Samstag, 20. Juni 2015

Wichtig kommt von Wicht

Einladungen zu Veranstaltungen sind begehrt. Wenn wichtig-wichtig eine Rede hält und's was zu essen gibt, sagt Hiltrud zu Kurt sagt: "Geh da mal hin.", damit sie eine Weile Ruhe vor ihm hat. Kurt ist auch wichtig oder war es zumindest mal. Ehemals Wichtige kommen immer. Wegen Hiltrud und weil sie noch mal sehen und gesehen werden wollen.

Ich will nicht alterdiskriminierend sein, erstens werde ich selber mal alt und zweitens, weil ich verstehe, dass Hiltrud ihren Pflegeverpflichtungen temporär entkommen will. Nur wenn die Kurtchens der Nation  unübersehbar dement sind, sich offenkundig 40 Jahre jünger wähnen und die Azubinen mit brüchig hohen Stimmchen anbaggern, mir absurde Gespräche aufdrängen und den ganzen Betrieb aufhalten, dann streiche ich sie von der Gästeliste.

Aber das alles ist nichts gegen die Leute, die nicht eingeladen sind. An jeder Ecke der Einladung steht in rot und fett, dass sie nicht übertragbar ist. Es werden aber bestenfalls rein kosmetische Gründe hineingelesen, womöglich denken die, ich wolle dem Layout einen farblich ansprechenden Kniff geben. Schlimmstenfalls weckt dieser Hinweis den Kampfgeist einer Sekretärin, die von ihrem Chef beauftragt wurde, ihn mit Hauen und Stechen reinzuschmuggeln, nachdem er die Einladung von irgendeinem Buddy weitergeleitet bekam.

Ich erhalte Mails in Befehlston, Herr Meier bedanke sich für die Einladung und sagt gerne zu, ich möge geschwind eine Bestätigung senden. Ich bedanke mich meinerseits für das Interesse, könne aber leider nicht helfen, da Herr Maier gar nicht eingeladen und eine Übertragung bedauerlicherweise nicht möglich sei, worauf ja bereits im Anschreiben hingewiesen wurde.

Ein paar Tage vergehen. Eine neue Mail kommt, was denn nun sei, Herr Meier will kommen, wann denn die Bestätigung komme. Seufzend greife ich zum Telefon, was jetzt kommt wird aus reinem Selbstschutz nicht verschriftlicht. Das alte Sprichwort "Wer schreibt, der bleibt" verkehrt sich hier ins Gegenteil. Besser keine Beweise hinterlassen.

"Guten Tag, hier ist blabla, ich erhalte eben Ihre Mail. Leider kann ich Ihnen nichts Positives sagen, wie schon geschrieben, ohne Einladung kann ich niemanden auf die Gästeliste setzen."

Man würde doch annehmen, dass der Adressat meines Vortrags spätestens jetzt - zwar frustriert, aber würdevoll - den Rückzug antritt. Welcher gesunde, vernunftbegabte Mensch bricht einen Streit vom Zaun, um sich mit Gewalt Einlass zu verschaffen? Tja, mehr als man denkt. Der Ton wird schärfer.

"Aber Herr Müller (der eigentlich geladene Gast) kann nicht."
Ja und? denke ich.
"Ja?" sage ich.
"Und ihm ist sehr wichtig, dass unser Unternehmen auf der Veranstaltung vertreten ist."
Mir persönlich scheißegal.
"Es tut mit leid, es handelt sich um persönliche Einladungen an einen ausgesuchten Personenkreis. Ich kann da leider gar nichts für Sie tun."
"Sagen Sie mal, ist Ihnen das nicht begreiflich zu machen? Herr Müller kann nicht und deshalb kommt Herr Meier."
Wohl kaum. Und so schon gar nicht.

Das Ganze ist nicht ungefährlich für mich. Hier ist emotionale Intelligenz gefordert. Gerne schreiben die unwichtigen Wichtigtuer ellenlange Beschwerdebriefe direkt an den Obermufti und je länger der Brief, desto alarmierter der Obermufti. Eine Gesetzmäßigkeit, die ich nie begreifen werde. Vielleicht liegt das an ihrem heimlichen Wunsch, dominiert zu werden, was sie sonst nur gegen Kohle von Fachkräften geboten bekommen.

Ich wende die Verbrüderungstaktik an. 

"Schaun Sie, Sie sind Assistentin, ich bin Assistentin. Ich weiß, dass Sie auf Anordnung Ihres Chefs handeln und ich handel auf Anordnung meines Chefs. Ich bin hier nicht die Bestimmerin, die Ihnen Böses will, aber ich komme in Teufels Küche, wenn ich meine eigenen Gesetz aufstelle, wer wüsste das besser als Sie?"

Damit kriege ich sie immer. 

Jedenfalls, wenn ich die Sekretärin am Hörer habe. Ist es Herr Meier himself, sieht die Sache schon wieder anders aus. Es bleibt immer ein Restrisiko, dass Meier der Nachbar eines Cousins eines alten Studienfreunds von Obermufti ist. Ich versuche, hellsichtig herauszuhören, ob Meier in die Riege der potentiellen Briefeschreiber gehört.

Falls ja, kommt er rein, da verkämpfe ich mich nicht. Falls nein, darf er gerne kommen, als Begleitperson von Herrn Müller. Das ist perfide, erzielt aber die gewünschte Wirkung, erstaunlicherweise. Es ist ein Nein, das sich wie ein Ja anhört. Denn Müller kann ja nicht, aber das vergisst Meier in dem Moment, er ist besänftigt und diese milde Sekunde muss ich umgehend nutzen, um das Gespräch zu beenden. Damit er mich in guter Erinnerung behält und nicht doch noch anfängt, lästige Briefe zu schreiben.

Hört sich anstrengend an? Ist es auch. Was von Sekretärinnen verlangt wird, wissen nur Sekretärinnen. 

Mittwoch, 17. Juni 2015

Ein Brief (Gastbeitrag)

"Liebe Annika,
in dieser Woche steckt der Wurm.

Am Montag mit dem Rad zur Arbeit. Nach 3 km bricht mir ein Stück der Gangschaltung ab. 32 Jahre alt. Ersatzteile gibt es nicht mal mehr auf dem Flohmarkt. Der Fahrradhändler meines Vertrauens hat mich immer vor diesem Tag gewarnt!

2 km weiter - komische Geräusche am Hinterrad. Mein treuer Gefährte war erst vor 2 Wochen in der Werkstatt. Neuer Ständer, neue Schutzbleche. Super Rad, sagte der Händler. 500 m weiter ein metallisches Scheppern. Ich halte. Speiche gebrochen. Ich wusste nicht mal, dass das geht!

Mit dem Augenaufschlag einer 50jährigen brachte ich den Typen an der Tanke dazu, mir die Speiche mit dem Seitenschneider raus zu knipsen. Fahre weiter, um dann kurz drauf in den  Gebläsestaub der BSR zu geraten, die gerade alte Bäume hexelte.

Ich beschloss, das mit dem Rad zukünftig zu lassen.

Von meinem angespannten Chef zu schreiben, würde Seiten füllen. Das lass ich mal. Nur so viel, er füllte meinen Dienstag, da war der Tag gelaufen.

Heute nun, es ging voran. Sogar die Azubine hatte mal eine Drei. Ich war froh!
Um 18 Uhr schob ich den Bleistift in die Schublade und fuhr – mit dem Auto - zum Sport. 

Nun stand mir nach diesem entspannten Tag nicht gleich der Sinn nach dem schweißigen  quälen der eigenen Muskulatur. Es sollte vorher noch ein Erfolgserlebnis her. Hätte ich es mal gelassen.

Da meine Muckibude ja mitten in der Schlossstraße liegt, meinen Einkaufsparadies schlechthin, war der Weg zu Karstadt nicht weit. Aufgrund des anstehenden Urlaubs und der Weitsicht bzgl. meines Kontostands, sollte es diszipliniertes shoppen sein. Etwas, was ich brauche.

Die Strumpfhose, die ich heute trug, war kaum zu spüren, man sah sie auch kaum. Und sie hielt schon so lange. Da sollte noch eine zweite her.

Ich also in die Feinstrumpfabteilung. Mein Blick schweifte durch die Gassen. Niemand zu sehen. Dann, der Personalgang öffnete sich. 3 Frauen in Freizeitklamotte und Tasche unterm Arm stürmten an mir vorbei. Sichtlich bemüht, mir nicht in die Augen zu blicken. Das roch nach Feierabend.

Wo war Nr. 4? So ein Riesenladen würde doch nicht so eine beratungsintensive Abteilung um 18:30 Uhr verweist zurück lassen. 

Ich um die Ecke gekuckt. Düfte und Diverses. Ein gutaussehender, netter Mann blickt mich von unten an. 1 Kopf kleiner. Er schaute verstört mit mir in der Abteilung herum. Wir blickten auf das einzige weibliche Wesen - hinter der Kasse stehend. Ein kurzer Schlagabtausch zwischen ihm und ihr und es war klar, da kommt nichts mehr.

Sie, hinter der Kasse gefangen, konnte mir nicht helfen. Und das, obwohl ich mitten im Laden den Reißverschluss vom Rock aufriss um ihr das Bündchen meiner Strumpfhose zu zeigen. 

- Da muss ich die Firma kennen, meinte sie. 

Na, wenn ich die Firma kennen würde, bräuchte ich ja keine Verkäuferin, dachte ich im Stillen.

Die kompetenten Damen kämen erst am nächsten Tag um 10 oder 11 Uhr. So genau wisse man das nicht. Die Beschwerdeabteilung lag im dritten Stock und da war sicher auch kein Mensch mehr da. Ich verließ den Laden mit geschontem Geldbeutel, jedoch leicht frustriert.  Mein Hunger nach Abwechslung war also noch nicht gestillt. 

Nach kurzem überlegen fiel die Wahl auf Augencreme. Meine war fast alle und die Reservetube im Schrank war im Oktober 2013 abgelaufen, wie ich heute Morgen feststellen durfte. Passt ja zur Woche!

Ich also auf zu DM, der Drogerie meines Vertrauens. 

Da stand ich nun vor 1.000 Tuben, wieder allein gelassen und ohne Beratung. Hier mit Soja (bin Birkenallergiker), da mit Farbe, mal zum abschwellen, mal zum entpigmentieren. Ich war überfordert und wollte nicht schon wieder die Hausmarke kaufen. Wenn schon nur was vernünftiges, dann was Gutes.

Ich schwankte zwischen einem Notkauf von Nivea für reife Haut (7,95 €) und Balea mit Farbe (3,95 €). Hatte kurz den Gedanken, beide zu kaufen. Fand das zu teuer und ging.

Mein Weg sollte mich zu Douglas führen.

Ich also rein und schau mich um. Blondie hinter der Kasse lächelt mich an. 

- Kann ich helfen?
- Haben Sie Gesichtspflege?
- Selbstverständlich.
- Augencreme?
- Was benötigen Sie?

Ich, ratlos wie bei DM, zeige ihr meine Augenfältchen und meine:

- Was für meine Augenpartie?

Sie schaut verwirrt an und mir dämmert: „Die kennt sich nicht aus.“
Sie lächelt wieder und ich weiß, sie blickt es: „Die kennt sich nicht aus!“

Sie parkt mich freundlich vor einem Regal mit hübschen, grünen Päckchen und kassiert schnell noch eine Kundin ab. Bei Douglas kann man also auch bedienen und kassieren.

Die Päckchen haben keine Preise. Ich überlege, ob ich mich davon schleiche, da steht sie schon neben mir. 

Sie preist die Augencreme an. Das Zeug hat viele tolle Inhaltstoffe, voll vegan, was mir als Fleischfresser voll am Ärmel vorbei geht, und sieht komisch aus. Kostet 23,90 €. Es arbeitet fieberhaft in mir, wie ich aus der Nummer wieder raus komme. Da, ein Gedanke! 

- Können Sie mir noch eine andere Alternative zeigen?
- Selbstverständlich, z. B. von Clinique

Das Regal liegt weiter hinten im Laden, was mich zu der Hoffnung bewegt, es könnten Ladenhüter sein. Du siehst, ich kaufe nie bei Douglas.

Wir stehen also traut beisammen und sie reicht mir Verpackung über Verpackung. Die mit Kamille wiegle ich ab => Allergie. 

Dann gehen mir die Argumente aus. Ich sehe bei vollem Bewusstsein zu, wie es mir nicht gelingt, dieser kleinen blonden Frau, die nicht mal meinen Hauttyp bestimmen kann, eine Augencreme auszuschlagen. Ich, die je nach Notwendigkeit grimmig, streng und milde auf Mitmenschen jedweder Couleur blickt und souverän, offen, verschlagen oder salomonisch argumentieren kann. Ich scheitere bei Douglas.

Sie begleitet das Schaf zur Kasse, kassiert 39,95 € und gibt mir noch eine Probe Augencreme mit, die es mit DM aufnehmen kann. Ich habe bei Nichteintreffen des Erfolgs 30 Tage Rückgabegarantie. Ein schwacher Trost.

Ich schleiche geduckt durch die Passage, geißele mich ordentlich beim Sport und weiß: 

Das darf ich keinem erzählen!

Ich hoffe deine Woche hat es nicht auch so in sich wie meine. Ich genehmige mir jetzt noch ein Gläschen Rotwein und schaue mir eine Schnulze an. Wahrscheinlich ist nichts auf der Festplatte.

Ganz liebe Grüße von
K."

Zur Veröffentlichung freigegeben.

Sonntag, 14. Juni 2015

Was ich dir immer schon mal sagen wollte

"Darf ich dir einen Rat geben?"
"Na klar."
"Also, wenn du einen Mann das erste Mal triffst, geh lieber nicht mit ihm essen."

Um Himmels Willen. Sabber ich?

"Nee, es geht nicht um Tischmanieren. Aber dir ist entweder zu kalt oder zu warm, zu hell, zu dunkel, der Stuhl ist unbequem oder es zieht zu doll. Und ich könnte mir vorstellen, dass ein Mann denkt, die ist mir zu anstrengend. Bist du ja außerhalb von Restaurants gar nicht, aber das weiß er nicht."
"Aha, also Kino geht? Oder bin ich da auch verhaltensauffällig?"
"Naja, seitdem die Plätze nummeriert sind, ist alles gut. Du setzt dich ja gerne um."

Stimmt, ich setze mich gerne um. Sitzen ist eine Wissenschaft für sich. Ich bin nicht zu gebrauchen, wenn ich nicht gut sitzen kann. Eine lässliche Schwäche, fast liebenswert in Relation zu dem, was eine andere Freundin nicht länger zu verschweigen in der Lage war. Was einfach mal gesagt werden musste.

Wogegen ich prinzipiell nichts habe. Ist kein Mann im Hause, der ab und an mal meckert, verschrullt man womöglich.

Zurück zur Hinrichtung Charakteranalyse: ich sei oberflächlich, politisch sowieso rechts (weil ich dort arbeite, wo ich arbeite), würde mich kleiden wie eine 'Sexbombe' (ich hab nicht mal Schuhe mit hohen Absätzen), deshalb sei ich auch Single, denn ein Mann auf der Suche nach einer 'Beziehung auf Augenhöhe', stünde nun mal nicht auf 'Porno' und wahrscheinlich habe ich schon viele Freundinnen verloren, wegen meiner 'Tussi-Art'.

Das brach so alles aus ihr raus, während ich sie stumm ansah, mein Croissant in der Hand, kauen konnte ich nicht mehr, eigentlich nicht mal mehr atmen. Ich sah mich um. Mit wem redet sie nur? Und über wen? 

Whow, ich hab eine Freundin, die mich überhaupt nicht leiden kann. Und ich hab's nicht mal gemerkt. 

Natürlich den anderen Freundinnen berichtet. Von haltlosem Gelächter bis hin zu entgleisten Gesichtszügen alles dabei. 

"Ey, wenn da irgendwo ein Fünkchen Wahrheit drin steckt, dann sag es mir jetzt, die Gelegenheit ist günstig."
"Nein, aber darf ich dir einen Rat geben?"
Siehe oben.

Ansonsten wähle ich ab morgen CDU oder Schlimmeres, abonniere Closer und Inside, geh ins Nagelstudio und kauf mir ne pinke Glitzerhülle für's Smartphone - fertig ist die Tussi. Und ich halte Diät und mach ganz viel Sport. Bei all dem Gelächter zum Thema Sexbombe... Das kann ich nicht auf mir sitzen lassen. Wenn schon ein Mensch schon jetzt derlei in mir sieht, werde ich den Rest auch noch rumkriegen.

Mittwoch, 10. Juni 2015

Inner Filmbrangsche

Tatort Preview in der Bremer Landesvertretung. Jetzt bin ich kein Fan von Tatorten, aber wenn ich nun mal eingeladen werde. 

Die Auftragsmörderin und ich befüllen unsere Teller mit Häppchen und gehen damit in den Garten. Sofort bittet uns ein Ehepaar an seinen Stehtisch, als wir uns suchend umsehen. 


Er hat sich als Intellektueller verkleidet, aber vergessen, seine Nasenhaare zu entfernen, was verrät, dass er kein junger Wilder ist, denn die halten auf sich heutzutage, schätze ich. Er teilt uns mit, dass er extra aus Bremen angereist ist, und annimmt, dass er eingeladen wurde, weil er aus der Wind-Branche kommt. Extra aus Bremen, obwohl er ihn schon am Sonntag auf der heimischen Couch sehen könnte. Erlebnishungrig ist er schon mal. Und weshalb denn wir eingeladen sind.

Die Auftragsmörderin erzählt, dass sie aus der Filmbrangsche kommt und ich, dass ich aus der Assistentinnenbrangsche komme. Gleich kommen lauter Kumpel der Auftragsmörderin um die Ecke, was ich nicht anders erwartet habe. Das nutzt der Hamburger Freund des Bremer Ehepaares, der mir in epischer Breite vom Schlaganfall seiner Frau erzählt, die nie geraucht oder getrunken hat, ganz dünn und unheimlich sportlich sei. 

Ein dritter Bekannter des Ehepaares gesellt sich dazu. "Ahh, hier wird geraucht, da stell ich mich zu. Also, nicht nur, weil Sie rauchen, sondern auch, weil Sie hübsch anzusehen sind beim rauchen." Was verrät, dass er ein hornalter Mann ist, mit gefärbten Haaren zwar, und Nichtraucher seit kurzem, aber eben doch irgendwie sehbehindert, bzw. ich für ihn in die Kategorie 'junges Dingelchen' falle, in der mich im Normalfall aber niemand mehr verortet. Aber ich will nicht schon wieder jammern, der Abend war angenehm.

Über den Film darf ich nichts sagen, aber Fans werden auf ihre Kosten kommen, nehme ich an, schöne Musik ist auch dabei. 


Als der Film zuende ist, wird eine Diskussion in Aussicht gestellt, mit den Schauspielern und was weiß ich, wem noch alles, da empfehle ich mich rasch und weiß die Auftragsmörderin in guten Händen von Kollegen.


Der Praktikant (3)

Muss noch mal auf unseren Praktikanten zurückkommen.

Er durchbricht eine meiner ehernen Lebensregeln: wann immer ich jemanden kennenlerne (egal ob Frau oder Mann) und schon in den ersten fünf Minuten eine starke Abneigung spüre, werden das später meine besten Freunde. Umgekehrt gilt das ebenso: Herzergreifende Sympathie auf den ersten Blick: das wird nix.

Der Praktikant hat es in Monaten nicht geschafft, auch nur einen Funken Zuneigung in mir zu wecken. Und das ist eigentlich eine Kunst, denn ich bin willens und in der Lage, etwas Gutes in fast jedem Menschen zu sehen und wenn das nicht, genug Mitgefühl zu entwickeln für eine offenbar so verkorkste Kindheit, dass nichts anderes bei rumkommen konnte. Das besänftigt mich und stimmt mich milde.

Jener hier ist absolut unfähig, irgendwas zu merken. Nein, er ist kein Autist. Außer, es gibt Autisten, die sich wie Klassenclowns aufführen. Mir war nicht bekannt, dass man so wenig merken kann, außer man ist bei Mama und Papa Rindenmulch aufgewachsen. Ein gütiger  Blick auf ihn ist mir nicht möglich, denn er setzt täglich einen oben drauf.

"Kannst du mir helfen?"
Er, mit fester Stimme: "Nein."
"Warum nicht, was machst du gerade?"
Er: "Das tut doch wohl nichts zur Sache."

Leider darf ich Praktikanten nicht schlagen.

Letzte Woche hat er den Vogel abgeschossen. Ganz wichtige Veranstaltung, mit Senatoren, etc. blabla, die gesamte Berliner Lokalpolitik auf'm Hof. Die stehen dann immer so in Grüppchen,  warten auf den Obermufti, lassen sich fotografieren - und wer steht mittenmang dabei? Genau. Wer steht solange im Grüppchen und starrt die an, bis sich einer erbarmt und fragt, wer er eigentlich ist? Genau. Und wer steht 10 Meter entfernt, zischend "Schaff mir den da einer weg, sonst vergesse ich mich"? Genau.

 

Montag, 8. Juni 2015

Geld gibt es in allen guten Banken. Nicht.

Meine Bank ist geschlossen, obwohl noch nicht 18 Uhr ist. Durch die Glastür sehe ich Mitarbeiter ratlos an der Kasse stehen. Ich steh im Vorraum und der Automat spuckt kein Geld raus. Mir wird durch die Glastür bedeutet, es sei alles kaputt, ich solle mal zur Dingsbank gehen, vielleicht klappt es dort.

Draußen vor der Tür steht ein hundertjähriges Mütterlein, sie schließt ihr Rad an, ich sage ihr, hat keinen Zweck, drinnen gibt es kein Geld, aber bei der Dingsbank soll es noch was geben.

Ich geh 100 Meter weiter, in die andere Bank, da gibt es auch kein Geld. Alles weg von Fremdkunden wie mir. Geh zurück zum Auto, kommt mir das Mütterlein entgegen.

"Tut mir leid, da gibt es auch kein Geld mehr."
"Das ist ja alles sehr undurchsichtig. Da stimmt doch was nicht. Ich habe ja keine Ahnung von Banken, aber ich habe Banker in der Familie, und die erzählen so einiges, ich sage Ihnen, da gehen undurchsichtige Sachen vor."

Ich betrachte sie, sie ist sicher über neunzig, gebeugt, mit einem fusseligen Oberlippenbart, Sie hat ihre Haare zu einem Dutt gezwirbelt und entspricht damit praktisch dem Hipster Look. Sie hat eine karierte, hochgeschlossene Bluse an, die in einem langen Rock steckt, wiegt höchstens 48 Kilo, wirkt insgesamt schon reichlich fahl. Aus sehr alten Menschen weicht alle Farbe. Ich frage mich, wie sie noch unfallfrei aufs Rad kommt, ein altes 26er Mädchenrad schiebt sie, sie ist eine Greisin, wie sie im Buche steht. Eine sehr freundliche, sehr sanfte Oma. Deshalb nehme ich mir ein bisschen Zeit.

"Meines Wissens streiken die Sicherheitsfirmen, die das Geld abholen, jetzt ist keins mehr da."
"Ach, das ist doch alles eine sehr undurchsichtige Sache. Naja, ich habe noch 20 Mark, da kann ich mir.. wissen Sie, ich esse so gerne... Pellkartoffeln."
"Esse ich auch gerne."
"Wirklich? Sie auch? Manchmal mache ich mir noch abends um halb zehn welche, aber dann ärgere ich mich."
"Warum das denn?"
"Ja, weil das doch nicht die rechte Beschäftigung ist für die Nacht. Da kann man seine Zeit ja auch sinnvoller nutzen."

Ich frage mich, was mit über neunzig noch sinnvoller sein könnte, als sich zu später Stunde sein Lieblingsessen zu kochen.

"Aber essen ist doch toll und wenn Sie Hunger haben, ist doch okay."
"Die Nächte sind dann aber nicht mehr so gut, wenn man so spät noch in der Küche steht, aber man muss sich auch mal was gönnen, nicht?"
"Unbedingt."

Herrje, was für eine Generation. Ich bin gerührt über soviel Bescheidenheit. So ein langes Leben und am Ende steht man in der Küche, kocht sich Pellkartoffeln und hält das für eine Orgie. 

Alles hat seine Zeit.

Sonntag, 7. Juni 2015

Schwiegermonster

Kürzlich war Bling Bling bei mir zu Gast, meine Kollegin und ihr Gatte.

Ein Paar, das in schrecklicher Symbiose mit der Schwiegermutter lebt. Sie ist immer und überall dabei. Auch auf der Hochzeitsreise vor 8 Jahren, nachdem sie diese nach 20 Jahren Beziehung nicht länger verhindern konnte, schenkte sie den beiden eine Kreuzfahrt, mit ihr in der daneben liegenden Suite.

Er ist ein Kümmerer. Bling Bling ist deshalb so gut wie bewegungsunfähig geworden, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Zweimal täglich ruft er seine Mutter an, macht alle Einkäufe für sie und seitdem sie nicht mehr auf Kreuzfahrt gehen möchte, werden sehr zu Bling Blings Leidwesen keine Kreuzfahrten mehr gemacht, weil er in case of nicht schnell genug zu Hause wäre. Also wird gemeinsam an der Ostsee geurlaubt. Seit fast 30 Jahren Beziehung fahren sie pro Jahr nur 10 hart erkämpfte Tage ohne sie weg (dann ruft er seine Mutter fünf mal täglich an. Sie ist morgens sein erster und abends sein letzter Gedanke), alles andere immer mit Mutti. Jeder Opernbesuch, jeder Wochenendausflug, Mutti ist allgegenwärtig.

Bling Bling hat längst aufgegeben und zur Strafe muss er sich auch um sie kümmern. Sie bekommt alle Wochen Kompensationsschmuckstücke, eins schlimmer als das Nächste, aber ihr gefallen sie und das ist ja die Hauptsache. Sie könnten die gesamten Kinder von Uganda Bugundi ernähren von den schauerlichen Pretiosen, mit denen sie sich behängen lässt. Sie geht keinen Schritt selbst, und nicht nur das sorgt für eine reichlich üppige Figur, die drei gehen alleweil in luxuriösen Restaurants speisen. Während ihr Mann und die Schwiegermutter dabei spindeldürr geblieben sind, ist Bling Bling ausgeufert.

Ich führe sie in den Garten, damit sie den Nachmittag ohne Mutti restlos genießen. Nicht ohne Eigennutz: Nirgendwo sind Treffen enstpannter als in irgendeinem Garten, Gespräche plätschern dahin, was sie nie tun, wenn man sich am Tisch gegenüber sitzt, man schließt auch mal die Augen und bestenfalls schlafen alle ein.

Obwohl sich die beiden mit Katzi und Bärchen ansprechen (was an sich schon eine Form der passiven Aggressivität darstellt), ist der Hass zwischen ihnen überdeutlich. Sie redet pausenlos und fällt ihm stets ins Wort und beide verbergen unentwegt, wahrscheinlich auch vor sich selbst, dass sie dem anderen am liebsten einen Knüppel über die Rübe ziehen würden.

Ich seh mir das Schauspiel an und werde mich nicht wundern, wenn er sie eines Tages abmurkst; was nichts anderes als eine weitere Kompensation ist, denn seiner Mutter würde er sich nicht trauen auch nur ein Haar zu krümmen.

Sie ist im Übrigen der beste Beweis, dass man hornalt wird, wenn man nur ausgiebig bepuschelt wird. Bald wird sie hundert. Ich nehme an, sie will das Ende der Ehe durch Tod oder Scheidung noch selbst erleben.

Bissel still hier

Da komme ich nach Hause, gegen Mitternacht und lese bei Frau Lavendel, sie hat es ein paar Minuten vorher gepostet und ich denke, wie schön, da brauche ich gar nichts mehr zu schreiben, denn sie hat exzakt beschrieben, wie es mir geht.

Ich stell mir vor, wie sie auf dem Sofa sitzt und mit dem Leben hadert, dem schnarchen ihres Mannes zuhört. Irgendwo ganz anders im Land. Auf'm Dorf, schätze ich. Und ich sitz hier und hadere auch.

Denke an den Abend, den ich verbracht habe. Mit guten Freunden, wie man so schön sagt. Eine seidige Sommernacht, nicht eine Mücke, so schnell können die auch wieder nicht schlüpfen, noch bis tief in die Nacht so warm wie im Hochsommer. Alles da, was es zum Glücklichsein braucht.

Ich bin es aber nicht. 

Mein innerer Zensor hat das Kommando übernommen. Feindliche Übernahme. Dünnhäutigkeit durch Scheiß Hormone. Durch Umkleidekabinen. Wegen idiotischer Chefs. Weil bald schon wieder Weihnachten ist. Was weiß denn ich. 

Wie Frau Lavendel schon sagte, man schreibt besser nicht Nachts, wenn man nicht gut drauf ist. Weil "Sowieso ist das abendliche Schreiben immer ein Wagnis. Wo doch abends die Gefühle immer direkt in den Fingerkuppen sitzen und sich direkt ins Geschriebene stehlen."

Recht hat sie. Ich schweige jetzt still. Oder mach ein Geheimblog auf, das ich nur zum greinen nutze. Ein Knaller wird das.

Dienstag, 2. Juni 2015

Ein Mann - kein Wort


Neulich, dieser Typ - hach, wie gut hätte mir gefallen, wenn ich ihm gefallen hätte. Aber nein. Beim zweiten Treffen war die Abschiedsformulierung noch entmutigender als "Bestimmt"; nämlich "Bis dann". Auch die lebensbejahendste, positivste Grundstimmung verschleiert kaum, dass hier ein Mann spricht, dessen Interesse nicht geringer sein könnte. Und es scheißegal ist, wie nett es mit ihm ist oder wie zuvorkommend er agiert. Auf den Abschied kommt es an. Das habe ich auch gleich begriffen und es sofort abgehakt. Vorbildlich. So bin ich. Immer realistisch. Schwamm drüber. Ist ja nichts passiert.

Ja, wenn's mal dabei bliebe. Ein paar Tage vergehen. Ich stelle fest: ich habe Recht. Der meldet sich nicht. Ein Kamel kommt und frisst das Gras wieder weg. Das Kamel bin ich. So bescheuert ist man eben, wenn jemand en passant daher kommt, mit dem... aber zumindest doch... und dann... abserviert, bevor überhaupt.... irritierend, es war doch so... ups.

Wann immer ich jemanden getroffen habe, bei dem es nicht gefunkt hat, bekam der ein paar freundliche Zeilen, ich möchte es dabei belassen, blabla. So eine kurze Mail tut nicht weh und erlöst den anderen aus dem Wartemodus. Aber ein erfahrener Mann weiß natürlich, dass die Frau es auch so "schon merkt". 

Natürlich merkt sie es, sie ist ja nicht blöd, aber dann hat sie schon eine Woche das Telefon zum Tamagotchi befördert und hütet es Tag und Nacht, weil 'Bis dann' eventuell... in diesem Fall... entgegen aller Prognosen... vielleicht ja doch ein Synonym ist  für 'Bis übermorgen' oder 'Bis nächste Woche'.

Jetzt dachte ich mir zum Trost Sachen aus, obwohl das streng verboten ist. Ich hör auch schon auf damit. Er ist weder ins Koma gefallen, noch hat er sich beide Hände gebrochen, nicht mal verheiratet ist er oder depressiv, er hat keine Amnesie und Angst vor Nähe hat er schon gar nicht, nein, es ist ganz einfach, ganz banal, wir alle wissen es. Hach...

Montag, 1. Juni 2015

Ich liebe mich, ich liebe mich nicht

Dieser Frühling ist ja nur eine Verlängerung des Winters. Nicht Fisch, nicht Fleisch. Letztes Jahr um diese Zeit bin ich schon zwei Monate nur mit dem Rad ins Büro, dieses Jahr sind meine Einkaufshilfe und ich unzertrennlich. Ich war noch nicht einmal im Freibad. Das gibt mir ein Scheiß-Gefühl. Ich versage auf ganzer Linie im Bereich Selbstfürsorge. Gestern beschloss ich, dass es damit ein Ende haben muss. Dass ich nur noch Dinge tun will, die beweisen, dass ich mich selbst liebe. 

Wettertest auf dem Balkon: bewölkt, schwül, warm. Ab aufs Rad. Das wird schön, wenn ich an den Staus vorbeiradel. Das ist das Schönste am Radfahren, die kilometerlangen Staus, die mich nicht betreffen.

Nach zwei Kilometern fängt es an zu regnen. Ich überlege, umzukehren, aber ich fang mit der Selbstliebe gleich mal an, unter erschwerten Bedingungen.

Wind kommt auf. Ein Stürmchen. Vielleicht doch ein Fehler, die Ballerinas, der schwingende Rock, die keine Strümpfe. Ich halte an und hole mein Regencape raus. Ich krieg es kaum über mich gewurschtelt, der Wind liebt mich schon mal nicht.

Fahre weiter, es regnet jetzt in Strippen, der Wind fährt unter das Regencape, bläst den Rock bis unters Kinn, wer will das sehen? Obenrum ein aufgeblähtes Ein-Mann-Zelt, untenrum nüscht. Ein Alptraum. Wie soll ich mich so noch lieben? Die Böen werden so stark, dass ich mich in einer Blutlache am nächsten Laternenmast sehe. Keinen Helm dabei, bloß damit die Haare sitzen, sauber, ich seh jetzt schon aus wie eine Vogelscheuche und habe noch 9 Kilometer vor mir. 

Aus den Strippen wird ein Wolkenbruch, ich verfluche mich und diese verfickte Selbstliebe. Ich bin klatschnass, das Regencape schlottert um mich rum und bleibt nicht da, wo es sein soll, hätte ich bloß einen Tacker dabei, ich würde es mir an die Knie heften.

Ich komm an einem endlosen Stau vorbei. Wie ich die beneide! Wie gerne möchte ich mit denen tauschen. Im Stau, im Auto - was gibt's da bitte zu meckern?

Komm auf die schlaue Idee, das Cape am Lenker zu befestigen, das hält schon mal die Nässe von schräg oben ab. Allerdings... mein Rock beständig unterm Kinn, vielleicht ist es doch ein Traum und gleich wache ich auf. Ich fang an, mich zu hassen, weil ich den Wetterbericht ignoriert habe, nur weil er die letzten Wochen auch nie gestimmt hat, aber heute natürlich, na klar, was sonst.

Mittlerweile fahre ich im Blindflug, meine Brille ist voller Tropfen, so sehen wahrscheinlich Fliegen, in Prismen oder wie das heißt. Ich seh gar nichts, aber ich kenn die Strecke. Will nur noch, dass ich endlich ankomme, dass das hinter mir ist, och ja, dieser Weg wird kein leichter sein.

Nehme jede rote Ampel mit, der Himmel weint so vor sich hin, ich wie immer nicht, aber beim nächsten Stau, der, auf den ich mich schon so gefreut hatte, weil er wirklich tödlich nervend ist, bin ich soweit, einen Autofahrer aus seiner Kiste zu prügeln "Ein Notfall, ich brauche Ihr Auto, raus hier, aber zackig!". Ich bewahre Contenance, fahre fluchend weiter, nur noch drei Kilometer, das Regencape ist so nass, dass die Klamotten darunter auch schon feucht sind, ich liebe mich kein bisschen mehr. 

Finally: komme an und nehme das Cape vom Lenker, das gesammelte Wasser klatscht mir auf die Schuhe, wie ein begossener Pudel schau ich an mir runter und denke, womit habe ich das verdient das werden hinterher die schönsten Erinnerungen.

Sonntag, 31. Mai 2015

Unter jedem Dach ein Ach

Von Chinesen kann man lernen. Ingwer und eine Birne in zwei Liter Wasser schnippeln, eine Stunde leise köcheln lassen, über den Tag verteilt trinken, danach ist man geheilt. Sagt meine Nichte, die ich beim Familienfrühstück sehe.

Die "Erste Abwehr" hat mir zwei Tage Halsschmerzen erspart, wofür ich mich in aller Form bedanke bei der Pharmaindustrie, weil die zwei Halsschmerztage und -nächte immer am schlimmsten sind.

Ich kauf mir die Wundermittel, lass es köcheln, trink es und bin nach einer Stunde vollständig genesen. Keine Gliederschmerzen, keine Mattigkeit. Ich bin begeistert.

Begeisterung kennt keine Grenzen, als ich noch schnell zu Video World fahr und "House of Cards" Staffel 2 zu haben ist. Ich will mich damit von Krankheit und Siechtum ablenken, was nach dem Zaubertrank nicht mehr nötig ist, aber das konnte ich nicht wissen, um so besser, Kevin Spacey bei bester Gesundheit. Dachte ich. 

Schieb die DVD rein, loading, loading, loading. "Bad Disc". Bring die zurück, tausch sie um, dasselbe Spiel. Versuche andere DVDs. Alle "Bad Disc". Im Arsch das Ding. Da nehm ich mir einmal eine Grippe induzierte DVD Nacht vor und das Ding streikt. In der Folge nur konsequent, ich war ja geheilt, wenn auch genervt. Für alles kann das Universum nicht sorgen.

Wache um 2 Uhr bei laufender Glotze und Festbeleuchtung auf, taumel ins Bett und bin das nächste Mal um 5 Uhr wach. Mein erster Gang ist immer auf den Balkon. Vogelgezwitscher, Sonne, taufrische Kälte. Alles schläft. Kommt in dem Moment mein Nachbar auf dem Fahrrad nach Hause.

"Wo kommst du denn her?"
"Ich komm nach Hause und du stehst auf dem Balkon? Ist ja irre." 
"Ein Zeichen. Oder senile Bettflucht, such dir was aus."

Er steigt vom Rad ab und lehnt sich erschöpft an den Zaun.

"Alles okay bei dir?"
"Noch. Ich hab mich verfahren. Komme aus Großbeeren, Fußball geguckt, hab mich verirrt, Handy Akku alle, dachte, ich finde nie wieder aus dem Wald, der Horror, war ja dunkel."
"Herrje, aber ich bin nicht diejenige, der du diese Geschichte verkaufen musst. Viel Glück dabei."

Er lacht und zieht eine Grimasse. Ich geh frühstücken und leg mich wieder ins Bett. Dann höre ich, wie jemand einen Koffer über den Waschbeton zieht. Zurück kommt, ein zweiter Koffer verlässt das Haus. Oh jee...Offenbar hat sie ihm nicht geglaubt. Männern, die zu gut aussehen und zu charmant sind, glaubt man das nicht. Das ist ihr Schicksal. 

Freitag, 29. Mai 2015

Berlin im Stau

Als ich aus dem Büro komme, laufen mir fünf kleine türkische Jungs entgegen, gewandet in schwarz-gelb "Bisstu auch für Dortmund?" brüllen sie mich an. "Loogo!" rufe ich. Man muss Kindern geben, was Kinder brauchen.

Mir schwant nichts Gutes. Fußball, 17. Juni gesperrt, das wird ein bißchen dauern, bis ich hier raus komme. Auf der Hardenbergstraße geht schon überhaupt nichts mehr. 

Aber ich bin ja schlau und beherzt. Eine Heldin der Straße. Fahre falsch in eine Einbahnstraße - die einzige, in der das sowieso alle machen, komme am BVG-Parkplatz vorbei, schon stehe ich. Nicht lange, dann quetsche ich mich zwischen Busse und stehendem Gegenverkehr,  biege auf den Parkplatz vor dem Zoologischen Garten ein und... rien ne va plus.


Dann, großer Fehler: ich schalte den Motor aus, ohne die Halbautomatik vorher auf "N" zu stellen, das hat die Einkaufshilfe gar nicht gerne. Dann macht sie keinen Mucks mehr, wenn ich wieder starten will (Genauso wenig, wie sie in den Rückwärtsgang schaltet, wenn ich nicht zuvor wenigstens ein paar Zentimeter im ersten Gang nach vorne gefahren bin. So freue ich mich einerseits, dass mein ohnehin saugutes Parkplatz-Karma in elliptische Höhen geschossen ist, weil ich in jede noch so verschissen kleine Lücke passe, auf der anderen Seite stets zu bedenken habe: immer genug Platz  nach vorne, denn rückwärts aus dem Stand - no chance. Wenn das hier jemand liest, der Ahnung hat: bitte melden).

Da stehe ich also im Mega Stau direkt vor dem Zoo und die Möhre rührt sich nicht. Ich versuche alle Tricks. Ich steig aus, schließe die Tür, steig wieder ein, Schlüssel rein, nix. So geht das eine ganze Weile. Ich versuche, meine Würde zu bewahren und überlege, wo ich ein Vorzelt herbekomme, oder ein Zelt, in das ich uns beide unterstellen kann, denn ich werde hier übernachten müssen, vielleicht auch für immer bleiben müssen. Ich bin nicht im ADAC. Die Frau vom Bahnhof Zoo.

Die Autos vor mir fahren weiter, die Autos hinter mir müssen stehen bleiben. Irgendjemand wird mich exekutieren, lange wird's nicht mehr dauern, einer wird aussteigen und Amok laufen. Vermutlich ich selbst. Fuck, ich bin seit halb sieben im Büro, todmüde, es ist schwül, ich will nach Hause, verlange ich zuviel vom Leben? Nein, ich heul jetzt nicht. ICH HEUL JETZT NICHT.  Dabei würde ich gerne heulen, das erleichtert. Ich heule viel zu selten.

Ich trickse weiter am Auto rum, mach mich zum Klops; ich weiß ja, was die anderen denken. Irgendwann besinnt es sich und lässt sich starten.  

Erleichterung ist ein wirklich unterschätzter Gefühlszustand. Da hat noch keiner Abhandlungen drüber geschrieben. "Dangerous disease pattern in brain before facilitation" , "Die Erleichterung - manchmal besser als ein Orgasmus", "Make easing not war". Ich glaube, Kriege entstehen im Grunde durch Staus.

Am Kudamm ist alles überstanden und ich komme ohne weitere Vorkommnisse nach Hause. Dort fängt mich meine Freundin von gegenüber ab und bittet mich auf eine Zigarette in ihren Garten. Mir ist so matt und malade, aber die neuesten Skandalitäten ihres abtrünnigen Gatten höre ich mir an, bis ich endlich in meiner nunmehr teilweise schlammbraun getrichenen Wohnung ankomme, was ihr tatsächlich eine museale schöner-wohnen Atmosphäre gibt. Auf deutsch: so richtig heimisch fühle ich mich noch nicht. 

Ich lass mich aufs Sofa fallen und schlafe sofort ein. Wache wieder auf, es ist schon dunkel, mit Halsschmerzen. Wenn Erkältungen mit Halsschmerzen beginnen, wird's immer schlimm, das weiß jeder Hypochonder. Aber ich erinnere mich an das Gegenmittel, das ich auf Anraten einer Kollegin im Februar prophylaktisch erworben habe, als die Grippewelle tobte und ich wie durch ein Wunder verschont blieb. Ich benutze es das erste Mal: eine Viertelstunde später ist alles wie weggeblasen. Ein Teufelszeug, keine Ahnung, was ich mir da in die Nase sprühe, aber it works.

Nun gut, ich fühl mich wie Brei. Dagegen hilft's wohl nicht. Das Wochenende kann kommen

Donnerstag, 21. Mai 2015

Der verhinderte Geheimagent

"Und du? Du warst bestimmt auch nicht bei der Stasi?" fragte ich den Mann, den ich auf einer Party kennenlernte, vor zig Jahren, als das noch ein Thema war, wenn sich Ost und West kennengelernt haben. 
"Doch, war ich."

Ich war elektrisiert. Ein Mann, der zugab, bei der Stasi gewesen zu sein. Bis dahin hatte ich nur Widerstandskämpfer kennengelernt. Und ich bin so neugierig auf Geschichten, die mit meinem Leben nichts zu tun haben.

"Es ist nicht alles schwarz oder weiß im Leben. Mein Vater war überzeugter Kommunist, ich bin in dem Glauben aufgewachsen, im besten Land der Welt zu leben. Und das wollte ich unbedingt schützen. Also, ich hielt nichts davon, meine eigenen Landleute zu bespitzeln, aber ich wollte unbedingt Auslandsagent werden. Den Feind unterwandern, unsere Grenzen schützen. Ich glaubte damals wirklich, dass das zwingend nötig ist. Naja, dann habe ich mich beworben, bzw. haben die mich sowieso angesprochen, wegen meines Vaters und ich sagte denen, ich bin dabei, aber nur, wenn ich ins Ausland kann. Das waren unheimlich gute Gespräche mit meinem Führungsoffizier. Fast so, als wären zwei Widerständler auf einem Haufen. Der hat so eine Nähe hergestellt, hat mich alles mögliche gefragt, ich sollte ganz ehrlich darüber erzählen, was nicht so gut läuft in der DDR. Und meine Kritik hat er bestätigt. Ich dachte, ist ja toll, der hört echt zu, ich kann mit dem ja über alles reden. Der war wie mein bester Freund. Solche Gespräche hatte ich vorher noch nie geführt. Dann haben die mich testweise nach Ungarn geschickt und haben mir dann so Aufgaben gestellt. Ich sollte zum Beispiel am nächsten Tag zu einer ganz bestimmten Uhrzeit jemanden Bestimmten anrufen. Das war gar nicht so einfach, es gab keine Handys und auch kaum Telefonzellen. Und wenn du dann so blöd gewesen bist wie ich, erst 5 Minuten vorher nach einem Apparat zu fahnden, warste gleich am Arsch. Fakt ist, zu meinem damals größten Unglück ist nichts aus meiner Karriere geworden. Nach Maueröffnung habe ich mir dann meine Stasiakte zeigen lassen und da stand dann sinngemäß drin, dass ich ein unfähiges Weichei bin und deshalb von einer weiteren Verwendung abzusehen sei. Das war auch Jahre später noch wie ein Schlag ins Gesicht. Das hat ja der Mann geschrieben, den ich für meinen besten Feund gehalten habe. Mit 18 ist man so bescheuert. Die hatten das voll drauf."

Ich hatte Respekt davor, dass er das so freimütig erzählte. Dass er seine Biographie nicht nachträglich schön färbte, sondern zu seinen Irrungen und Wirrungen stand. 

Wir verabredeten uns ein paar Tage später. Saßen unschlüssig voreinander. Er ist nicht der extrovertierte Typ, eher abwartend, beobachtend. Eine gewisse Bitterkeit im Gesicht, beleidigte Leberwurst. Lippen immer leicht geschürzt, wie eine kritische Hausfrau. Sein düsteres Outfit, wofür ich durchaus eine Schwäche habe, machte das nicht wett. Seine Stasi Geschichte hatten wir ja auf der Party schon umfassend behandelt. Es musste ein Thema her, sonst würden wir ins Wachkoma fallen.

"Letztes Wochenende hatte ich den beschissensten Sex meines Lebens." 
Er wachte auf und ich erzählte die hanebüchene Story, die ich mit einem Kriminalkommissar erlebt hatte. Wir lachten uns scheckig und so begann unsere Freundschaft. Einige Jahre verbrachten wir viel Zeit miteinander, dann verloren wir uns aus den Augen. Später schrieb er mal, dass er jetzt mit einer Frau zusammen leben würde. Ich gönnte es ihm.

Nach über 10 Jahren schrieb er mir eine Mail mit einem Link, ohne Anrede, ohne Abschiedsformel, nur ein Satz: "Schau dir das mal an, sie erinnert mich an dich." Ich sah mir das an und fragte ihn, why the fuck ich ihn an diese Frau erinnere. Sie ist ganz anders als ich, sieht anders aus, spricht anders - jedenfalls verabredeten wir uns kurzerhand auf einen Kaffee. 

Was soll ich sagen, das Leben ist manchmal doch ganz schwarz oder weiß. Er steht kurz vor der Trennung von seiner langjährigen Freundin. Das macht ihn traurig, aber drum kämpfen will er auch nicht (wenn ich sowas schon höre, als ob Menschen, die man liebt oder lieben könnte, an jeder Straßenecke zu finden sind). Ganz die alte beleidigte Leberwurst. Dramatische Gründe für das scheitern konnte er mir nicht nennen, mit geschürzten Lippen starrte er in die Ferne. Lahm meinte er, sie habe das falsche Bett gekauft, ohne ihn zu fragen. Zu klein, obwohl er doch so groß ist. Das ginge nur, wenn man frisch verliebt sei. Und mit dem Rücken hat er es auch.

Betten kann man umtauschen, aber ich hatte keine Lust, einem erwachsenen Mann nahe zu bringen, was auf der Hand liegt. Wenn er sich nicht bemühen mag.... seine Sache. Wenn er sauertöpfisch in die Gegend gucken will... geschenkt, jeder wie er kann. 

"Wann hast du Zeit nächste Woche? Montag?"
"Nee."
"Dienstag?"
"Auch nicht."
"Ich könnte auch Mittwoch."
"Mal schauen."

Er hat nicht weiter insistiert, worüber ich erleichtert bin. Seine bevorstehende Trennung möchte ich nicht abfedern. Er lacht noch weniger als früher. Er lächelt nicht mal mehr.

Donnerstag, 14. Mai 2015

Le Petit Thriatlon

Noch vor dem Frühstück ins Freibad, um eine Stunde zu schwimmen. Auf der Fahrt beschlossen, dass ich auch eine Stunde Rad fahren und eine Stunde laufen werde. 
 
Als ich ins Becken stieg, schnappte ich nach Luft und dachte "What the fuck mach ich hier eigentlich?". Wassertemperatur 18 Grad, Luft 14. Als ich ganz ins Wasser glitt, war ich augenblicklich schockgefroren. Meine Glieder wurden schwer und ich wusste jetzt, weshalb erfrieren der angenehmste Tod sein soll. Man wird müde und gleichmütig. 
 
Selbst dass ich das Becken mit nur zwei anderen Menschen teilen musste - was meiner Traumvorstellung vom Becken-ganz-für-mich-allein schon ziemlich nah kommt, blieb mir wurscht (wobei mir auffällt, dass sich meine "Traumvorstellungen" häufig darum drehen, irgendwas ganz allein zu machen - auf welche Persönlichkeitsstörung das hindeutet, wird noch zu eruieren sein).
 
In Zeitlupe schwomm ich 50 Meter hin und her und her und hin, nach 45 Minuten war meine Ganzkörpergänsehaut rasiermesserscharf. Kurz bevor ich voreilig mit dem Leben abschließen und mich final dem Chlorwasser überantworten würde (noch weitere 10 Minuten und ich hätte ein weißes Licht gesehen), rettete ich mich zitternd in die Dusche. Dort erlitt ich Verbrühungen bei lauwarmen Wasser.  
 
Zuhause gefrühstückt und weiter gefroren. Eigentlich wollte ich nun laufen. Aber ich war so müde, dass ich mich lieber noch mal ins Bett legte. Gegen 14 Uhr wurde ich wach. Im Koma Wochenendeinkauf absolviert. Um 17 Uhr im Kino verabredet, da wäre ich gerne hingeradelt, aber inzwischen goss es wieder wie aus Eimern. Ich hätte noch eine Stunde laufen können, aber bleiern starrte ich Löcher in die Luft.  
 
Im Kino fast eingeschlafen. Anschließend essen gegangen. Ente kross, süß sauer. Und mit Cola wird der Durst erst schön. Dabei hatte der Tag so ambitioniert begonnen. 
 
P.S. Kürzlich meiner Mutter vom Blog erzählt. "Ja, hat denn irgendeiner Zeit, das alles zu lesen?"

Sonntag, 10. Mai 2015

Die Tränen eines Mannes...

...sind der Whiskey an der Bar und die Frauen für eine Nacht, sagt man. 

Aber es gibt auch noch andere Trauerbewältigungsstrategien und zwar von Witwern, genauer gesagt, dem Vater einer Freundin. Deren Mutter ist kürzlich gestorben und als ob das nicht schon schlimm genug ist, lüftete der Vater ein Familiengeheimnis, kaum dass sie zwei Minuten nicht mehr von dieser Welt war. Und das kam so:

Die Krankenschwester kam in das Zimmer und öffnete das Fenster, "Damit die Seele..." - "Wen sie jetzt wohl alles trifft, da wo sie hingeht?" Der Vater schnaubte: "Ick weeß schon, wen'se trifft. Heinz!" 

In der Folge stellte sich heraus, dass die Mutter eine zwanzigjährige Affaire mit Heinz hatte, die aber vor dreißig Jahren beendet wurde. Der Plan der beiden Liebenden war, abzuwarten, bis die Kinder tot groß genug sind, um sich scheiden zu lassen. Nach 20 Jahren gestand die Mutter ihrem Mann allerdings den Betrug. Der Vater rief sofort die Frau von Heinz an, worauf Heinz den Kontakt zur Mutter abbrach und nie wieder ein Wort mit ihr sprach. Im Dezember starb er. 

Nun ist der Vater nach über dreißig Jahren geradezu besessen von dem Thema. Er kramt in ihren Sachen und findet Indizien. Meine Freundin nennt das "die retrospektive Scheidung". Er findet unaufhörlich Anhaltspunkte für ihren liderlichen Lebenswandel. 

"Hier, nu sieh dir das an: ein BH für 45 €, für 45 €, hat man Töne? Zuwas hat sie wohl so teure Wäsche gebraucht, das frag ich dich."
"Papa, den habe ich mit ihr zusammen gekauft, als sie Brustkrebs bekam!"

"Und hier, 10 Packungen Strumpfhosen, ungebraucht, will mal wissen, woher sie das Geld für sowas hatte."
"Papa, das war ein Sonderangebot." 

"Das Kleid hier, das hatte sie niiie an, da durfte sie wohl nur Heinz drin sehen. Und guck mal, die Briefe hier, die hat sie ihm alle geschrieben und nie abgeschickt und ein Märchen über die Geschichte hat sie auch noch geschrieben."
"Papa, das will ich alles gar nicht wissen, ich bin dein Kind, das musst du deinen Freunden erzählen."
"Ja, hab ich auch schon überlegt. Das ist nichts für die Kinder. Haste Recht. Aber kuck mal, was ich hier gefunden habe, Briefe von Heinz, musste unbedingt lesen."

Während sie mir das erzählte, liefen wir in der Märkischen Schweiz umher (und begegneten pausenlos Wanderern, die am 100-Kilometer-Lauf-ohne-Schlaf teilnahmen. Einer war extra aus Bayern angereist und lief mit offenem Hosenstall, damit die Hose nicht an den Oberschenkeln scheuert - was das eine mit dem anderen zu tun hat, ist mir ein Rätsel). 

Zurück zum Thema: ich lachte und lachte, weil es so absurd ist und sie ihn lebensecht nachmachte in seiner grenzenlosen Empörung. Ich kenne ihn, ein Mann von äußerst schlechten Benehmen, ein Tyrann, der nie gesprochen hat, immer nur gebellt und Leute, vorzugsweise seine Frau brüsk angepflaumt hat. Eine Scheidung kam für ihn, wie bei Helmut Schmidt, nicht in Frage. Ehrenkodex oder so. 

Ich meinte, dass es doch tragisch ist, dass er sich mit seiner ewig schlechten Laune selbst verbaut, dass auch nur ein Mensch zu ihm sagt "Das tut mir leid, muss schlimm für dich gewesen sein." und dann herzlich drückt. Ja, sagte sie, sehr tragisch, vor allem fürchte sie, dass er langsam aber sicher psychotisch wird, er beschäftigt sich mit nichts anderem und fördert Tag für Tag neue 'Beweise' ans Licht.

Für sie ist es, als ob sie ihre Mutter ganz neu kennenlernt. Das Geheimnis meiner Mutter hat sie mir schon zu Lebzeiten gestanden, wie sie damals... aber lassen wir das.

"Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ Tolstoi

Donnerstag, 7. Mai 2015

Mein Leben in der Küche

Wie versprochen ist die Decke gestrichen, am Freitag werden die Wände gemalert. Das Wohnzimmer ist verwaist, das Schlafzimmer zugerümpelt, allein Bad und Küche bieten den gewohnten Komfort. Komme ich heim, sitze ich in Nachbars Garten, auf dem Balkon, später in der Küche. Komisches Leben. Ich geh ganz schön früh ins Bett und werde ganz schön früh wach.

Meine Wände sind so dick, dass ich ab und an mit dem Tablet ins Wohnzimmer gehen muss, um wieder Verbindung zum Netz zu bekommen. Während ich dies schreibe, bricht sie wahrscheinlich gerade wieder ab, mal sehen, ob der Text zu retten sein wird. Das tippen auf dem Tablet nervt, aber wenigstens keine Sicherheitsupdates, die mich ausknocken. 

Aber das sind alles Peanuts, während wir am Samstag feierten, ist 300 Meter entfernt ein Nachbarmädchen vor dem Bus auf die Straße gelaufen, wenn sie überlebt, weiß man nicht, was von ihr übrig bleibt. Eine Sekunde kann alles verändern. Eine Sekunde Unaufmerksamkeit und du endest als Gemüse in deinem Leben. 

So gesehen will ich mich nicht beschweren. Es gibt weiß Gott überhaupt nichts, worüber ich mich zu beschweren habe. Alles eine Frage der Relation. Morgen ist schon Freitag, Samstag kommt das Sofa und Sonntag gibt es eine kleine Einweihung. Eine Hochzeit muss geplant werden, schnatter, schnatter. Das Leben ist schön. Bis jetzt ist alles gut gegangen, relativ gesehen. 

Mittwoch, 6. Mai 2015

Im Land der Interpretationen

Alles ist ganz leicht mit ihm. Er gefällt mir, obwohl ich keine Visionen davon habe, ihn zu küssen, was eigentlich ein schlechtes Zeichen ist, jedenfalls für eine wie auch immer geartete Beziehungsanbahnung. 

Ein perfekter Tag. Alles in der Balance, nicht zuviel, nicht zu wenig. Vielleicht will ich ihn irgendwann mal, ääh, küssen. Vielleicht auch nicht. Das weiß man vorher manchmal nicht. Ist auch gar nicht wichtig. So oder so ein interessanter Mann.

Ich bin so entspannt, dass ich beim Abschied sage, was ich denke. "Das war echt schön, ich hoffe, wir sehen uns wieder." Mir fällt sowas immer leicht, solange ich nichts will.

Er steht sehr dicht vor mir, während ich das sage, hat die mitteleuropäische Armlänge überschritten, während ich am Auto gelehnt stehe. Er schaut belustigt auf mich runter und antwortet "Bestimmt."

Bestimmt? Seine Stimme wird tiefer auf der Betonung der zweiten Silbe. Es fühlt sich an wie eine Abfuhr. Ich bin irritiert, von Null auf Hundert. Das passt nicht zu den acht(!) wie im Flug vergangenen Stunden. Er nimmt mich in den Arm, kurz, nicht zuviel und nicht zu wenig. Das hat er drauf.


Ja, Männer, so macht man sich bei Frauen interessant. Für Irritationen sorgen. Das bringt die gelassenste Frau aus dem Tritt. Egal, wie gleichmütig sie eben noch gestimmt war, was eure Person betrifft, damit kriegt ihr sie bombensicher. Da wird sie wach und denkt "Örgs, habe ich was verpasst? Ich find den nett und der mich nicht? Ich glaub, den will ich heiraten."

Freitag, 1. Mai 2015

Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs

Habe Maßnahmen ergriffen. 

Einen Maler bestellt, der mir die ganze Bude streichen soll. Hab keine Eile, sage ich. Lass dir Zeit, ruf an, wann du loslegen kannst.

Ein Sofa gekauft. Wird übernächsten Samstag geliefert.

Mein altes Sofa bei Ebay Kleinanzeigen reingesetzt. Eine Stunde später ist es verkauft. "Ich hole es morgen ab" - "Morgen geht nicht, am Samstag ist hier Party, und zwar keine Stehparty. Erst Sonntag möglich" - "Geht nicht, wir ziehen morgen um und dann haben wir einen Transporter." Ich knicke ein. Bin auch nur ein Mensch.

Merke: Nachricht an alle, Klappstühle mitbringen. 

Verabrede mich in einer freien Minute für Sonntag Mittag. Termin alternativlos. Kann man nix machen.

Das Sofa wird abgeholt. Denke, wie günstig, dann könnte der Maler jetzt doch kommen, das Zimmer ist so gut wie leer, das ist doch auch für ihn schön. 

Ich rufe ihn an. Er kann kurzfristig am Montag, Decken streichen in Wohnzimmer und Büro, am Freitag die Wände. Anders kann er nicht. Eine Woche Chaos and this is just the beginning. Ich sage zu.

Merke: Verbabrede dich nächste Woche jeden Abend, zuhause kriegst du Schreikrämpfe.

Dann denke ich nach. Zu spät. Rekapituliere: Samstag Stehparty, Sonntag aufräumen, aufrüschen, Büro ausräumen, Vorhänge, Bilder, Regale und all den Rotz irgendwie entmaterialisieren. 

Merke: Das ist kein Herzinfarkt, das ist nur Einbildung. Du wirst weiterleben. Du wirst uralt. 

Ich denke neu nach. Sonntag all als Geraffel, geht gar nicht. Genau, räume ich doch heute das Büro leer. Können da auch ein paar rumstehen. Alles ins Schlafzimmer. 

Was bleibt zu tun? Backen, schnippeln, das Übliche. Alles heute. Morgen will ich mit all dem Krempel nichts mehr zu tun haben. Da will ich nur Gäste erwarten. Alles andere überfordert mich. 

Sauber geplant. Mit Bedacht. Nicht.

Merke: Hör auf zu prokrastinieren und fang endlich an. Schalt die verfickte Kiste aus, aber dalli. Du kriegst sie wieder eingestöpselt, ganz bestimmt.