Sonntag, 16. September 2018

Detox Weekend

Mal wieder in die Sommerfrische auf's Land gefahren. Dorthin, wo Funkloch ist. 

Es ist ja so, ich kann mir keinen Film (Doku, Serie) mehr angucken, ohne nicht zwischendurch nach den Schauspielern zu googlen oder den Personen, die die Schauspieler darstellen. Ich weiß jetzt alles über Winston Churchill, Anthony Eden und deren Ehefrauen, Gebrechen und Hobbies. Und wer jetzt noch draufkommt, welche Serie ich mir gerade ansehe, dem/der kann ich nur sagen, so gut gefällt sie mir gar nicht. 

Jedenfalls schau ich viel zu oft auf's Handy. Unangemessen oft. Pathologisch oft, nach meiner Einschätzung. Alles mögliche recherchiere ich nebenbei, dabei bin ich nicht mal bei Twitter, Facebook oder Instagram. Wie schaffen diese Leute noch nebenher einen Beruf auszuüben? Inzwischen soll es Menschen geben, die während der Arbeitszeit eine ganze N*etflix Serie schauen. 

Kurz bevor ich das Funkloch erreiche, melde ich mich per whatsapp bei ein paar Leuten ab, weil ich das ganze Wochenende nicht erreichbar sein werde. 

Himmlische Ruhe, innen wie außen. 

 

   
Naja, so ruhig ist es auch wieder nicht, denn ich habe mir den Hund ausgeliehen und der bellt mitten in der Nacht zweimal ganz laut und ich schrecke aus dem Tiefschlaf hoch. Tagsüber kreist die Kreissäge, weil wir in so einer Einöde sind (am großen Tornowsee), dass man da offenbar auch mal Sonntag sägen darf (und wie mein Gastgeber sagt "Hier ist die Welt noch in Ordnung. Autos werden am Seeufer gewaschen und Öl im See verklappt.") Aber ich wäre eingeschlafen am Seeufer, ohne die Kreissäge. Prinzipiell ist dort wirklich alles in Ordnung, was zur Folge hat, dass neben einem auf dem Boden echte Wasserschlangen ihren Weg aus dem oder zurück ins Wasser suchen. 

Der Hund erweist sich als Wasserhund, er bringt tagein, tagaus das Seeufer in Ordnung. Will sagen, er schleppt alles mögliche Holz aus dem Wasser und möchte, dass wir mit dem modrigem Holz Stöckchen werfen. Er ist im Glück und rettet entweder alle Stöckchen, die wir zuvor ins Wasser werfen, in Rettungsschwimmermanier ("Zieh ihm einen roten Bikini an, ist ja hier wie bei Baywatch") oder patroulliert für sich allein am Ufer herum. 



Ich hingegen fühle mich nach zwei längeren Spaziergängen pro Tag durch die Märkische Schweiz derart ermattet, aber auf eine gute Art, dass ich den Rest der Zeit ebenfalls am Ufer liege, bzw. auf dem Anleger, der ganz leise schaukelt, im Schatten einer Trauerweide, das Handy irgendwo im Haus, sogar bei den "Wanderungen für Schwächlinge" nehme ich es nicht mit, hat auch keinen Sinn, es gönge ohnehin nicht. Als Hypochonder ist das schon eine Mutprobe. Nachher wird mir blümerant und der Hund muss mich aufessen. 

Da ich jedes Mal heil und in einem Stück zurückkomme (ich gehe extra allein, denn die Hausherrin würde mich auf mindestens dreistündige Kraxeleien durch die Märkischen Alpen scheuchen und dem fühle ich mich nicht gewachsen), bin ich beseelt, erstmal, weil ich überlebt habe und zweitens, weil ich so angenehm müde bin, dass ich nicht mal das Buch zur Hand nehme, sondern nur auf's Wasser schaue. Sonst mache ich gar nichts, selbst die Kreissäge stört nicht übermäßig. In den Pausen frotzeln die beiden Männer miteinander und deshalb lache ich öfter, während ich am Wasser liege. 

Vom gegenüberliegenden Ufer kommt auch manchmal Gelächter, denn da campieren Angler und stieren den ganzen Tag nach Beute, hab aber noch nie gesehen, dass die einen Fisch gefangen haben. Obwohl es angeblich riesige Welse geben soll in dem angeblich 17 Meter tiefen See. Ist fast ein sechsstöckiges Gebäude, wenn man 3 Meter Deckenhöhe ausgeht. Deshalb und wegen der Wasserschlangen rudere ich auch nur über den See, anstatt drinnen zu schwimmen. 

Zu zweit steigen wir in eins der Boote und rudern über den vollkommen stillen, klaren See. Am Ufer gegenüber, dort wo keine Gebäude sind, treibt seit Jahren ein Biber sehr erfolgreich sein Unwesen. Bis zu 15 Meter vom Ufer entfernt nagt er Bäume an und am Ufer selbst hat er schon riesige Bäume gefällt, die nun malerisch im Wasser verrotten. Es bleibt aber alles so liegen, nur wenn ein Baum direkt über den Wanderweg fällt, wird in der Mitte ein Stück herausgesägt, damit man nicht drüber steigen muss. 

Und all das ohne Handy. Total offline. Ich fühlte mich wie resettet und nehme mir vor, das Handy zukünftig weitesgehend sich selbst zu überlassen. 

Während ich dies schreibe, habe ich mit ca. fünf Leuten gewhatsappt, einmal nach dem Tornowsee gegoogelt und als ich eine Schreibblockade hatte, mal kurz Spider Solitäre gespielt. Ich muss wohl doch in die Entzugsklinik. 

                                                    ***

P.S. Diese Info aus dem Netz will ich nicht vorenthalten: 

Dieses einfache Mittel hält die Hauswinkelspinne fern. 

Wenn der Herbst kommt, ist auch sie auf dem Vormarsch in Deutschland: die Hauswinkelspinne. Doch das ist noch kein Grund in Panik zu geraten. Dieses Hausmittel ist einfach herzustellen und wird die Spinne fernhalten.Die riesige Hauswinkelspinne verbreitet Angst und Schrecken. Doch mit einem einfachen Hausmittel kannst du sie fern halten: Minze. Verteile 9 Teile Wasser auf 1 Teil Minzöl und besprühe Fenster- und Türrahmen. Wiederhole diese Prozedur nach zwei Tagen. So wirst du die fiesen Achtbeiner ein für allemal los!




Donnerstag, 13. September 2018

Von Nazis und Narzissten

Familienfest, in das ich als Patentante eingemeindet bin. Der Vater (80) der Gastgeberin ist auch zugegen, ein alter Ost-Berliner Haudegen von altem Schrot und Korn. Ich erwähnte ihn hier schon mal.

Mich beäugt er immer argwöhnisch, weil ich die lang Verflossene des Gastgebers bin und in seiner Welt haben Verflossene nichts in der Gegenwart zu suchen. Mein eigener Vater ist da ähnlich skeptisch und bemerkte mal, er müsse "endlich mal entscheiden, was er will" - so, als ob man sich nicht für eine Freundschaft entscheiden könne und als ob es für Verflossene nur einen richtigen Ort gibt: auf den Müllhaufen der eigenen Lebensgeschichte. 

Anyway: dem Gastgeberinen-Vater erspare ich natürlich nicht, dass er ein paar freundliche Worte von mir hört, wie es ihm denn ginge und er sähe aber gut aus und er bellt zurück, wie ich (und alle anderen) es von ihm gewohnt sind. 

"Wissense, wie'et drinnen aussieht, vaschteht keen Mensch hier. Als ick eben die zwee Treppen hoch bin, war ick aussa Atem, aber det glooben die hier alle nich, dit vaschtehn die einfach nich." Ob er noch alleine lebt, will ich wissen. "Jaaaa, na klaa, soweit komms noch, dat ick in so'n Alterheim gehe. Ick geh da zum Mittach hin, aba diese Geschprääche von die Alten halt ick im Kopp nich aus. Nee, soweit bin ick noch nich."

Später unterhält sich die ganze Runde über Chemnitz & Co. Der alte Herr mischt sich ein.

"Kann ick hier ooch mal was ssum Thema saren? Heute is man ja gleich'n Nazi, wenn man mal was saacht. Neulich, da wollte mir die Mutter vonne Judith nich mehr die Hand geben, nur weil ick gesacht habe, dass ick dit nich jut finde, dass die Juden ihre alten Grundstücke wieda ham wolln, die se damals abgegeben ham. Gleich war ick der Antisemit."

"Abgegeben?", mischt sich der Sohn ein, "Vater, die ham die nich 'abgegeben', die wurden enteignet und dann ins KZ geschickt. Und wenn die ihnen mal gehört haben, sollen sie sie auch wieder bekommen."

"Judiths Mutter ist Jüdin. Das gab Tumult am Tisch, kann ich dir sagen", raunt mir die Gastgeberin zu. 

Der Vater weiter: "Aber dass die Juden diese Grundstücke verfallen lassen und nich bebauen, dit is doch ne Schweinerei. Nehmense den Leuten weg und dann lassense alles vagammeln."

"Das hat doch nichts mit Juden zu tun, das ist ganz normale Grundtstücksspekulation, ist nicht schön, macht aber fast jeder. Und nochmal für die Akten: sie haben die Grundstücke nicht 'weggenommen', sondern sie haben ihnen immer gehört", widerspricht ihm der Sohn. 

"Ach, hör mir doch uff. Die Hand wolltese mir nich mehr geben, Hattese'n Ekzem plötzlich."

Die Gastgeberin: "Papa, sie hatte kein Ekzem, sondern ein Athrose-Anfall, sie hat niemandem die Hand gegeben."

"Jaja, und ick bin jetzte der Antisemit."

Dann verstummt er empört.

Platz für Chemnitz ist in der kleinsten Hütte.

                                                         ***

Später erzählt mir der Gastgeber, dass er auf dem Rechner seines verstorbenen Vaters alte Fotos gefunden hat. 

"Stell dir vor, mein Vater war der Narziss vorm Herrn. Es gibt bestimmt 2000 Fotos von ihm, vor dem Berg, neben dem Berg, mit Stock, ohne Stock, am See, im See, winkend, nicht winkend. Ich bin bald bekloppt geworden beim sichten. Ich weiß gar nicht, wer die Fotos alle machen musste. Wahrscheinlich meine Mutter."

"Gibt's denn auch Fotos von deiner Mutter?"

"Ja, ungefähr 50. Zweitausend von ihm, fünfzig von ihr. Ich wusste nicht, dass er so irre war."

"Verrückt. Er wirkte immer so harmlos verpeilt."

"Nee du, er fand sich offenbar großartig. Er hatte sogar ein Standbein."

"Ein Narziss in beige."


Memo an mich: früh genug den Rechner plattmachen. 

Montag, 10. September 2018

Murphys erstes Gesetz

Ganz schlimmer Tag heute. Mir wurde eine neue Waschmaschine und ein neuer Fernseher (N*etflixfähig) geliefert. Winter is coming und da will ich vorbereitet sein.

Kommen die beiden Lieferanten und drücken mir ein kleines Paket mit einem TV Gerät in die Hand. Mooooment, sind wir hier im Zwergenland? Den habe ich nicht bestellt.

Ich das Dingelchen eingepackt, zum Elektronik-Dingens gefahren und auch anstandslos umgetauscht bekommen. Zuhause wollte ich gleich loslegen und das Gerät einrichten. Für eine urbane, moderne Frau wie mich kein Problem. Wenn nur nicht die Nachbarin vorbeigekommen wäre auf ein Schwätzchen.

Die Zeit brannte mir unter den Nägeln, denn gegen 18 Uhr musste ich meine jüngste Schwester vor ihrem Hotel treffen, seit heute ist sie beruflich für ein paar Wochen in Berlin. Ich machte bei der Eincheckerei mit, ein leutseliger Russe erledigte die Formalitäten.

Dann gingen wir hoch in ihr Zimmer und prallten zurück. Stellt euch ein L vor, auf 7 qm verteilt. Ein schmales Bett und um die Ecke ein Schreibtisch, auf dem ein Fernseher stand. Man hätte sich also auf den Schreibtischstuhl setzen müssen, um fernzusehen, dabei weiß doch jeder Geschäftsreisende, dass der einzige Trost an der ganzen Reiserei ein Boxspringbett in angemessener Größe ist und eine Glotze, auf die man liegend vom Bett aus schauen kann, um den vergangenen Tag zu veratmen.

Wir also wieder runter, bitte ein anderes Zimmer, ein menschenwürdiges bitte schön.

Er habe keins. Nur ein Doppelzimmer, dass 25 € pro Tag mehr kostet. Und gleich tobte ich los. In jedem Hotel dieser Welt bekommen Geschäftsreisende ein DZ zur Einzelnutzung. Was in anderen Hotels üblich sei, sei ihm völlig egal. Da wollte ich ihm schon auf's Maul hauen. 

Meine Schwester meinte, wir suchen uns ein anderes Hotel, kramte die Rechnung raus und legte sie ihm hin. Er schaute sie so listig wie fragend an. "Ach, Sie wollen Ihr Geld zurück? Das geht leider nicht. Sie haben ja schon eingecheckt. Das ist jetzt schon im System."

Ich wollte ihm an die Gurgel. 

"Wir waren genau 5 Sekunden in dem Zimmer, was sind denn das hier für Methoden? Kein Ersatzzimmer vorhanden, aber das Geld für eine Woche behalten, geht's noch? Bitte geben Sie mir sofort Ihren Vorgesetzten."

Er rief eine gewisse Irina an, der er suggestiv in den Mund legte, er könne doch sicher kein Geld mehr auszahlen, nicht wahr und für das DZ muss doch 25 € extra bezahlt werden, oder etwa nicht? Dann legte er auf und irgendwie muss ihm meine Mordlust in den Augen dann doch beeindruckt haben, denn plötzlich fand sich ein anderes Einzelzimmer (ansonsten hätte ich ihm mit der Polizei gedroht, die nie und nimmer wegen so einem Scheiß gekommen wäre, aber ich hätte es großartig angekündigt und da ist ja immer noch mein neuer Nachbar, der Polizist ist und den hätte ich herbeizitiert auf Biegen und Brechen, obwohl der eigentlich in Potsdam arbeitet, egal). 

Dann noch schnell was essen gegangen und ab nach Hause, TV einrichten. Was ja wie gesagt kein Problem für mich darstellt. Für gewöhnlich. Heute aber doch. Meine letzte Hoffnung, die 15jährige Pubertierende von nebenan, die kann alles. Sie kam und eine Weile waren wir beide ratlos. Sie setzte dann alles auf Werkseinstellungen zurück und wir begannen von vorn. Ihr Sachverstand ist einmalig und sie bekam das Ding zum laufen. Diese Kinder braucht das Land.

Ich also an den Rechner, N*etflix Abo bestellen. Kinderleicht. Nur, dass die keine einzige Zahlungsmethode akzeptierten "Hoppla, da ist was schiefgelaufen. Versuchen Sie es später noch einmal." Ich rief da an und hatte einen Mann dran, der sagte: "Ich darf Ihnen leider nicht sagen, dass das seit anderthalb Monaten für Neukunden nicht mehr funktioniert, da wird ja schon das Internet mit vollgekotzt, aber ich kann Ihnen leider überhaupt nicht helfen, außer Sie nehmen einen Geschenkgutschein, der funktioniert immer. Oder Sie versuchen es morgen noch mal, aber 24 Stunden müssen jetzt erst vergehen. Sie haben es zu oft versucht."

Dass heute alle überlebt haben, ist nur meiner Impulskontrolle zu verdanken. 


Sonntag, 2. September 2018

Ein russischer Verschwörungstheoretiker, ein Christian Kracht Fan und ein Lex Barker look-a-like

Dachgeschossparty irgendeiner Kanzlei am Kudamm. Heterogene Mischung. Keine dieser Parties, auf der man niemanden kennengelernt. Im Gegenteil, andauernd kommt man ins Gespräch. Das ist sozusagen der Sinn dieser Abende. Es könnte ja jemand drunter sein, der nützlich wäre für das eigene Fortkommen. 

Ich bin prinzipiell überhaupt nicht wichtig und für jemand anderes Fortkommen kann ich auch nichts tun. Aber ich muss nur sagen, wo ich arbeite, schon stürzt sich ein junger Mann auf mich, der meint, ich müsse dafür sorgen, dass seine Firma den Markt von Nigeria erobern kann, er habe auch schon in meiner Firma angerufen, weil die ihm die Reise dorthin bezahlen soll. Ich bin sehr belustigt und sage "Träum weiter." Wir bezahlen keine Reisen nach Nigeria und auch sonst nirgendwo hin. Er solle sich lieber mal an die Senatskanzlei wenden und versuchen, Teilnehmer einer der Delegationsreisen mit dem Regierenden zu werden - aber auch der werde ihm nicht das Ticket zahlen. 

Er ist begeistert. "Du hast bestimmt einen Kontaktmann und du hast die Macht, dem zu sagen, dass ich mitfahren kann." 

Ich habe weder einen Kontaktmann noch die Macht und frage interessiert, welche Drogen er intus hat. 

"Nicht mehr als die üblichen" meint er und fängt dann übergangslos an, von Christian Kracht zu sprechen, den er heiß bewundert, den er unbedingt kennenlernen will, aber vor dem er eine Scheißangst hat. "Kennst du das?" Nein, antworte ich, und komme mir ein bisschen dröge vor, weil ich so gar keine manischen Züge in mir trage, im Gegenteil zu dem jungen Mann, der nach einer längeren Schwärmerei über Kracht und dessen Interview mit Harald Schmidt nun schon weitergesprungen ist zu Goethe, den er auch über alles bewundert, wegen seines Weltbildes, und wenn man das erst mal begriffen hat, dann kann man ihn nur noch bewundern und er sei so froh, dass er Deutscher ist, weil er Goethe auf deutsch lesen kann und nicht wie alle anderen Menschen auf der Welt darauf angewiesen ist, blöde Übersetzungen zu lesen. Das sei ja nicht dasselbe. Immerhin kann er keine Ängste entwickeln, ihn kennenzulernen, dafür ist es ja nun zu spät.

Sein Handy klingelt, er geht dran, spricht ein paar Worte und reicht mir dann sein Handy. "Da ist meine Freundin dran. Sprich mit ihr." Ich habe eine verwirrte Frau dran, die erkennbar wissen will, wer ich bin und ich sage beruhigendes, wie, dass sie doch schnell zur Party kommen soll, hier sei es sehr nett und dann gebe ich ihm das Telefon zurück. Es ist höchste Zeit, jemand anderen kennenzulernen.

Ich finde mich kurz bei meinen Freundinnen ein, wir essen Currywurst von Curry 36, die offenbar den Sprung ins High Class Catering geschafft haben, sonst wären sie ja nicht hier. Ich kann den Hype um Currywürste wirklich nicht verstehen. Wurst ist Wurst, für mich hängt alles vom Ketchup ab, oder?

Später sitze ich mit einem russischen Journalisten zusammen, mit dem ich Verschwörungstheorien austausche. Er sagt, dass er seit 30 Jahren zwischen Russland und Deutschland pendelt und dass es ihm das Herz bricht, dass es mit Deutschland zuende geht und da gebe ich ihm Recht, ich habe auch so ein Gefühl. Die Infrastruktur bricht uns unterm Hintern zusammen, die Straßen werden kaum noch repariert und was unter den Straßen los ist, davon will ich gar nicht erst anfangen. Marode Schulen, keine Fachkräfte mehr, Hungerlöhne für Pflegekräfte, der ganze Scheiß halt. 

Er will auf etwas anderes raus und das habe ich befürchtet. Es gibt ja so Menschen, die fest daran glauben, dass die Welt von vielleicht zehn Familien beherrscht werden, die die Geschicke lenken. Einig sind wir uns, dass alle Politiker Marionetten sind und wir nichts glauben können, was in der Presse steht. Im übrigen gäbe es auch in Deutschland keine Pressefreiheit mehr, ebensowenig wie in Russland. Aber hier werden doch wenigstens noch keine Journalisten ermordet, sage ich. Er lächelt müde und versichert mir, dass ein jeder, der die Wahrheit schreiben würde im Knast oder in irgendeiner Klapse landen würde. Auch hier. Und dass der Untergang von Deutschland schon längst beschlossene Sache sei und niemand mehr etwas daran ändern könne, außer, wir wachten endlich auf und würden uns wehren. Dann fängt er noch von den Flüchtlingen an, aber das ist so krude, dass ich das hier nicht zum Besten gäbe. 

Er schaut auf und lächelt jemanden an, der hinter mir steht. Ich dreh mich um. Seine Frau, eine schrecklich kaputt operierte Russin, in seinem Alter immerhin. Sie sieht ein bisschen aus die Begum Aga Khan aus, nur in zwanzig Jahre älter (oder schlechter operiert, wer weiß das schon?), sehr bleich und mit grotesk verzogener Mimik. Dennoch entzückend freundlich. Sie gehen respektvoll und freundlich miteinander um, was mich rührt und sie erzählt, dass sie morgen zwei neue kleine Kätzchen abholen und der Verschwörungstheoretiker zückt sein Iphone und zeigt mir eine Aufnahme der zwei Katzenbabies. Wir verabschieden uns herzlich voneinander und ich gehe wieder zu meinen Freundinnen.

Die eine erzählt, dass sie neulich ein Foto von sich zugeschickt bekam und erschrocken war. "Ich sah aus wie eine besoffene Hafennutte!" Zwei schwule Männer, die sich ganz in unserer Nähe aufhielten, drehten sich um und fingen an, über uns zu tuscheln. Wahrscheinlich deshalb, weil keine von uns wie eine besoffene Hafennutte aussieht und die sich dachten, dass sich eine von uns aber für sehr wichtig nimmt. 

Dann machten sie weiter mit ihrem real fucking on stage Geknutsche, es war klar, dass hier eine brandneue Beziehung ihren Anfang nahm oder doch zumindest einem erquickenden One Night Stand nichts mehr im Wege stand. Zwei sehr schöne Männer, der eine jung, der andere älter.

Später, als ich mit der Auftragsmörderin das Fest verließ, standen die beiden schon am Fahrstuhl, ineinander verkeilt. Lasst euch nicht stören, meinte die Auftragsmörderin, dann kam der Aufzug. Wir stiegen ein und auf dem Weg nach unten sagte ich zu dem Älteren, dass er aussieht wie Lex Barker. "Echt? Das hat mir neulich schon mal jemand gesagt. Findest du?" Der Jüngere kannte ihn nicht. "Old Shatterhand, aus den Winnetou Filmen? Tarzan?" Kein Begriff. Nö. "Naja", sagte der Ältere, "Ich bin in dem Alter, dass ich den noch kenne. Er nicht." Wir grinsten. Aber pass auf, sagte ich, Lex Barker ist jung gestorben. Der Suff. "Ach, der ist schon toooot?" Yep, mausetot.

Unten, als die Auftragsmörderin und ich uns trennten, meinte sie, dass sie was für mich habe. Sie holte aus ihrem Rucksack ein Buch. "Wiener Straße" von Sven Regener. "Habe ich dir gekauft, weil du doch so auf den abgefahren bist."

Und da dachte ich wieder, es geht doch wirklich so gut wie gar nichts über gute Freundinnen. 



Dienstag, 28. August 2018

Wie ich mir für Sven Regener den Hintern abgefroren habe

Kiepenheuer & Witsch Sommerfest im Literarischen Colloquium. Da bin ich natürlich dabei. Zum einen, weil die Auftragsmörderin dort liest und zum anderen ist Sven Regener auch da. Neben zig anderen Autoren, die ich auch ein bisschen anbete. Vieles, was Rang und Namen hat, versammelt am Wannsee an einem Sommerabend, der sich zwar als Vorgeschmack auf einen stürmischen Herbst entpuppt, aber was tut man nicht alles für die Kunst. 

Die Anneliese Rothenberger der Haarkunst - Frank Schätzing - ist auch vor Ort und hat in Wirklichkeit gar nicht so viele Haare. Ich glaube, der sprüht sich Kunsthaare oben druff, wenn er ins Fernsehen muss. Zufrieden wie ein frisch gestilltes Baby saß er in der Gegend rum und machte kein Aufhebens um sich. Das nahm ihn für mich ein, wenn ich auch kein Buch von ihm gelesen habe, weil ich der Spiegel-Bestsellerliste grundsätzlich nicht über den Weg traue. Ich hatte mal ein Versuch gestartet mit "Der Schwarm", aber über 100 Seiten bin ich nicht hinausgekommen. Allein, dass Wale, die immer wieder an den selben Ort kommen (oder womöglich immer am selben Ort bleiben, so genau erinnere ich das nicht mehr), jedenfalls, dass diese Wale "Residents" genannt werden, habe ich mir gemerkt. Das erinnerte mich irgendwie an die Hells Angels. Die haben doch auch so innovative Funktionsbezeichungen. Prospect, Hangaround, Supporter und ganz besonders durchgeknallt: Sergeant of Arms. Toll.

Anyway, nicht nur, dass es sehr stürmisch war, es regnete auch häufig. Deshalb fielen die Lesungen draußen ins Wasser und alles quetschte sich in das beeindruckende Haus, ach was sage ich, in die Villa oder ist das schon ein Gutshaus oder ein Palais? 

Jedem Autoren und jeder Autorin wurde eine verliebt agierende Lektorin zur Seite gesetzt, was dann Interviews ergab, die eher an Ergebenheitsadressen erinnerten. Aber ich kann das verstehen. Wenn man schon mit knapp unter oder über 30 Jahren ein Schwergewicht der Literaturszene verbessern darf, dann würde ich das auch einen richtig geilen Job nennen und nur noch strahlen. Man kommt sich bestimmt näher und ist sich zugetan. Ich beneide auch immer die Auftragsmörderin, wenn sie von "ihrer" Lektorin spricht. "Schau mal, da drüben, die blonde Frau da, die war meine erste Lektorin." Lektorinnen sind alle blond. So gesehen wäre das auch der passende Job für mich. 

Obwohl ich auch gerne Synchronsprecherin wäre, spätestens als Christian Brückner an uns vorbeiläuft, den aber nur ich erkenne und als ich die anderen darauf aufmerksam mache, dass eben die deutsche Stimme von Robert de Niro an uns vorbeigelaufen ist, hören die Entzückensschreie überhaupt nicht mehr auf. Wir zählen unsere Lieblingssynchronstimmen auf und ich denke wieder, geiler Job. Wär was für mich.

Als es sonniger wird, verweilen wir eine ganze Weile direkt unten am Wasser und hören die Lesungen von mir gänzlich unbekannten Autorinnen, die aber sensationell gut schreiben, zum Beispiel diese hier

Dass ich sie nicht kenne, liegt nur an mir, ich bin wohl nicht mehr auf der Höhe der Zeit, seitdem ich die Verlagsbranche verlassen habe, um einen inzwischen gänzlich ungeliebten und zuschanden umstrukturierten Job mit einer Mischung aus Frust und Resignation, was wohl dasselbe ist, mit halbwegs Leben zu füllen. Was mir von Tag zu Tag weniger gelingt, aber das ist ein anderes Thema.

Oben am Haus stehen sich die Leute die Beine in den Bauch, um Maxim Biller und Karen Duve zu lauschen, was ich verpasse, weil ich lieber sitze und was ich mir später nicht verzeihe, vor allem wegen Karen Duve, die ich nur jedem empfehlen kann. Sie soll toll gewesen sein, was zweifellos stimmt.

Burkhard Klausener, dem Jörg Thadeusz zur Seite sitzt, verpasse ich auch und damit habe ich eigentlich schon jeden und jede verpasst, die ich un-be-dingt hören wollte, aber ich schwor mir, Sven Regener würe ich mich zu Füßen werfen, komme, was wolle. Ich bekam dann auch direkt einen Sitzplatz auf der sturmumtosten Terasse, weil nach Klausener und Thadeusz alle schnell nach drinnen flüchteten und da blieb ich sitzen, obwohl erst noch eine andere selbstverliebte Autorin mit einer weiteren schwerverliebten, blonden Lektorin dran war, aber diesen Sitzplatz würde mir niemand mehr streitig machen, so wahr mir Gott helfe.

Als Regener dann endlich kam, mit einem der Bosse von KiWi, war ich schon so durchgefroren, dass ich dachte, Oha, das wird hart jetzt, aber für Svenni mache ich das. Ich hielt fünf Minuten durch, denn das Gelobhudel vom Verlagsboss, von Regener vollkommen reglos retourniert (er gab den Prinz von Homburg), was ich auch einehmend fand, weil ich ja schlechtgelaunte Männer immer besonders reizvoll finde, jedenfalls das Gehuddel und die Kälte, ich bekam schon Halsschmerzen, ich gab auf und rettete mich nach drinnen, da wurde seine Lesung übertragen und ich kann euch sagen, besser und mitreißender hat noch nie jemand gelesen. Dann dachte ich, Sven Regener zu sein, muss auch ein guter Job sein.

Samstag, 25. August 2018

Der richtige Mann mit der falschen Passion

"Weißt du, es nützt überhaupt nichts, eine Spinne nach draußen zu tragen, außer du läufst mit ihr mindestens zwei Kilometer weit weg, die will nämlich unbedingt in deine Wohnung zurück und die findet sie auch, weil da nämlich ein Weibchen bei dir sitzt. Spinnen, die in deine Wohnung kommen, sind nur verwirrte Männchen auf der Suche nach dem Weibchen."

Aha.

"Und weißt du, wie die Sex haben? Jedes Spinnenmännchen hat zwei Penisse auf dem Kopf und das Weibchen hat ihre Vagina praktisch mitten auf dem Bauch. Und das Männchen muss das Weibchen erstmal fesseln, damit es mit seinem Kopf auf ihren Bauch kommt und dann wird er anschließend meist gefressen, wenn er sich nicht schnell vom Acker macht. Und wenn dann die Spiderlinge schlüpfen, werden sie von der Mutter gefressen, wenn sie Pech haben."

Unsympathische Familienverhältnisse.

"Lustig wird es immer, wenn ich Anrufe bekomme, weil die eine Spinne in einer Banane gefunden haben und ob sie die uns jetzt bringen können. Dann kommen da Männer in Schutzanzügen und Polizisten mit den Händen an der Waffe und dann geben die mir eine Tupperschüssel so vorsichtig, als ob eine Handgranate drin wäre und dann sind sie enttäuscht, weil ich ganz enttäuscht bin. Ist nämlich in 17 Jahren nicht vorgekommen, dass die was anderes als eine ganz normale heimische Spinne anschleppen."

Eine Frage habe ich dann doch noch. 

"Stimmt es, das Spinnen in unsere Münder krabbeln, wenn wir schnarchen?"
"Sind Spinnen suizidal? Nein. Vielleicht krabbelt dir mal eine versehentlich über das Gesicht. Aber nur, weil sie das Weibchen sucht."

Gespräch am Ende eines Seminars, draußen im Gartencafé. Mit einem Mann, der wissenschaftlich mit Spinnen zu tun hat. Eine geschätzte Koryphäe. Eine engere Verbindung kann leider nicht entstehen, denn daheim hat er sechs Vogelspinnen, die manchmal auch ausbüxen. Da hilft auch nicht, dass er sagt, eine Vogelspinne warne ja Gottseidank vorher, wenn sie beißen will. Stellt die Vorderbeine in die Luft, reißt das Maul auf, da weiß man dann gleich Bescheid und streichelt sie lieber nicht weiter. 

Er will gerne meine Spinnenphobie heilen. Ich soll ihn mal besuchen kommen, entweder im Museum, da sind dann alle tot (er katalogisiert sie), oder bei ihm zuhause, mit den echten Vogelspinnen, das sei noch besser.

Ich lehne dankend ab und denke, irgendwas ist immer.
 

Mittwoch, 15. August 2018

Sommer in Berlin

Hätte nie gedacht... schon komisch...aber... ich friere.

War schon schön, diese Hitze, ich bar jedes Zipperleins, außer diesem Geschwitze, jeden Abend freute man sich, wenn es gegen 22 Uhr auf 32 Grad abkühlte und gegen Mitternacht sogar nur noch 30 Grad, da fuhr ich doch herrlich matt nach Hause. Hitze macht ja alles so endlos, im schlechten wie im guten. Man ist still, innen wie außen.

Ich hatte mir zwar wolkenverhangene, regnerische Tage gewünscht, aber das war natürlich Quatsch. Da war ich nicht ganz bei mir. 

Wir treffen uns beinah jeden Abend zum DoKo, es ist eine richtige Manie draus geworden in diesem Sommer, wir müssen ja auch das hochschwangere Küken ablenken, das beschäftigungslos in der Wohnungshitze unterm Dach darbt, da konnten wir sie nicht allein lassen. Ich spielte zwar abenteuerlichen Scheiß zusammen, weil mir das Gehirn weggebrannt war, aber das machte nix. Es waren ja alle zu schlaff, um mich zu exmatrikulieren.

Gestern unterhielten wir uns darüber, dass in der Zeitung stand, dass bis 2022 alle Sommer so heiß werden. 

Das werden völlig neue Zeiten auf dem Wohnungsmarkt. Souterrain-und Erdgeschosswohnungen werden ganz neue Mode und Dachgeschosswohnungen werden auf dem Markt nur noch'n Appel und'n Ei kosten, "Tausche DG gegen Kellerwohnung".

"Aber", sagte ich, "wir haben einen sicheren Ort. Ich hab jetzt die Klimaanlage und wir können uns immer bei mir treffen, da sind wir safe."

Die Auftragsmörderin, von Gefühlen überwältigt, weil sie gerade mal wieder das Rauchen aufgibt (nur noch 5 pro Tag) erklärt uns kollektiv ihre Liebe und dabei schimmern doch glatt ihre Augen. Wir hatten ja schon Sonntag alle geweint, als wir im Kino waren, Mamma Mia Teil 2, thematisch geht's da um abwesende Mütter, tolle Mütter, grausige Mütter, Mütter, die als Geist erscheinen und Großmütter, die wie Lady Gaga aussehen - da kann jede Frau mitreden mitheulen.

Das hochschwangere Küken bekommt auch feuchte Augen, dabei hatte sie schon ein paar Stunden zuvor bei IKEA weinen müssen, weil der Kindsvater grummelig neben ihr hertrottete. Sie hält sich tapfer und an dem Tag, als sie zu ihrer Baby-Überraschungsparty zu Fuß den ganzen Mehringdamm hoch bis tief hinein ins Fliegerviertel latschte (zum Babysitten, wie sie dachte), trug sei einen selbstgebackenen Kuchen dabei, bei 38 Grad im Schatten - da kann mal auch bei IKEA heulen, finde ich. 

Anyway, ich habe jetzt noch mal Urlaub genommen, ich verprasse den, das Wetter ist zu schön. Es könnt' nur ein bisschen wärmer sein.


Montag, 13. August 2018

Schönes Blog entdeckt

Onkel Maike

Bericht von einer Hochzeit:

"Der Bräutigam musste seine Ansprache kurz unterbrechen, weil er auch nach dreizehn Jahren Beziehung immer noch begeistert, fasziniert und verliebt ist und ihm vor lauter Liebe und Aufregung die Stimme wegblieb. Das war romantisch. 

Sogar so innerlich Tote wie ich waren ergriffen. Die seelisch Gesünderen weinten mit. „Hm, dass das jetzt dermaßen rührend ist, hätte ich vielleicht doch öfter mal auf Hochzeiten gehen sollen“, grübelte ich kurz. 

Aber für Gram über die verpassten Gelegenheiten des Lebens war kein Raum. Denn nach der Trauung war schon Snack-Zeit. In den kühlen Gewölben des Schlösschens wurden Champagner sowie exquisiteste kleine Leckereien kredenzt. Mini-Pasteten, feiner Fisch, Gänseleber und ich weiß nicht was noch. 

Niemals hätte ich gedacht, man könne mich durch Essen korrumpieren. Aber auf einmal, so im fröhlichen Champagner/niedliche Pastetchen-Rausch dachte ich, ach so funktioniert das und erklärt dann auch Phänomene wie die SPD. Ich halte es von nun an nicht mehr für ausgeschlossen, dass ich mit den richtigen Petit Fours und Aperitifs doch von der Notwendigkeit von Braunkohletagebau, Dieselmotoren, völkerrechtswidrigen Angriffskriegen oder Thomas Oppermann überzeugt werden könnte."

Dabei: 

„Meine Liebe, Du weißt, ich bin kommunistischer Zottelhippie, ich kann eigentlich nicht mit Leuten verkehren, die Weddingplannerinnen beschäftigen oder auf deren Hochzeiten gehen"

Sonntag, 12. August 2018

Ruhe in Frieden, lieber W.

Nun hat er es doch nicht geschafft, the grumpy old man on his grumpy old horse.  

Er hat sich seine Beerdigung in einem Friedwald gewünscht, unter irgendeinem Baum, der nicht markiert ist, ohne einen Gedenkstein, weil er nicht wollte, dass "aktiv" an ihn erinnert wird. Er hing keinem Glauben an, was seinem nüchternen Charakter entsprach, also übernahm der Förster das Procedere.

Wir versammelten uns auf dem Parkplatz am Waldrand und warteten, bis alle vollzählig waren. Der halbe Reiterhof war gekommen und als besondere Geste hatte seine Witwe eine Sondergenehmigung erwirkt. 

Sein Pferd durfte dabei sein.  

Es wurde gebracht und geführt von der Reiterhofbesitzerin, die im wahren Leben the grumpiest woman of the world ist, aber ihm die Ehre zu erweisen, war selbst ihr wichtig. 

Mir jagte es Tränen in die Augen, als wir uns - das Pferd mitten unter uns - in einer langen Prozession durch den Wald zum Andachtsplatz machten. 

Es war meine erste Beerdigung in einem Friedwald. Wir wurden vorab gebeten, unsere Bekleidung "den Gegebenheiten des Waldes" anzupassen. Ich dachte natürlich an festes Schuhwerk und überlegte ernsthaft, meine potthässlichen aber superbequemen Schreckenssandalen anzuziehen, aber da ich die nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit trage, sah ich davon ab und passte mein Schuhwerk lieber den Gegebenheiten einer Beerdigung an.

Der Andachtsplatz selbst bestand aus einem Halbrund von Baumstämmen, die als Sitzfläche fungierten, einem Pult aus Holzstämmen gezimmert und einem Baumstamm, auf dem die Urne stand. Die Szene hatte etwas Unwirkliches und dem Pferd, das etwas versteckt hinter den Bäumen stand, wuchs ein Einhorn, ich schwöre es.

Enge Verwandte und Freunde hatten Reden vorbereitet, aber da der Verblichene ebenso bestimmt hatte, nicht über ihn zu reden, näherte man sich ihm mit Texten, die seiner Frau Trost geben sollten. Eine junge Frau mit Querflöte spielte Stücke von Telemann und Debussy, was sich träumerisch verloren anhörte so mitten im Wald.

Danach verbeugte sich der Förster knapp vor der Urne und sagte, dass wir ihm nun alle folgen sollen zur letzten Ruhestätte. Wir gingen und gingen und gingen und ich dachte, du meine Güte, er wollte wohl auch wirklich ausschließen, dass ihn jemals jemand besucht, so tief rein ging es in den Wald. 

Aber es gab auch lustige Momente: einer hochschwangeren Frau, seit zwei Tagen über den Termin, wurde von einem anwesenden Gynäkologen gesagt, das "Macht gar nix, machen wir halt eine Waldgeburt."

Angekommen stellten wir uns im Kreis auf und der Förster ließ, wiederum mit einer knappen Verbeugung, die Urne in die Erde. Keine Kränze, keine Reden, kein Asche zu Staub, nur Blütenblätter, anderes ist nicht erlaubt im Wald. Ganz nach meinem Geschmack.

Das Pferd schnaubte, wusste aber mit Sicherheit nicht, weshalb es zur Unzeit nicht etwa auf die Weide durfte, sondern in den Transporter geladen wurde, um mit einem Haufen Menschen durch den Wald zu spazieren. Auf dem Rückweg hatte das Pferd es zunehmend eilig, es hatte langsam die Nase voll. 

Als es Abend wurde und dunkel, dachte ich an ihn, wie er da jetzt ganz allein mitten im Wald liegt, unfindbar für jeden von uns, mürrisch und weltabgewandt, wie er wohl auch im Leben war, obwohl ich das nur aus Erzählungen weiß, denn zu mir war er immer entzückend charmant, wohl weil ich ihm stets begeistert begegnete über die Jahre nach unserem "Wochenendreitkurs für Ängstliche", an dem er sich als völlig angstfrei entpuppte und schon vier Wochen später wie ein Bekloppter über die Felder galoppierte - etwas, was ich in diesem Leben nicht mehr schaffen werde. 



Donnerstag, 9. August 2018

Lucky eight

Heute bin ich die glücklichste Frau der Welt. Ich habe seit sieben Stunden eine mobile Klimaanlage. 

Ruft mich meine Ex-Nachbarin an. Die, die neulich mit Mann, Maus und Kegel ausgezogen ist, zu meiner Bekümmerung. Da trifft mich ein Blitz. Die hatten doch so eine AC. Die sie nie benutzt haben, weil sie ihm zu laut war. Frag ich nach, habt ihr die noch? Klar, willst du sie haben? Eine halbe Stunde später brachten sie sie mir vorbei. Für einen Freundschaftspreis. Gott liebt mich.

Weitere 30 Minuten später war mein Schlafzimmer runtergekühlt. Und ich im Glück. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal so glücklich war. 

Keine Frage, ab jetzt ist die Hitzeperiode vorbei. Weil ich ja immer zu spät mit technischen Erungenschaften bin. Aber ich habe jetzt eine und das ist die Hauptsache. Ich werde nie wieder Angst vor Hitze haben. Ich werde sie auch fast nie benutzen, weil allein der Gedanke hilft, dass da jetzt R2D2 in meiner Wohnung steht. 

Später saßen wir auf der Terasse drüben bei den Nachbarn, die hoffentlich nie wegziehen werden. Wir klebten vor Hitze. Mir wollte glatt ein bissel blümerant werden. Aber das hat mir nichts ausgemacht. R2D2 wartete auf mich, still und geduldig, für den Fall der Fälle. Alles gut. 

 

Dienstag, 7. August 2018

Blogger-Hürdenlauf

Ich greife mal die Idee von Zeilensturm auf: Hier könnt ihr mehr darüber lesen.
Da er in meiner Blogroll angefangen hat, spinne ich das mal weiter. Bei der Hitze kann ich sowieso nicht schlafen. 

Angefangen habe ich bei Tikerscherks Blogroll. Von dort bin ich hier gelandet: Wildgans: Relativ kurze, an manchen Tagen sogar nur Ein-Wort-Posts. Zitat:


"Ich ertappe mich dabei, den alten Herrn mit seinem Elektrorollstuhl kurz zu beneiden. Ich sah ihn aus den Fluren des Missionsaltenheims fliehen und nun an der Eisdiele zum harschen Hassan stehen bleiben, um mit den Eisessrentnern zu plaudern. Oh, dachte ich, der muss sich um nichts kümmern, nicht Wäsche waschen, nicht kochen, überhaupt nichts muss der tun. Menschenskinder, wie weit ist es mit mir gekommen. Ich wollte doch bei „Mit 85 um die Welt“ mitmachen, oder beim Isabell Allende-Fan-Club, wo man sich mit 76 neu verliebt."

Gefällt mir. 

Frau Wildgans hat eine üppige Blogroll, Gottseidank. Das haben leider die wenigsten. Gefunden habe ich dies hier: Hausfrau Hanna. Leseprobe:


"Am Abend spät, wenn die grösste Hitze vorbei ist, machen wir immer einen Spaziergang durchs Dorf und gehen dann weiter über einen der umliegenden, sanften Hügel. Wenn die Sonne am Horizont untergeht, stellt sich ein Gefühl des Friedens ein. Ich brauche diese abendliche Bewegung."

Nun ja, ich brauch keine abendliche Bewegung, aber wer's mag.  

Und weiter geht die wilde Fahrt: Geschichten und Meer

"An einem Tag wie heute ist er gestorben, einer, über den ich im Vorgängerblog einmal geschrieben habe, wobei ich wohl den Eindruck erweckt habe, er sei so eine Art freundlicher Gartenzwerg gewesen. Aber das war er ganz und gar nicht. Vielmehr war er einer, der das Gewicht eines Ochsen aufs Pfund genau schätzen konnte"

Fängt gut an und hört ebenso gut auf. Muss ich mir merken. 

Und weiter gehts:  Wortschnittchen. Lest selbst:

"Die Luft steht zwischen den Häuserschluchten, einzig der Weg am Friedhof entlang ist kühler. Die Toten ziehen die stille Kühle vor, unter ihren schattenspendenden Bäumen weht ein leiser Hauch und flüstert mir ins Ohr: „Sei dir nicht zu sicher.“

Bekanntlich bin ich mir auch nie zu sicher. So gesehen könnte das interessant sein. 

Dort der Hinweis zu Gaga Nielsen, offenkundig eine Berlinerin:

"Vorhin auf dem Weg zur S-Bahn auf dem Gehweg in der Sophienstraße ein würfelförmiger offener Karton mit Zeug und rundum laufendem Klebeband "VORSICHT URNE". War aber keine drin. Habe nur einen kurzen Blick im Vorbeigehen daraufgeworfen. Da man ja nicht ohne weiteres Urnen mit Asche ausgehändigt bekommt, hat sich vielleicht jemand bei Amazon oder Sargladen.com ein hübsches Modell für später bestellt."

Das liest sich doch hübsch. 

Und dann noch ein Blog off topic, hat bei mir kommentiert. A life less ordinary. Leseprobe:

"Fahr niemals mehr an die See, während dort tropischer Sommer ist. Nimm keine Aufträge an wenn Du absehen kannst Du wirst sie abwickeln müssen in der allergrößten Hitze. Und nein, heimzufahren aus der Vorhölle in ‚kalte‘ 25 Grad hilft nicht, denn irgendwann musst Du aus dem klimatisierten Raumschiff ja auch wieder mal rausklettern … weil es darin nämlich keine Badewanne gibt, auch keine Eistonne, und der Kühlschrank viel zu klein ist um rein zu klettern. Ich hab nachgeschaut, außer zwei Wasserpullen die well done waren hab ich aber nix gefunden."

Ein hitzegeplagter Mensch, der über leidvoll Berufliches schreibt. Blogroll habe ich nicht gefunden

So funktioniert der Blogger-Hürdenauf (Copy and Paste, please): 

Dein Beitrag startet, wo dieser hier endet. Nimm dir die Blogroll/Blogliste des fünften von mir kommentierten Blogs vor. Von dieser Liste klicke eines an. Das ist nun deine Station 1. (Aber nur, falls es selbst eine Blogroll hat, sonst ein anderes Blog der aktuellen Blogroll auswählen! Diese Bedingung gilt logischerweise immer.)
Lese im Blog 1 einen Beitrag, den du auch verlinkst, und schreibe nur drei Zeilen darüber: Lob, Kritik, Erstaunen, Fassungslosigkeit, Dank, whatever.
Nun klicke auf ein Blog der Blogroll von Station 1. Hat dieses seinerseits eine Blogroll? Sehr gut, dann ist es Station 2. Lese einen Beitrag … verlinke … schreibe drei Zeilen …
Und so noch drei Mal. Bis einschließlich Station 5. Deine Arbeit ist fast getan: fünf Reisenotizen zu fünf Blogbeiträgen. Nur noch diese Regeln hier anhängen – fertig!
Nun muss jemand anderes den Staffelstab (und vielleicht sogar mehrere) bei der Blogroll des letzten in deinem Beitrag kommentierten Blogs übernehmen – und fünf weitere kommentieren.
Vielen Dank für den gemeinsamen Streifzug durch die Meinungsvielfalt!

Montag, 6. August 2018

Frau Nessy parshipt

Alle 262.000 Minuten verliebt sich kein Single über Parship

Der Text ist schon im Juni geschrieben, aber ich habe ihn erst heute entdeckt. Unbedingt lesenswert (auch die 188 Kommentare)

 

Samstag, 4. August 2018

Hochzeit im Backofen

Was soll ich sagen? Ich wachse über mich hinaus.

Ich glaube nicht, dass nach diesem Sommer noch irgendjemand eine Hochzeit im August plant. Es ist dringend davon abzuraten. 

Bewaffnet mit dem kleinen Miniventilator und der Powerbank losgefahren. Die Auftragsmörderin eingesammelt und dann zum Standesamt. Im Wartezimmer lösten sich bereits alle auf, inklusive der Braut. Als wir dann ins Trauzimmer gebeten wurden, Suprise, Surprise: so eisig wie am Nordpol. Eine Klimaanlage sorgte umgehend dafür, dass wir mit Lungen- und Rippenfellentzündung laborierten. Sie blies mit voller Kraft in unsere Rücken, aber schön war's doch. Ich drückte mich solange wie möglich in dem Raum, aber als die nächste Braut kam, musste ich raus. Sie glaubte mir nicht, dass ich zu ihren Gästen gehöre.

Im marokkanischen Restaurant wurde kochendheißes, noch brodelndes Essen serviert, nach der Vorsuppe. Es schmeckte köstlich, aber wir stocherten nur auf den Tellern herum, es waren riesige Portionen und andauernd wurden weitere Speisen gebracht. Die brodelten auch und wir waren auf dem Siedepunkt. 

Ich dachte, Kinder, wenn ich diesen Tag überstehe, dann überstehe ich auch die Gartenparty am Dienstag und die Beerdigung nächsten Samsatg. Und dann muss diese Hitze doch endlich mal zuende gehen. Oder wenigstens kühle Nächte, dann wäre ich schon gerettet.

Abseits dessen war es die entspannteste Hochzeit, auf der ich je gewesen bin. All dieser unsägliche Fifi-Kram mit Tischordnung und Reden halten und dämlichen Spielen fand nicht statt. Die anderen Gäste waren 1a-Menschen, mit denen man relaxt gemeinsam schwitzen und parlieren konnte. 

Später kam die Rede auf mobile Klimaanlagen und Ventilatoren, die ja nun alle ausverkauft sind. Sagt einer der Gäste, doch, bei Yes in der Oranienstraße, da gibt es noch haufenweise Ventilatoren. Ich rief dort an und ein sehr freundlicher Mensch bestätigte, dass es noch ganz viele Standventilatoren für 25 € gibt. 800 Meter von unserer Feier entfernt. 

Ich sagte der Braut, ich verschaffe ihr jetzt neuen Lebensmut und besorge rasch einen. "Bitte zwei!" hauchte sie. Die Auftragsmörderin wollte auch einen und sprang mit ins Auto und keine 10 Minuten später kamen wir mit vier aufgebauten Standventilatoren zurück. Zur Sicherheit habe ich mir auch einen gekauft. In einer Woche verkaufe ich den über Ebay für 1.000 €. 

Um 18 Uhr gingen alle, und das war weit später als geplant. Wir bekamen alle tonnenschwere Doggybags inklusive Hochzeitstorte mit.

Jetzt hatten wir schon soviel überlebt, der Abend noch jung, da konnten wir auch gleich noch DoKo spielen. Im Grunde bin ich Superwoman. Und der Miniventilator blies immer noch mit voller Kraft. Ich spielte zwar den letzten Scheiß zusammen und konnte mich weder erinnern, wer die Kreuz Damen hatte, noch, ob ich selbst eine ausgespielt hatte. Hitze-Demenz. Als ich weit nach Mitternacht heimkam, hatte ich das erste Mal Hunger an diesem Tag und war froh, dass ich Rinderbällchen und Safranreis zur Hand hatte.

Einziger Minuspunkt: mein Kleid. Gestern war mir das vollkommen gleich, aber als ich heute die Fotos bekam, herrje... und das bleibt jetzt für immer in den Alben. Man kauft keine Kleider, die zwei Nummern zu groß sind, egal wie heiß es ist und wie sehr man mit dem Leben abgeschlossen hat. Wieder was gelernt. 

Freitag, 3. August 2018

Im Hochzeitsfieber

Morgen ist nun die Hochzeit. Ich breche zusammen, wenn ich nur daran denke. In einem überhitzten Standesamt die Trauung, anschließend Essen in einem Restaurant. Mehr ist Gottseidank nicht geplant. Mehr würde ich auch nicht überstehen. 

Ich erinnere mich an eine Rubin-Hochzeit an einem 1. August vor bestimmt 25 Jahren. Es herrschten 39 Grad. Es gab Schweinebraten, Rollbraten und Gulasch. Hinterher Buttercremetorten. Alte Schule. Nix vegan oder so'n Scheiß. Zwischendurch Polonaise. Das greise Paar ließ sich nichts anmerken. Ich mir schon. Ich war schon immer schlecht in sowas. Ich halte mich für eine unkomplizierte Frau, für einen Quell der Freude, bin aber die reinste Nervensäge, jedenfalls außerhalb meiner Komfortzone. 

Auf den letzten Drücker habe ich mir ein Kleid geschossen. Rein ins Geschäft, das erste Kleid auf der Stange gesehen, ab zur Kasse, ohne es anzuprobieren, daheim gewaschen, in der Hoffnung, dass es einläuft, denn es war ein paar Nummern zu groß, was mir beim Kauf restlos egal war.

Nach 20 Minuten war das Kleid trocken; morgen werde ich als pinkfarbene Senioren-Barbie im Zweimannzelt reüssieren, egal, ist mir alles egal. Der Tag wird grauenhaft, so oder so. 

Dann noch eine Powerbank gekauft, da werde ich mir einen kleinen Ventilator einstöpseln und mich damit befeudeln. Die Braut beneidet mich schon jetzt darum, sie ist ähnlich gelagert in der Hitze-Resistenz. Sie bringt ihren großen Ventilator mit und stellt den dort auf. Der hat natürlich mehr Wumms als mein kleines Dingelchen. Womöglich setze ich mich neben sie. Ihr Mann hat bestimmt nichts dagegen. Er hört ja auch in der zweiten Reihe, was der Standesbeante sagt.

Meine Freundin von gegenüber sagte heute zu mir, dass sie Angst hat. Anfang des Jahres hat sie mit ihrem Kamderaden eine Reise nach Kreta gebucht. In drei Wochen geht es los. Da ist es ja noch heißer als hier. Ja, sagte ich, hättste mal lieber die Hurtigruten gebucht. Aber es konnte ja auch keiner ahnen, was auf uns zukommt. 

Die Wettervorhersage ist ein Lügenbold. Immerzu kündigt sie für drei Tage später 28 Grad an. Immerzu denke ich, nur noch drei Tage durchhalten, dann ist das Schlimmste vorbei. Und dann doch wieder 36 Grad. In Wirklichkeit meint sie nämlich, dass in drei Tagen nachts um 3 Uhr nur noch 28 Grad sind. Das wird jetzt bis Weihnachten so weiter gehen. Und keine einzige mobile Klimaanlage mehr weit und breit...
 


Dienstag, 31. Juli 2018

Im Hotel

Was soll ich sagen? Seitdem ich dieses runtergekühlte Hotelzimmer betreten habe und die Klimaanlage erstmal runter drehen musste, weil es so kalt war, dass ich sofort eine kleine Kreislaufschwäche bekommen habe, seitdem bin ich wieder ein normaler Mensch.

Es war, als sei eine unglaubliche Anstrengung vom Körper weggenommen.  Ich wurde todmüde, legte mich ins Bett, musste mir gar eine Bettdecke nehmen, und dann schlief ich 3 Stunden so tief und fest, wie ich seit Monaten nicht mehr geschlafen habe.

Gegen 21:00 Uhr verließ ich noch mal kurz das Hotel, um mir etwas zu Essen zu kaufen. Ich prallte auf eine Wand aus Hitze und wusste, ich kann nie wieder hier ausziehen. Ich werde mich jetzt finanziell ruinieren, aber ich kann unmöglich wieder da raus, denn die Wettervorhersage sagt, bis auf weiteres bleibt es wie es ist.

Ich sitze hier und nichts ist anstrengend, einfach wunderbar. Das tolle ist, ich muss morgen erst um 12:00 Uhr auschecken. Das werde ich bis zur letzten Sekunde auskosten.

Männer, die bei Hitze Sport machen

"Ich bin jetzt mit allen Wassern gewaschen. Die Hitze...so what?"

Naja. War ein bisschen voreilig. Seit heute kackt die AC im Büro ab.  Und morgen soll es noch schlimmer werden. Ich hab die Schnauze voll. Ich werde in's Hotel gehen. Zum frühestmöglichen Zeitpunkt, damit ich auch was von habe. Eine Nacht der Glückseligkeit.

Dummerweise habe ich meinen Büroventilator verliehen, an unser hochschwangeres Küken, die im vierten Stock ohne Fahrstuhl wohnt. Ihr Kind wird schon mit Sonnenbrand auf die Welt kommen. 

Das Ende einer Schwangerschaft sollte im Frühling, Herbst oder Winter sein. Ist für alle Beteiligten besser. Ich selbst bin in einem eisigen Winter geboren und man hat mich als Säugling draußen auf der Terasse geparkt, damit ich genug frische Luft bekomme. Das hat mich geprägt für ein Leben. Ich habe nur eine Toleranz bis 25 Grad. 

Am Wochenende muss ich auf eine Hochzeit. Das wird hart für Mensch und Tier. Und ich kann mich auch nicht schick machen, beim besten Willen nicht. 

In diesen Tagen tun mir Männer echt leid. Die müssen im Büro Hosen tragen, festes Schuhwerk und langarmige Hemden, wahrscheinlich noch mit Unterhemd drunter. Ich weiß nicht, wie die das machen. Unsereiner kann im luftigen Kleidchen und offenen Glitzersandalen performen. Für Männer gibt es ja nicht mal attraktive Schuhbekleidung für den Sommer, außer Flip Fops. 

Den Fischen geht es auch schon ganz schlecht. Der Rhein hat sich auf 27 Grad erhitzt. Da nützt auch nix, dass die die ganze Zeit nackich schwimmen. 

Tja, und mit meiner Gentrifizierung geht es auch mit großen Schritten voran. Das Haus wird ausgeschachtet und morgen klatschen die dann unter meinen Fenstern die frische Teerfarbe dran. Die Braut wird für die Hochzeit hübsch gemacht. Und bis zum 19.9. darf ich keinen verdächtigen Brief vom Verwalter bekommen, sonst bringt die frisch abgeschlossene Mietrechtsschutzversicherung nichts. Aber ich will mal nicht von mir sprechen. Die Handwerker, die heute in sengender Sonne ausgeschachtet haben, sind die wahren Helden unserer Zeit. 

Und meine bekloppten Freunde sind am Wochende ein Ara-Rennen gefahren, 180 Kilometer mit dem Rad durch die Berge, irgendwo bei Regensburg. Ich hätte denen das verboten, wenn ich was zu sagen hätte. Der eine ist im Anschluss auch sehr blass um die Nase gewesen und musste sofort ins Hotel gebracht werden, wo es dann einige Zeit gebraucht hat, bis er wieder wusste, wer er ist. 

Früher haben sich Männer 25jährige Geliebte genommen, um sich jung zu fühlen. Heute radeln sie wie geistesgestört die Dolomiten rauf und runter. Im März musste schon die Hälfte der Gruppe früher abreisen, wegen Herz-Rhytmus-Störungen. Aber das ist ein anderes Thema.