Montag, 30. November 2015

Der Kiezneurotiker in 3 D


Am Sonntag war ich mit der Auftragsmörderin auf dem Tempelhofer Feld, im strömenden Regen, ihren Hund ausführen. 

Sidekick: Ich bin dem Hund sehr ans Herz gewachsen, weil ich oft in der Villa war, als er ein Welpe war. Das hat zur Folge, dass mich heutzutage 20 Kilo anspringen, und da ich seine Reaktion auf mich vermenschliche - ich kann einfach nicht anders - bilde ich mir ein, dass er mich sympathisch findet. Er übertreibt zuweilen, wenn er mit seiner "besseren Dosenöffnerin" zu mir nach Hause kommt, dann begrüße ich ihn vor der Tür, weil er mir sonst in den Flur pinkelt, so groß ist die Freude. Wenn ich ehrlich bin, will ich jetzt auch einen Hund. Am besten ihn. Wir sind schon aneinander gewöhnt und die Auftragsmörderin hat ihn sehr gut erzogen. Aus dem Gröbsten ist er raus. Leider geht das nicht, sie will  ihn selbst behalten und eigentlich habe ich es ja auch nicht so mit Tieren. Das muss ich mir immer wieder in Erinnerung rufen. Ich könnte ihn mal am Wochenende haben, wenn sie verreist. Aber sie verreist einfach nicht.

Jedenfalls, wie wir so über das Feld stapfen, uns gegen Wind und Regen stemmen, einige nervlich überlastete Flüchtlinge sich derweilen eine Massenschlägerei im Hangar liefern (was ich nicht weiter verwunderlich finde, denn wenn ich monatelang auf der Flucht gewesen und dann endlich angekommen wäre und nicht gleich ein abschließbares, warmes Zimmer mit einer Badewanne und ein Bett mit einer dicken Daunendecke bekommen würde, unter der ich mich zwei Wochen lang ausschlafen könnte, dann würde ich jeden Tag eine Massenschlägerei anzetteln - ich hab's im Hangar mal einen Tag lang anlässlich einer Messe aushalten müssen und da bin ich schon gefährlich weit aus meiner Komfortzone gedriftet) und unfassbar viele Polizeiautos angerast kommen, die Situation also immer unwirtlicher und unwirklicher wird, bekommt sie einen Anruf einer Freundin, ob wir nicht zum Tee vorbei kommen wollen. 

Dankbar nehmen wir an. Sind kaum da, gesellt sich noch ein Freund dazu, den ich zum ersten Mal sehe.

Irgendwann erzählt er, dass er in Prenzlauer Berg wohnt und beginnt eine Hasstirade vom allerfeinsten auf die Radfahrer, auf diese Scheiß-Anwälte, die im Anzug und mit Hosenklammer jedem „Du blöde Fotze“ hinterherbrüllen, der auf dem Fußgängerweg nicht schnell genug Platz macht. Wie er seine Tochter schützen muss, damit sie nicht von denen umgenietet wird. Und dass die miteinander auf engstem Raum Rennen fahren – wohlgemerkt auf dem Bürgersteig und dass sich neulich zwei auf die Fresse gelegt haben, weil sie sich ineinander verhakt haben, und der eine auf die Straße gefallen ist und das Auto gerade noch so bremsen konnte und dass er das schade fand. Eine Menge Hass kam aus ihm raus, er redete sich in einen Rausch.

Ich sah ihn fasziniert an und dachte: Dass ich Herrn Stevenson jetzt doch mal persönlich kennenlerne. Dolle Sache. Kein Mensch kann so sprechen, wie er schreibt, wenn er es nicht selber ist. Ich muss dazu sagen, dass ich seine Schilderungen bezüglich der Radfahrer immer für übertrieben hielt (weil man ja beim bloggen zwecks besserer Lesbarkeit immer übertreibt – jedenfalls mache ich das so), aber Dinah und ich sahen uns an und lachten "Er hört sich doch an wie der Kiezneurotiker, dann hat der gar nicht übertrieben. Vor uns sitzt der lebende Beweis".

Er wollte wissen, wer der Kiezneurotiker ist und ich meinte: "Würde ich auch mal gerne wissen, das gehört zu den großen Geheimnissen der Menschheit, aber er bloggt unermüdlich für den Weltfrieden über Radfahrer und andere schlimme Sachen in Prenzlauer Berg."

Er erzählte weiter, dass er seinen Mitarbeitern wegen seines Hasses auch den Wunsch nach Dienstfahrrädern abgeschlagen hat, es hackt wohl, hat er ihnen gesagt, die können zu Fuß gehen, oder Taxi fahren "Seht zu, wie ihr von A nach B kommt, aber mit dem Rad nur über meine Leiche."

Ich frage, wo er denn arbeitet.
Er nennt einen Fernsehsender. 
"Ach", sage ich, "und da bist du der Fahrradbeauftragte oder wie?" 
„Nee, der Geschäftsführer." 

Der Kiezneurotiker steht kurz vor dem Weltruhm, denn sein Bruder im Geiste hat seit heute seine Blogadresse. Falls er es am Ende nicht doch selber war.

Samstag, 28. November 2015

Früher war mehr Lametta. Nicht.

Als ich klein war, betete ich jeden Abend inbrünstig, dass ich zu Weihnachten ein goldenes Kleid bekomme. Und goldene Schuhe. Ich stellte mir vor, das Päckchen von Opa Berlin zu öffnen und endlich das ersehnte Glimmern zu entdecken. Damals war rosa noch nicht modern, eher gelb und kackbraun oder höchstens rot und blau. Kein Gold nirgends.

Außer im Schuhgeschäft. Meiner Mutter schleppte ich alle goldenen Schuhe an, die ich finden konnte. Sie machte mir nie den Gefallen, sie anzuprobieren, geschweige denn zu kaufen. Vielmehr ergriff sie Maßnahmen: zum einkaufen durfte ich nicht mehr mit. Vermutlich dachte sie, dass man ihr im Krankenhaus eine kleine Adelige untergeschoben hatte. Ich zumindest dachte das. Mit meinem Goldfimmel war ich eine Außernseiterin in der Familie und ich hatte niemandem, mit dem ich darüber reden konnte.

Mehr als zwei(!) Toiletten hatte meine Familie nicht zu bieten an Luxus in unserem schachtelkleinen Reihenhaus. Wir hatten nicht mal goldene Tapeten. Mir blieben nur die allabendlichen Gebete.

Später wurde das Dach ausgebaut und ich durfte mir die Farben für mein neues Zimmer aussuchen. Ich entschied mich für blau, die Fokussierung auf Gold war in Vergessenheit geraten. Von da an hatten wir "Das blaue Zimmer" - wie in Downton Abbey. Bis heute schlägt sich bei Heimatbesuchen alles darum, in diesem zu schlafen. Es wurde fast unverändert gelassen, es hat seinen Charme. 

Mein beruflichen Pläne waren im Alter von 11 klar umrissen; ich strebte nach ganz oben, weg aus Niedersachsen: als uns der Deutschlehrer fragte, was wir mal werden wollen, sagte ich: "Fernsehansagerin oder Eiskunstläuferin". Er sah mich an und brach in Gelächter aus. Er hatte seine Mühe, sich wieder zu beruhigen. Ich dachte, ich muss wohl sehr hässlich sein, wenn er so lacht. 

Ähnliche Ausbrüche von Heiterkeit hatte ich nur mal in Geschichte erlebt, als ich die Drei- Stände-Gemeinschaft der alten Germanen erklären sollte. Ich überlegte hin und her und sagte dann "Vater, Mutter, Kind". Die Lehrerin kriegte sich nicht mehr ein. 

Warum schreib ich das alles? Ach ja. Ich war einkaufen. Und da sah ich das hier:


in Größe 158

Zu spät, alles zu spät. In Gr. 158 passe ich nicht mehr rein.

Donnerstag, 26. November 2015

Blümeranter Vormittag

Hatte eine schrecklich blöde Nacht. Nach dem bloggen kroch ich mit letzter Kraft ins Bett und dachte so bei mir, das war keine gute Idee, heute Abend noch ein Stück Weltliteratur zu schreiben, obwohl die Akkus leer sind. Das rächt sich. Und es rächte sich. 

Ich baute mein Herzklopfen in einen Traum ein: eine Kollegin bekam einen Trotzanfall und sprang wie eine Dreijährige vor mir auf und ab, dabei machte sie jede Menge Lärm, aber das war nur mein Herz, das sich in mein Hirn verirrt hat. Ich wachte also um 2.16 wieder auf. Immer noch todmüde und immer noch hungrig, denn an Stehtischen esse ich wie ein Spatz, um der Bekleckerung vorzubeugen.

Stand auf, ging in die Küche und holte mir Vanillepudding ans Bett. Meine Ernährungsgewohnheiten bedürfen einer schonungslosen Überprüfung. Dann schlief ich weiter. Um 4.03 wurde ich wieder wach. Mir war sehr warm. Kein Wunder, die Wärmflasche köchelte vor sich hin unter der Winterbettdecke und der Sicherheitsdecke oben drauf. Ich öffnete das Fenster und kühlte runter. Ich schlief weiter bis halb sechs, dachte, jetzt kannste auch gleich aufstehen, entschied mich dagegen. Gegen halb acht stand ich auf, zerrüttet und zerschlagen. Lustlos frühstückte ich, als ich mich erhob, drehte sich die Welt. Ups, wass’n hier los?

Wie eine reiche Amerikanerin auf einem Kreuzfahrtschiff bei schwerem Seegang hangelte ich mich an der Wand lang ins Bad, erstmal Vitalzeichen überprüfen. Blick in den Spiegel: beide Pupillen gleich groß. Schon mal kein Hirnschaden. Ich sah einfach nur beschissen aus. Vorsichtig putzte ich mir die Zähne, aber es kommt er Moment, da muss man sich nach vorne beugen, außer, es macht einem nichts aus, sich vollzusabbern. Diesbezüglich kommt meine Zeit noch, da bin ich mir sicher.

Ich beugte mich also nach vorne und dann ging es wieder sehr karusselig zu im Oberstübchen. Ich lehnte mich halb schräg gegen die Wand, auch keine gute Idee. Stehen, geradeaus blicken, das ging. Ich beendete meine Körperpflege, so gut es ging, denn falls doch mal der Notarzt kommen muss, möchte ich gut duften, komme, was wolle (ich habe mir mal ungewaschen die linke Hand gebrochen, und zwar so gründlich, dass ich in den OP musste - das war mir eine Lehre).

Erstmal auf den Balkon, frische Luft schnappen. Da stand ich dann, stocksteif und schaute mit geradem Blick in die Landschaft. Das wird kein schöner Tag, ich musste mich damit abfinden. Ich rief stehend im Büro an und sagte stehend alle Termine ab. Dann stellte setzte ich mich kerzengerade auf’s Sofa.

Als Hobbypsychologin war mir klar, dass unmittelbar nach Krankmeldung die Wunderheilung einsetzen würde. Da hatte ich mich auch ein bisschen getäuscht. Bis 12 Uhr Mittags saß ich anmutig, mit astreiner Körperspannung und gleichzeitig rückenschonend auf der Couch, wie eine Sphinx. Jetzt ist alles wieder geschmeidig.

Mittwoch, 25. November 2015

Bastelnde Tippsen

Damit Hotels ihre Zimmer vollkriegen, laden sie um die Weihnachtszeit Tippsen ein, zum Adventskranzbasteln. Manchmal auch im Sommer, zum Spargel stechen in Beelitz (Gott, hatte ich ein Glück, dass es goss wie aus Eimern - so blieb nur das Spargel schälen und das Schnitzel essen in unerträglich feuchter Schwüle, ich wäre beinah verreckt). 

Ich komm da also hin, im Saal versammeln sich ca. 20 Frauen, wir binden Kränze, als ob es kein Morgen gibt. Ich sitze am Tisch mit vier Frauen, die alle aus einer Firma kommen. Die eine hat einen mächtigen Busen und ist die Lustigste von allen. Begabt ist sie auch, wenn auch nicht geschmackssicher. Aber sie hat mir eine hübsche kleine Schleife aus Samt gebunden. 

Dann werden wir zum Buffet geführt, warmes Essen an Stehtischen eingenommen - ich kann mir kaum etwas Grausigeres vorstellen. Zu mir gesellt sich der Sales Manager und textet mich zu. Ist ja klar, und ich sage ihm, dass es mir leid tut, dass er jetzt dieses Gespräch mit mir führen muss, wo er doch weiß, dass ich nur auf der Suche nach einem Private Dining Room bin, den dieses Hotel nicht hat, wie schon im Mai geklärt wurde (Beziehungsweise haben die den schon, aber er ist von solch berückender Hässlichkeit, dass ich einen Kopf kürzer gemacht würde, sollte ich meine Bosse je dort einquartieren. Ich stelle mir vor, dass das ZK der SED in solchen Räumen getagt hat. Nichts für meine Herren, die lieber ins Soho House  gehen.)

Jedenfalls ist er erleichtert und erzählt von den schweren Arbeitsbedingungen in der Hotellerie; ich höre mir das geduldig an, alles ist besser, als Verkaufsgespräche nach Feierabend, stehend und essend - du meine Güte, was hab ich mir eigentlich dabei gedacht?

Naja, ich hatte mir gedacht, ich muss öfter ausgehen. Also über den üblichen Programmpunkt "Freunde treffen" hinaus. Mal was anderes sehen. Gestern war ich nämlich aus und kurz vorher wollte ich wie immer absagen, weil ich so grottenmüde war, dass mich schon mehrmals Sekundenschlaf übermannte. Aber dann wurde es doch ein schöner Abend, also beschloss ich, daraus zu lernen und eben öfter wegzugehen.  

Ich hab gleich wieder was gelernt: mit einem Mann zu Idil Baydar zu gehen, ist weitaus angenehmer, als Adventskränze im Kreise von Sekretärinnen anzufertigen. Mir tut der Rücken weh, denn die hatten keine Gesundheitshocker swopper TITAN dort stehen, sondern schnöde Konferenzstühle - während ich gestern auf Kinobstuhlung mit Beinfreiheit lagerte. 

Tja, und dann, nach der Hausbesichtigung, die ich dem Sales Manager nicht abschlagen konnte, bekam ich auch noch Augenkrebs, als er uns in den "Lounge Club" führte. Ich habe natürlich Beweisfotos gemacht, aber die stelle ich hier aus Liebe zur Menschheit nicht rein. Schlamm und Kunstleder. Ich stelle mir vor, dass Erich Honecker in sowas gesessen hat, wenn er aus dem ZK der SED nach Hause gekommen ist. 

Aber immer noch war des Leidens kein Ende. Als ich endlich im Auto saß, mir eine Zigarette anzündete und losfahren wollte, fuhr ich 30 Meter und schon stand ich wieder. Ich stand die nächsten 2 Kilometer, die Potsdamer Straße ist eine Geißel der Menschheit. Natürlich nicht für mich, sowas lass ich mir ja nicht bieten. Ich dreh um und fahre Umwege über Umwege, Hauptsache ist: ich fahre.

Sonntag, 22. November 2015

Neumodische Eltern

Ich bin Großtante geworden. Ein Sonntagskind, wie ich.

Nicht, dass ich das Baby gesehen habe. Die jungen Eltern verbitten sich störende Einflüsse von außen, die ersten drei Wochen. Das ist modern und nennt man Baby-Flitterwochen. Gut für die Bindung zwischen Mutter, Vater und Kind.

Fotos machen sie auch nicht und wenn doch, verschicken sie sie nicht. Ich bin frustriert. Die ganze Familie ist frustriert. Einzig meine Schwester, die frischgebackene Oma, ist nicht frustriert, denn sie durfte schon zweimal hin. 

Sie hat ein Foto geschickt, auf dem man nichts erkennt. Man kann Fotos von Babys machen, auf denen man nichts erkennt, das geht. Sie hat's bewiesen. Es soll aber sehr hübsch sein. Und so lieb und entspannt. Wie schön für sie.

Die Graue Eminenz hat angerufen, wann man das Baby sehen kann. No chance, sage ich, in drei Jahren vielleicht. Er ist frustriert. Dabei hat er mir zugeraunt, kurz vor der Geburt, sag mir Bescheid, wenn es los geht, nicht erst, wenn das Baby da ist, wenn es losgeht, hörst du? Willst du hin, frage ich ihn. Logisch.

Zwei Tage, nachdem das Baby da ist, erfahre ich überhaupt davon. Erfahren wir alle davon. Per sms. What else. Außer meiner Schwester, die sich an das Schweigegelübde gehalten hat. Die wusste Bescheid. Ist tagelang nicht ans Telefon gegangen, um nichts zu verraten. Natürlich. Sie wird mir unsympathisch. Meine Nichte auch. Sogar das Baby, so frustriert bin ich, weil ich es nicht mit Liebe überschütten darf, wenigstens für eine halbe Stunde. Der Kindsvater bleibt sympathisch, weil er der einzige ist, der auf sms antwortet. Fotos schickt er aber auch keine, so nett ist er auch wieder nicht.

Freunde fragen, wann es denn mal ein Foto gibt. Ich weiß es nicht. Vielleicht zum Abitur? Meine Mutter fragt täglich, ob ich denn schon ein Foto habe und falls ja, weshalb ich es ihr noch nicht weitergeschickt habe, zu was hat sie denn nun ein Smartphone?

In zwei Wochen kommt die ganze Mischpoke zu mir nach Berlin, zum Adventsbacken. Die Tochter meiner anderen Schwester bringt das ganze Arsenal an Dingen mit, die sie für das Baby seit Monaten angefertigt hat (sie ist mit ihren 10 Jahren die Näherin vor dem Herrn - wir haben alle gefütterte Handytaschen mit Druckknopf), und hat angedroht, alles wieder mit nach Hause zu nehmen, wenn sie das Baby nicht zu sehen bekommt. Die Familie ist kurz vor dem auseinanderbrechen.

Die Eminenz schnaubt, seinerzeit hat er die ganze Welt informiert, da war die Nabelschnur noch nicht abgetrennt. Und dann hat er sich mit seinen Kumpels besoffen, das ging, weil die Kindsmutter noch ein paar Tage im Krankenhaus blieb, um sich zu erholen. Kaum war sie zuhause, gaben sich die Freunde die Klinke in die Hand, um dem Baby zu huldigen, was die Kindsmutter zugegebenermaßen an den Rand ihrer Kräfte brachte, aber hinterher werden das die schönsten Erinnerungen, das weiß man doch. 

Heute packen die eine Viertelstunde nach der Geburt das Kind ein und fahren nach Hause. Und dann verriegeln und verrammeln sie die Bude und lassen niemanden rein. 

Ich glaub, ich ruf das Jugendamt an. Vielleicht können die uns weiterhelfen. 

Mittwoch, 18. November 2015

Ich rede, also bin ich

Morgen habe ich einen großen Tag. Ich muss eine Rede halten vor 100 Leuten. Rede mir die ganze Zeit ein, dass das wunderbar ein Desaster wird. Stelle mir vor, wie ich ganz gelassen nach vorne gehe und die Zuhörer mit Charme und Wortwitz am einschlafen hindere gar nicht nach vorne gehe, weil ich mit Kammerflimmern zusammensinken und mich als verantwortungsvolle Ersthelferin noch vor Eintreffen der Feuerwehr selbst defibrilatieren werde.

In Kleingruppen halte ich außerhalb offizieller Anlässe andauernd Reden. Kein Mensch kann mich stoppen. Ich hab zu allem eine relevante Meinung und halte damit nicht hintern Berg.

Sobald man eine Bühne auf- und mich draufstellt, gehen bei mir die Lichter aus. 

Schon jedes Chorkonzert bringt mich an meine Grenzen. Ich führ mich auf wie die Callas von Tempelhof. In all den Jahren ist es nie besser geworden, und während des Konzertes wird es immer schlimmer. Bei mir gibt es kein "wenn ich erst auf der Bühne stehe, ist das Lampenfieber wie weggeblasen". Im Gegenteil, dann geht es erst richtig los. Obwohl ich mich immer ganz unten, ganz außen platziere, damit ich mich zur Not unauffällig unters Publikum mischen kann, wäre mir doch am allerliebsten, man würde eine Stellwand um mich herum aufbauen. 

Einmal hatten wir ein Konzert, bei dem wir 70 Minuten ohne Pause stehen bleiben mussten. Stehen ist ja ganz schlecht bei Lampenfieber. Ja, wenn mich jemand auf den Schoß nehmen würde, an dessen Schulter ich mich lehnen könnte, mit der Stellwand vor mir, dann könnte ich singen, als gäb's kein Morgen. Unser Chorleiter akzeptiert jedoch keine Stellwände und meinen Wunsch nach einem Barhocker, damit es wenigstens so aussieht, als stehe ich, hat er mir auch nie erfüllt. Er hat nur geschnaubt. Den Rat eines mitsingenden Arztes, kurz vor dem Beginn des Konzertes so zu tun, als würde ich kackend auf dem Klo sitzen, weil das den Herzschlag reduziert, habe ich nicht befolgt - wie sieht denn das aus? 

Keine Ahnung, wie ich da morgen durchkomme. Da ich die ganze Nacht kein Auge zumachen werde, schlafe ich vielleicht ein, während ich spreche. Das gäbe mir immerhin einen gelassenen Anstrich. Vielleicht kauf ich mir in der Früh noch Tena-Lady, dann kann ich die Kack-Übung machen und bin dabei auf der sicheren Seite. Vielleicht akzeptiert das Publikum auch, dass ich hinter dem Vorhang bleibe und meine Stimme aus dem Off kommt. 

Oder ich trete wie Madonna mit Voll-Playback auf, was vielleicht eine Übersprungshandlung nach sich zieht und ich dem Vorredner meine Zunge in den Hals stecke. Der würde sich vielleicht unsterblich in mich verlieben, weil endlich mal eine Frau die Initiative ergreift. Er dürfte halt nur nie erfahren, dass ich dabei Tena Lady getragen habe. 

Sonntag, 15. November 2015

MAMIHLAPINATAPEI oder: was Männer wissen sollten


"Das Austauschen eines Blicks zwischen zwei Personen, von denen jeder wünschte, der andere würde etwas initiieren, was beide begehren, aber keiner beginnen will." * 

Kann ich ein Lied von singen. Erst vorgestern wieder. Freitags überfiel mich Großzügigkeit. Ich renn während der Arbeitszeit zum Supermarkt, um Schokolade für alle zu kaufen. Ich war so begeistert, dass das Wochenende naht. 

Komme zurück, steht ein Auto auf dem geheimen Parkplatz am Hinterausgang, lehnt ein Mann, ach was sag ich, ein Gottesgeschenk, aber wirklich, ganz objektiv gesehen, also, da lehnt ein Mann am Auto, so lässig und sich seiner atemberaubenden Wirkung auf alles, was kreucht und fleucht bewusst bis in die letzte Körperzelle, und lächelt mich breit an, wie es sich für ein Gottesgeschenk gehört.

Ich lächle zurück und dann wende ich den Blick schnell ab und lächle in mich hinein, nein, Quatsch, ich lächle den Boden an, aber auf eine gewinnende Art, dem Boden wurde schon ganz schwummrig. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass ich ansprechbar bin, egal, wie hastig ich an ihm vorbeilaufe. Je hastiger, desto ansprechbarer. Nur mal so als Info. 

@ Männer: wenn ihr lächelt und sie lächelt zurück, steht einer späteren Hochzeit nichts mehr im Weg, aber nur, wenn sie schnell weiter geht. Bliebe sie gleich stehen, verwechselt sie euch nur mit ihrem Cousin. 

* (MAMIHLAPINATAPEI - Bedeutung in der Sprache der Yámana, einem auf Feuerland lebenden Volk) Von Malte Welding kann man lernen. 

Martinsgans

Martinsgansessen in der Scheune mit Bling Bling, meiner von oben bis unten juwelenbehangenen Kollegin.

Mischung aus Kollegen, dem Schwiegermonster und einem Studienfreund von Bling Bling, offenkundig schwul, aber von Studentenzeiten bis heute hat er das nie eingestanden. Die beiden umschiffen das Thema und unterhalten sich immer nur über Ballett. Er lässt junge "Bekannte" bei sich wohnen, die Balletttänzer sind und aus Russland kommen. Manchmal verschwinden sie über Nacht, dann ist er traurig, weil sie keine Adresse hinterlassen und er wieder allein ist. 

Ich gehe jede Wette ein, dass da nie was läuft. Er ist nur wenig älter als ich, hat aber einen Hals wie ein Truthahn und dieselben Hautprobleme wie Charles Bukowski (eigentlich wollte ich Westerwelle schreiben, aber das fand ich zu pietätlos). Neuerdings färbt er sich die Haare blond und kämmt sie sich ins Gesicht; ein vor der Zeit gealterter, schwuler Justin Bieber, der, als seine Mutter noch nicht dement im Pflegeheim lebte, seine Urlaube mit ihr auf Kreuzfahrtschiffen verbrachte. Das waren noch schöne Zeiten, sagt er. Er ist sehr freundlich und mäkelt am Essen und am Wein herum, weil er kultiviert wirken will. 

Der Ehemann von Bling Bling sitzt neben mir und erzählt mir Szenen aus Monty Python Filmen nach. Nun gibt es für mich nichts grausameres, als Filme nacherzählt zu bekommen, also nutze ich die erstbeste Gesprächspause und sage, dass ich mal nach draußen gehe, um zu rauchen. "Ich komme mit", sagt er, Bling Bling guckt irritiert. Ich möchte mit dem Kopf auf den Tisch knallen, flüchte ich doch vor allem vor seinem Sprechdurchfall. Draußen zückt er sein Handy und hält es mir vor die Nase, hier, sagt er, das ist die Szene, Der lustigste Witz.

Enervierende fünf Minuten scheppert es aus seinem Handy, die anderen Raucher fühlen sich belästigt, ich mich auch, er hat es auf volle Lautstärke gestellt, sein Arm muss ihm eigentlich abfallen, denn ich nehme sein Handy nicht in meine Hände, sondern schaue mir das Filmchen aus größtmöglichen Abstand an. Ich könnte schreien, womit habe ich das verdient, erst muss ich mir das anhören, jetzt auch noch ansehen, dabei muss mich niemand von Monty Python überzeugen, jeder, der bei Verstand ist, findet die gut. Er sucht immer wieder meinen Blick und lacht dann, gut, oder?

Ich rauche extra langsam, damit er bloß vor mir wieder reingeht, ich will ein paar Minuten allein sein. 

Später tauscht er den Platz mit seiner Mutter, so sitze ich neben der 96 jährigen Frau, die jetzt höflich Konversation mit mir treibt. Sie lehnt das Dessert ab, lieber sei ihr ein Stück Konfekt und ein Wodka dazu, was sie dann wieder sympathisch macht. Sie nuschelt so stark und redet so leise, dass ich praktisch kein Wort verstehe, aber als über einen nicht anwesenden Freund gesprochen wurde, wird sie energisch, der war ja schon immer komisch, schon als junger Mann und erzählt, wie sie im Fernsehen das Attentat auf Reagan sah und die Nachricht wichtig genug fand, ihren Sohn zu informieren. Sie ging in sein Zimmer, um Bericht zu erstatten. Der Komische war zu Besuch und sagte nur "Na und?" Da hatte er natürlich verschissen. 

Als wir aufbrechen, nimmt mich Justin Bieber zur Seite und fragt, ob ich nicht mal Lust hätte dabeizusein, wenn er für Bling Bling und ihren Gatten Raclette macht. Aha, eine Alibi Frau muss her, der Ärmste tut wirklich alles, um sein Schwulsein zu verbergen, dabei wissen es doch sowieso alle. Ich sage freundlich 'Aber gerne' und möchte zur Kompensation und Seelenreinigung einen der Teelichtbehälter klauen, mach es aber nicht wegen Schwiegermonster. Sie ist kein Typ, mit dem man Pferde stehlen kann.

Samstag, 14. November 2015

Mikroskopisch kleine Schwänze

Anders kann ich mir das nicht erklären. 

Nein, das ist eine unzulässige Verniedlichung. Bestenfalls eine Metapher für Persönlichkeitsstörungen, die sich entwickeln, wenn man nur oft genug traumatisiert wurde und willens und in der Lage ist, seine Ohnmachtsphantasien zu wandeln, kulminiert in ein minutiös konzertiertes Massaker. 

Ich entwickle so meine eigenen Ohnmachtsphantasien. Das hilft aber auch niemandem weiter. Nichts hilft, fürchte ich.

Donnerstag, 12. November 2015

Mein Vater, der Problembär

Vor einer Woche bekam ich die Nachricht, dass mein ewig spöttelnder Onkel W. gestorben ist, mit 87 Jahren ist er nach dem Mittagsschlaf einfach nicht mehr aufgewacht. Seine Frau ist die älteste Schwester meines Vaters, der wiederum das jüngste Geschwisterkind ist, ein Nachzögling. 

Ich sprach mit meiner Cousine, dass ich aus Berlin anreisen werde und im Heimatkaff ins Auto meines Vaters steigen werde und somit die letzten anderthalb Stunden kutschiert werde. Mein Vater überraschte mich am Telefon mit eisiger Kühle in der Stimme, nein, er werde nicht fahren, sein Knie. Ich war irritiert, denn er ist ein Berufsjugendlicher, wie er im Buche steht, von einem Knie lässt er sich gewöhnlich nichts vorschreiben. 

Ich fragte besorgt, ob es ihm auch sonst gerade schlecht gehe, er bejahte, es ginge ihm gar nicht gut. Seine Kälte und abweisende Haltung schuldete ich einer offenbar akut schlechten Minute, in der ich ihn erwischt hatte. Dafür habe ich Verständnis, und machte mir ein bißchen Sorgen, denn obwohl er keinen Tag älter als 64 aussieht, ist er dennoch Mitte Siebzig.

Ich sagte meiner Cousine wieder ab, weil mein Vater nun doch nicht kommen würde, und die ganze Strecke an einem Tag hin und zurück würden zwar meine Knie mitmachen, aber nicht das Winz-Auto, dass mein Eigen ist. 

Heute erfuhr ich, dass er sehr wohl bei der Beerdigung war und so rief ich ihn an, weshalb er mich denn nicht informiert hat, dass er doch fährt, ich wäre doch so gerne mitgekommen.

Und dann folgte der vorläufige Schlusspunkt meiner ohnehin nicht leichten Vater-Tochter-Beziehung, ich fasse mal zusammen: 

"Weil ich dich nicht mitnehmen wollte. Das ist eine Beerdigung im engsten Familienkreis gewesen, da müssen nicht irgendwelche Leute kommen, das macht alles nur noch schlimmer, du wärst nur eine Belastung für deine Tante gewesen. Außerdem habe ich keine Lust auf dieses Gelaber. Und weisste, dass du deine Cousine gleich anrufst, dass ich nicht komme, du spinnst wohl. Wenn du keine Lust hast zu kommen, dann sag ihr das, aber halt mich da raus. Ich hab dir schließlich nicht verboten, zu kommen, ich will dich einfach nur nicht in meinem Auto mitnehmen. Du lebst dein Leben, ich leb meins. Und du würdest mich auch nicht in deinem Auto mitnehmen." 

Mein Vater wird also irre. In all diesen Sätzen ist soviel Irrsinn verborgen, quatsch, nicht verborgen, Irrsinn bahnt sich seinen Weg. Man kann Irre ja nicht verstehen, außer, man ist selbst irre und nun übe ich mich fleißig im entpersonalisieren und versuche, das nicht persönlich zu nehmen, obwohl er selten so persönlich geworden ist, wie eben. 

*schluck*

Mittwoch, 11. November 2015

Die offene Beziehung

"Keine Kinder mit bescheuerten Vornamen an Bord" las ich auf einem Aufkleber an einem Auto, auf dem Weg ins Büro, kurz nachdem ich in der Zeitung gelesen hatte, sinngemäß "Man sagt immer, dass Verstorbene in den Herzen ihrer Lieben weiter leben, ich möchte aber lieber in meinem Appartment weiterleben", ein Zitat von - na wem wohl - richtig, Woody Allen.

Schon früh am Morgen zweimal gelacht, der Tag fing gut an. Von da an ging's bergab, aber abends wurde es wieder besser, denn ich lese ein Buch von Malte Wedding und gleich zitier ich draus:


Die offene Beziehung

Bei der offenen Beziehung ist es wichtig, dass sie offen ist, und eine Beziehung sollten die Partner auch möglichst miteinander haben. Häufig ist beides nicht gegeben. Ein entfernter Bekannter, bekennender Sozialist und Armutsforscher, war sich mit seiner Freundin völlig einig, dass sexuelle Treue ein Kontrollinstrument der Bourgeoisie sei, oder so - er sagte sehr oft "Bourgeoisie" und "oder so", vielleicht haben sie es ja auch nie gesagt, jedenfalls hatte sie es nicht so gemeint. Das stellte sich heraus, als er nach jahrelanger Treue aus Mangel an Gelegenheit ein Verhältnis mit einem seiner Forschungsobjekte anfing. Der Zeitpunkt war etwas unglücklich gewählt, denn seine Freundin war im siebten Monat schwanger, und ihre ideologische Moral litt unter hormonellen Wallungen. Sie wusste einfach nicht mehr, was Marx zum Fremdgehen gesagt hatte, und klang, wenn sie ihn zusammenbrüllte, verdächtig nach Benedikt XVI

Mehr darf ich bestimmt nicht schreiben, ohne mir eine Millionenklage an den Hals zu zitieren, aber für alle, die sich auch bestens amüsieren wollen, hier der (zugegeben dümmliche) Titel: "Frauen und Männer passen nicht zusammen - auch nicht in der Mitte"

Samstag, 7. November 2015

Geschenke

Bernstein ist ein fossiles Harz aus organischem Material und bildete sich im Erdzeitalter des Tertiär, also vor 25-35 Millionen Jahren. Damals entstand auch die Braunkohle. Das Harz tropfte von riesigen Nadelbäumen. Wenn man das kleine Herz gegen das Licht hält und mit einer Lupe betrachtet, lässt sich ein Insekt erkennen, das in diesem Harztropfen - vielleicht von einem Mammutbaum - eingeschlossen wurde und versteinerte. 

Dieser kleine Brief lag einem kleinen Bernstein-Herz an einer Kette - einem Geburtstagsgeschenk für die Tochter einer Freundin - bei. Sie wurde 13 und kicherte sich mit ihren Freundinnen halb tot. Die Geschenke unseres stets laut mit sich selbst redenen Nachbern, dem emeritierten Professor L., sind auf ihre Art so liebevoll wie aus der Zeit gefallen. Ich schätze es, wenn Menschen derlei wissen, ohne es googlen zu müssen.

Der Professor lebt seit über 40 Jahren in seinem kleinen Bungalow, ohne jeden Komfort, mit einer maroden Heizung, die im Winter höchstens eine Raumtemperatur von 18 Grad schafft, mutterseelenallein und unterhält sich mit jedem Schnitzel, das er brät. Er hat in einem anderen Teil Berlins ein riesiges Haus, in dem niemand lebt und das er ab und an besucht, wahrscheinlich um die neuen Staubflusen zu begrüßen. 

Wir wissen nicht, weshalb er an seinem papierdünnen Bungalow festhält und vermuten eine unerwiderte Liebe zu seiner Vermieterin, aber die lebt nun auch schon seit vier Jahren im Altersheim, dement, aber munter - ihr Haus, in dessen Garten sein Bungalow steht, ist verwaist. Nur der Gärtner kommt und pflegt den englischen Rasen.

Nachdem wir ihn daran gewöhnt hatten, dass er begrüßt wurde, was ihn anfangs zu Tode erschreckte, fasste er eine Zuneigung zur Tochter meiner Freundin. Seine Zuneigung erweiterte sich auf ihre im Garten gehaltenen Kaninchen, aber auch er schaffte es nicht, dass die sich wie normale Kaninchen benehmen, obwohl er wirklich viel mit ihnen sprach. Das eine war ein gewalttätiges Borderline-Kaninchen, das andere dessen zerrupftes Mobbingopfer.
 
Als er anfing, dem Kind Geburtstagsgeschenke zu überreichen, bat ihn meine Freundin an den Kaffeetisch. Daraus wurde jedoch keine Tradition, denn er dozierte ohne Punkt und Komma und sprengte die Familientafel, die dazu verdonnert war, ihm stundenlang zuzuhören; erschwerend kam hinzu, dass er jeden Blickkontakt meidet. 
 
Er hat dem Kind nicht nur die Bernstein-Kette geschenkt, sondern alle Werbegeschenke, die er im Laufe des letzten Jahres gesammelt hat, unter anderem einen Notizblock, den er augenscheinlich schon zur Hälfte aufgebraucht hat, sowie diverse Firmen-Kugelschreiber und Kästners Kinderbuch 'Als ich ein kleiner Junge war' - was von allen Erwachsenen, die auf sich hielten, goutiert wurde. 
 
Natürlich, alle behaupteten, Kästner gelesen zu haben, aber ich habe außer dem 'Doppelten Lottchen' nur Hanni & Nanni gelesen und träumte mich meine ganze Kindheit in ein Internat, nachdem ich den Traum aufgegeben hatte, dass es irgendwo eine Zwillingsschwester von mir gibt, die nur gefunden werden musste. Ich hatte Grund zu dieser Annahme, denn ich bin die einzige Blonde in meiner Familie und wenn immer meine Mutter mit uns einkaufen ging, fragten alle, ob ich das Nachbarkind sei.  
Ich trottete dann immer traurig neben meiner Mutter und meinen Schwestern nach Hause, denn das war ja nicht meine richtige Familie. Je öfter ich angesprochen wurde, desto klarer wurde mir, dass ich adoptiert bin; es war nur eine Frage der Zeit, dass sie mir das endlich sagen würden, wo es doch schon alle Menschen auf der Straße wussten. "Das doppelte Lottchen" befeuerte meinen Verdacht und heute bin ich ganz froh, dass ich niemals "Als ich ein kleiner Junge war" gechenkt bekam, wer weiß, was ich mir dann eingebildet hätte.
 
Ich hoffe, das Buch richtet keinen Schaden bei der nunmehr Dreizehnjährigen an, aber wir müssen die Augen offen halten. Bei einer Ballettaufführung vor drei Jahren war sie in einer orientalisch anmutenden Szene untergebracht. Ich suchte angestrengt nach ihrem Gesicht in der Gruppe Mädchen, die wie die "Bezaubernde Jeannie" gekleidet waren. Was anderes kam für mich nicht in Frage, denn sie ist ein bildhübsches Kind, das fleischgewordene Schneewittchen. "Wo ist sie denn?" - "Sie ist die Grüne." - "Nicht möglich!" 
 
Die Grüne war der Grüne und zwar der Palmwedler. Sie wedelte mit einem großen Palmenblatt über dem Sultan und machte ab und an einen Ausfallschritt. Für ihre Mutter ein Moment der Wahrheit. Sechs Jahre Ballett hatten aus ihrer Tochter das Kind gemacht, für das eine Bühnenrolle gefunden werden musste, in der es nicht allzuviel Schaden anrichten konnte. 
 
Insofern: Kästner ist durchaus mit Vorsicht zu genießen. Aber das konnte der Professor nicht ahnen.

Mittwoch, 4. November 2015

Ja, ja, die Liebe in der Schweiz...

Wenn ich was zu sagen hätte, dann dürften gegen 23 Uhr nur Filme wie "Über den Dächern von Nizza" laufen, ohne Werbeunterbrechung.

Ich schau nämlich nur fern, wenn ich ins Bett gehe, bzw. schalte ich den Sleeptimer an, aber nur ARD oder ZDF, weil dort um die Zeit nur Nachrichten oder Talkshows laufen, ohne Schusswechsel oder Geschrei von Leuten, die in einen Schusswechsel geraten sind. Dann  gleite ich bei Hintergrundgebrabbel sanft hinüber in verschiedene REM-Phasen

Wie komme ich da jetzt drauf? Mir erzählte ein Freund, dass seine 80 jährige Mutter kürzlich Geburtstag hatte und ihr zu Ehren wurde was Schönes gekocht und anschließend "Die oberen Zehntausend" geguckt, weil das ihr Lieblingsfilm ist. Sie war sehr glücklich und alle anderen auch.

Mich wundert das nicht, denn wann immer ich so eine alte Schmonzette zu sehen bekomme, bin auch ich restlos zufrieden. Diese Klamotten.... und die gar nicht mal so schlechten Dialoge. Und die Farben und Grace Kelly, mich beruhigt das alles sehr. Neujahr wird erst so richtig schön, wenn ich mir völlig übermüdet die "Zürcher Verlobung" ansehe, der läuft fast immer am 1. Januar.

Sonst laufen diese Filme kaum noch oder ich bekomme es nicht mit, weil ich nicht fernsehe; jedenfalls laufen sie nicht, wenn ich ins Bett gehe. 

Kürzlich habe ich bei Glumm gelesen, dass er gerne "Aktenzeichen XY, ungelöst" sieht, wenn seine Gräfin nicht hinsieht, und da kann ich sie gut verstehen, denn das dröge "Leider kein Einzelfall" von Ede Zimmermann hat mich schon immer mitsamt der immergleichen Dramaturgie zu Tode gelangweilt, aber dass ein beruhigender Sog von Dingen ausgeht, die nicht hektisch daherkommen und einen an früher erinnern, kann ich nachvollzhiehen. 

Männer lassen sich halt von anderen Dingen hypnotisieren als Frauen. Sie sind gerne Mördern auf der Spur oder wollen was kombinieren oder spüren eher als jeder andere im Land, dass sich demnächst große Dinge ereignen werden; wie ein Exfreund von mir, der sich verbissen "Die aktuelle Kamera" anschaute, sogar "Der schwarze Kanal" und dabei immer murmelte "Die Mauer wird bald fallen", womit er letztendlich recht behielt, ich jedoch einen Preis dafür zu zahlen hatte, denn wir hatten nur eine Glotze und er von Geburt an die Hoheit über die Fernbedienung. 

Als die Mauer dann endlich ihm zu Ehren fiel, schaute ich ihn bewundernd ob seiner unbeirrbaren Weitsicht an und noch in der Nacht fuhren wir zur Inavlidenbrücke, wo er im vorbeigehen Eberhard Diepgen beleidigte, dem ich widerum 25 Jahre später sagen konnte, dass ich ihn das erste Mal am 9. November 89 gesehen habe, woran er sich sicher nicht erinnert, und dass ich schon ein bißchen gerührt bin, dass ich ein Vierteljahrhundert später eine Veranstaltung organisiere, auf der er einer der Hauptgäste ist.

Zurück zum Thema: ein Kollege erzählte mir, dass er am liebsten alte "Derrick"- Folgen sieht, oder "Der Kommissar", wegen der endlos langen Einstellungen. Außerdem sei er von der Schauspielkunst begeistert. Nun ja. Schauspielkunst würde ich es wohl nicht nennen. Aber alles ist besser als das, was heute an hirnerweichenden Abendbrei produziert wird. 

Ja ja, die Baby Boomer, sie wünschen sich zurück... Es ist November, da brauchen sie technicolor.

Sonntag, 1. November 2015

So wird das nix

Treffen an der Marheineke Halle. Ich hab noch etwas Zeit und gehe rasch auf den Friedhof, auf dem seit einigen Jahren ein sehr lieber Mensch begraben liegt. Der Versuch eines Zwiegesprächs mit der Person, die unter der Erde liegt, sehr halbherzig, denn ich muss auch meine Mails checken, was ich natürlich gar nicht muss, es aber trotzdem tu, Kind meiner Zeit, ewig der Blick aufs Handy, selbst hier - was erwarte ich eigentlich ständig? 

Dann zur Halle, Freundinnen treffen. Es wird beschlossen, Lotto zu spielen. Ist das nix für alte Leute, die Applikationspullover und Ballonseide tragen? Aber ich hab gerade einen Lauf. Erst die erfreuliche Heizkostenrückzahlung, dann knapp 700 € für meine Beule am Auto. Das ist ein Zeichen. Ich mach mit.


Ich geh in die Halle zum Lottoladen und begegne dem Acht-Stunden-Date. Wir begrüßen uns so beiläufig, als lebten wir seit 40 Jahren im selben Kuhkaff. Reden belangloses Zeug. Er hatte mal einen Vierer mit Zusatzzahl, also ganz nah dran, aber nur 29 € gewonnen, oder waren es 129 €? Erzählt von seinem Sohn, dem er wünscht, dass mal die Richtige kommt und ihn sich einfach schnappt. Ich grinse: "Ja, wenn ich zwanzig Jahre jünger wäre." Dann verabschiede ich mich. "Man sieht sich" ruft er mir hinterher. Bestimmt.

Der Lottomann wünscht mir Glück. Ich geh zurück zu meiner Einheit.

"Wer nimmt denn die Quittung in Obhut?"
"Ich."
"Du? Nee, du hast zuviel kriminelle Energie. Nachher gewinnen wir und erfahren nix."
"Oh, du bringst aber Schwung in die Sache."
"Solange sie die richtigen Zahlen ankreuzt, kann sie reinbringen, was sie will. Aber wir machen besser ein Beweisfoto."


Tja. Leider bin ich nicht auf dem Foto. Von den Millionen werde ich keinen Cent sehen. Die anderen aber auch nicht. Wir haben einen Zweier. Mein Horoskop hat mal wieder gesponnen. Das ist doch kein Durchbruch!

Donnerstag, 29. Oktober 2015

Hit & Shit

Heute früh bin ich extra aufgetakelt ins Büro gefahren, weil ich abends auf eine Gala eingeladen bin. Nicht, dass ich jemals auf einer Gala gewesen wäre oder dergleichen zu meiner Freizeitgestaltung gehört. Ich werde seit vier Jahren eingeladen und habe es kein einziges Mal geschafft, hinzugehen.

Weil, gegen 17 Uhr will ich eigentlich nur noch nach Hause, manchmal oft schon um 14 Uhr. Ehrlich gesagt, überlege ich jeden Morgen, ob ich überhaupt losfahre. Außerdem ist es nicht mehr ganz leicht, die morgendliche Blüte über den Tag zu retten und bis in die Abendstunden zu konservieren. Aber diesmal bin ich fest verabredet mit einer Kollegin, die verrückt nach Galas ist. Ich werde wohl nicht rauskommen aus der Nummer.

Da ich tagsüber einen längeren Außentermin habe, das sogenannte Hit & Shit Treffen mit einem externen Partner einer großen Veranstaltung, war ich guter Dinge, den Tag leicht zu überstehen, denn Außentermine ordne ich eher unter Vergnügen ein.

Ich hatte jedoch außer acht gelassen, dass Cheffe dabei sein wird. Wir sind zu dritt und werden in den Besprechungsraum geführt. Cheffe stürzt sich umgehend auf das kleine Buffet, das aufgebaut ist. Unsere Gastgeber sind noch nicht im Raum, da ist die Hälfte weggefressen. Ich schau angewidert aus dem Fenster. 

Dann kommen unsere Gastgeber, setzen sich uns gegenüber, wir beugen uns über die Papiere, sprechen über das, was gut und schlecht gelaufen ist. Cheffe daddelt weit zurückgelehnt und mit ausgestreckten Beinen auf seinem Handy. Er ist nun satt und muss verdauen. 

Wir versuchen, einen Termin für das nächste Jahr zu finden. Allzu große Zeitfenster haben wir nicht. Cheffe meldet sich zu Wort, er will einen ganz anderen Tag, einen, den die Externen nicht möglich machen können. Er besteht darauf, alle gucken ratlos. Außerdem will er ein anderes Konzept. "Was stellst du dir vor?" fragt sein Äquivalent von der gegenüberliegenden Tischseite. "Keine Ahnung, ist auch nicht mein Job, mir was auszudenken." Ach nein, wessen Job ist es wohl dann? 

Sein Gegenüber lässt nicht locker, irgendeine Vorstellung muss er doch haben. Nein, hat er nicht, er wird sauer und daddelt weiter. Als ihm langweilig wird, täuscht er ein Telefonat vor, verlässt den Raum, kommt wieder rein, sagt "Wir müssen gehen." - wir sind mittendrin in der Planung, scheiß drauf, der gnädige Herr hat genug. So sinnlos seine Anwesenheit ist, so sinnlos sein Aufbruch.

Zwei zähe Stunden und ich weiß, ich will auf keine Gala mehr. Wir fahren zurück, er beschwert sich über die idiotischen Partner, die nichts drauf haben, keine Ideen, keine Flexibilität, keinen Mumm haben und außerdem stinkfaul sind.

Im Büro ruft meine Kollegin an, Hexenschuss, sie kann leider doch nicht - ich atme auf. Gottseidank habe ich mein Handy zuhause vergessen, sonst hätte ich mich verpflichtet gefühlt, nach Ersatz zu fahnden. Ich mache noch ein paar Versuche, die zwei Karten an Kollegen zu verschenken, gehe zu einem Abteilungsleiter, der ein ähnlich guter Esser wie Cheffe ist, nur viel sympathischer. Er ruft hocherfreut seine Frau an, ich gehe ins Nachbarbüro auf einen Schwatz. Nach ein paar Minuten kommt er rüber und sagt, seine Frau hat keine Lust oder Zeit, aber "Wir zwei könnten ja gehen!" Gott bewahre! Auf Galas gehe ich nicht als Subalterne mit einem Vorgesetzten, da kann er noch so nett sein. 

Der letzte Versuch stürzt mich in Nöte: ich rufe einen Kollegen an, den ich für einigermaßen vergnügungssüchtig halte und der eine bildschöne, galataugliche Ehefrau hat und habe den am Hörer, für den ich eine Schwäche habe und der denkt, dass ich eine Begleitung suche "Ich kann leider nicht." Ich altere um 20 Jahre, so peinlich ist mir das (jetzt bin ich also schon seine Großmutter). Nein, erkläre ich, versteh mich nicht falsch, ich will beide Karten verschenken.  

Das glaubt der mir doch nie, Hölle, tu dich auf, der kennt mich doch gar nicht und weiß nicht, dass ich ums Verrecken und in tausend Jahren nicht schwachsinnig genug sein werde -  jeden anderen Mann auf dieser Welt würde ich fragen, aber niemals ihn, selbst mit Alzheimer Vollbild nicht.

Erschöpft fahre ich aufgetakelt nach Hause, langsam, ich habe keine Eile mehr, halte nur kurz an der Tankstelle für Zigaretten. Der Tankwart schaut mich ein bisschen erstaunt an und wünscht mir extra herzlich einen schönen Abend. Ich verschwinde in den nebligen Abend und denke, wenn ich was drauf hätte, Ideen, Flexibilität oder nur etwas Mumm, dann wäre ich allein auf die Gala gegangen.

Dienstag, 27. Oktober 2015

Jetzt ist er weg

Als er zu uns kam, als studentische Hilfskraft, habe ich ihn nicht besonders beachtet. Das lag auch daran, dass er nur in den frühen Morgenstunden gearbeitet hat und gegen 10 Uhr spätestens Feierabend hatte. Er schnippelte und klebte den Pressespiegel zusammen. 

Ich bekam mit, dass Cheffe ganz hingerissen von ihm war. Und er selbst von der Kollegin, mit der er in einem Zimmer saß. Er flirtete so wild wie erfolglos mit ihr. Sie wies ihn flapsig zurück, was er gelassen und gutmütig hinnahm. Gelassenheit war überhaupt die Eigenschaft, die ihn auszeichnete. Nichts, was ihn für mich einnahm, zunächst. Im Gegenteil, ich fand ihn nicht gelassen, sondern gleichgültig. 

Er verwandelte seinen Schreibtisch in eine Müllhalde und den Platz zu seinen Füßen ebenso. Essensreste, Klopapier, Zeitungsschnipsel, Klebestifte häuften sich um ihn. Er hatte viel Ahnung von Musik, die mir gefällt und nahm freundlich, ohne mit der Wimper zu zucken, den Tipp von Bling Bling entgegen, dass Al Bano und Romina Power in der Waldbühne spielen. Wenn sie mir diese Neuigkeit von Weltrang mitgeteilt hätte, wäre mir das einen Blogeintrag wert gewesen, so sehr hätte ich darüber gelacht; heimlich natürlich, um sie nicht zu kränken. So wie ich ja auch all ihre Geschenke klaglos entgegen nehme und aufgegeben habe, ihr zu sagen, dass ich nicht auf Engeltassen stehe. 

Nach einem Jahr friedlicher Ko-Existenz (wobei der Frieden eher auf meiner Seite herrschte - ich glaube, dass ich ihm furchtbar auf den Zeiger gegangen bin mit meinem Gemecker, dass ein Büro keine Sondermüll-Deponie ist), erhob Cheffe ihn zu seinem Stellvertreter. 

Wir waren geschockt, weil wir bisher nichts an ihm festgestellt hatten, was ihn für diese Position prädestinierte und kaum zu vermitteln war, dass er nun der "kleine Chef" war. Seine gelassene Gleichgültigkeit brachte mich auf die Palme und ich bewachte ihn wie einen Schießhund. Termintreue war nicht sein Ding und ich bin die Termintreue in Person. Dafür werde ich bezahlt: überwachen und vorbereiten. Ein kluger Chef würde den Boden küssen, auf dem ich gehe. Weder bereitete er etwas vor, noch interessierten ihn seine Aufgaben. Da Cheffe vom selben Stamm war, sprang ich im Quadrat, weil ich nun zwei Chaoten zu bewältigen hatte.

Mir wurde geraten, die zwei gegen die Wand laufen zu lassen, was ich aber wegen meiner niedersächsischen oder sonst was für Gene nicht geschafft habe. Einmal ließ ich es darauf ankommen und sagte bis zwei Tage vor einer wichtigen Veranstaltung nicht, dass er etwas ganz Elementares vergessen hatte: die Einladung zu verschicken. Dann gab ich auf und rief ihn an. "Ah, ja, gut, mach ich." 

Ich platzte vor Wut, rannte in sein Zimmer und brüllte, dass, wenn ich schon seinen Arsch rette, will ich verdammt noch mal ein Dankeschön hören und überhaupt verdiene ich weitaus weniger als er, worauf er mich gleichmütig unterbrach, dafür könne er ja nichts. Ich schnaubte, für die paar Kohlen will ich nicht auch noch seinen Job machen. Am nächsten Tag brachte er mir ein Snickers mit.

Monatelang sprang ich um die Beiden herum, erinnerte hier und da und doppelt und dreifach, sie vergaßen alles, sobald ich aus der Tür war - schlau waren sie ja, sie wissen, auf mich ist Verlass. Ich war mit den Nerven am Ende und alle anderen auch, denn ich leide so gut wie nie leise. Ich war kurz vorm überschnappen, als Cheffe mich zur Seite nahm, ich solle ihm einfach mal vertrauen. Ihn hatte er auch zur Seite genommen und ihm erzählt, dass er mir befohlen habe, zu vertrauen. 

Wir hatten ein Gespräch und versprachen uns, dass ich ab jetzt mehr Vertrauen haben werde. Ich dachte, jaja, am Arsch die Räuber. Ich zwang mich täglich mehrmals, zu vertrauen. Boah, war das schwer. Aber in allerletzter Sekunde rettete er sich immer irgendwie raus. Ich lernte, dass ich vertrauen kann, auch wenn jemand nicht so anal (oder oral, was weiß denn ich) gestört ist, wie ich. 

Peu à peu lernte ich seine Gelassenheit zu schätzen, sogar die Vorteile zu sehen, vor allem, als er in einer mehrmonatigen Abwesenheit von Cheffe offiziell seine Position einnahm. Whow, dachte ich, so ein netter und immer freundlicher Mann. Kommste heute nicht, kommste morgen auch nicht. Läuft aber trotzdem alles. War eine sehr entspannte Zeit. Wozu also die ganze Aufregung? Konnte ich mir sparen. Ich lernte eine ganze Menge über mich. Lauter blöde Sachen. Wie extrem nervig ich sein kann, zum Beispiel, wo ich mich doch vorher für die perfekte Kollegin gehalten habe. Aber das bin ich nur für die, die ähnlich gestrickt sind wie ich. 

Ich mochte, dass man von ihm niemals ein Messer in den Rücken bekommen würde. Dass er niemals auch nur ein schlechtes Wort über jemanden sagte. Dass er sich nie an Tratsch beteiligte. Dass er jedem vollkommen unvoreingenommen begegnete (unter anderem ja auch mir). Dass er so ein begeisterter Suppenliebhaber war. Dass er meine temporäre Hysterie mit einem Lächeln abmoderierte, mit einem kaum spürbaren Hauch von Distanz - so wie ich Bling Bling nicht kränken mag, so wollte er auch mich nie kränken. 

Ich zog mich vollständig aus seinen Geschäften zurück, was so auch nicht ganz in Ordnung ist, aber zu unser beider Seelenfrieden eine Menge beitrug. Was soll ich sagen, es lief, sogar richtig gut. Mir wurde völlig gleichgültig, womit er betraut war. Er ist ja schon groß, dachte ich, wenn er mich braucht, wird er schon fragen.

Dann passierte das Allergrößte: er bot mir an, sein Einzelbüro mit meinem fucking Durchgangsbüro zu tauschen. Ihm sei das egal und er wisse doch, dass ich mir wünsche, allein zu sitzen. Ich bekam den Mund nicht mehr zu. Was für eine Geste! Werde ich ihm nie vergessen. 

Als uns vor ein paar Wochen Cheffe mit ernster Miene zu einem außerplanmäßigen Meeting bestellte, lief mir ein freudiger Schauer über den Rücken. Endlich! Endlich würde er kündigen. Ich war mir ganz sicher und hatte große Mühe, meine Ekstase zu verbergen und legte weitsichtig eine Maske des Bedauern auf. 

Tja, und dann kündigte nicht Cheffe, sondern er, mein liebgewonnener Kollege. Ich bin untröstlich seitdem. Weil er nicht nur mich befriedet hat, sondern auch Cheffe. Er ist in der Lage, jedem zu geben, was er braucht. Ich kann will nur Menschen geben, was sie brauchen, wenn ich sie mag. Sie müssen nicht mal mich mögen, es reicht, wenn ich sie mag. Er war ein Bindeglied zwischen Cheffe und mir und gab uns paritätisch ein Forum. Ich bin mir sicher, wir kotzten uns beide bei ihm aus, aber davon erfuhren weder Cheffe noch ich ein Sterbenswörtchen. 

Gestern war sein letzter Tag und abends lud er uns in eine japanische Suppenküche ein - what else?

Jetzt ist er weg und ich bin wieder allein, allein  - mit Cheffe. 

Was ich nie erfahren werde... ob sein ausgleichendes Temperament nun an seiner Gelassenheit oder Gleichgültigkeit lag. Oder an guten Drogen.

Sonntag, 25. Oktober 2015

Samstag ist ein Arschloch

Ich geh auf einer kleinen Seitenstraße, eine Katze kommt mir entgegen. Sie stoppt und starrt auf die gegenüberliegende Seite. Dort geht eine Omma mit ihrem Hund in die gleiche Richtung wie ich.

Die Omma ruft: "Sie hat ihn erkannt, sie erkennt ihn immer."
"Aha."
"Sie kenne ich auch. Ich seh Sie doch öfter hier."
Ich war noch nie hier. Sie denkt offenbar, die Katze ist ein Hund und ich führ ihn spazieren. Sie will ein Gespräch von Frauchen zu Frauchen. Jetzt bloß nichts substanzielles  antworten.
"Sie kennen doch auch meinen Hund."
 Nein, kenne ich nicht. Ich geh schneller. Sie passt sich meinem Tempo an.
"Ich kenne Sie! Mein Hund hat Sie auch erkannt."
 Es wird gruselig. Verrückte erschrecken mich immer.

Zufällig läuft mir eine ehemalige Kollegin über den Weg. Sie erzählt mir von ihrer Tochter. 
"Sie ist jetzt aus Köln nach Magdeburg gezogen. Ganz blöde Sache."
"Warum denn?"
"Ihr Freund hat nur dort einen Studienplatz gefunden. Sie ist ihm gefolgt. In Köln hatte sie so einen tollen Job, jetzt verdient sie viel weniger. Und Magdeburg ist so langweilig."
"Das ist ja blöd."
"Und er isst soviel. Er ist ja so groß. Frisst ihr die Haare vom Kopf. Er hat immer Hunger."
"Wieso, hat er kein Geld?"
"Seine Eltern sind stinkreich, die wissen gar nicht wohin mit ihrem Geld, aber aus erzieherischen Maßnahmen geben sie ihm nur 300 €. Er kriegt ja kein Bafög, weil die soviel Kohle haben. Er zahlt nur 150 € zur Miete, alles andere zahlt sie."
"Und hat er keinen Job?"
"Nein, das ist ihm zuviel, neben dem Studium."
"Und jetzt füttert deine Tochter ihn durch?" 
"Ja. Und jetzt geben wir ihr noch etwas dazu, damit die beiden durchkommen."
"Nicht dein Ernst. Ihr finanziert einem Schnösel das Studium?"
Sie steht mit hängenden Schultern vor mir und nickt. "Indirekt."

Später bei Saturn. Brauche einen neuen Föhn. Probiere ganz viele aus. Da gibt es Unterschiede, vor allem in der Geräuschentwicklung. Den, den ich will, gibt es nicht mehr. Der Verkäufer packt mir das Vorführmodell ein. Ich kann nicht in so kurzer Zeit eine neue Entscheidung treffen, ich hab ja schon fünf Jahre für diese gebraucht. Während er nach hinten geht, probiere ich die Massagematten aus, die auf Stühlen liegen. Es ist Wochenende, die Luft brennt.

Danach gehe ich in die Musikabteilung und höre mir "After Dark" über Kopfhörer an, entscheide mich gegen einen Kauf. Ich kann CDs nicht leiden, auf der mir nur ein Lied gefällt und wenn es noch so gut ist. 

Kaufe mir ein Fräulein-Rottenmeier-Kleid. Bisschen Seventies. Nice outfit. Ich muss am Montag irgendwie blendend aussehen. Keine Sorge, wird hier kein Modeblog. Ich erzähl nur von meinem fulminanten Samstag. 

Zuhause angekommen, geh ich in den Wald, laufen. Nach langer Zeit mal wieder. Ich muss übers Wochende 10 Kilo abnehmen. Nun ja. Mit laufen hat das nichts zu tun. Ein Mann, der mindestens 20 Jahre älter ist, überholt mich zweimal auf meiner Runde. Leichtfüßig, im Fluss, lächelnd. Rentner sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. 

Danach leg ich mich aufs Sofa und schlafe augenblicklich ein. Das Telefon weckt mich, meine Abendverabredung. Ich sage ab, todmüde, ein schwacher Moment. Nichts scheint mir verlockender, als einfach liegen zu bleiben. Lege auf und bin - was sonst - hellwach, auf eine öde, bräsige Art. Es ist 18 Uhr, die Nacht ist jung.

Was hab ich mir nur gedacht? Vergessen, dass ich auf keinen Fall an einem Samstag absagen darf. An jedem anderen Abend, aber nicht... Der Samstag ist das scheiß-fucking Weihnachten der Woche.

Mittwoch, 21. Oktober 2015

Will you still need me?

Immer wenn meine Großtante Elsbeth aus der DDR auf Besuch zu uns nach Niedersachsen kam, sah ich sie mitleidig an und dachte mir "Die Arme, ihr Leben ist vorbei, während meins ein einziges Abenteuer ist." Dasselbe dachte ich auch beim Anblick meiner anderen Tanten und Onkel, denen ich jegliche Lebensfreude absprach. 

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass noch irgendwas nennenswert erfreuliches in ihrem Leben stattfindet - denn mit meinen langweiligen Eltern am Tisch zu sitzen und uns dabei zuzusehen, wir wir uns am späteren Abend aufmachten, um wirklich was zu erleben - das konnte ja kaum der Weisheit letzter Schluss sein. 

Mein vor mir liegendes Leben erschien mir wie eine einzige Verheißung. Das der Alten wie eine ozeanische Ödnis. 

Wenn man jung ist, ist man doof. Man weiß erst später, dass man nicht so weise war, wie man dachte. Das eigene Altern zeigt einem, wo der Frosch die Locken hat. Unter anderem findet man schön, mit Freunden am Tisch zu sitzen und deren Kindern dabei zuzusehen, wie sie sich in die Nacht empfehlen.

Aber darüber schweigt man. Über nichts wird soviel geschwiegen, wie über das eigene Altern und die grässlich banalen Auswirkungen und plötzlich auftretenden Hemmnisse, mit denen man zu kämpfen hat und die in der Gesamtsumme wirklich kein Spaß sind. Gottseidank ist man nicht allein damit, die Freunde altern mit und neugierig beobachtet man am anderen, wie er sich "entwickelt". Noch ist alles im grünen Bereich, die richtig schlimmen Sachen folgen noch, aber dass die Schwerkraft ihr übles Werk an uns verrichtet, haben wir bereits zu verkraften.

In den letzten Tagen wurde eine Menge Gutes und weniger Gutes zum Thema geblogt:

Der Kiezneurotiker machte den Anfang. Daraufhin schrieb das Narrenschiff erst eine - für meinen Geschmack - weinerlich anmutende Antwort und schob dann einen Text hinterher, dem ich begeistert zustimmte. Zuletzt schrieb Tikerscherk einen Post, mit dem ich mich ebenfalls vollumfänglich (das Wort wollte ich schon immer mal unterbringen) identifizieren kann.

Man kann Menschen wegen einiger Dinge verachten. Da würden mir ganze Romane einfallen. Geschenkt. Herabwürdigung aufgrund des biologisch nicht aufzuhaltenden Prozess des Alterns gehört nicht dazu. 

Ja, wir werden alle alt – wenn wir Glück.. oder Pech haben – ein jeder mag das sehen, wie er will. Und ja, wir werden nicht schöner und eines Tages – wenn unser Milchsäurehaushalt vollends durcheinander gerät, duften wir auch nicht mehr so gut. 

Aber das ist nichts, was verachtenswürdig ist. Wir kommen auf die Welt und brauchen Schutz und wenn wir alt werden, brauchen wir wieder Schutz. Und jeder alte Mensch war mal ein junges glattes Ding, hat geliebt, gestritten, gezweifelt. War schlau oder blöd, hatte Humor, überlebte seine persönlichen Waterloos, wurde begehrt und verlassen und die Summe all dessen sind Falten – so what?

Wir sind dazu verdammt, in der Lebensphase die meiste Kraft aufbringen zu müssen, in der wir am schwächsten sind und immer schwächer werden. Jeder alte Mensch führt einen mutigen Kampf, muss Einsamkeit aushalten, endlose Tage, Krankheiten, dieser ganze Dreck, der dazu gehört. Da noch Gülle drüber? Nö, muss nicht.

Sonntag, 18. Oktober 2015

Lass mich, ich kann das............... Oh, kaputt

Die Auftragsmörderin hütet mal wieder die Villa. Da habe ich ihr gleich von meiner Vision erzählt, wie wir vor der one-Million-Dollar-Glotze logieren und anspruchsvolle Problemfilme gucken. Fein, sagt sie, ich koch 'ne Kürbissuppe und dann schauen wir Apple-TV. Ich zermanschte als Mitbringsel zwei Avocados und nannte das Guacamole. Als ich die Villa betrat, erfasste mich wohliges Saturday Night Fever. Der Abend konnte beginnen.

Der Villenhund harmoniert auf das Schönste mit ihrem Hund. Sie spielen. Ein Euphemismus, denn eigentlich rasen sie die ganze Zeit über Tisch und Bänke und tun so, als ob sie sich an die Kehle wollen. Dabei fletschen sie die Zähne und geben bedrohliche Laute von sich. So ein Tier ist eben kein Mensch und so harmlos sie ansonsten erscheinen, war mir dann doch nicht recht, wenn sie ihre Kampfhund-Arena allzusehr in die Nähe meiner Kehle legten. Wir lagen auf niedrigen Sofas, die keine Lehne haben. Ich verbarrikadierte mich zum Schutz mit dem Klavierhocker. Nachher beißen die versehentlich mich, dann fließt Blut und aus Spaß wird Ernst. Siegfried und Roy ist das auch passiert.

Anyway, nach der Suppe und den Mantsch-Avocados suchten wir uns einen Film aus. Sie drückte auf "leihen" und es erschien "Film wird geladen" und dann "Es konnte leider keine Verbindung mit dem Server hergestellt werden". Ich mach's kurz: kein Film. Sie schleppte ihren Laptop an, um uns über Netflix was runterzuladen. 

Auf einmal plätscherte es. Ihr Hund hatte vergessen, dass er stubenrein ist oder hielt den flauschigen Teppich für eine Blumenwiese. Sie rannte los, ich rannte los. Aber es war zu spät. Nun musste der Teppich entfeuchtet werden.



Von meiner Vision war nichts mehr übrig geblieben und so fuhr ich nach Hause, ohne die technischen Annehmlichkeiten der Villa im Herbst voll ausgekostet zu haben, mal abgesehen vom Lichtschalter im Gästeklo, den ich mein Leben lang nicht begreifen werde.

Am nächsten Tag waren wir für einen Spaziergang mit den Hunden verabredet. Ich setzte mich ins Auto, startete den Motor und in der Sekunde fiel mir ein, dass ich was in der Wohnung vergessen hatte. Ich machte den Motor wieder aus und schrie Aaaaaaargh, denn ich hatte noch was vergessen: niemals aussschalten, wenn der Gang eingelegt ist. Die Halbautomatik muss auf "N" stehen, sonst kriegt man die Kiste nicht wieder an. Ich versuchte alle Tricks, aber es war nichts zu machen.

Also auf's Rad. Gerast wie eine Blöde, ich bin eine Pünktlichkeitsfanatikerin. Von dort in den Wald und tausend Leute kennengelernt. Das war mir vorher nicht bewusst: Hundebesitzer haben jegliche Scheu verloren, fremde Menschen anzusprechen, sie überwinden dabei problemlos alle Bevölkerungsschichten und fühlen sich mit jedem wohl, der eine Hundeleine in der Hand hält. Faszinierend. 

Beim aussteigen aus ihrem Auto fiel mir mein (Dienst)-Handy runter; die bekloppte Schutzhülle war sich über ihre Bestimmung nicht im klaren, quittierte ihren Dienst und kam neben dem Handy zu Boden. Hä? Das Handy hatte aber keinen Kratzer, ich war beruhigt.

Zuhause angekommen, nahm ich das fucking Manual für das Auto zur Hand und brütete über dem Stichwortverzeichnis. Ich wurde nicht schlauer, außer dass ich nun wusste, weshalb in letzter Zeit immer zwei Schraubenschlüssel mit einer täglich geringer werdenden Zahl angezeigt werden; das ist die Service-Intervall-Anzeige. In nunmehr 13 Stunden muss das Auto zur Inspektion. Aha. Und ich dachte, es implodiert demnächst und hatte mich schon nach Schutzwesten umgesehen.

Ich ging noch mal vor die Tür, setzte mich rein und versuchte zu starten. Nichts zu machen. Ich bekam schon wieder Visionen, die diesmal mit einer Axt zu tun hatten. Ich versuchte es ein letztes Mal und verbarg dabei meine Emotionen, so gut ich konnte. Autos können sowas spüren. Ausnahmsweise trat ich dabei diesmal auf die Bremse, und siehe da, es ward Licht: der Motor schnurrte wie ein Bienchen. Geschafft. 

Wieder drin, nahm ich das Handy. Siehe da, es wurde dunkel. Bildschirm eingefroren. Nix mit Touchscreen. Fuchs, der ich bin, wollte ich das Ding einfach ausschalten, nach alter Admin-Weisheit. Danach wird es schon wieder. Aber man kann das Handy nicht einfach ausschalten, weil dann der Befehl "ausschalten" auf dem Bildschirm erscheint und erst, wenn man da drüber wischt, schaltet es sich aus. Aber wischen hilft ja nix, wenn es auf wischen nicht reagiert. Jetzt warte ich drauf, dass der Akku leer ist. Ich habe aber durch Zufall den Prototyp des am längsten haltenden Akkus. Er ist nicht totzukriegen und hält locker 48 Stunden.

Da waren sie wieder, die zwei alten Menscheitsprobleme: 
  1. Was ich hab, das will ich nicht und was ich will, das krieg ich nicht. 
  2. Irgendwas ist eben immer