße sehe ich einen alten Herrn - man könnte unter ihm den Schotterweg asphaltieren, so langsam und vorsichtig bewegt er sich. Es ist schweineheiß.

Wie ist das, wenn man so alt ist, dass man bei dieser irrsinnigen Hitze zu Fuß gehen muss, weil man kein Auto mehr hat? Der sengenden Hitze lange ausgesetzt ist, weil man sich nicht mehr schnell bewegen kann? Nicht mehr aufs Rad kommt? Wenn man keine Freunde hat, die einen Pool sitten, in den man sowieso nicht mehr reinklettern könnte, weil einem Kraft und Motorik fehlen? Wenn man gar keine Freunde mehr hat, weil schon alle tot sind? Wenn man den ganzen Tag allein ist, der Einkauf die einzige Abwechslung und dann ist es so brüllend heiß, dass dieser Gang zum lebensbedrohlichen Abenteuer wird? Sollte ich nicht einfach anhalten und ihm anbieten, ihn schnell an sein Ziel zu bringen?

Wenn ich nicht mit dem Rad unterwegs gewesen wäre, hatte ich's getan. So kämpfe ich selber mit dieser Affenhitze. Mir wurde im Büro so'n bisschen plemplem und hielt es für eine willkommene Abwechslung, mich um die Mittagszeit krank zu melden, um rasch nach Hause zu radeln und den Rest des Tages zu zelebrieren, diesen letzten brüllendheißen Tag in 2015. In Ruhe Abschied nehmen von diesem Sommer und so. Wehmütig werden, weil es jetzt vorbei ist.

Bei 36 Grad nach Hause zu radeln, ist keine gute Idee. Die Sonne nur von vorne, kein Wölkchen, kein Schatten; die Flasche Wasser, die ich dabei habe, kippe ich mir wie ein Tour de France Fahrer direkt über den Kopf, so sehr verzweifle ich auf den 13 Kilometern. 'Plemplem' beschreibt nicht mehr annähernd, wie ich mich fühle. 

Fast angekommen bin, biege ich noch mal kurz ins Wäldchen ein, um mich abzukühlen. Als ich absteige, um mich kurz auf eine Bank zu setzen, wird mir schwindelig. Kein Wunder, mein Hirn ist warmer Apfelmus. Ich erhole mich, auch weil Schatten mich per se beruhigt. 


Auf allen Vieren krieche ich in meine Wohnung, justiere den Ventilator auf meine äußere Hülle, und warte, dass sich meine verflüssigten Innereien wieder an Ort und Stelle begeben. Ich schau aus dem Fenster, seh die Hitze draußen flirren, aber ich bin in Sicherheit, endlich.



Ab morgen schreibe ich Gehaltvolleres, ich versprech's.

Samstag, 29. August 2015

Fahrerflucht

Als ich in mein Auto steige, wundere ich mich. Ich hatte den Seitenspiegel doch gar nicht eingeklappt. Mach ich nie. Mein Auto ist so klein, das steht noch nicht mal im Weg, wenn ich quer auf der Straße parke. Sehr verdächtig. Da ist doch was im Schwange. Steige wieder aus, der Seitenspiegel hat außen eine Schramme. Nun steht das Auto direkt neben einem Gartentor. Um so eine Schramme hinzubekommen, hätte jemand aus dem Garten fahren müssen und in einer halsbrecherischen Linksabbiegung den Spiegel touchieren müssen. Aus diesem Garten kommt aber nie ein Auto, weil es ein Garten ist.

Ich grübel so vor mich hin. Kombiniere, wenn da oben eine Schramme ist, dann muss weiter unten auch was im Argen liegen. Watson, Watson. Und da: linker Kotflügel zerschrottet, Stoßstange rausgerissen. Wer weiß, wann mir das aufgefallen wäre, wenn der Seitenspiegel nicht eingeklappt gewesen wäre. Wahrscheinlich in drei Jahren. (Naja, das ist jetzt langatmig erzählt, selbstverständlich geschah das alles in Sekundenbruchteilen) 

Heiliger Zorn überkommt mich. Das wird teuer. Leider nur für mich. Wähle 110.

Ich seh mich um, frage die Bauarbeiter, ob sie was gesehen haben. Ja, da habe eben ein Sprinter rangiert. Ach, da vorne, da steht er. 50 Meter entfernt parkt er. Ausgezeichnet. Fahrerflucht mal ganz anders. Bißchen halbherzig. Schnell geh ich hin und sehe die Komplementär-Schramme. Polnisches Kennzeichen. 

Steh so'n bissel dumm rum, was soll ich nun tun? Geh wieder zurück, da kommt ein Mann aus einem Garten. "Gehört der Wagen Ihnen? Ja? Aha. Haben SIE mich angefahren?" Er gesteht sofort. Zerknirscht. Er habe nichts gemerkt, die Musik war so laut. Er wollte keine Fahrerflucht begehen. Das soll ich bloß nicht der Polizei sagen. 

Das habe ich auch nicht vor. Immerhin habe ich affenartiges Glück, dass ich ihn gefunden habe und er geständig ist, ohne dass ich die Gestehen-Sie-Lampe auf ihn richten musste. Ein gütiger Mann, der nichts gemerkt hat. Es gibt Versicherungen, die sowas regeln. Damit ist die Sache für mich erledigt. Außerdem glaube ich ihm. Ein bisschen. Kann passieren. Vielleicht ist er ein Schlitzohr, aber ein sehr freundliches oder ein sehr dummes. Auf jeden Fall nicht besonders effektiv. Ich mein, 50 Meter weiter zu parken, so doof kann man doch gar nicht sein.

Die Polizei kommt. Mit Schutzwesten an und bis an die Zähne bewaffnet. Du meine Güte, ich wohn doch nicht in Beirut. Wir sind inmitten von Bullerbü. Sie glauben seinen blumigen Ausführungen über das laute Radio nicht, er wird nervös. Ich schreite ein, behaupte, dass, als ich zu seinem Wagen ging, er sofort angelaufen kam und sich zu erkennen gab. Nein, keine Fahrerflucht. Wie lange es gedauert habe, bis wir uns gefunden haben? Keine zwei Minuten. Nein wirklich, keine Fahrerflucht. Sie schauen skeptisch, ich schau unschuldig. 

Als sie wieder fahren, sagt der Mann "Schade, dass wir nicht in Polen sind, könnte mein Schwager gleich reparieren." Er sieht mich treuherzig an. Er stellt mir eine Frage, das ist mir klar. Ich grinse. "Übertreiben Sie's nicht." Er lächelt. "Sag ja nur."

So hat ein jeder seine Träume. 

Freitag, 28. August 2015

Wenn Frauen zuviel liegen


Wir liegen jetzt enger beieinander, wir sind ja auch nicht mehr in der Villa, da war mehr Platz. Aber wir haben uns so sehr aneinander gewöhnt beim rumgammeln, dass wir gleich nach der Begrüßung in die Horizontale fallen, um den Pool-Spirit zu re... dings, jetzt fällt mir das Wort nicht ein, zu re... na, zu konservieren trifft's auch. 

Das typische am Single Dasein ist, dass man dazu verdammt ist das Privileg hat, das Leben einer Zwanzigjährigen zu führen; jedenfalls, wenn man klug genug war, auch in bemannten Zeiten seine Freundschaften zu pflegen. Man hat natürlich auch ein paar männliche Freunde, mit denen man durch die Stadt schlendert und nachts telefoniert, aber der eigentliche Rückzugsort ist der Kokon, den Frauen zu spinnen in der Lage sind.

Wir sind erschöpft von vergangenen und aktuellen Waterloos, die wir uns gerne erzählen; wie Frauen überhaupt dazu neigen, sich binnen kurzer Zeit sämtliche Katastrophen ab dem 7. Lebensjahr zu offenbaren. Peinlichkeiten werden nicht ausgelassen, Schwächen, Unzulänglichkeiten, Unsicherheiten, kein Problem, kommt alles auf den Tisch und jede setzt noch einen oben drauf - und dabei wird viel gelacht. Das verbindet und beruhigt: ich bin doch nicht die Döofste unter der Sonne, die anderen haben den gleichen Mist hinter sich. 

Wir sprechen selten von glücklichen Zeiten, wie würde sich das auch anhören "Ach, damals, da war ich so glücklich mit Dingens, unser erster Urlaub, wir haben nur gevögelt, gegessen und geschlafen. Und dann hatte ich noch diesen geilen Job, ich hab mich dumm und dämlich verdient." - das gibt einfach nichts her. 

Viel schlauer lässt sich daher reden über verkorkste Kindheiten und Beziehungen. Wir sind reflektiert und therapiert, wir wissen, weshalb die Kerle so blöd sind und wir sind ja leider auch nicht besser, ja, wir sind inzwischen so klug, dass wir nicht mal mehr DENKEN, Frauen wären toller als Männer. Psychopathen gibt es in männlich und weiblich, man muss ihnen nur aus dem Weg gehen, das ist unser Fazit und gleichzeitig die größte Kunst.

Bis der Normalneurotiker kommt, liegen wir ein bißchen rum, wie damals mit zwanzig.

Montag, 24. August 2015

Nur eine tote Spinne ist eine gute Spinne

Als ich gestern auf dem Sofa lag, huschte ein Riesenvieh von Spinne an mir vorbei, direkt in mein kleines Büro. Die kannte den Weg ganz genau. Umschiffte den Teppich, lief nicht etwa kopflos auf mich zu, sondern bog elegant ab. Als ob sie das täglich macht. Die wusste genau, wo sie hinwollte. 

Bis ich stand, war sie nicht mehr aufzufinden, wobei ich auch nicht gesucht habe, sondern augenblicklich das Zimmer verließ, die Tür schloss und noch ein dickes Handtuch in die Ritze unter der Tür stopfte. Wenn ich Bauschaum gehabt hätte, ich weiß nicht, ob ich mich im Griff gehabt hätte. 

Dabei war ich kurz zuvor noch so glücklich. Ich hatte nämlich über Ebay Kleinanzeigen die Garten-Relax-Liege gefunden, auf der ich in der Villa so viele schöne rückenschonende Stunden verschlafen habe. Und obwohl ich nicht zum tagträumen neige, machte ich gerade eine Ausnahme und sah mich entspannt für den Rest meines Lebens auf dieser Liege. Diese Liege kann mir keiner mehr nehmen. Jetzt muss ich nur noch auf dem Sommerfest der Architektenkammer einen Architekten mit Swimmingpool von mir begeistern. 

Ich flüchtete mich ins Bett und schrieb ein paar Hilferufe an diverse Whatsapp Gruppen. Ob jemand wüsste, wo eine Wohnung frei wäre, in der Nähe, denn ein Verbleib in der meinigen schlechterdings unmöglich - selbst wenn ich mich auf Küche, Bad und Schlafzimmer beschränkte.

Heute früh machte ich keinen Schritt ins Wohnzimmer, obwohl da sogar meine Zigaretten lagen. Werde ich halt Nichtraucherin. Nach Büroschluss holte ich die Liege ab, sie ist wirklich wie neu. Der Oppa hatte sie kurz vor seinem Tod gekauft und nie benutzt, erzählte die Tochter. Ich schleppte sie ins Auto und fuhr los. Binnem kurzen war der Innenraum kontaminiert von durchdringendem Mottenkugelgeruch. Egal, auf dem Balkon wird sie nach ein paar Jahren schon auslüften. 

Zuhause angekommen musste ich wohl oder übel durchs Wohnzimmer, ich wollte in der Abendsonne auf dem Balkon liegen, nicht im Flur oder in der Küche. Ich riss mich zusammen und dann lag ich, von Mottenkugel-Odeur umwabert gemischt mit Febreze - come to where the flavour is. 

Meine wunderbare Nachbarin kam nach Hause und bot mir an, die Spinne zu finden. Ihr Freund ist ähnlich verhaltensoriginell, was Spinnen betrifft und so ließ ich sie dankbar rein. Sie fand sie nach einem kurzen Blick hinter dem Schreibtisch "Schau, sie ist schon tot." - "Gestern war sie aber noch flott unterwegs. Sie sah nicht aus, als ob sie sich zum sterben niederlegen wollte." Aber da lag sie nun, mausetot und ich sagte alle Wohnungsbesichtigungstermine wieder ab.

Dann legte ich mich wieder auf die Liege und schrieb neue Nachrichten über meine heldenhafte Nachbarin, glücklich und entspannt wie nie zuvor. Bis mir ein Freund antwortete: "Du, manchmal häuten sich Spinnen...und das, was übrig bleibt, sieht dann aus wie eine tote Spinne."

Männer sind so grausam. Unsere Freundschaft ist im Arsch. Da kann er mir hundertmal sagen, dass in meiner Wohnung wenigstens keine Giftstoffe sind, weil sonst keine Spinne reinkommen würde. Was ist wohl schlimmer? Asbest oder eine Tarantula, na? Na?

Mir war ja gleich aufgefallen, dass die Spinne so durchsichtig aussah, so ohne Saft und Kraft, obwohl sie ja noch nicht lange tot war. Das fiel mir wieder ein, es war nur so ein kurzer Gedanke, als ich sie in den Garten warf, ich sollte besser auf meine Impulse hören. Also muss sie hier noch sein. Irgendwo. 

Morgen kaufe ich mir Dioxin.


Sonntag, 23. August 2015

Wie mir Udo Jürgens mal einen Gefallen getan hat

Irgendwann im letzten Jahr wurde mir berichtet, man habe ein gaaaanz tolles Geburtstagsgeschenk für mich. Man müsse mir das jetzt schon sagen, damit ich keine anderen Pläne mache. Karten für ein Udo Jürgens Konzert, das genau an meinem Geburtstag stattfinden sollte. "Wirklich?", sagte ich und dachte "Ach herrje." 

Aber ich wollte der allgemeinen Begeisterung nicht im Wege stehen und erwies mich flexibel. Der Rest ist Geschichte, vorher ging er über die Wupper. Ich war heilfroh über sein pünktliches Ableben und bin ihm seitdem zu Dank verpflichtet. 

Eine andere Freundin, der ich von dem geplatzten Konzert erzählte, kannte eine Frau, die eine Patientin hatte, die unheimlich auf den Verblichenen stand (kein Wunder, dass sie behandlungsbedürftig war). Sie stand dermaßen auf ihn, dass sie sich auf einem Konzert in den Backstage Bereich gedrängelt hat und von ihm auserkoren wurde, die Nacht mit ihm zu verbringen. 

Sie war begeistert und konnte es kaum erwarten, mit ihm ins Hotel zu gehen. Sie war sicher, das wird jetzt die Nacht der Nächte, von der sie noch ihren Enkeln erzählen würde. One Night in Braunschweig. Sie kriegte sich kaum ein vor Glück. Bis sie mit Mr. Bombastic im Bett lag. Sein Einsatz: "Nun mach mal!" 

Tja.

Wir sinnierten noch ein wenig, wie es wäre, wenn wir ausnahmslos jeden Mann haben könnten. Wirklich jeden. Immer die freie Auswahl. Selbst mit siebzig. Oder noch älter. Wenn wir noch als Omma dreißigjährige Hardcore Fans hätten. Wir sahen uns schweigend an. Dann lachten wir. Eher friert die Hölle zu.

Mittwoch, 19. August 2015

Thomas macht alles richtig

Nun hatte ich mir neulich einen Temperatursturz gewünscht, ziemlich inbrünstig sogar, es fehlte nicht viel und ich hätte zu Gott gefunden, damit ich den hätte bitten können. Irgendjemanden muss man doch anflehen in der Stunde der Not.

Läuft bei mir, am Sonntag im Englischen Garten zog es sich zu und am Ende kam ich gerade so noch trocken ins Auto. War das eine Erholung. Ich mein, der Körper macht viel mit, aber eben nicht gerne. Er findet sich, weil er muss, selbst an den Drehschwindel morgens nach dem aufwachen gewöhnt man sich; es bleibt einem auch nichts übrig.

Ich wollte auch mal wieder schlafen, also so richtig schlafen, mit müde werden, sich einrollen und wegschlummern. Nicht dieses alle Viere von sich strecken und zu matt zum jammern sein. Das Fenster anstarren und sich fragen, wann gibt's mal wieder richtig Durchzug? Man hätte mich ans Stromnetz hängen und eine mittelgroße Kleinstadt über den Winter bringen können - ein organisches Heizkraftwerk war ich, ohne einen Finger krumm zu machen. Ganz knapp schrammte ich an einer spontanen Selbstentzündung vorbei.

Und nur ein kühler Tag lässt die vergangene Hitze irreal erscheinen. Für mich gibt es kein gestern und kein morgen, ich lebe ganz im Augenblick. 

Ich hatte Außentermine, ließ das Auto vor dem Büro stehen, nahm das Dienstfahrrad (ja, wir haben dolle Sachen), wegen der Staus, auf die ich keine Lust hatte. Plante, auch gleich im Anschluss zu einem privaten Treffen zu radeln, später wieder zurück ins Büro, um dort ins Auto zu steigen. 

Gesagt, getan. Außentermin heißt bei mir: Hotels ansehen auf der Suche nach einem geeigneten Raum für ein feudales Essen. Da sieht man ja viel und muss nicht denken, die Innenarchitekten beweisen Geschmack beim inneneinrichten. Je teurer das Hotel, desto schlimmer wird es.

Jeder Inneneinrichter hat einen Schwager, der eine Teppichbodenfabrik besitzt, in der nur aberwitzig übelkeitverursachende Muster gewebt werden dürfen. Geometrisches wird derart rücksichtslos mit floralem gemixt, dass jeder potentielle Glaukom-Kandidat den Krankheitsausbruch bei vollem Bewusstsein erlebt. Tine Wittler, die alles in Grund und Boden dekoriert, ist in diese Machenschaften ebenfalls verstrickt.


Ich hab Schlimmes gesehen heute. Höhepunkt: das Honecker-Zimmer im ehemaligen Grand Hotel. Wenn ich den Obermufti dort einquartieren würde, lebte ich schon morgen von Hartz 4 und das nicht ganz grundlos.

Nicht nur die Teppiche waren anstrengend, auch das Personal. Kinder, die in merkwürdige Uniformen gesteckt werden, die ihnen viel zu groß sind und merkwürdig steif an ihnen herunterschlottern. Offenbar kriegen die nix zu essen und deshalb können sie auch nicht mehr geradeaus reden. Man spricht also mit dürren Kindern in Anzügen aus Plaste und Elaste, die irgendwie versuchen, den hotelüblichen Terminus technicus fehlerfrei über die Lippen zu bekommen. Sie sind geschult, hören sich aber an, als ob sie in einem Straflager gedrillt wurden, nackte Panik in den Augen. Sie versuchen krampfhaft, souverän zu erscheinen, aber sie sind einfach zu jung für diesen Scheiß. Ich wollte am liebsten eine Leberwurststulle auspacken und sagen, iss das mal und dann leg dich hin und ruh dich einfach mal aus, Kindchen, und vorher besorgste mir noch jemanden, mit dem ich ernsthaft verhandeln kann. 

Erschöpft von den Teppichmustern und Zombies Azubis, die auf mich losgelassen wurden, radelte ich zu meinem Treffen nach Feierabend. Das war es schon recht schattig. Wir saßen draußen und hüllten uns in Fließdecken. Die Füße wurden eisig kalt und noch vorgestern wünschte ich mir nichts sehnlicher - ich war wohl nicht bei Trost. Ich klapperte bereits mit den Zähnen, als ich zurück zum Büro fuhr, um in mein Auto umzusteigen. Erleichtert drehte ich die Heizung auf volle Pulle und dankte dem Herrgott für die Sitzheizung. 

Ich bewunderte einen riesigen Grashüpfer, der sich an der Windschutzscheibe festkrallte und egal wie schnell ich fuhr, stärker als der Fahrtwind war. Ganz schön viel Kraft in so einem Insekt, kein Wunder, dass die uns alle überleben. Ich fuhr auf die Autobahn und dachte, mal sehen, ob er sich bei Tempo 100 immer noch festhält. Respekt, dachte ich.

Bis ich bemerkte, dass er innen an der Scheibe hing. Das war mir dann auch wieder nicht recht, also befahl ich ihm mit Blicken, schön ruhig zu bleiben, dann würde uns beiden nichts passieren. Ich hab ihn praktisch hypnotisiert und dabei eine persönliche Bindung zu ihm aufgebaut. Ich habe ihn im Geiste Thomas genannt. Thomas, habe ich gesagt, Thomas, mach keinen Scheiß, du hast noch alles vor dir, es wäre schade um dich und um mich auch, keine Hektik jetzt auf der A 100, ich hab noch Pläne, ich will einen Swimmingpool und du, du willst es doch auch.

Thomas ignorierte mich weitestgehend, was ich sonst nicht so schön finde, aber heute war es genau das Richtige.