Sonntag, 31. Mai 2015

Unter jedem Dach ein Ach

Von Chinesen kann man lernen. Ingwer und eine Birne in zwei Liter Wasser schnippeln, eine Stunde leise köcheln lassen, über den Tag verteilt trinken, danach ist man geheilt. Sagt meine Nichte, die ich beim Familienfrühstück sehe.

Die "Erste Abwehr" hat mir zwei Tage Halsschmerzen erspart, wofür ich mich in aller Form bedanke bei der Pharmaindustrie, weil die zwei Halsschmerztage und -nächte immer am schlimmsten sind.

Ich kauf mir die Wundermittel, lass es köcheln, trink es und bin nach einer Stunde vollständig genesen. Keine Gliederschmerzen, keine Mattigkeit. Ich bin begeistert.

Begeisterung kennt keine Grenzen, als ich noch schnell zu Video World fahr und "House of Cards" Staffel 2 zu haben ist. Ich will mich damit von Krankheit und Siechtum ablenken, was nach dem Zaubertrank nicht mehr nötig ist, aber das konnte ich nicht wissen, um so besser, Kevin Spacey bei bester Gesundheit. Dachte ich. 

Schieb die DVD rein, loading, loading, loading. "Bad Disc". Bring die zurück, tausch sie um, dasselbe Spiel. Versuche andere DVDs. Alle "Bad Disc". Im Arsch das Ding. Da nehm ich mir einmal eine Grippe induzierte DVD Nacht vor und das Ding streikt. In der Folge nur konsequent, ich war ja geheilt, wenn auch genervt. Für alles kann das Universum nicht sorgen.

Wache um 2 Uhr bei laufender Glotze und Festbeleuchtung auf, taumel ins Bett und bin das nächste Mal um 5 Uhr wach. Mein erster Gang ist immer auf den Balkon. Vogelgezwitscher, Sonne, taufrische Kälte. Alles schläft. Kommt in dem Moment mein Nachbar auf dem Fahrrad nach Hause.

"Wo kommst du denn her?"
"Ich komm nach Hause und du stehst auf dem Balkon? Ist ja irre." 
"Ein Zeichen. Oder senile Bettflucht, such dir was aus."

Er steigt vom Rad ab und lehnt sich erschöpft an den Zaun.

"Alles okay bei dir?"
"Noch. Ich hab mich verfahren. Komme aus Großbeeren, Fußball geguckt, hab mich verirrt, Handy Akku alle, dachte, ich finde nie wieder aus dem Wald, der Horror, war ja dunkel."
"Herrje, aber ich bin nicht diejenige, der du diese Geschichte verkaufen musst. Viel Glück dabei."

Er lacht und zieht eine Grimasse. Ich geh frühstücken und leg mich wieder ins Bett. Dann höre ich, wie jemand einen Koffer über den Waschbeton zieht. Zurück kommt, ein zweiter Koffer verlässt das Haus. Oh jee...Offenbar hat sie ihm nicht geglaubt. Männern, die zu gut aussehen und zu charmant sind, glaubt man das nicht. Das ist ihr Schicksal. 

Freitag, 29. Mai 2015

Berlin im Stau

Als ich aus dem Büro komme, laufen mir fünf kleine türkische Jungs entgegen, gewandet in schwarz-gelb "Bisstu auch für Dortmund?" brüllen sie mich an. "Loogo!" rufe ich. Man muss Kindern geben, was Kinder brauchen.

Mir schwant nichts Gutes. Fußball, 17. Juni gesperrt, das wird ein bißchen dauern, bis ich hier raus komme. Auf der Hardenbergstraße geht schon überhaupt nichts mehr. 

Aber ich bin ja schlau und beherzt. Eine Heldin der Straße. Fahre falsch in eine Einbahnstraße - die einzige, in der das sowieso alle machen, komme am BVG-Parkplatz vorbei, schon stehe ich. Nicht lange, dann quetsche ich mich zwischen Busse und stehendem Gegenverkehr,  biege auf den Parkplatz vor dem Zoologischen Garten ein und... rien ne va plus.


Dann, großer Fehler: ich schalte den Motor aus, ohne die Halbautomatik vorher auf "N" zu stellen, das hat die Einkaufshilfe gar nicht gerne. Dann macht sie keinen Mucks mehr, wenn ich wieder starten will (Genauso wenig, wie sie in den Rückwärtsgang schaltet, wenn ich nicht zuvor wenigstens ein paar Zentimeter im ersten Gang nach vorne gefahren bin. So freue ich mich einerseits, dass mein ohnehin saugutes Parkplatz-Karma in elliptische Höhen geschossen ist, weil ich in jede noch so verschissen kleine Lücke passe, auf der anderen Seite stets zu bedenken habe: immer genug Platz  nach vorne, denn rückwärts aus dem Stand - no chance. Wenn das hier jemand liest, der Ahnung hat: bitte melden).

Da stehe ich also im Mega Stau direkt vor dem Zoo und die Möhre rührt sich nicht. Ich versuche alle Tricks. Ich steig aus, schließe die Tür, steig wieder ein, Schlüssel rein, nix. So geht das eine ganze Weile. Ich versuche, meine Würde zu bewahren und überlege, wo ich ein Vorzelt herbekomme, oder ein Zelt, in das ich uns beide unterstellen kann, denn ich werde hier übernachten müssen, vielleicht auch für immer bleiben müssen. Ich bin nicht im ADAC. Die Frau vom Bahnhof Zoo.

Die Autos vor mir fahren weiter, die Autos hinter mir müssen stehen bleiben. Irgendjemand wird mich exekutieren, lange wird's nicht mehr dauern, einer wird aussteigen und Amok laufen. Vermutlich ich selbst. Fuck, ich bin seit halb sieben im Büro, todmüde, es ist schwül, ich will nach Hause, verlange ich zuviel vom Leben? Nein, ich heul jetzt nicht. ICH HEUL JETZT NICHT.  Dabei würde ich gerne heulen, das erleichtert. Ich heule viel zu selten.

Ich trickse weiter am Auto rum, mach mich zum Klops; ich weiß ja, was die anderen denken. Irgendwann besinnt es sich und lässt sich starten.  

Erleichterung ist ein wirklich unterschätzter Gefühlszustand. Da hat noch keiner Abhandlungen drüber geschrieben. "Dangerous disease pattern in brain before facilitation" , "Die Erleichterung - manchmal besser als ein Orgasmus", "Make easing not war". Ich glaube, Kriege entstehen im Grunde durch Staus.

Am Kudamm ist alles überstanden und ich komme ohne weitere Vorkommnisse nach Hause. Dort fängt mich meine Freundin von gegenüber ab und bittet mich auf eine Zigarette in ihren Garten. Mir ist so matt und malade, aber die neuesten Skandalitäten ihres abtrünnigen Gatten höre ich mir an, bis ich endlich in meiner nunmehr teilweise schlammbraun getrichenen Wohnung ankomme, was ihr tatsächlich eine museale schöner-wohnen Atmosphäre gibt. Auf deutsch: so richtig heimisch fühle ich mich noch nicht. 

Ich lass mich aufs Sofa fallen und schlafe sofort ein. Wache wieder auf, es ist schon dunkel, mit Halsschmerzen. Wenn Erkältungen mit Halsschmerzen beginnen, wird's immer schlimm, das weiß jeder Hypochonder. Aber ich erinnere mich an das Gegenmittel, das ich auf Anraten einer Kollegin im Februar prophylaktisch erworben habe, als die Grippewelle tobte und ich wie durch ein Wunder verschont blieb. Ich benutze es das erste Mal: eine Viertelstunde später ist alles wie weggeblasen. Ein Teufelszeug, keine Ahnung, was ich mir da in die Nase sprühe, aber it works.

Nun gut, ich fühl mich wie Brei. Dagegen hilft's wohl nicht. Das Wochenende kann kommen

Donnerstag, 21. Mai 2015

Der verhinderte Geheimagent

"Und du? Du warst bestimmt auch nicht bei der Stasi?" fragte ich den Mann, den ich auf einer Party kennenlernte, vor zig Jahren, als das noch ein Thema war, wenn sich Ost und West kennengelernt haben. 
"Doch, war ich."

Ich war elektrisiert. Ein Mann, der zugab, bei der Stasi gewesen zu sein. Bis dahin hatte ich nur Widerstandskämpfer kennengelernt. Und ich bin so neugierig auf Geschichten, die mit meinem Leben nichts zu tun haben.

"Es ist nicht alles schwarz oder weiß im Leben. Mein Vater war überzeugter Kommunist, ich bin in dem Glauben aufgewachsen, im besten Land der Welt zu leben. Und das wollte ich unbedingt schützen. Also, ich hielt nichts davon, meine eigenen Landleute zu bespitzeln, aber ich wollte unbedingt Auslandsagent werden. Den Feind unterwandern, unsere Grenzen schützen. Ich glaubte damals wirklich, dass das zwingend nötig ist. Naja, dann habe ich mich beworben, bzw. haben die mich sowieso angesprochen, wegen meines Vaters und ich sagte denen, ich bin dabei, aber nur, wenn ich ins Ausland kann. Das waren unheimlich gute Gespräche mit meinem Führungsoffizier. Fast so, als wären zwei Widerständler auf einem Haufen. Der hat so eine Nähe hergestellt, hat mich alles mögliche gefragt, ich sollte ganz ehrlich darüber erzählen, was nicht so gut läuft in der DDR. Und meine Kritik hat er bestätigt. Ich dachte, ist ja toll, der hört echt zu, ich kann mit dem ja über alles reden. Der war wie mein bester Freund. Solche Gespräche hatte ich vorher noch nie geführt. Dann haben die mich testweise nach Ungarn geschickt und haben mir dann so Aufgaben gestellt. Ich sollte zum Beispiel am nächsten Tag zu einer ganz bestimmten Uhrzeit jemanden Bestimmten anrufen. Das war gar nicht so einfach, es gab keine Handys und auch kaum Telefonzellen. Und wenn du dann so blöd gewesen bist wie ich, erst 5 Minuten vorher nach einem Apparat zu fahnden, warste gleich am Arsch. Fakt ist, zu meinem damals größten Unglück ist nichts aus meiner Karriere geworden. Nach Maueröffnung habe ich mir dann meine Stasiakte zeigen lassen und da stand dann sinngemäß drin, dass ich ein unfähiges Weichei bin und deshalb von einer weiteren Verwendung abzusehen sei. Das war auch Jahre später noch wie ein Schlag ins Gesicht. Das hat ja der Mann geschrieben, den ich für meinen besten Feund gehalten habe. Mit 18 ist man so bescheuert. Die hatten das voll drauf."

Ich hatte Respekt davor, dass er das so freimütig erzählte. Dass er seine Biographie nicht nachträglich schön färbte, sondern zu seinen Irrungen und Wirrungen stand. 

Wir verabredeten uns ein paar Tage später. Saßen unschlüssig voreinander. Er ist nicht der extrovertierte Typ, eher abwartend, beobachtend. Eine gewisse Bitterkeit im Gesicht, beleidigte Leberwurst. Lippen immer leicht geschürzt, wie eine kritische Hausfrau. Sein düsteres Outfit, wofür ich durchaus eine Schwäche habe, machte das nicht wett. Seine Stasi Geschichte hatten wir ja auf der Party schon umfassend behandelt. Es musste ein Thema her, sonst würden wir ins Wachkoma fallen.

"Letztes Wochenende hatte ich den beschissensten Sex meines Lebens." 
Er wachte auf und ich erzählte die hanebüchene Story, die ich mit einem Kriminalkommissar erlebt hatte. Wir lachten uns scheckig und so begann unsere Freundschaft. Einige Jahre verbrachten wir viel Zeit miteinander, dann verloren wir uns aus den Augen. Später schrieb er mal, dass er jetzt mit einer Frau zusammen leben würde. Ich gönnte es ihm.

Nach über 10 Jahren schrieb er mir eine Mail mit einem Link, ohne Anrede, ohne Abschiedsformel, nur ein Satz: "Schau dir das mal an, sie erinnert mich an dich." Ich sah mir das an und fragte ihn, why the fuck ich ihn an diese Frau erinnere. Sie ist ganz anders als ich, sieht anders aus, spricht anders - jedenfalls verabredeten wir uns kurzerhand auf einen Kaffee. 

Was soll ich sagen, das Leben ist manchmal doch ganz schwarz oder weiß. Er steht kurz vor der Trennung von seiner langjährigen Freundin. Das macht ihn traurig, aber drum kämpfen will er auch nicht (wenn ich sowas schon höre, als ob Menschen, die man liebt oder lieben könnte, an jeder Straßenecke zu finden sind). Ganz die alte beleidigte Leberwurst. Dramatische Gründe für das scheitern konnte er mir nicht nennen, mit geschürzten Lippen starrte er in die Ferne. Lahm meinte er, sie habe das falsche Bett gekauft, ohne ihn zu fragen. Zu klein, obwohl er doch so groß ist. Das ginge nur, wenn man frisch verliebt sei. Und mit dem Rücken hat er es auch.

Betten kann man umtauschen, aber ich hatte keine Lust, einem erwachsenen Mann nahe zu bringen, was auf der Hand liegt. Wenn er sich nicht bemühen mag.... seine Sache. Wenn er sauertöpfisch in die Gegend gucken will... geschenkt, jeder wie er kann. 

"Wann hast du Zeit nächste Woche? Montag?"
"Nee."
"Dienstag?"
"Auch nicht."
"Ich könnte auch Mittwoch."
"Mal schauen."

Er hat nicht weiter insistiert, worüber ich erleichtert bin. Seine bevorstehende Trennung möchte ich nicht abfedern. Er lacht noch weniger als früher. Er lächelt nicht mal mehr.

Donnerstag, 14. Mai 2015

Le Petit Thriatlon

Noch vor dem Frühstück ins Freibad, um eine Stunde zu schwimmen. Auf der Fahrt beschlossen, dass ich auch eine Stunde Rad fahren und eine Stunde laufen werde. 
 
Als ich ins Becken stieg, schnappte ich nach Luft und dachte "What the fuck mach ich hier eigentlich?". Wassertemperatur 18 Grad, Luft 14. Als ich ganz ins Wasser glitt, war ich augenblicklich schockgefroren. Meine Glieder wurden schwer und ich wusste jetzt, weshalb erfrieren der angenehmste Tod sein soll. Man wird müde und gleichmütig. 
 
Selbst dass ich das Becken mit nur zwei anderen Menschen teilen musste - was meiner Traumvorstellung vom Becken-ganz-für-mich-allein schon ziemlich nah kommt, blieb mir wurscht (wobei mir auffällt, dass sich meine "Traumvorstellungen" häufig darum drehen, irgendwas ganz allein zu machen - auf welche Persönlichkeitsstörung das hindeutet, wird noch zu eruieren sein).
 
In Zeitlupe schwomm ich 50 Meter hin und her und her und hin, nach 45 Minuten war meine Ganzkörpergänsehaut rasiermesserscharf. Kurz bevor ich voreilig mit dem Leben abschließen und mich final dem Chlorwasser überantworten würde (noch weitere 10 Minuten und ich hätte ein weißes Licht gesehen), rettete ich mich zitternd in die Dusche. Dort erlitt ich Verbrühungen bei lauwarmen Wasser.  
 
Zuhause gefrühstückt und weiter gefroren. Eigentlich wollte ich nun laufen. Aber ich war so müde, dass ich mich lieber noch mal ins Bett legte. Gegen 14 Uhr wurde ich wach. Im Koma Wochenendeinkauf absolviert. Um 17 Uhr im Kino verabredet, da wäre ich gerne hingeradelt, aber inzwischen goss es wieder wie aus Eimern. Ich hätte noch eine Stunde laufen können, aber bleiern starrte ich Löcher in die Luft.  
 
Im Kino fast eingeschlafen. Anschließend essen gegangen. Ente kross, süß sauer. Und mit Cola wird der Durst erst schön. Dabei hatte der Tag so ambitioniert begonnen. 
 
P.S. Kürzlich meiner Mutter vom Blog erzählt. "Ja, hat denn irgendeiner Zeit, das alles zu lesen?"

Sonntag, 10. Mai 2015

Die Tränen eines Mannes...

...sind der Whiskey an der Bar und die Frauen für eine Nacht, sagt man. 

Aber es gibt auch noch andere Trauerbewältigungsstrategien und zwar von Witwern, genauer gesagt, dem Vater einer Freundin. Deren Mutter ist kürzlich gestorben und als ob das nicht schon schlimm genug ist, lüftete der Vater ein Familiengeheimnis, kaum dass sie zwei Minuten nicht mehr von dieser Welt war. Und das kam so:

Die Krankenschwester kam in das Zimmer und öffnete das Fenster, "Damit die Seele..." - "Wen sie jetzt wohl alles trifft, da wo sie hingeht?" Der Vater schnaubte: "Ick weeß schon, wen'se trifft. Heinz!" 

In der Folge stellte sich heraus, dass die Mutter eine zwanzigjährige Affaire mit Heinz hatte, die aber vor dreißig Jahren beendet wurde. Der Plan der beiden Liebenden war, abzuwarten, bis die Kinder tot groß genug sind, um sich scheiden zu lassen. Nach 20 Jahren gestand die Mutter ihrem Mann allerdings den Betrug. Der Vater rief sofort die Frau von Heinz an, worauf Heinz den Kontakt zur Mutter abbrach und nie wieder ein Wort mit ihr sprach. Im Dezember starb er. 

Nun ist der Vater nach über dreißig Jahren geradezu besessen von dem Thema. Er kramt in ihren Sachen und findet Indizien. Meine Freundin nennt das "die retrospektive Scheidung". Er findet unaufhörlich Anhaltspunkte für ihren liderlichen Lebenswandel. 

"Hier, nu sieh dir das an: ein BH für 45 €, für 45 €, hat man Töne? Zuwas hat sie wohl so teure Wäsche gebraucht, das frag ich dich."
"Papa, den habe ich mit ihr zusammen gekauft, als sie Brustkrebs bekam!"

"Und hier, 10 Packungen Strumpfhosen, ungebraucht, will mal wissen, woher sie das Geld für sowas hatte."
"Papa, das war ein Sonderangebot." 

"Das Kleid hier, das hatte sie niiie an, da durfte sie wohl nur Heinz drin sehen. Und guck mal, die Briefe hier, die hat sie ihm alle geschrieben und nie abgeschickt und ein Märchen über die Geschichte hat sie auch noch geschrieben."
"Papa, das will ich alles gar nicht wissen, ich bin dein Kind, das musst du deinen Freunden erzählen."
"Ja, hab ich auch schon überlegt. Das ist nichts für die Kinder. Haste Recht. Aber kuck mal, was ich hier gefunden habe, Briefe von Heinz, musste unbedingt lesen."

Während sie mir das erzählte, liefen wir in der Märkischen Schweiz umher (und begegneten pausenlos Wanderern, die am 100-Kilometer-Lauf-ohne-Schlaf teilnahmen. Einer war extra aus Bayern angereist und lief mit offenem Hosenstall, damit die Hose nicht an den Oberschenkeln scheuert - was das eine mit dem anderen zu tun hat, ist mir ein Rätsel)

Zurück zum Thema: ich lachte und lachte, weil es so absurd ist und sie ihn lebensecht nachmachte in seiner grenzenlosen Empörung. Ich kenne ihn, ein Mann von äußerst schlechten Benehmen, ein Tyrann, der nie gesprochen hat, immer nur gebellt und Leute, vorzugsweise seine Frau brüsk angepflaumt hat. Eine Scheidung kam für ihn, wie bei Helmut Schmidt, nicht in Frage. Ehrenkodex oder so. 

Ich meinte, dass es doch tragisch ist, dass er sich mit seiner ewig schlechten Laune selbst verbaut, dass auch nur ein Mensch zu ihm sagt "Das tut mir leid, muss schlimm für dich gewesen sein." und dann herzlich drückt. Ja, sagte sie, sehr tragisch, vor allem fürchte sie, dass er langsam aber sicher psychotisch wird, er beschäftigt sich mit nichts anderem und fördert Tag für Tag neue 'Beweise' ans Licht.

Für sie ist es, als ob sie ihre Mutter ganz neu kennenlernt. Das Geheimnis meiner Mutter hat sie mir schon zu Lebzeiten gestanden, wie sie damals... aber lassen wir das.

"Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ Tolstoi

Donnerstag, 7. Mai 2015

Mein Leben in der Küche

Wie versprochen ist die Decke gestrichen, am Freitag werden die Wände gemalert. Das Wohnzimmer ist verwaist, das Schlafzimmer zugerümpelt, allein Bad und Küche bieten den gewohnten Komfort. Komme ich heim, sitze ich in Nachbars Garten, auf dem Balkon, später in der Küche. Komisches Leben. Ich geh ganz schön früh ins Bett und werde ganz schön früh wach.

Meine Wände sind so dick, dass ich ab und an mit dem Tablet ins Wohnzimmer gehen muss, um wieder Verbindung zum Netz zu bekommen. Während ich dies schreibe, bricht sie wahrscheinlich gerade wieder ab, mal sehen, ob der Text zu retten sein wird. Das tippen auf dem Tablet nervt, aber wenigstens keine Sicherheitsupdates, die mich ausknocken. 

Aber das sind alles Peanuts, während wir am Samstag feierten, ist 300 Meter entfernt ein Nachbarmädchen vor dem Bus auf die Straße gelaufen, wenn sie überlebt, weiß man nicht, was von ihr übrig bleibt. Eine Sekunde kann alles verändern. Eine Sekunde Unaufmerksamkeit und du endest als Gemüse in deinem Leben. 

So gesehen will ich mich nicht beschweren. Es gibt weiß Gott überhaupt nichts, worüber ich mich zu beschweren habe. Alles eine Frage der Relation. Morgen ist schon Freitag, Samstag kommt das Sofa und Sonntag gibt es eine kleine Einweihung. Eine Hochzeit muss geplant werden, schnatter, schnatter. Das Leben ist schön. Bis jetzt ist alles gut gegangen, relativ gesehen. 

Mittwoch, 6. Mai 2015

Im Land der Interpretationen

Alles ist ganz leicht mit ihm. Er gefällt mir, obwohl ich keine Visionen davon habe, ihn zu küssen, was eigentlich ein schlechtes Zeichen ist, jedenfalls für eine wie auch immer geartete Beziehungsanbahnung. 

Ein perfekter Tag. Alles in der Balance, nicht zuviel, nicht zu wenig. Vielleicht will ich ihn irgendwann mal, ääh, küssen. Vielleicht auch nicht. Das weiß man vorher manchmal nicht. Ist auch gar nicht wichtig. So oder so ein interessanter Mann.

Ich bin so entspannt, dass ich beim Abschied sage, was ich denke. "Das war echt schön, ich hoffe, wir sehen uns wieder." Mir fällt sowas immer leicht, solange ich nichts will.

Er steht sehr dicht vor mir, während ich das sage, hat die mitteleuropäische Armlänge überschritten, während ich am Auto gelehnt stehe. Er schaut belustigt auf mich runter und antwortet "Bestimmt."

Bestimmt? Seine Stimme wird tiefer auf der Betonung der zweiten Silbe. Es fühlt sich an wie eine Abfuhr. Ich bin irritiert, von Null auf Hundert. Das passt nicht zu den acht(!) wie im Flug vergangenen Stunden. Er nimmt mich in den Arm, kurz, nicht zuviel und nicht zu wenig. Das hat er drauf.


Ja, Männer, so macht man sich bei Frauen interessant. Für Irritationen sorgen. Das bringt die gelassenste Frau aus dem Tritt. Egal, wie gleichmütig sie eben noch gestimmt war, was eure Person betrifft, damit kriegt ihr sie bombensicher. Da wird sie wach und denkt "Örgs, habe ich was verpasst? Ich find den nett und der mich nicht? Ich glaub, den will ich heiraten."

Freitag, 1. Mai 2015

Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs

Habe Maßnahmen ergriffen. 

Einen Maler bestellt, der mir die ganze Bude streichen soll. Hab keine Eile, sage ich. Lass dir Zeit, ruf an, wann du loslegen kannst.

Ein Sofa gekauft. Wird übernächsten Samstag geliefert.

Mein altes Sofa bei Ebay Kleinanzeigen reingesetzt. Eine Stunde später ist es verkauft. "Ich hole es morgen ab" - "Morgen geht nicht, am Samstag ist hier Party, und zwar keine Stehparty. Erst Sonntag möglich" - "Geht nicht, wir ziehen morgen um und dann haben wir einen Transporter." Ich knicke ein. Bin auch nur ein Mensch.

Merke: Nachricht an alle, Klappstühle mitbringen. 

Verabrede mich in einer freien Minute für Sonntag Mittag. Termin alternativlos. Kann man nix machen.

Das Sofa wird abgeholt. Denke, wie günstig, dann könnte der Maler jetzt doch kommen, das Zimmer ist so gut wie leer, das ist doch auch für ihn schön. 

Ich rufe ihn an. Er kann kurzfristig am Montag, Decken streichen in Wohnzimmer und Büro, am Freitag die Wände. Anders kann er nicht. Eine Woche Chaos and this is just the beginning. Ich sage zu.

Merke: Verbabrede dich nächste Woche jeden Abend, zuhause kriegst du Schreikrämpfe.

Dann denke ich nach. Zu spät. Rekapituliere: Samstag Stehparty, Sonntag aufräumen, aufrüschen, Büro ausräumen, Vorhänge, Bilder, Regale und all den Rotz irgendwie entmaterialisieren. 

Merke: Das ist kein Herzinfarkt, das ist nur Einbildung. Du wirst weiterleben. Du wirst uralt. 

Ich denke neu nach. Sonntag all als Geraffel, geht gar nicht. Genau, räume ich doch heute das Büro leer. Können da auch ein paar rumstehen. Alles ins Schlafzimmer. 

Was bleibt zu tun? Backen, schnippeln, das Übliche. Alles heute. Morgen will ich mit all dem Krempel nichts mehr zu tun haben. Da will ich nur Gäste erwarten. Alles andere überfordert mich. 

Sauber geplant. Mit Bedacht. Nicht.

Merke: Hör auf zu prokrastinieren und fang endlich an. Schalt die verfickte Kiste aus, aber dalli. Du kriegst sie wieder eingestöpselt, ganz bestimmt.

Donnerstag, 30. April 2015

Es hört nie auf...

Ich habe heute die coolste Achtzigjährige aller Zeiten kennengelernt. Doch ja, es gibt arschcoole Achtzigjährige. Die wirken wie dreißig. Die bewegen sich quick, sie sehen aus wie ehemals bildschöne Frauen, sind also immer noch schön, mädchenhaft, haben eine ganz junge Stimme und erzählen den gleichen Kram wie ich.

Anlass: Abschiedsfest bei der Mutter meiner besten Freundin, die mit ihren 70 Jahren auch noch eine kapriziöse Grandezza an den Tag legt, wenn sie mit Sonnenbrille und hochgestelltem Kragen einer eng taillierten Jacke zu meinen Zigaretten greift "Schätzchen, ich darf doch", was mehr eine Feststellung als eine Frage ist. Jedenfalls, es gab ein Festessen im Kreise ihrer Freundinnen zu Ehren ihrer Tochter, die sie gern herzeigt; als beste Freundin hat sie mich in den Schoß ihrer Wahlverwandschaften aufgenommen.

Da kam also diese hinreißende Achtzigjährige rein, die höchstens wie 60 aussieht und zwar wie eine verdammt guterhaltene Sechzigährige und nahm den Raum sofort ein. Sie wirkte derart jung, dass ich sie ganz fasziniert anstarrte.

Als ich ging, fragte sie mich, ob ich sie ein Stück mitnehmen könne, zu einer S-Bahn, sie müsse nach Wannsee, sie wohne in der Nähe der Liebermann-Villa und ich dachte, sakradi, die fährt Nachts noch mit den Öffentlichen durch die Stadt. Als wir im Auto saßen, erzählte sie mir, dass sie seit September einen neuen Freund hat, einen ehemaligen Arzt. Und wie das so angefangen hat und wie es jetzt läuft. Wie sie sich Sorgen gemacht hat, ob er wohl noch "kann", also er kann noch, aber er kann nicht so gut kommen, das sei schon immer sein Problem gewesen, daher habe sie mehr davon, als er, leider. "Ihr habt noch Sex?" - "Aber sicher!" 

Außerdem sei er so fit mit seinen 83 Jahren, dass er noch letztes Jahr in Katmandu von 1000 Meter hoch auf 5000 Meter ins Basislager gestapft ist. Und ich halte es für erwähnenswert, dass ich fünf Stockwerke zu Fuß schaffe, ohne ins Sauerstoffzelt zu müssen, ist das zu fassen? Und dass sie lange Zeit ihr Alter voreinander verschwiegen hätten, sie war sich nämlich sicher, dass er mindestens 10 Jahre jünger sei als sie, also jugendliche 70 und er dachte dasselbe. Im übrigen würde sie sich fühlen wie dreißig und es sei schon schwer, dass "in letzter Zeit" die Männer nicht mehr so gucken. Wahrscheinlich fühlen wir uns alle wie dreißig, zeitlebens. 

Ich hab sie nicht nur bis zur S-Bahn gefahren, sondern bis nach Hause, das Gespräch war zu amüsant. Sie bat um meine Karte, sie wolle mich unbedingt zum Kaffee einladen und ehrlich gesagt, ich freu mich schon drauf.

Als ich nach Hause kam, hatte sie mir schon auf den AB gesprochen und sich noch mal bedankt für's nachhausebringen - es hat ein bißchen gedauert, bis ich begriff, dass sie es war. Sie hört sich wirklich an wie eine sehr junge vergnügte Frau.

Dienstag, 28. April 2015

To whom it may concern

Ab 30 Grad Wärme rufe ich die Vereinten Nationen an, es wird zu heiß, tut was dagegen. 

Sauna? Nix für mich. Aber was macht man nicht alles für die beste Freundin. Mal chillen im Wasabi Vabali, dem schönsten Spa der nördlichen Halbkugel, verspricht sie mir. Was soll ich sagen? 10 Stunden waren wir dort. 

Es gibt 200 Liegen, 30 Wasserbetten, 20 Sofas, 30 Sessel, grob geschätzt. Es riecht nicht nach Chlor, es herrscht keine tropische Schwüle, es ist leise, alles murmelt, gütiges Dämmerlicht in allen Räumen, flauschige Teppiche verschlucken das Quietschen nasser Flip Flops, Innenpool, Außenpool, über jeder Kloschüssel hängt eine komische Kette als Kunstwerk verkleidet, Essen kann man auch gut. Und parken erst: direkt vor der Tür, für 1,50 € den ganzen Tag - wo gibt's denn sowas? Ach ja, und 11 Saunen, aber die hatte ich nicht auf der Agenda. Wer das konzipiert hat, wollte nur eins: dass Leute beseelt nach Hause gehen.

Ich habe soviel Nickerchen gehalten, dass ich mich heute Nacht mit anderen Dingen beschäftigen kann, vielleicht alphabetisiere ich meine Bücher. 


Als ich mich wieder anzog, war noch eine andere Frau in der Umkleide. 
Ich sagte "Ein langer Tag geht zuende. Und so ein Schöner."
Sie sah mich nachdenklich an und antwortete "Im Grunde ist jeder Tag schön. Es sind die einzigen, die wir haben."

Sonntag, 26. April 2015

Männerbekanntschaften 3

Gestern sah ich den Goldjungen wieder. Eindeutig ein Mann für den zweiten Blick. Schreiben kann er auch. Okay, er trägt komischen Schmuck, aber irgendwas ist eben immer. Ich war hier, aber erst um 19 Uhr, weil mich nur "Absacken mit der Wahrheit" interessiert hat. Habe Tränen gelacht, aber auch geweint, weil ich auf Bierbänken sitzen musste. Ich bin nicht gerade eine begnadete Sitzerin, mich kann man nicht einfach irgendwo parken, auch Restaurants bekommen von mir nur Sterne verliehen, wenn's anständige Sessel hat. Aber was tut man nicht alles für die Guldur.

Außerdem wurde ich ihm vorgestellt, und zwar gleich zweimal, das erste Mal von einer Bekannten "das ist die berühmte Bloggerin Christine", wofür ich mich grauenhaft schämte, denn wenn ich eins nicht bin, dann ich kann es nicht wiederholen, abgesehen davon, dass kaum jemand davon weiß, es auch gar nicht erfahren soll und dass ich nicht Christine heiße, aber das nur nebenbei. Sie entschuldigte sich, sie habe es nicht so mit Namen, wofür sie mein volles Verständnis hat; einmal fiel mir nicht mal der Name meiner allerbesten Freundin ein. Das zweite Mal mit richtigen Namen, ich fiel dem Vorsteller ins Wort "Wir wurden schon...", wurde aber unterbrochen von ihm (s.o.) "Pscht, schad' doch nix."- ein ganz und gar gelassener Mann.

So erlebte ich, dass man auch gezeichnete Witze vortragen kann, aber nicht unbedingt muss. Einerseits schade, denn er kann sehr gut vorlesen, mit verteilten Rollen, aber es verpufft doch einiges im Nirvana, weil der Bildschirm nicht groß genug fürs Auditorium war, obwohl das eigentlich nur ein versprengter Haufen in einem Zelt war. 

Was auch wieder schade war, eine größere Bühne und damit einhergehende vernünftige Stühle hätten sie verdient, der eine wie die andere. Und dieses aus der Mottenkiste, dennoch Lachtränen treibende Kabinettstückchen über den eitlen Hans Küng höre ich immer wieder gerne. Das Beste aber war das hier - danach war ich abgeschminkt.

Die  Auftragsmörderin saß tiefgebeugt neben mir und schrob und schrob. Als sie Tage vorab um Akkreditierung bat, wurde sie vom Fleck weg engagiert und musste sich schon den ganzen Tag dort herumdrücken. Später beköstigte sie uns mit ihren Getränkegutscheinen. 

Fast das Schönste am Abend war die Fahrt nach Hause, muss ich doch nicht mehr auf Bus und S-Bahn warten, an keinem Wald entlang hetzen auf der Flucht vor Pädophilen, die sich mangels Alternativen auch mal eines älteren Semesters annehmen, sondern habe wegen meines exorbitant guten Parkplatz Karmas nur drei Schritte zu laufen, schon sitze ich im Warmen, höre Marbles und Kinobe und versteige mich gar zu der Ansicht, dass das Leben doch manchmal ein Ponyhof ist.  

Donnerstag, 23. April 2015

Lost in Space

Kürzlich habe ich mir ja ein Auto gekauft und das muss natürlich umgemeldet werden. Hat jemand in letzter Zeit mal versucht, ein Auto umzumelden? Ist nicht mehr so, dass man in die Jüterboger Straße fährt,  eine Wartenummer zieht, seinen Picknickkorb auspackt und die drei Bücher neben sich legt, für die man jetzt die einmalige Gelegenheit bekommt, sie in einem Rutsch durchzulesen.

Nee, der Senat will nicht mehr, dass man sich über Gebühr den Hintern platt sitzt. Deshalb muss man sich online einen Termin holen. Der frühestmögliche war heute, drei Wochen nach Autokauf. Clever, wie ich bin, such ich im Internet nach Zulassungsdiensten. Rufe den ersten an, niemand geht dran. Den zweiten, keiner zuhause. Einen dritten erreiche ich, 19,90 € stand marktschreierisch auf seiner Seite. Im Gespräch ergaben sich Nebenkosten, flugs wollte er 45 € für seine Dienste. 90 Mark? Nicht mit mir.

Selbst ist die Frau und so komme ich mit allen Unterlagen präpariert dort an. Sofort bricht eine Major Depression aus. Was für ein trostloser Ort. Hier muss dringend mal ein Feng Shui Experte ans Werk. Überall warten frustrierte Menschen, die mit ihrem Leben abgeschlossen haben. Sie stehen in den Gängen, sitzen in überfüllten Warteräumen und ich versuche herauszufinden, wo ich hin muss. Mir erscheinen die Wegweiser unübersichtlich und schwer verständlich.

Als ich meinen Warteraum gefunden habe, sehe ich auf meinem Zettel nach, welche Vorgangsnummer ich habe. 43881. Die Anzeigetafel zeigt in einer Tour neue Nummern an. 133478. 888762. 7743. 9776123. Es ertönt alle fünf Sekunden ein Gong, damit man auch ja zur Tafel hochblickt und seine Nummer nicht verpasst. Von all dem Zahlenwust werde ich gaga und muss immer wieder auf meinen Zettel gucken, dann gongt es schon wieder - ich kann nicht mal eine sms in Ruhe lesen, so konzentriert muss ich bei der Sache bleiben. 


Wenn die nun schon für jeden Tag Termine im 10 Minuten Rhythmus vergeben, weshalb dann nicht in numerischer Reihenfolge? Man zieht die 67 und sieht an der Tafel die 24 und schon weiß man, dass man eine ganze Weile weiter an seinem Roman schreiben kann. IKEA kann das doch auch.

227654 pling
2299987 pling
234 pling
86551 pling
105567 pling

Ganz klar, die wollen, dass ich durchdrehe. Kein Mensch bleibt geistig auf der Höhe, wenn er eine Stunde lang zugeplingt wird und unentwegt die Anzeigetafel anstarren muss. Mittlerweile weiß ich meine Nummer auswendig und halte mich für eine Schachweltmeisterin. Eine Spätberufene zwar, aber manche Talente müssen eben erst wachgekitzelt werden. Zufallsdiagnose.

Um mich herum vor allem Russen und Tschetschenen. Aufmerksam und freundlich geben sie mir ungefragt Ratschläge; entweder halten sie mich für schwachsinnig oder sie haben einen unausrottbaren Beschützerinstinkt für Frauen. Oder beides. Ich bin ihnen sehr dankbar, vor allem, weil sie immer im passenden Moment die richtige Antwort auf meine ungestellte Frage geben. Eine Kunst ist das. Wo lernen die das?

Eine hochschwangere Frau flippt ein bißchen aus und brüllt in den Saal, weshalb sie sich eigentlich einen Termin holen muss, wenn sie dann noch in diesem versifften Verhau entbinden muss. 

Endlich wird meine Nummer aufgerufen, ich spring auf und seh erst jetzt, dass neben 43881 noch eine 38 steht. Platz 38. Heilige Scheiße, wo finde ich denn Platz 38? So schnell ich aufgestanden bin, so abrupt bleibe ich wieder stehen. Aber der hilfsbereite, ältere Herr aus dem Nordkausasus sagt "Chommen Sie, Chommen Sie, ich bringä Sie." Dann hetzt er mit mir durch das Gebäude und führt mich zu Platz 38. Ohne ihn... herrje. 

Wenn ich später mal in Rente bin und mich langweile, werde ich ehrenamtlich in der Jüterboger Straße tätig. Da werde ich echt gebraucht. Senior Admissions Officer. Einen Hebammenkurs werde ich auch noch machen, falls Niederkünfte anstehen.

Mittwoch, 22. April 2015

Gute Gäste, schlechte Gäste

Die Organisation von Veranstaltungen ist mein täglich Brot und am Ende steht der Job als Grüß-Augustine, der Applaus der patenten Tippse. Dort kann sie in 20 Minuten mehr Wertschätzung erfahren als im Jahresdurchschnitt von Cheffe; der zugegebenermaßen in diesem Segment leicht zu toppen ist. Sehr leicht. Im Schlaf, praktisch. Ein Gast im Wachkoma würde ihn locker an die Wand spielen.

Manche Gäste werden sehr zutraulich und verwechseln professionelle Höflichkeit mit tiefer Freundschaft. Absagen werden langatmig und ausführlich gerechtfertigt, obwohl mir ein einfaches "Ich komme nicht" ausreicht. Was interessieren mich Gründe? Manche sind so von ihrer Wichtigkeit überzeugt, dass sie ernsthaft schreiben "Sie haben sich sicher gewundert, dass ich nicht erschienen bin." Nein, habe ich nicht, ich weiß nicht mal, wer Sie sind. Es hat Sie niemand vermisst und ich am wenigsten.

Es gibt sehr nette Gäste, mit denen ich gerne plaudere und dann gibt es unerträgliche Schleimabsonderer, die mich distanzlos fragen "Und sonst, alles okay? Ostern, schön gewesen?" Ob bei mir alles okay ist und wie ich Ostern verbracht habe, geht Sie einen feuchten Dreck an. Und hören sie auf, mir zuzuzwinkern, als würde uns irgendwas verbinden, Sie hirnverbrannter Trottel.

Manchmal, sehr selten, gibt es ganz tolle Gäste. Die schreiben schon hinreißend (und mich kann man ja schwachschreiben). "Ich steh ja sehr ungern früh auf, aber ich werde es versuchen. Am liebsten wäre mir - und ich wage es kaum zu schreiben - Sie würden mich wecken." Weil das die lustigste Antwort ist, die ich je erhalten habe, antworte ich, dass ihm geholfen wird, welche Telefonnummer ich denn nehmen soll? Er findet das "sehr cool" und schickt mir umgehend eine Nummer und "Ich freu mich schon".

Nun ist so ein Mailwechsel mittags im Büro eine ganz andere Sache, als morgens in der heimischen Küche, allein mit dem Telefon. Soll ich, oder hält er mich dann für komplett übergeschnappt? Nicht, dass ich was verwechsle. Denke, ach, was solls, rufe an und er freut sich wirklich. Strange. Ein ganz kurzes Telefonat, 20 Sekunden, professionelle Wunscherfüllung, ich halte mich für definitiv übergeschnappt und will mich selber einweisen. 

Ich kenn den Mann nicht, noch nie gesehen, keine Ahnung also, ob da ein schwiemeliger Versicherungsvertreter oder ein fünfundzwanzigjähriges, gelecktes Jüngelchen um die Ecke kommt. Ich steh am Empfang und dann kommt er und ich weiß sofort, dass er es ist und könnte schreien: Er hat lange Haare, steh ich doch so drauf, zum Zopf gebunden, steh ich auch drauf, gut geschnittene, leicht verlebte Gesichtszüge, ist underdressed, jedenfalls für unsere Verhältnisse, steh ich auch drauf. Er passt überhaupt nicht in den Rahmen, wirkt wie ein Fremdkörper, find ich alles gut. 

Er segelt auf uns zu, weiß nicht, welche von uns die ist, die ihn angerufen hat, lässt sich bei einer Kollegin registrieren und ich halte schön den Mund und muss grinsen. 

Nach der Veranstaltung schaut er sich suchend um, kommt auf mich zu und fragt, ob ich diejenige bin. Und dann flutscht es nur so. Mit manchen geht das ganz einfach und mit ihm ist es hochgradig vergnüglich. Nach 10 Minuten sag ich, dass ich weiter muss und er bedauert das angemessen "Das war's doch jetzt nicht, wir sehen uns doch hoffentlich wieder?" - "Wenn Gott will." 

Ein wirklich guter Gast.

Sonntag, 19. April 2015

14 Tage Glück

...und gutes Wetter stehen mir bevor. Meine beste Freundin ist heute aus den Staaten gekommen. Ein Riesen Hallo war das, unsere Empfänge werden immer größer. 

Das ist aber nur die Überleitung zu einem Problem, unter dem eine ihrer Freundinnen leidet. Wir beneiden sie alle um das Problem. So'n Problem hätte jede gerne. 

Erzählt sie empört, dass ihr Mann ihr ein Auto gekauft hat. Männer gibt's! Ohne sich mit ihr abzusprechen. Der Ruchlose! Er hat sie nur mal vor ein paar Wochen zu Mercedes gelockt, er wolle ihr da mal was zeigen. Dann zeigte er ihr irgendson Riesentrumm von Auto (Marken kann ich mir nicht merken), so'n Allradantriebdingens, was man wegen der Gebirgsmassive in Berlin zwingend braucht. 

Sie war beim zeigen mit den Gedanken ganz woanders, ist nur ihm zuliebe mitgegangen, dachte sich, so sindse halt, die Kerle, manche gehen gern zu Obi, meiner gerne in Autohäuser, brummelte, jaja, ganz schön, aber nee, lass mal, brauch ich nicht. Finde ich keinen Parkplatz. 

Vor zwei Wochen dann "Ich hab's dir gekauft". Blut muss fließen! Da hing der Haussegen das ganze Wochenende schief. So getritten haben sie sich. So wütend ist sie. Und er auch. "Was bist du nur für eine Frau, jede andere würde sich scheckig freuen."

Das halte ich zwar für ein Gerücht. Parkplatz finden ist schon wichtig. Außerdem sind mir persönlich Autos restlos gleichgültig. Hauptsache, sie fahren mich von A nach B. 

Aber solche Probleme... da muss man erstmal hinkommen. 

Freitag, 17. April 2015

Schönheit vergeht (Exkurs)

Phase 1
Zuerst wollte ich meine Mutter kopieren. Ich saß an ihrem Schminktisch und verschandelte mein Gesicht. Ich band mir Klötzchen mit Gummibändern unter die Schuhe, weil ich unbedingt Absätze haben wollte. Wann immer es ging, quatschte ich meiner Schulfreundin Andrea ihre Hackenschuhe aus den Rippen. Ich flehte meine Mutter an, mir Feinstrumpfhosen zu kaufen, was sie ablehnte. Ich schleppte ihr beim Schuhkauf goldene und silberne Schuhe an, die sie nie anprobierte. Sie kaufte mir meinen ersten BH, für den ich mich unendlich schämte, weil Micha Kasner rief  "Mann, hat die'n Tittenschwänger!"(ich nehme an, er hatte Visionen).

Phase 2
Mit 12 nahm ich mich in Relation zu anderen Mädchen wahr. Damals bedeutete das: muss sie auch eine Brille tragen und ist sie besser in Sport als ich? Wie lange hält sie sich beim Völkerball auf dem Feld? Ich rechnete mir keinerlei Chancen auf Micha Kasner aus, wegen meiner doofen Brille. Später gestand er mir, dass er unsterblich in mich verliebt war, so wie ich in ihn. Mit 15 heulte ich ganze Nachmittage lang, weil es abends zum Kegeln ging und ich nicht wusste, wie ich meinen enorm riesigen Hintern verstecken sollte, wenn ich dran bin (ich hatte auch Visionen, ich wog 49 Kilo, die harmonisch verteilt waren, aber das wusste ich damals noch nicht). Ich hielt wochenlang Hungerkuren durch, mit links.

Phase 3
Ich lief meistens völlig blind in der Gegend rum, weil ich meine Brille nicht trug. Das trug mir den Ruf ein, ich sei arrogant, weil ich nicht grüßte. Von meinem ersten Geld kaufte ich mir Kontaktlinsen und bekam furchtbare Angst vor dem Alter, wenn ich mir keine Linsen mehr in die Augen fummeln kann. Ich nähte meine Hosen so eng, dass ich nur im Schlusssprung in den Bus kam. Ich schminkte mir die Augen dunkelblau, weil ich dunkelblaue Augen habe, so muss das, dachte ich damals. Bei einer Freundin sah ich zum ersten Mal rotlackierte Fußnägel, was ich sehr hübsch fand und rief mein "immer-schöne-Füße-Projekt" ins Leben. Ich betrachtete die Beine einer anderen Freundin und dachte "Hat die es gut, sie hat gar keine Haare drauf." Es dauerte, bis ich kapierte, dass sie sich rasierte und war froh über meine Entdeckung. Das konnte ich also auch haben. Ich kaufte mir Einmalrasierer und fügte mir ungeschickt einige Wunden zu.

Phase 4
Es folgte eine jahrelange Hoch-Zeit meiner Anziehungskraft auf Jungs und später Männer - dessen war ich mir aber nicht bewusst. Und zwar wirklich nicht bewusst. Deshalb nannte mich mal der kleinstädtische Discotheken-Besitzer einen Cock-Teaser, weil ich nach einer Nacht durch alle anderen Discotheken, die er sich mit mir ans Bein gebunden hatte, nicht zum Ziel kam. Ich wusste nicht mal, dass er ein Ziel verfolgte. Ich blickte rein gar nichts. Der "Schönling", von meinem Vater gehasst, weil er seine Kippen in unserem Vorgarten austrat, konnte erst Boden gut machen, als er an einem Fotowettbewerb teilnahm, mich als einziges Motiv nahm und ich so zu der Ehre kam, im hiesigen Rathaus ausgestellt zu werden. Ich bildete mir trotzdem noch einen riesigen Hintern ein, fing an, mir die Achseln zu rasieren und sortierte die weiße Schießer Unterwäsche aus. Ich lieh mir die Lederhose meiner Schwester und ließ die Haare ganz lang wachsen. Am besten sah ich kurz nach dem aufwachen auf. Ich machte die Nächte durch.

Phase 5
Das ging in Berlin so weiter. Inzwischen wusste ich um meine Wirkung. Ich konnte jeden damit überraschen, dass ich nicht ganz doof war. Ein Cock Teaser blieb ich, ich liebte den Schönling und hielt von One Night Stands überhaupt nichts. Er hingegen schon, was mich aus der Fassung brachte. Wieder ging das vergleichen los. Er fotografierte mich weiter, aber das nützte ja nichts mehr. Seine große Liebe für mich entdeckte er, als sich das ultimative Alphatier um mich bemühte (ganz alte Männertradition). Wir waren längst getrennt und ich hatte mich einem Kollegen zugewandt, der vorher mit einer zehn Jahren älteren Frau zusammen war und der mich immer nur anziehend fand, wenn ich geweint hatte "Jetzt hast du endlich mal ein Gesicht", der Arsch. Der Schönling fand den Kollegen doof, der Kollege den Schönling noch doofer, beide fanden das Alphatier gut, das Alphatier schaute sich seelenruhig das Gespreize der beiden an und beschloss, der einzig Richtige für mich sei er selbst. Seperated from the boys. Ich war vollständig im Reinen mit mir. 

Phase 6
Obwohl ich niemals Schuhe mit Absätzen trug, fingen Kellner an, mich Madame zu nennen. Das Alphatier meinte, das liege an meiner Distanziertheit. Ich fühlte mich kein bißchen distanziert. Männer geheimnissen da viel zu viel rein. Ich hatte meinen einzigen Fernsehauftritt, in der Sportschau, ein Kameraschwenk über das Publikum auf der Trabrennbahn Mariendorf blieb an mir heften, so wurde mir erzählt. Ich hab's nie gesehen, dachte aber, besser kann's nicht mehr werden. 

Phase 7 bis auf weiteres
Ich kürze mal ab und komme in die Gegenwart. Ich würde ja gerne schwadronieren darüber, dass es ganz toll und befriedigend ist, eine reife, erwachsene Frau zu sein, ja sogar toll ist, älter zu werden, weil Schönheit nicht wichtig ist, man soviel gelernt hat und jetzt weise und gelassen ist. Ich bin aber nicht gelassen, bei aller Weisheit. Es ist nicht so, dass ich über den Dingen stehe, dass ich uneitler geworden bin, meinen wahnsinnig tollen Charakter schätze und alle anderen auch. Ich wäre lieber jünger und dünner und hätte gerne noch mal alles vor mir. Und dann würde ich ganz viel anders machen. Persönliche Waterloos und der Lauf der Zeit hinterlassen Spuren. Mädchenhafte Anmut und Selbstgewissheit schwinden gemeinsam, ob ich will oder nicht. Ich beneide die Frauen, denen das von Angeburt bis zum Schluss in die Wiege gelegt wurde. Arme wie Michelle Obama gibt es nicht mehr von Hause aus, nur durch hartes Training - und ich trainiere nicht hart. Hab ich nie. Werde ich nie. Ich seufze lieber. Und schau mir beim verwelken zu. Man wird ja so unsichtbar. Es ist, als ob man aus einem exklusiven Club rausgeschmissen wird und ich denke "Hey, ich bin dieselbe, die ich immer war!"  

P.S. Tja, ich war mal wieder zu lange in der Umkleidekabine. Erschütternd.

P.P.S. Nachricht an mich: läster nicht über Ommas, weil sie nervige, unansehnliche Wachteln sind, die immer nur im Weg rumstehen. In jeder steckt noch das hübsche anmutige Ding, das sie mal war. Für Oppas gilt dasselbe.

Montag, 13. April 2015

Blind Call

"Wäisde, ich will amol mid so äiner abbediedlischen Frau an meiner Säide in son Gammergonzerd gehen, so was gleines, indimes, voschdehsde? So allein machd dis gäinen Schpoß, nu? Gönn ma das nich einfach mol mochen? Worauf warden wa denn noch? Ich frog disch, worauf wardden wa denn noch?"

Ich für meinen Teil warte darauf, dass sich die Erde auftut. Großer Fehler. Kontaktanzeige in der Sonntagszeitung. Soll man nicht drauf antworten. Niemals. Wär ich doch nur bei meinem Mantra geblieben: was kommt, das kommt und was nicht, das nicht. So ist das Leben. Kann ich auch nichts für. Aber nun habe ich den aus dem Erzgebirge stammenden Mathematiker an der Strippe. Und erschrecke schon beim ersten Satz. Tiefstes sächsisch.

Die erste harmlose Frage, die ich ihm stelle, wird empört retouniert.

"Och, jedz gähd des glei wieder lös, woher isch gomme und dann die gansen Vorurdeile, nu, das genn ma schon. Dabei hörn sisch die Schwobn viel schlimmer an öder die Bayern, alsö, die Hessen gähn ja grode so, aber die schlimmsden sind die Ruhrboddler, alsö, isch find die Sochsen gans ogäh. Gannsde sogn wass de willsd."

Ich bin nicht in der Lage, einfach aufzulegen, ich bin zu höflich oder zu blöd oder was auch immer. Ich hab auf Lautsprecher gestellt und betrachte mein Telefon, aus dem diese schnarrende, heisere Stimme quakt (gworgt). So dicht am Ohr ertrag ich das überhaupt nicht. 

"Und dü hasd beschdimmd so gons lange braune Hoore?"
"Nein, blonde."
"Ober die hasd du beschdimmd immer hochgebunden? Oder träägsd einen Zobf?"
"Nein, nie."
"Des gähd do gor ni, dass du die offn drägst im Büro. Do.. doo siehsde ja aus wie eine gärmonische Griegerin!"

Ich verlasse meinen Körper und betrachte mir den Schmarrn von oben aus. Was geht in diesem Mann vor? Das sagt er mir gleich, weil er hat eine Theorie.

"Isch hob do so äine Deorie, weshalb des ni glabbt in der heudigen Zeit. Gennsd du Alma Mohler? Die war mid Gustav Mohler verheiraded und da haabn die so die Guldur für sisch ausgeläbd und die armen Leude worn von der Guldur abgeschnidden. Und heudzudage gönnen gans viele Leude ins Gammergonzert gähn und da wirds denn schwierig, voschdehsde?"

Ich versteh gar nichts, diese Kausalkette bleibt ein Mirakel. Ich unterdrücke mit aller Kraft  meine höflichen Anteile und beende das Telefonat. Alma Mahler hat schon viel Scheiß gebaut, aber an allem ist sie auch nicht Schuld.

Sonntag, 12. April 2015

Moabit, mon amour

Seit ich wieder ein Auto habe, bin ich nur noch unterwegs. Auf dem Rückweg von einem Besuch in der totalen Ödnis (Berlin-Rosenthal), zwang mich ein Stau zur Abfahrt über den Saatwinkler Damm, was mich widerum veranlasste, meiner alten Heimat einen Besuch abzustatten. Ich lebte 10 Jahre mit der Grauen Eminenz in Moabit.

Das Haus hat bessere Zeiten gesehen. Wir wohnten im ersten Stock, genau unter uns gab es einen florierenden Kiosk, in dem es alles gab. So gesehen stimmte die Infrastruktur. 


Direkt gegenüber war eine Kneipe, "Die Goldene Sieben", bewirtschaftet von einem stets volltrunken agierenden Ehepaar, von dem wir umgehend adoptiert wurden. Jede Nacht, die wir unterwegs waren, statteten wir der Spelunke beim Nachhausekommen einen Besuch ab und fühlten uns heimisch.

Das tollste aber war die beste Eisdiele der Welt in der Gotzkowskystraße/Ecke Zwinglistraße.Bis heute suche ich eine Eisdiele, in der es genau so gutes Eis gibt, wie dort. Rita hieß die Besitzerin, eine Italienerin, die aussah wie eine tüchtige schwäbische Hausfrau. Die Eminenz und ich rannten im Sommer jeden Tag hin und kauften uns Eisbecher mit ausschließlich der Sorte Tartufo. Naja, ehrlich gesagt, rannte ich jeden Tag dorthin, um die Versorgungslücke zu schließen.

Rita sorgte versehentlich für einen Nervenzusammenbruch, als ich zwei Monate nach der Trennung vom Reuterplatz in Neukölln, wo es mich hinverschlagen hatte, wegen des Tartufo nach Moabit fuhr. "Oooh, wo warst du solange, ich hab mir schon Sorgen gemacht!" Ich erzählte ihr von der Trennung und traurig sah sie mich an: "Es holt jetzt immer eine andere Frau zwei Eisbecher mit Tartufo, das ist bestimmt seine neue Freundin." Ich ließ mir nichts anmerken und draußen rief ich sofort eine Freundin an. "Ich weiß schon die ganze Zeit nicht, wie ich es dir sagen soll."

Ich war nie wieder da. Bis heute. Es gibt die Eisdiele immer noch. Genau so heruntergekommen, wie alles andere in der Straße.


Rita gibt's auch noch. Sie war zwar nicht da, aber die Bedienung meinte, sie kommt gleich, in einer Minute, ich solle mich setzen. Da saß ich dann mit dem Tartufo, das inzwischen genau so beschissen schmeckt, wie jedes andere Eis in dieser Stadt, sah auf das marode Interieur und dann gab mir die Bedienung ein Telefon in die Hand, "Rita ist dran". 

Sie erinnerte sich an mich, erzählte von ihren Enkeln, die sie betreut und dass sie immer noch jeden Sonntag arbeitet in der Eisdiele, obwohl sie schon 77 ist und dass es ihr gut gehe. Wie es mir gehe und was aus der Eminenz geworden sei. Sie freute sich, dass wir bis heute Freunde sind und ich Patentante seines Sohnes bin, Weltklasse Trennung halt. 

Ihre Stimme hört sich noch genau so jung an wie damals. Ich log, als sie mich fragte, ob mir das Tartufo immer noch so gut schmeckt, wie damals.

Donnerstag, 9. April 2015

It's all over now baby blue

Meine Mutter rief an, ihre Jugendfreundin, bei der im August eine beschissene Krankheit diagnostiziert wurde, ist heute verstorben. Sie ist gerade mal 70 Jahre geworden; kein Alter, sagt man heute. Und das ist es ja auch nicht.

"Es werden immer weniger."  Wie ist das, wenn es immer weniger werden, der Freundeskreis sich dezimiert? 

Es gehört zu den größeren Ungerechtigkeiten des Lebens, dass der Tod eines alten Menschen nicht so betrauernswert wie der eines jüngeren scheint. Oder wir Jüngeren uns mit dem Schmerz der Alten nicht beschäftigen wollen. Unser Telefonat hat ganze sechs Minuten gedauert. Wäre eine meiner Freundinnen gestorben, hätte unser Gespräch länger gedauert, da bin ich mir sicher. Ich hätte insistieren sollen, ich könnte es immer noch, anstatt diese Zeilen zu schreiben, ich weiß ja, dass sie sich mit ihrer eigenen Endlichkeit auseinandersetzt. Wie ist das, zu wissen, dass man vielleicht noch zehn Jahre hat, oder nur noch fünf? Oder fünfzehn, aber wie werden die aussehen?

Bei jedem sehr kranken Menschen, der auf den Tod zugeht, kommt bei aller Liebe auch noch der Moment, an dem die anderen anfangen, darauf zu warten, dass es vorbei ist, egal wie sehr man anfangs gelitten hat bei dem Gedanken, diesen Menschen zu verlieren. Wenn keine Hoffnung mehr besteht, will man, dass das Leiden ein schnelles Ende hat. Man mutmaßt, dass es für ihn das Beste ist, dabei ist es womöglich nur für einen selbst das Beste und leider hat der Mensch kaum noch ein Wörtchen mitzureden, wenn sein Zellwachstum erst mal außer Rand und Band geraten ist, wahlweise altersgemäß den Dienst quittiert.

Erst das Erschrecken, wenn man die Diagnose erfährt, gefolgt vom hektisch überbordenden "Was kann ich für dich tun? Lass es mich wissen, ich bin für dich da.", was aber nur selten in Anspruch genommen wird. Sterbende lieben den Tourismus der länger Lebenden nicht. Man steht machtlos außerhalb des inner circles, mit all seinem guten Willen, irgendeine Linderung zu schaffen, die es gar nicht gibt. Der betroffene Mensch muss damit fertig werden, dass er dazu verdammt ist, zu wissen, wann und wie er sterben wird. Gibt es Schlimmeres? 

Manchmal tröstet mich der Gedanke, dass schon Milliarden Menschen vor mir gestorben sind und Milliarden Menschen nach mir sterben werden, dann werde ich das wohl auch schaffen. Aber natürlich vermute weiß fürchte ich, dass ich ein Riesentheater machen werde.

Altern erfordert Mut. Wenn wir immer schwächer werden, wird uns das Kraftraubendste abverlangt. Hart aber unfair. 

Montag, 6. April 2015

Heldin der Landstraße

Heute bin ich für eine Schmalzstulle 50 Kilometer Rad gefahren. Das kam so: zuerst kaufte ich mir ein Auto. Nachdem ich gestern Nacht auf dem Nachhauseweg wieder anderthalb Kilometer meine dunkle Straße langgelaufen und um weitere 10 Jahre gealtert bin, als ich am Wald lang musste, dachte ich: schluss mit lustig; wer weiß, wie oft ich noch das Glück habe, dass niemand hinterm Baum hervorspringt, genug ist genug, ich habe es mir bewiesen, ich kann ohne Auto leben, ich will es aber nicht.

Und wie es aussieht, habe ich Glück gehabt: ein Wägelchen von einem Rentner-Ehepaar. 10 Jahre alt, erst 35.00 km runter. AC, Sitzheizung, Panoramadach, innen und außen wie neu, TÜV neu, ohne Beanstandungen. Ich hab ganz schnell zugegriffen und ob das ein Fehler gewesen sein wird, weiß nur die Zukunft, denn ich habe es mir ohne fachmännischen Beistand gekauft. Es ist ein winziges Auto, so wie geplant. Ich hole es morgen ab.

Mit einem Mal war ich voll mit Endorphinen - Wald, leg dich gehackt, du machst mir keine Angst mehr! Und was macht man mit soviel überflüssiger Energie? Genau. Anstatt wieder nach Hause zu radeln, bin ich nach Potsdam bis zum Krongut Bornstedt gefahren. Was hab ich gejapst, die Königstraße bis zur Glienicker Brücke hat da eine Steigung, mein lieber Herr Gesangsverein. Ich wollt mich zum sterben in den Straßengraben empfehlen, aber wer kümmert sich dann um mein Auto?

Außerdem bekam ich Hunger, ich hatte erst gefrühstückt. Leider hatte ich nur 11,50 Euro bei mir, an einer Tanke kaufte ich mir ein Wasser für 2,50. Und dann fing ich an, von den Schmalzstullen zu phantasieren, die es im Krongut gibt. Ich mache gerade meine Reputation kaputt, weil ich zugebe, dass ich da hinfahre, üble Touristen-Abzocke. Aber ich kenn es von früher und wie gesagt, die Schmalzstullen. Manchmal muss eine Frau tun, was eine Frau tun muss.

Als ich ankomme, stehen da lange Schlangen vorm Eingang. Nehmen die jetzt 2 Euro Eintritt, Schweine im Weltall. Hatte ich nur noch 7 Euro. Stelle mich in die noch längere Schlange in der Hofbäckerei, 3,50 € für eine Stulle - haben die denen ins Gehirn geschissen? Aber für Stolz und verächtliches verlassen des Etablissements war ich zu ausgehungert. Ich war fast 25 Kilometer geradelt, ich wollte 'ne Kuh mit Nudeln. Ich kaufte mir zwei Stullen von meinen letzten Kröten und aß - nein, ich muss bei der Wahrheit bleiben - ich mampfte sie glücklich in mich hinein. Mich kannte ja keiner. Das waren die besten Schmalzstullen meines Lebens. 

Die Rückfahrt war der Horror. Ist ja klar. Ich wollte nur noch auf's Sofa. Konnte nicht mal zum Hauptbahnhof Potsdam, um mit der Regio nach Hause zu fahren, weil Monatskarte nicht dabei und keine Kohle mehr. Das war doch alles schlecht geplant. Ist man einmal spontan und schon am Arsch. Und Gegenwind. Kalter, eisiger Gegenwind. 

Ich glaub, morgen fahr ich einfach aus Trotz noch mal ins Krongut. Mit dem Auto. Wald und Königstraße, drauf geschissen! Ihr könnt mich mal.

Mittwoch, 1. April 2015

Männer, die mit Brüsten reden

Speed Dating in der Firma. Ich war Teilnehmerin in einem Assessment Center. 10 Tische, 10 Probanden, 10 Kollegen, die sich fünf Minuten mit jedem unterhalten müssen. Am Ende Nachbesprechung, wer wen gut fand oder schlecht und warum.

Ich fühle mit, die sind so nervös und müssen durch diesen anstrengenden Tag, kurz und gut, ich nerve nicht mit stringenter Abfragerei, ohnehin ist uns selbst überlassen, was wir fragen. Ich lass sie also erzählen und höre nicht zu. Beziehungsweise achte ich mehr darauf, wie sie erzählen, ob sie eloquent erzählen, wie sie sich verkaufen, um einigermaßen einzuschätzen, ob sie ins Team passen. 

Einer sticht raus. Er vermeidet Blickkontakt, starrt stattdessen unverwandt auf meine Brüste. Ich versuche, Augenkontakt herzustellen, was mir gleichermaßen nicht gelingt. Ich bleibe an seiner Nase hängen. Ich hab da so ein Nasendings zu laufen. Schöne Nasen können mich schwach machen. Hässliche Nasen faszinieren mich ebenso. Und so eine Nase habe ich selten gesehen. Da er sich nur mit meinen Möpsen unterhält, kann ich sie unauffällig in Augenschein nehmen. Sie hat ungefähr 14 Huppel, ungleichmäßig verteilt, ein wirklich unvorteilhaftes Exemplar. Wie ein Klecks Kartoffelbrei, den man in sein Gesicht geklatscht hat.

Ich könnte mir vorstellen, dass es wegen ihr zu wenig Vollkontakten mit anderen Brüsten dieser Welt kommt, daher wohl die Fokussierung. Vielleicht wurde er auch nicht gestillt oder zu lange, wer weiß das schon? Jedenfalls bin ich aus dem Alter raus, wo ich mich empöre, vielmehr in einem, in dem ich mich schon wieder drüber freue oder belustigt bin, weil mein Gegenüber in der Endlosschlaufe einer peinlichen Übersprungshandlung feststeckt (oder weil es sich um einen sehr, sehr kleinen spindeldürren Mann handelt, die haben so einen Gendefekt und bleiben immer wie ferngesteuert am Dekolleté festgetackert). 

Ab und an schaut er doch mal hoch, aber dann dreht er die Augen so weit nach oben, dass ich immer nur in flackerndes Weiß sehe. Der wird mir doch hoffentlich keinen Krampfanfall bekommen, denke ich. Ich fang an, mir Sorgen zu machen. Aber irgendwann sind auch diese fünf Minuten um und er hat eine Fürsprecherin weniger. Weil, ein erwachsener Mann muss wissen, wann Augenkontakt oberste Direktive ist.